26.04.2010

Deutschland im Mai

Ortstermin: In Berlin erklärt eine Stadtführung ausländischen Besuchern den Sinn der jährlichen Randale.
Sein Name soll Bill sein, sagt er, ein Tarnname, klar, und noch was: Keine Fotos von seinem Gesicht. Er ist schließlich ein Linksradikaler.
Er steht am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, auf dem vermüllten Platz unter den U-Bahn-Gleisen. Dort, wo in ein paar Tagen wieder Steine und Flaschen fliegen werden, wenn alles so läuft, wie es Bill und der Rest der Stadt erwarten. In ein paar Tagen ist wieder der 1. Mai.
Bill trägt eine Cargohose und ein T-Shirt, auf dem in etwa steht, dass die verdammten Yuppies sterben sollen. Das T-Shirt ist das Erkennungszeichen für die Gruppe, mit der er unter den Gleisen verabredet ist. Zwei Dutzend Leute warten schon auf ihn.
Geht gleich los, sagt Bill. Das Geld kassiere er übrigens vorab.
Bill ist ein Linksradikaler, der eine Geschäftsidee hatte. Er bietet Stadtführungen an die Orte der "famous may riots" an, der berühmten MaiRandale. Auf Englisch, manchmal auch auf Deutsch. Die englische Tour fällt Bill, der Amerikaner ist, leichter und ist viel besser besucht.
"Revolutionary Berlin" steht auf den Flyern, die er verteilt, neben der Schrift ist ein Fernsehturm mit einem roten Stern. Es gibt auch eine Seite bei Facebook.
An diesem Tag sind Leute aus Neuseeland, Irland, Russland und Italien gekommen, sie sind zwischen Anfang zwanzig und Anfang dreißig, viele sind vor kurzem nach Berlin gezogen. Sie tragen bunte Tücher und große Sonnenbrillen, aber nicht zur Tarnung, niemand hat etwas dagegen, fotografiert zu werden.
Der 1. Mai in Kreuzberg ist eine weitere, aufregende Seite ihrer neuen Heimat, die sie besser kennenlernen wollen. Außerdem scheint es das Ereignis des Frühjahrs zu sein, überall hängen Plakate, jeden Tag steht was in den Zeitungen. Es sind auch ziemlich viele Deutsche da.
Fünf Euro pro Person, sagt Bill, das sei so das Übliche, aber er sei flexibel. Es handle sich um Spenden, die er an ein linkes Projekt weiterleiten werde, die Stadtführung an sich sei kostenlos. Bill ist auch Marxist, also Antikapitalist.
Vor acht Jahren ist er nach Berlin gekommen, um hier zu studieren, vor sieben Jahren war er zum ersten Mal am 1. Mai in Kreuzberg, seitdem jedes Jahr. Beim letzten Mal riefen einen Tag später seine Eltern an, sie hatten in den Nachrichten Bilder aus Kreuzberg gesehen und machten sich Sorgen. Eine Anekdote, die Bill gleich zu Anfang der Tour erzählt.
Hausbesetzer, Rudi Dutschke, Studentenbewegung, mit der Vorgeschichte ist Bill am Oranienplatz durch. Am Büro von Hans-Christian Ströbele hat er kurz auf den Politiker von den Grünen geschimpft, mit dem sei es wie mit ganz Kreuzberg: alles nicht mehr so radikal wie früher.
Zwei türkische Jungs rufen: "Hallo, liebe Touristen!" Bill raucht erst mal eine.
Es geht nun darum, was am 1. Mai 1987 geschah. Bill erzählt von einem friedlichen Straßenfest und einem plötzlichen Tränengasangriff der Polizei. Es sei zu einem spontanen "Kiezaufstand", ein deutsches Wort, das man sich merken könne, gekommen, ein Supermarkt wurde von wütenden Bürgern geplündert und niedergebrannt. "Das ist die Version, die ich glaube", sagt Bill. Seit 1988 werde jedenfalls jedes Jahr demonstriert.
"Wofür jetzt genau?", fragt jemand.
"Das hängt immer so'n bisschen vom politischen Kontext ab", sagt Bill.
Es gebe alle möglichen revolutionären Anlässe. Repression, Ausbeutung, Krieg und so weiter. Oder, einfacher gesagt: "Es geht darum, dass Kapitalismus scheiße ist und wir gegen das System sind."
Die Teilnehmer schauen ihn an, niemand sagt etwas. Marxismus gegen Kapitalismus, Bürger gegen Polizisten. Ost gegen West gibt es nicht mehr, aber sonst scheint Deutschland plötzlich ein Land zu sein, in dem die Welt noch so einfach zu erklären ist wie vor einem Vierteljahrhundert. Gut gegen Böse.
Die Stadtführungen hat sich Bill in einem Gründerwettbewerb an der Uni ausgedacht, zusammen mit anderen Studenten. Er hat bei dem Wettbewerb mitgemacht, um ihn zu kritisieren. Weil an den Universitäten gespart wird, aber Geld dafür da ist, Studenten zu Unternehmern zu machen.
Auch die Touren selbst sieht Bill vor allem als politisches Projekt, als Aufklärung über und Werbung für den revolutionären 1. Mai. In der linken Szene hätten einige Leute begeistert reagiert. Andere fragten, was der Mist soll, noch mehr Touristen nach Kreuzberg zu bringen.
Bill sieht die Sache pragmatisch. Die Touristen kommen sowieso, ist doch besser, wenn sie mit ihm kommen.
Mit der 1.-Mai-Geschichte ist er hinter dem Mariannenplatz durch. In seiner Version ist im Prinzip auch jedes Jahr das Gleiche passiert, Demo, Angriff der Polizei auf die Demo, Randale. Seit ein paar Jahren versuche der Staat auch, die Linksradikalen mit einem großen Straßenfest, das als Anti-Gewalt-Aktion getarnt sei, von der politischen Arbeit abzuhalten.
Sie haben die Moschee gesehen, die da steht, wo einst der Supermarkt abbrannte, und ein altes, linkes Café, das vor kurzem wegen Mieterhöhung schließen musste.
Bleibt die Frage, wie der 1. Mai diesmal wird. Er lade alle zur Demo ein, sagt Bill. Und für danach gelte: Cool bleiben, den Kopf benutzen.
Zwei Au-pair-Mädchen aus Großbritannien fangen gleich an zu planen. Sie wohnen bei Familien im bürgerlichen Südwesten, sie sind keine Linken. Aber das muss man wohl mal gesehen haben, Kreuzberg am 1. Mai, sagen sie.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 17/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Deutschland im Mai

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt