26.04.2010

SPIONAGEWeißer Ritter

Mehrere Jahre lang verriet der Este Herman Simm hochsensible Militärinterna an den russischen Auslandsgeheimdienst. In einem geheimen Schadensgutachten kommt die Nato nun zu dem Ergebnis, der frühere KGB-Oberst sei der „schädlichste Spion in der Geschichte der Allianz“.
Ein Ehrenmann, dieser Herman Simm. Es ist Montag, der 6. Februar 2006, und er hat sich feingemacht. Trägt zur Feier des Tages seinen besten Anzug. Der estnische Staatspräsident hat ihn in seinen Palast geladen. Simm soll den "Orden des weißen Sterns" empfangen. Für seine "Verdienste um den estnischen Staat". Ausgerechnet er.
Es ist nicht der einzige Orden, mit dem Simm für seine Leistungen in diesem Jahr ausgezeichnet wird. Die andere Medaille sieht er nur auf dem Computerbildschirm, angeblich um seine Sicherheit nicht zu gefährden. Sergej Jakowlew zeigt sie ihm, sein Führungsoffizier beim russischen Ge-
heimdienst SWR. Er ist es auch, der ihm verkündet, er sei zum Generalmajor befördert worden, weil er die Namen aller enttarnten und verdächtigten russischen Nato-Spione an Moskau geliefert habe. Wladimir Putin sei begeistert gewesen, lobt Jakowlew seinen besten Mann.
Vier Jahre später hat Simm die Spätphase seiner Karriere erreicht. In der Branche ist es durchaus üblich, seine alten Tage auf den wenigen Quadratmetern einer Gefängniszelle zu verbringen. Simms liegt in einem postsowjetischen Zweckbau aus Stahlbeton im estnischen Tartu. Dort trägt er schlichte Anstaltskleidung und sucht Trost in der Bibel. Fotos zeigen einen alt gewordenen Grauhaarigen mit traurigem Blick.
So also sieht der Mann aus, dem die Nato in einem geheimen 141-Seiten-Bericht bescheinigt, er sei der "schädlichste Spion in der Geschichte der Allianz". Als Chef der Nationalen Sicherheitsbehörde habe Simm seit dem Nato-Beitritt Estlands im Frühjahr 2004 Zugang zu den meisten Geheimdokumenten des Bündnisses gehabt, die das Land bekam. Bis zu seiner Verhaftung im September 2008 habe er Tausende davon an die Russen weitergegeben, darunter hochsensible Informationen über die Geheimschutzpolitik der Nato, "inklusive der Installation, Wartung, Beschaffung und dem Gebrauch kryptografischer Systeme".
Zudem habe der Meisterspion eine "große Bandbreite von Nato-Geheimdienstberichten und -analysen kompromittiert", ob es nun um Terrorismusbekämpfung ging, um geheime Militärpläne oder um Gegenspionage. Nie zuvor habe ein Spion über so lange Zeit eine solche Menge an Militärgeheimnissen verraten.
Nato-Spione gab es auch schon früher. Der Deutsche Rainer Rupp lieferte unter dem Decknamen "Topas" über Jahre Geheimnisse an die Stasi, der französische Offizier Pierre-Henri Bunel während der Kosovo-Krise Bombardierungspläne an Jugoslawien und der britische Übersetzer Daniel James sensible Details des Afghanistan-Einsatzes an Iran.
Der Fall Simm aber zeigt, welches Risiko das Bündnis einging, als es sich nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise nach Osten ausdehnte. Jedes der mittlerweile 28 Mitgliedsländer hat nun Zugang zu fast allen Geheiminformationen der Allianz. Das allein ist für Experten schon beunruhigend genug. Noch besorgniserregender allerdings ist, dass in den Sicherheitsapparaten einiger Beitrittsländer nach wie vor Angehörige der alten Elite arbeiten, deren Loyalität zuvor einem völlig anderen politischen System gehörte. Leute wie Herman Simm.
Im Mai 1947 kommt er im estnischen Städtchen Suure-Jaani als nichteheliches Kind zur Welt. Als er zwei Jahre alt ist, entgeht seine Mutter nur knapp den stalinistischen Säuberungen und der Verschleppung nach Sibirien. Als sie kurz darauf heiratet, bleibt der Junge bei der Großmutter und einer Tante zurück. In der Schule gilt er als ehrgeizig, fleißig und anpassungsfähig.
1966, Simm studiert in Tallinn Chemie, wird er vor einem Kino am Stadtrand Zeuge einer Schlägerei zwischen einer Jugendgang und der Polizei. Er greift ein. Mit seiner Hilfe gelingt es, die Bande zu überwältigen. Die Beamten sind überrascht, dass ausgerechnet ein Student ihnen geholfen hat. Sie bieten ihm Arbeit an. "Es ist der Beginn seiner Karriere beim sowjetischen Geheimdienst KGB", sagt der Journalist Mihkel Kärnas, der den Fall Simm für das estnische Fernsehen dokumentiert hat.
Simm hält den neuen Job vor seiner Familie geheim. Die Tante, die unter Stalin verfolgt wurde, ist entsetzt, als sie davon erfährt. Wenig später lässt sich ihr Neffe in der Kirche von Suuri-Jaani konfirmieren. Auch darüber spricht er nicht.
Er macht schnell Karriere bei der Polizei. 1975 absolviert er die Akademie des Moskauer Innenministeriums mit Auszeichnung. Er wird Mitglied der Kommunistischen Partei. Simm begleitet Delegationen ins Ausland, und das darf nur, wer als politisch zuverlässig gilt. Nach einer Affäre mit einer Stewardess wird 1974 seine Tochter geboren, die heute als Computerspezialistin für die europäische Polizeibehörde Europol arbeitet.
Als der Zerfall der Sowjetunion beginnt, ist Simm Oberst und Träger von 44 Auszeichnungen, darunter alle drei Medaillen für tadelloses Verhalten. Doch seine alte Welt gibt es nicht mehr. Die frühere Sowjetrepublik Estland wird 1991 unabhängig, das KGB muss seine Zentrale in Tallinn aufgeben und kappt alle Verbindungen zu Simm.
Er wird nun plötzlich zum Kämpfer für die Unabhängigkeit Estlands. Als kommunistische Hardliner im Mai 1990 auf dem Domberg den Sitz von Regierung und Parlament angreifen, organisiert er die Verteidigung und wird als Held gefeiert. Gerüchte, er habe den Russen heimlich ein Tor geöffnet, verstummen bald.
Und wieder macht Simm Karriere. Er wird Polizeichef im Kreis Harju, zu dem auch Tallinn gehört, er überwacht den Abmarsch der Roten Armee, er sichert den Abtransport sowjetischer Atomraketen. 1994 steigt er zum Polizeichef der Baltenrepublik auf. Nach kaum einem halben Jahr ist Simm den Posten wieder los. Ihm wird Korruption vorgeworfen, was er bestreitet.
Das Angebot, sich degradieren zu lassen, lehnt er enttäuscht ab und lässt sich pensionieren. Als zudem noch die Beziehung zu seiner zwei Jahrzehnte jüngeren Geliebten zerbricht, fliegt er im Juli 1995 spontan nach Tunesien. Das zumindest ist die Version, die er später erzählen wird. In den Suks der Medina habe ihn ein alter Bekannter aus KGB-Zeiten angesprochen: "Ich bin es, Valentin."
Walerij Senzow, geboren 1946 in Berlin, Deckname Valentin, studierte wie Simm an der Universität in Tallinn und begann schon früh seine Karriere beim sowjetischen Geheimdienst. Offiziell geht er 1991 in Russland in den Ruhestand, doch in dem geheimen Nato-Bericht heißt es, er habe ein Agentennetz im Baltikum aufgebaut.
Simm will Senzows Werben abgewehrt haben. Er sei doch gerade gefeuert worden und daher ohne Wert. "Mach dir darüber keine Gedanken", habe Senzow geantwortet und ihn dann mit seiner KGB-Vergangenheit unter Druck gesetzt. Vier Bier später besteht Simm nur noch darauf, wieder als Oberst eingestuft zu werden und schlägt ein. Von nun an ist er Agent des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR, eines Nachfolgers des KGB.
Sagt Simm. Doch die Nato-Ermittler halten es auch für denkbar, dass er in Wirklichkeit nie aufhörte, Agent zu sein, und als "Schläfer" in Estland blieb, um seine spätere Karriere vorzubereiten.
Wundersamerweise wird Simm kurz nach seiner Rückkehr aus Tunesien ins estnische Verteidigungsministerium berufen. Er wird Leiter der Analyseabteilung, baut Kontakte zu EU und Nato auf und bereitet den Beitritt seines Landes zum westlichen Verteidigungsbündnis vor.
Gleichzeitig liefert er alles, was ihm in die Hände kommt, an die Russen. Mal kopiert er die Unterlagen, mal fotografiert er sie. Senzow gibt ihm präzise Anweisungen. Simm muss die Filme in einen leeren Getränkekarton - rot oder orange - packen, wie Müll zusammenknüllen und in Parks deponieren. Jeder dieser "toten Briefkästen" wird nur einmal benutzt. Zudem treffen sich Agent und Agentenführer 16-mal, in zehn verschiedenen Ländern.
Zu dieser Zeit wird Simm auch vom Bundesnachrichtendienst als Quelle geführt, nachdem er sich offenbar selbst angedient hat. Er informiert die Deutschen über russische Aktivitäten im Baltikum und kriminelle Strukturen. Dafür wird er gut bezahlt.
Im Juli 2001 heiratet Simm die frühere Sowjet-Polizistin Heete, die ebenfalls eine erstaunliche Nachwendekarriere gemacht hat und nun die Rechtsabteilung der Polizei leitet. Sie begleitet ihn oft auf seinen Reisen. Bei einer Verabredung in Helsinki im November 2001 nimmt Senzow Abschied. Er gehe nun in den Ruhestand. Der neue Kontaktmann heiße Antonio Amurett de Jesus Graf.
Hinter der falschen portugiesischen Identität verbirgt sich der SWR-Offizier Sergej Jakowlew, der an keiner Botschaft registriert ist. Nach Erkenntnissen der Nato führt der Mann vermutlich ein ganzes Netz russischer Agenten im Baltikum. Simm und Jakowlew begegnen sich zum ersten Mal auf einem Bahnhof am Stadtrand von Tallinn. Simm trägt eine Tasche über der linken Schulter, als Zeichen dafür, dass die Luft rein ist.
Das Verhältnis zum neuen Mann ist kühl, aber professionell. Simm bekommt einen regelmäßigen Agentenlohn, etwa 1000 Euro plus 200 Euro für die Gesundheitsvorsorge. Jakowlew stattet ihn mit einer digitalen Kamera und einem Laptop aus, mit USB-Sticks und einer Pillendose mit doppeltem Boden als Versteck für Speicherkarten. Simm fotografiert, kopiert und speichert Tausende Dokumente. Sein Material übergibt er bei 14 Treffen in ganz Europa, außer in Großbritannien ("zu viele Kameras"), in Norwegen ("zu teuer") und in Deutschland ("zu viele Polizeikontakte").
Jedes Mal muss er vorher einen Zahlencode von einem öffentlichen Kartentelefon auf Jakowlews Pager schicken. Erst seine Identifizierungsnummer 242, später eine 55, wenn das Treffen wie verabredet stattfinden kann. Dann muss er
warten, bis Jakowlew ihn anspricht. Im Fall eines Problems hätte Simm die 77 eintippen müssen, doch es gibt nie Probleme.
Am 29. März 2004 wird Estland Mitglied der Nato. Simm baut die Nationale Sicherheitsbehörde auf. Er entscheidet, wer welche Dokumente zu sehen bekommt, er ist zuständig für den Schutz geheimer Unterlagen, für den sicheren Datenverkehr mit Nato und EU, für die Sicherheitsüberprüfung der Beamten.
Seine Auftraggeber sind besonders an Verschlüsselungstechnik interessiert, und er liefert so viel, dass die Nato in ihrem geheimen Gutachten später zu dem Ergebnis kommt, Simms Aktivitäten hätten das Bündnis "anfälliger gegen Cyberattacken" gemacht, da "unsere wunden Punkte nun bekannt sind". Das elektronische Sperrfeuer, mit dem Estland 2007 drei Wochen lang praktisch lahmgelegt wurde, war ein erschreckender Beweis dafür.
Zu dem Zeitpunkt wird Simm überwiegend mit der Suche nach potentiellen Agenten beauftragt. Bis zu 60 Fragen soll er über Kandidaten beantworten, vor allem über Hobbys und mögliche Schwächen für Autos, Frauen oder Alkohol.
Als "besonders beunruhigend" wertet die Nato Simms Teilnahme an den jährlichen Sicherheitskonferenzen im militärischen Nato-Hauptquartier im belgischen Mons sowie an zwei Konferenzen zur Spionageabwehr 2006 und 2007.
Dabei wird 2006 im niederländischen Brunssum unter anderem eine CD verteilt, auf der die Namen von sämtlichen erkannten und verdächtigten russischen Nato-Spionen gespeichert sind, ebenso wie detaillierte Angaben über Doppelagenten. Die CD sei "direkt bei Putin auf dem Schreibtisch gelandet" und habe in Moskau einen "Sturm ausgelöst", lobt Jakowlew den Meisterspion. Simm erhält 5000 Euro Prämie und wird angeblich zum Generalmajor befördert.
Dieser Verrat, so der geheime Nato-Bericht, schädige die Allianz in hohem Maße bis in unbestimmte Zeit. Doch kurz darauf gerät Simm in das Visier der westlichen Spionageabwehr. Wie genau, ist unklar. Die Ermittlungen, an denen der BND und das FBI beteiligt sind, beginnen am 26. Mai 2008 unter dem Decknamen "Weißer Ritter". Simm, mittlerweile Berater des estnischen Verteidigungsministers, steht unter Beobachtung.
Am 16. September 2008 ruft sein Agentenführer auf dem Handy an und verstößt damit eklatant gegen die Sicherheitsvorschriften. Niemals zuvor hatte er so offen Kontakt aufgenommen. Jakowlew sagt das Treffen ab. "Ich bin krank", entschuldigt er sich in dem Telefonat, das die estnische Sicherheitspolizei Kapo mithört.
Drei Tage später zieht sich der Ring um Simm zusammen. Seit Tagen schon ist er lückenlos observiert worden. An diesem Nachmittag fährt er in das Einkaufszentrum Röömu (Vergnügen) nach Keila, einer Kleinstadt unweit seines Reihenhauses in Saue. Zusammen mit seiner Ehefrau Heete kauft er Kuchen für die Schwiegermutter. Als er zurück zu seinem Auto geht, wird er festgenommen. Ein Notarztwagen steht um die Ecke bereit, aber Simm leistet keinen Widerstand.
In seinem Landhaus findet die Polizei seine Spionageausrüstung, Stapel an Geheimpapieren, zwei Pistolen, zwei Gewehre und Zettel mit Anweisungen von Jakowlew samt dessen DNA. Von dem Agenten selbst gibt es keine Spur. Später heißt es, er sei in die USA übergelaufen.
Am 25. Februar 2009 wird Simm zu zwölfeinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Außerdem muss er umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro Schadensersatz zahlen und Einkommen in Höhe von rund 85 000 Euro erstatten.
Zur Sicherung der Ansprüche werden mehrere Häuser und Grundstücke beschlagnahmt, darunter die Hälfte seines Landhauses und sein Anteil eines Reihenhauses in Saue bei Tallinn, ein Dutzend Aquarelle und Ölgemälde und eine Sammlung von 44 Münzen.
Ein Jahr vor seiner Festnahme hatte Simm der Kirche in seinem Geburtsort Suuri-Jaani einen Kandelaber gespendet. Glück hat ihm das nicht gebracht. Selbst die Hoffnung, seinen Lebensabend als pensionierter General in Russland zu verbringen, erweist sich als Illusion. Rang und Medaillen, sagt ihm sein Führungsoffizier Jakowlew bei ihrem letzten Treffen, habe es in Wahrheit nie gegeben. Er sei nichts anderes als ein bezahlter Verräter.
(*1) Links: nach seiner Verhaftung 2008; rechts: bei seiner Pensionierung 2006.
(*2) 1998 auf einem Flugzeugträger.
(*3) Beim Besuch der Grenztruppen in der Krasnodar-Region 2006.
Von Fidelius Schmid und Andreas Ulrich

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