26.04.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEEinfach Mensch

Warum ein Australier weder Mann noch Frau sein konnte
Als Norrie May-Welby an diesem warmen Februartag in Sydney an den Schalter trat, da sahen die Mitarbeiter der Postfiliale ein fremdartiges Wesen, Haare wie Federn, mit großem Adamsapfel und kleinen Brüsten.
Sie überreichten ihm oder ihr, das war nicht so recht zu erkennen, das Einschreiben, dessentwegen es gekommen war, einen Umschlag, das Standesamt New South Wales war der Absender. Das Wesen stieg auf sein Rad, fuhr davon. Wenige Tage später würde es berühmt sein.
Berühmt in New York, Tokio, Amsterdam - berühmt dafür, dass es einfach nur ein Mensch war, mit Stempel bestätigt, ganz offiziell.
Norrie May-Welby, 48, in Paisley, Schottland, mit einem Penis geboren, Sternzeichen Zwilling, eine freundliche Person mit warmer Stimme und Lachfältchen um die Augen, Liebhaber/in von Comics und Spaziergängen ohne Schuhe, hatte nie viel für Grenzen übrig gehabt im Leben.
Schon als Kind hatte er von Superhelden geträumt, die mal Frauen waren, mal Männer, manchmal verschmolzen sie auch zu einer einzigen Figur, einem neuen Geschlecht, und da begann auch schon Norries Problem; vielleicht auch das Problem der Gesellschaft, in der er lebte: Norrie fühlte die Grenze nicht zwischen Mann und Frau.
Er wollte beides sein. Wickelte sich Schlipse um den Kopf und tat, als wären es Zöpfe, die Stimme wurde nasaler, die Gefühle oszillierten zwischen den Geschlechtern hin und her, und mit den Jahren wurde er mehr und mehr zu jener Figur, die seiner Phantasie entsprungen war, einem Zwischenwesen, für das es keinen Namen gab.
Norrie, zurück von der Post, parkte nun das Fahrrad an seinem kleinen Terassenhäuschen im Sydneyer Stadtviertel The Block, in dem er zu Hause war. Zittrig fingerte er das Dokument aus dem Umschlag, es war der Moment, auf den Norrie lange gewartet hatte, fast ein Leben lang. Name: Norrie, stand dort, Geburtsort: Paisley, dazu ein Stempel. Norries Augen rasten über das Papier, das einer Geburtsurkunde gleich war, suchten nach jener Spalte, in der das Geschlecht stehen würde, jener Spalte, die, wenn es gut liefe, alles verändern könnte, so hatte Norrie sich das gedacht.
Vermutlich liegt es in der menschlichen Natur, in Schubladen stecken zu müssen, so funktioniert das Gehirn, es will einordnen, und die erste große Schublade, die aufgeht, wenn ein Mensch einem anderen gegenübersteht, ist die Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Ob man einen Flug buchen, ein Bankkonto eröffnen, einen Facebook-Account anlegen möchte: Überall wird man nach dem Geschlecht gefragt. Was aber, wenn jemand nicht hineinpasst? Was, wenn kein Platz ist in den Kategorien, die die Gesellschaft anbietet?
Als Student, so erzählt es Norrie, hatte er sich zum ersten Mal freier gefühlt, hatte in Schwulenclubs getanzt, ein androgynes Zwitterwesen in engen Männerjeans und Damenblusen. Es waren die frühen achtziger Jahre, es gab David Bowie und Grace Jones, Androgynie war ein Schönheitsideal. Doch außerhalb dieser Szene, jenseits seines Kokons, behandelten ihn die Menschen wie einen Außerirdischen, verspotteten ihn wegen der Frauenkleider, des tuntenhaften Gangs, und Norrie litt darunter, so sehr, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt.
Er begriff: Solange er sich nicht für ein Geschlecht entscheiden würde, würde er ein Außerweltlicher bleiben. An einem Tag im April 1989 also, irgendwann zwischen zwei und vier Uhr nachmittags, ließ er sich umoperieren.
Von nun an war Norrie eine Sie.
Norrie versuchte, als Frau zu leben, angepasst, hetero. Doch es lief nicht gut: Wenn sie ihre Transsexualität verbarg, galt sie als verklemmt, stand sie dazu, fühlte sie sich wie eine Aussätzige; die Hormone manipulierten ihre Persönlichkeit, und ihre männliche Seite, sie war noch immer da.
Also traf Norrie eine Entscheidung. Sie würde keine Frau und kein Mann mehr sein, sondern nur noch Mensch.
Mal ging sie auf die Damentoilette, mal in die Herrenumkleide. Sie begann, für ihren Status als Person mit unbestimmtem Geschlecht zu kämpfen, sie demonstrierte, diskutierte, bloggte, jahrelang.
Und nun, an diesem Spätsommertag, war es so weit: Als erster Hermaphrodit der Erde hielt Norrie das Dokument in der Hand, auf dem es stand, Geschlecht: unbestimmt.
Norrie hatte es geschafft, Norrie war einfach nur noch Mensch. Es gab jetzt keine Grenzen mehr.
Sie tanzte die Nacht durch, es war Karneval in Sydney, Norrie trug ein rotes Netzhemd, man konnte die Brüste sehen, auf der Stirn glitzerte eine Sonne aus Strasssteinen. Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten, im Kosmos der Intersexuellen bedeutete das Dokument eine Sensation. Norrie ging zur Bank und ließ ihr Geschlecht aktualisieren, sie war vollständig glücklich, seit langem zum ersten Mal.
Ein paar Wochen später bekam Norrie einen Anruf vom Amt. Die Urkunde sei leider ungültig. Es gebe keine rechtliche Grundlage für das Dokument, es sei ein Fehler, es tue den Beamten leid.
Sie fühle sich, als hätte man sie ermordet, sagt Norrie.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 17/2010
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