26.04.2010

Last-Minute-Helfer

Schiere Angst ums Geld treibt die Deutschland-Filiale von Goldman dazu, sich als Retter von Karstadt zu gerieren.
Es gibt wohl nur zwei Menschen, die wissen, wie es um Karstadt wirklich bestellt ist. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs. Die Investmentbank ist über den Immobilienfonds Highstreet einer der größten Gläubiger des Kaufhauskonzerns.
Görgs Interesse an Karstadt ist jobbedingt, das von Dibelius wird vor allem von der Angst getrieben, viel Geld zu verlieren. Er hat sich deshalb jetzt selbst in den Verkaufsprozess eingeschaltet, weil Görg trotz monatelangen Hickhacks bislang nur den US-Investor Triton aufbieten kann.
Triton aber will die insolvente Warenhauskette nur, wenn zwei Punkte neu verhandelt werden: Das Unternehmen sei einst "quasi an die Gewerkschaf-ten verkauft" worden, heißt es aus dem Umfeld des Investors, die Tarifverträge seien so nicht haltbar. Außerdem verlangt Triton, die Mieten der Kaufhäuser weiter zu reduzieren - sonst droht das Aus.
Eine Liquidierung von Karstadt aber würde nicht nur das Image von Dibelius und seiner Bank beschädigen, sondern auch viel Geld kosten: Dem Immobilienfonds Highstreet gehört ein Großteil der Karstadt-Häuser, bei einer Liquidierung fielen Mieteinnahmen in Millionenhöhe weg. Sollte die Investorenlösung platzen, wird Goldman in letzter Minute für Karstadt in die Bresche springen - müssen.
Zwei Szenarien werden dabei diskutiert: Die Bank selbst steigt bei Karstadt ein, saniert das Unternehmen und fusioniert es nach zwei bis vier Jahren mit Kaufhof, der Warenhauskette des Handelskonzerns Metro, zur Deutschen Warenhaus AG. Dibelius ist ein enger Vertrauter von Metro-Boss Eckhard Cordes. Ende der neunziger Jahre schon hatten sie gemeinsam die Fusion von Chrysler und Daimler vorbereitet, in dessen Vorstand Cordes damals noch saß. Auch in Sachen Karstadt soll es bereits Gespräche über das gemeinsame Vorgehen geben.
Das zweite Szenario, das man in der Bank durchspielt, ist eine Vereinbarung mit Metro, Kaufhof und Karstadt sofort zu verschmelzen. Dafür müsste Kaufhof seine Immobilien an Highstreet übertragen, im Anschluss würden beide Warenhausketten zusammengehen.
Bei einem solchen Deal blieben allerdings 20 bis 40 Geschäfte auf der Strecke, auch die Zentrale in Essen würde wohl dichtgemacht. Diese Einschnitte würde man allerdings gern noch Insolvenzverwalter Görg überlassen. Bisher gibt es bei Goldman für keines der Szenarien eine Entscheidung.
Metro-Chef Cordes käme vor allem das zweite Szenario gelegen: Die Warenhauskette passt schon lan-ge nicht mehr in das Portfolio des Kon-zerns, den kolportierten Wunschverkaufspreis von zwei bis drei Milliarden Euro wollte bisher aber niemand zahlen.
Solange Metro mit Kaufhof nur eine Minderheitsbeteiligung an der neuen Warenhaus AG hätte, bekäme Cordes auch keine Probleme mit seinem Aufsichtsrat, der Kaufhof aus der eigenen Bilanz getilgt sehen will. Allerdings rechnen Fachleute im Fall einer Verschmelzung mit notwendigen Investitionen von rund 500 Millionen Euro.
Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai wird es wohl zu keiner Entscheidung mehr kommen - mit ein Grund, weshalb sich die Beteiligten gelassen geben. Bei Karstadt heißt es, man habe Liquidität in Höhe von 150 Millionen Euro, keine der Filialen mache derzeit ein Minus. Allerdings sind die Umsätze in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Vorjahr um rund zehn Prozent eingebrochen. Kaufhof dagegen verbuchte ein leichtes Plus.
Von Susanne Amann und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 17/2010
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