26.04.2010

KARRIEREN„Sach mir dat!“

Hannelore Kraft wurde lange als chancenlos belächelt. Doch inzwischen macht die nordrhein-westfälische SPD-Spitzenkandidatin der darbenden Partei mit ihrer direkten Art Hoffnung.
Das geht jetzt nicht, das kann sie so nicht stehen lassen, sie ruft: "Dat is doch Wolkenkuckucksheim!" Die beiden jungen Männer schauen etwas erschrocken.
Hannelore Kraft sitzt auf einer schmalen Holzbank im "Uerige", im Herzen der Düsseldorfer Altbierseligkeit. Es ist halb zehn am Abend, sie hat vorhin zum ersten Mal seit Stunden etwas gegessen, und gerade, am Ende dieses Wahlkampftags, haben zwei Jusos gefragt, warum Kraft jetzt immer erkläre, dass sie die Studiengebühren bis Mitte der Legislaturperiode abschaffen wolle - und nicht sofort, wie Grüne und Linke das versprechen. Doch Hannelore Kraft will nichts versprechen, was sie nicht halten kann.
"Dann musst du mir sagen, wo ich die 260 Millionen herhol", sagt Kraft, geboren und aufgewachsen in Mülheim, mitten im Ruhrgebiet. "Sach mir dat!"
Einer der Jusos murmelt etwas von Ausfallfonds, von Haushalt und davon, dass für alles andere auch Geld da sei.
"Wenn du regieren wills' und wenn du 'n Land führen wills', dann kannze dat nich machen!"
"Aber …"
"Nee, ich mach nich Wolkenkuckucksheim", sagt Kraft. "Sorry, is mit mir nich zu machen. Dann solln die doch alle links wählen!"
"'Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten', das hören wir ständig", sagt einer der Jusos. "Das geht quer durch alle Gruppen."
"Ja, aber die Linken, die schaffen die Gebühren ab oder wat? Na herzlichen Glückwunsch! Wir ham dat gemeinsam beschlossen, dafür müsst ihr stehen!"
Die Jusos nicken nachdenklich, dann streicht Hannelore Kraft dem einen über den Handrücken, dem anderen legt sie eine Hand auf den Oberschenkel. "Ich versteh doch, dat dat schwer für euch is. Ich versprech euch, alles dafür zu tun, dat dat so schnell wie möchlich geht."
Sie hebt die rechte Hand, beide Jusos schlagen ein.
Auf Hannelore Kraft, 48, ruhen dieser Tage alle Hoffnungen der SPD. Das ist ein ziemliches Gewicht, denn so hingebungsvoll sich diese Partei in ihrem eigenen Leid wälzen kann, so schnell ist sie bereit, wieder an den nächsten Wahlsieg und die bessere Welt zu glauben.
Am übernächsten Sonntag wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag, gut sieben Monate nach dem schwarz-gelben Sieg bei der Bundestagswahl und dem Absturz der Sozialdemokratie ins Bodenlose. Es ist so etwas wie eine kleine Bundestagswahl, und noch vor einigen Wochen hätten selbst begnadete sozialdemokratische Schönredner Kraft nicht den Hauch einer Chance eingeräumt.
Farblos, spröde, ohne Profil, so lauteten die Urteile. Inzwischen aber ist es wahrscheinlich, dass Jürgen Rüttgers seine schwarz-gelbe Mehrheit in Düsseldorf verlieren wird, auch darüber hinaus scheint inzwischen fast alles möglich zu sein. Krafts Popularitätswerte sind erstaunlich, sie hat enorm aufgeholt gegenüber dem Amtsinhaber.
Dortmund, Westfalenhalle, Ende Februar, SPD-Landesparteitag. Kraft steht am Rednerpult, sie müsste jetzt die Halle aufpeitschen, motivieren für die entscheidenden Wahlkampfwochen. Sie schaut oft auf das Blatt vor sich, sie spricht von "Inobhutnahmen", sie ruft: "Über 90 Prozent der Kommunen werden in eine haushaltsschwierige Situation kommen!"
Es sind sperrige Sätze, die leidenschaftlich klingen sollen, es passt alles nicht so recht zusammen. Sie versucht es mit Pathos, doch das wirkt, als spiele sie da eine Rolle, die sie selbst nicht ganz ernst nimmt. Sie ist keine große Rednerin.
Hannelore Kraft ist nicht ganz einfach einzuordnen im Koordinatensystem der SPD. Die Agenda-Politik Gerhard Schröders hat sie für richtig gehalten, und für genauso richtig hält sie heute jene Korrekturen an dieser Agenda, die das Parteipräsidium beschlossen hat, um ihr den Wahlkampf zu erleichtern. Sie agiert pragmatisch, nicht ideologisch, sie malt nicht die Art überhöhtes Gesellschaftsbild, wie Andrea Ypsilanti das getan hat. Sie denkt konkret, nicht in großen Entwürfen für Nordrhein-Westfalen.
Aus drei Kernthemen besteht ihr Wahlkampf: aus Bildung, Kommunalfinanzen und dem Kampf gegen die Kopfpauschale, die sie über den Bundesrat verhindern will, sollte sie es an die Macht schaffen. Die Sozialdemokraten wollen Kinder in einer Gemeinschaftsschule länger gemeinsam lernen lassen, sie wollen, dass Schüler das Abitur sowohl nach 12 als auch nach 13 Jahren ablegen können, dass die Klassen kleiner werden. Die klammen Gemeinden wollen sie von Zinszahlungen entlasten, ihnen keine weiteren Lasten aufbürden.
Es sind klassische landespolitische Themen, dazu als Reizthema die Kopfpauschale. Doch über allen Inhalten schwebt seit Wochen und Monaten die Frage, mit wem sie am Ende regieren würde.
Mit den Grünen, lautet die Antwort stoisch. Inzwischen ist tatsächlich nicht mehr ausgeschlossen, dass es reichen könnte für die Neuauflage von Rot-Grün, die allerdings deutlich weniger Aussichten hätte, sollte die Linke es in den Landtag schaffen.
Eine Koalition mit der Linken hat Kraft nicht ausgeschlossen, bis sie sich neulich bei der ZDF-Talkerin Maybrit Illner ein "Nein" entlocken ließ, das dann medial ausgiebig hin und her gewendet und daraufhin hinterfragt wurde, ob dies nun die eindeutige Absage gewesen sei oder nicht. Ganz abgesehen davon hat sie sich schon vorher stets derart abfällig über die nicht vorhandene Regierungsfähigkeit der Linken geäußert, dass sie ohnehin ein großes Glaubwürdigkeitsproblem hätte, würde sie Rot-Rot-Grün wagen - ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Bundesland und ausgerechnet mit einem als chaotisch verschrienen Linken-Landesverband.
Spätestens seit dem Ypsilanti-Desaster allerdings können Sozialdemokraten in dieser Frage ohnehin sagen, was sie wollen - es glaubt ihnen keiner mehr. Hannelore Kraft weiß das, sie hat sich deshalb bislang immer an ihr Diktum gehalten, wonach die Linke weder regierungswillig noch regierungsfähig sei. Alles Weitere wird bis nach der Wahl Stoff für Interpretationen bleiben.
Ein Frühlingsnachmittag in Düsseldorf, Stadtteil Flingern, Ortsbegehung mit SPD-Funktionären. Hannelore Kraft steht in einem Weingeschäft und zeigt auf einen Tisch, auf dem bunte Armbänder ausliegen, das Stück zu 170 Euro. "So wat würd ich schon deshalb nich tragen, weil man et grad trächt."
Der Besitzer erklärt, dass er die Armbänder für eine Freundin ins Sortiment genommen habe, Kraft fixiert ihn: "Mit welcher Begründung is dat so teuer?"
"Alles echt Krokodil", sagt der Weinhändler.
"Nee, dann schomma gar nich."
"Die werden aber eigens gezüchtet, auf einer Farm."
"Warn Se schomma auf sonner Krokodilfarm?"
"Nee."
"Ja, ich schon. Dann wolln Se so wat nich mehr."
Das Wort, das man von Krafts Leuten am häufigsten über sie hört, ist "authentisch". Es ist das Schlüsselwort dieses Wahlkampfs, dem es ansonsten trotz Kopfpauschale und Schulpolitik an einem großen Thema fehlt. Das eigentliche Programm besteht in dieser letzten Wahlkampfphase aus einem Kontrast.
Lange Zeit schien Jürgen Rüttgers nicht greifbar zu sein für die SPD, der Ministerpräsident gerierte sich als oberster Sozialdemokrat des Landes. Damit ist es vorbei, spätestens seit er sich gegen den Vorwurf wehren musste, dass Einzelgespräche mit ihm gegen Geld angeboten wurden.
Jeder Wahlkämpfer ist so stark, wie sein Gegenspieler es erlaubt, und Rüttgers' Schwäche, die geschwundene Glaubwürdigkeit, ist Krafts größte Stärke. Es ist eine Mischung aus Fleiß und glücklichen Umständen. So ist es eigentlich immer gewesen in der politischen Karriere der Hannelore Kraft.
Politisch begann ihr Aufstieg vor mehr als elf Jahren in Mülheim an der Ruhr. "Ein historisches Ergebnis", titelte die "Neue Ruhr Zeitung" im Februar 1999, weil die örtliche SPD erstmals zwei Frauen als Landtagskandidatinnen nominiert hatte. Eine von ihnen war Hannelore Kraft, erst 1994 in die Partei eingetreten, Bankkauffrau, Wirtschaftswissenschaftlerin, beschäftigt bei Zenit, einer zum Teil landeseigenen Gesellschaft, die kleine und mittlere Unternehmen berät.
Sie wird in den Landtag gewählt und begehrt mit einer Gruppe jüngerer Abgeordneter gegen die festgefahrenen Strukturen auf. Sie ackert, sie fällt auf. Als der damalige Ministerpräsident Wolfgang Clement im April 2001 einen Nachfolger für seinen zurückgetretenen Europaminister sucht, fällt seine Wahl auf Kraft.
Im Herbst 2002 wechselt Clement als Minister nach Berlin, der neue Ministerpräsident Peer Steinbrück macht Kraft zur Wissenschaftsministerin. Dann, im Mai 2005, verliert die SPD ihre Festung Nordrhein-Westfalen, nach 39 Jahren. Kraft wird Fraktionschefin im Landtag, eineinhalb Jahre später zieht sich der Landesvorsitzende Jochen Dieckmann zurück, Kraft übernimmt auch sein Amt. Es ist jetzt kein anderer mehr da. Nach nur zwölf Jahren in der Partei ist sie die mächtigste Frau im mächtigsten sozialdemokratischen Landesverband.
Es ist alles sehr schnell gegangen, bisweilen merkt man das. Anfang März erscheint im SPIEGEL ein kurzes Interview mit ihr. Sie schlägt einen "gemeinwohlorientierten Arbeitsmarkt" für Langzeitarbeitslose vor, die gegen einen "symbolischen Aufschlag auf die Hartz-IV-Sätze" Senioren etwas vorlesen oder Straßen sauber halten könnten. Das ist seit langem ihr Thema, doch kurz zuvor hatte Guido Westerwelle erklärt, Hartz-IV-Empfänger sollten Schnee schippen. In der öffentlichen Wahrnehmung steht Kraft nun auf einer Stufe mit dem kalten Westerwelle.
Sie reagiert verwundert auf den Wirbel, den das Interview auslöst, was für eine Frau, die Ministerpräsidentin werden will, von erschreckender politischer Naivität zeugt. Als die Sache im kleinen Führungskreis debattiert wird, verweist sie darauf, dass es in den Umfragen bislang nicht geschadet habe. Spätestens hier schütteln auch Wohlmeinende den Kopf.
Wenn Menschen sehr schnell sehr hoch klettern, werden sie auf dem Weg bisweilen gefährlich selbstgerecht. Sie verlieren leicht den Blick dafür, dass Kritik auch berechtigt sein kann, schließlich haben sie bis hierher alles richtig gemacht. Kurt Beck war so ein Fall.
Hannelore Kraft hat sich in ihrem Leben alles selbst erarbeitet, für ein Arbeiterkind aus Mülheim-Dümpten ist es ein weiter Weg bis zur Spitzenkandidatur. Sie ist stolz auf diesen Aufstieg, sie beginnt viele Sätze mit "Ich".
Kraft will sehr gut sein, immer, und wenn sie mal nicht so gut war, fängt sie ungefragt an, sich vor Vertrauten zu rechtfertigen. Für Ratschläge oder Kritik von anderen aber ist sie nicht besonders offen, manche nennen sie beratungsresistent. Sie ist misstrauisch, ihr Zirkel echter Vertrauter ist sehr klein, hinter oder neben ihr gibt es in der NRW-SPD keine wahrnehmbaren Figuren. Erst kurz vor der Wahl hat sie begonnen, der Öffentlichkeit Schattenminister zu präsentieren.
Sie hat keine Netzwerke in der Partei, sie hat all die Sandkastenspiele nicht mitgemacht, mit denen so viele ihre Juso-Zeit verbracht haben. Das macht sie unabhängiger als andere, das könnte es aber irgendwann auch schwierig machen.
Ein Freitagabend in Lünen bei Dortmund, es ist zehn Uhr und die Veranstaltung beendet. "Von Mensch zu Mensch" heißt die Reihe, Kraft hat sich von einem Moderator interviewen lassen. Sie hat über ihren Sohn geredet und ihren Mann, von ihrer Herkunft erzählt, von Klassenkameraden, die in Markenjeans herumliefen, während sie die billigen Hosen der älteren Schwester auftrug. Sie hat erzählt, wie ihr Vater starb und darüber eine langjährige Beziehung zerbrach, wie sie mal eine Woche lang mit einer falschen Krebsdiagnose lebte und in dieser Zeit anfing zu planen, was ihr kleiner Sohn alles noch sehen sollte von der Welt. Es war Stoff, bei dem man zwischendurch mal durchatmen musste.
Jetzt sitzt sie im Nebenraum, vor sich eine Tasse Milchkaffee, der Haustechniker kommt vorbei. Er sagt: "Ich hab angespannt zugehört." Das sei mal nicht das "dumme Gelaber" gewesen, wie man es gewohnt sei, sondern "geradeaus". Kraft lächelt und sagt: "Ruhrgebiet halt."
Im Ruhrgebiet geht ein typischer Begrüßungsdialog so:
"Und, wie geht's?"
"Muss. Und selbst?"
"Muss."
"Na dann."
Man weiß danach nicht wirklich, wie es dem anderen geht, man gibt auch nichts von sich preis. Man kann hinter der Schnoddrigkeit verschwinden, klingt authentisch und behält trotzdem die Kontrolle. Ganz so, wie Hannelore Kraft es mag.
Von Christoph Hickmann

DER SPIEGEL 17/2010
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