26.04.2010

CHINALabor der Zukunft

Die Volksrepublik feiert sich mit der spektakulären Expo in Shanghai. Doch gerade die Weltausstellung zeigt die Widersprüche, denen sich die Supermacht gegenübersieht - selbst in ihrer Vorzeigemetropole, die wieder zur Weltstadt wurde.
Präzise der Stechschritt, schnittig die beigegrünen Tarnuniformen, die Fäuste entschlossen gen Himmel gereckt. Ein Kampfschrei aus 800 Kehlen: "Wir sind angetreten, unsere Mission zu erfüllen! Wir sind entschlossen, den Kampf zu gewinnen!" Die Männer, die zu einer Spezialeinheit der Staatssicherheit gehören, leisten ihren Schwur vor abschussbereiten Maschinengewehren, die auf mobilen Rampen befestigt sind.
Es ist kein Krieg in Shanghai, es geht um die Expo, eine riesige Wirtschafts-Show. Die zum Drill angetretenen Truppen sollen nur üben, wie man Besucher beschützen kann. Aber wenn es sich um eine Großveranstaltung handelt und um nationales Prestige, dann kann es in der Volksrepublik nicht martialisch genug sein. Wirtschaft ist hier immer auch Kampf, die Ökonomie eine andere Form des Kriegs. Und dabei müssen Rekorde gebrochen, Superlative in den Schatten gestellt werden: China als Nummer eins.
Am 1. Mai wird die Weltausstellung mit einem spektakulären Feuerwerk eröffnet und soll dann sechs Monate lang Gäste in die chinesische Vorzeigemetropole locken. 70 Millionen mindestens, das ist das Planziel für die teuerste und aufwendigste Expo aller Zeiten, die mit ihrem geschätzten Gesamtetat von drei Milliarden Euro selbst die Ausgaben für die Olympischen Spiele in Peking übertrifft.
Über 240 Nationen und internationale Organisationen sind beteiligt, auf einem 5,3-Quadratkilometer-Gelände links und rechts des Huangpu-Flusses hämmern Arbeiter noch bis in die letzten Stunden zur Eröffnung. Über 100 Pavillons entstehen, die das vorgegebene Thema variieren: "Bessere Stadt, besseres Leben". Der größte Pavillon gehört dem Gastgeber, kein anderer darf mehr als halb so hoch sein wie das chinesische Schaustück, das sich "Krone des Ostens" nennt. Die Deutschen setzen in ihrem verschachtelten Gebäude auf innovative Stadtplanung mit grünen Technologien, die Japaner zeigen violinspielende Roboter.
Dabei sein ist alles - und wer nicht willig war, wurde mit sanfter Gewalt zum Mitmachen gezwungen. Etwa die USA. Erst hatten sie sich die Ausstellung schenken wollen, dann machte Außenministerin Hillary Clinton nach einer dringenden Pekinger Demarche bei der Industrie Druck; schließlich entstand ein US-Pavillon mit dem eher bescheidenen Aufwand von 61 Millionen Dollar - die Saudi-Araber etwa ließen für ihren Pavillon mehr als das Doppelte springen.
"Alle Nationen müssen begreifen, dass ihre Zurückhaltung sie um Geschäftschancen bringt", sagt Shen Dingli, Professor für internationale Beziehungen an der Shanghaier Fudan-Universität. Die Expo stehe im Zentrum der chinesischen Diplomatie, betonte Außenminister Yang Jiechi. Mancher fühlte sich da an frühere Zeiten erinnert - an die Ära der Ming- und Qing-Dynastien vom 14. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, in der die Kaiser fremde Völker als tributpflichtig erachteten und Geschenke für die Gunst einforderten, mit China Handel treiben zu dürfen.
Fast bis zu der Zeit um 1820, als die Briten begannen, das Reich der Mitte durch Opium zu schwächen, und so ein Zeitalter der Demütigung einläuteten, war China die stärkste Wirtschaftsmacht der Erde - heute ist das Land auf dem Weg, diese Rolle zurückzuerobern. Exportnation Nummer eins sind die Chinesen schon, seit sie vergangenes Jahr Deutschland überholten; und Experten erwarten um das Jahr 2030 dann auch die Überrundung der USA.
Keine der alten ökonomischen Schwergewichtsnationen hat die jüngste Krise so eindrucksvoll überstanden. Während die EU und die USA 2009 Rückgänge der Wirtschaftsleistung um drei bis vier Prozent beklagten, verzeichnete die Volksrepublik ein Plus von fast neun - und im ersten Quartal dieses Jahres meldete Peking sogar einen Zuwachs von 11,9 Prozent. Die mit Abstand größten Devisenreserven besitzt Peking ohnehin und lässt inzwischen auch sehr selbstbewusst und ohne Rücksicht auf westliche Wünsche die politischen Muskeln spielen - bei der Klimakonferenz in Kopenhagen, den Sanktionsverhandlungen gegen Iran, der Aufwertung der künstlich niedrig gehaltenen eigenen Währung. Peking kennt nur eigene Interessen.
In den vergangenen Monaten hat China wieder viele Reformjournalisten entlassen und Bürgerrechtler inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt, wie erst vorige Woche wieder den Shanghaier Dissidenten Feng Zhenghu. China hat den US-Präsidenten gedemütigt, als es in Kopenhagen nur einen Vizeminister zu einer mit Obama anberaumten Besprechung schickte. China hat verschärft das Internet zensiert und ganz offensichtlich Cyber-Attacken gegen ausländische Firmen und sogar Staaten initiiert. Die neue Hybris bekamen auch europäische Diplomaten zu spüren. Wenn die EU nicht bald ihr Waffenembargo gegenüber China aufhebe, werde sie, drohten Pekings Emissäre, "später nicht in der Lage sein, Waffen in der Volksrepublik zu kaufen".
Die Expos von Hannover im Jahr 2000 und im japanischen Aichi 2005 sind längst vergessen - mit einer Weltausstellung die Welt beeindrucken zu wollen scheint ein anachronistisches Konzept. Was will die Volksrepublik mit ihrer Supershow erreichen? Geht es den Chinesen darum, endgültig als Großmacht in der Weltgemeinschaft integriert zu werden, oder wollen sie sich von ihr abheben und eigene Spielregeln aufstellen? Praktizieren sie das klassische "shangwu chouti" - den Gegner aufs Dach holen und ihm die Leiter entziehen? Oder entspricht ihre Arroganz eher Unsicherheit, weil sie in Wahrheit keine Antworten auf die Herausforderungen haben, das Gefälle zwischen Arm und Reich, die Korruption, den fehlenden nationalen Zusammenhalt?
Shanghai war immer ein Laboratorium der kühnen Ideen, die Stadt der endgültigen Experimente, der Avantgarde. Es steht für die besten und katastrophalsten Epochen dieses Landes, ein Synonym für Sex und Sünde, für unermesslichen Reichtum und für unfassbare Ausbeutung - abstoßend und anziehend zugleich. Paradies der Abenteurer, Prostituierte Asiens, Paris des Ostens nannte man die Metropole in den zwanziger Jahren, als sie eine Weltstadt war. "Wenn Gott dieses Shanghai gewähren lässt, schuldet er Sodom und Gomorrha Abbitte", stöhnte einst ein Missionar, als er sah, was die fremden Herren in ihren den Einheimischen abgepressten Niederlassungen anrichteten. "Shanghaien" wurde in westlichen Sprachen zu einem festen Begriff - jemanden unter Alkohol setzen und auf ein Schiff verschleppen, meint es im wörtlichen Sinn, jemanden übertölpeln im übertragenen.
Auf die Manchester-Kapitalisten folgten 1949 Maos Kommunisten, machten die Schillernde grau. Während der furchtbaren Kulturrevolution in den Sechzigern befand sich hier das Zentrum der Viererbande - als brauchte diese Stadt besondere ideologische Überwachung. Der Reformer Deng Xiaoping beäugte Shanghai noch mit Misstrauen. Doch seit über zwei Jahrzehnten steht die Metropole am Huangpu meist wieder in der Sonne der Partei, sie gilt als "Kopf des Drachen".
Und erneut ist es dieser besondere Typ, der Fortschritt definiert, der China den Weg weist: der Shanghai-Mensch.
Yu Zhengsheng, 65, regiert ein Reich der Widersprüche. 13 Millionen Menschen drängen sich im Shanghaier Stadtkern um den Huangpu, 20 Millionen sind es, wenn man die Vororte mitzählt. Im neuen Geschäftsviertel Pudong hasten die Börsianer zum größten Handelsplatz Chinas, hämmern die Bauarbeiter an einem neuen 632-Meter-Turm. Im alten Puxi auf der anderen Uferseite wetteifern im ehemaligen Arbeiter- und heutigen Vergnügungsviertel Xintiandi ("neue Welt") Starbucks und Paulaner um Kunden. Links liegengeblieben wirkt mitten darin das Steinhaus, der Ort, in dem 1921 die chinesische Kommunistische Partei gegründet worden ist. Das kaum besuchte Museum der Revolution liegt drei Kilometer entfernt von der hippen "Bar Rouge" an der Uferstraße Bund und nicht ganz so weit von dem Showroom eines italienischen Sportwagenherstellers - der Osten ist rot, ferrarirot.
Von seinem Büro aus leitet Yu die Sicherheitsmaßnahmen für die Expo. Mehr als 6000 "Kleinkriminelle" entfernten seine Polizisten in den vergangenen zwei Wochen von Shanghais Straßen, zusätzlich wurden fliegende Händler, Bettler und Prostituierte festgenommen oder "ausgelagert". Alle Expo-Besucher müssen jederzeit mit Gepäckkontrollen rechnen, selbst in ihren Hotelzimmern, verkündete die Parteipresse und warnte vor "nuklearen Gefahren". Ob die terroristische Bedrohung aus dem Ausland oder aus der muslimisch geprägten Unruheregion Xinjiang kommt, sagen sie nicht.
Immerhin wandte sich Yu jetzt mit einer großzügigen Geste an die Bewohner: Allen Haushalten versprach er Gratistickets für die Expo und jeweils einen 20-Euro-Fahrtkostenzuschuss noch dazu. Die Shanghaier hätten während der Vorbereitung der Weltausstellung so viel Dreck und Lärm erdulden müssen, sie hätten ein Dankeschön verdient, verkündete Yu, ohne im Einzelnen daran zu erinnern, wie die Bürger Shanghais gegängelt worden waren: Sie mussten die Fassaden ihrer Häuser neu streichen lassen und auf ihre liebe Gewohnheit verzichten, im Schlafanzug zum Kiosk zu gehen.
Erstaunlich finden auch viele, dass ihr sonst so unnahbarer und mit seiner Gelehrtenbrille professoral wirkender Spitzenkader plötzlich das Volk und dessen Alltagssorgen ernst nehmen will. Lange hat sich Yu mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten. Der erfahrene KP-Kader weiß, wie eng Aufstieg und Fall in der Volksrepublik beieinanderliegen können: Sein korrupter Vorgänger Chen Liangyu ist 2008 zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt worden; er hatte viele Millionen Dollar aus den lokalen Pensionsfonds für befreundete Unternehmer abgezweigt.
1985 setzte sich Yus Bruder, ein hochrangiger Geheimdienstler, ins Ausland ab. Er hatte angeblich Teile des chinesischen Spionagenetzes in den USA auffliegen lassen. Nur enge Beziehungen zur Familie des allseits verehrten Wirtschaftsreformers Deng Xiaoping bewahrten Yu vor Sippenhaft. Und nun gibt die Expo ihm Gelegenheit, sich als Führer von nationalem Format zu bewähren, so wie die erfolgreichen Shanghai-Chefs vor ihm, denen die Stadt als Karriere-Sprungbrett diente: der spätere KP-Chef Jiang Zemin; der Premier Zhu Rongji; Vizepräsident Xi Jinping, der Shanghai nach dem Korruptionsskandal 2007 aus dem Schlamassel zog und als Favorit für den höchsten Staatsposten gilt, wenn 2012 in der KP eine Wachablösung stattfindet.
Yu kämpft mit fast allen Herausforderungen, vor die sich auch das übrige Riesenreich täglich gestellt sieht. Und manchmal scheinen die verdeckten Spannungen in der chinesischen Gesellschaft selbst ihm unheimlich zu werden. "Ich glaube, wir unterschätzen, dass die Widersprüche ausbrechen könnten - und in welchem Ausmaß", warnte er kürzlich im Lokalfernsehen. Vor allem die Korruption, so Yu, sei "noch ein ernstes Problem", gegen 17 leitende und 100 niedere Kader werde in Shanghai ermittelt. Einige Fälle seien "bösartig und schockierend".
Es ist das erste Mal, dass sich Yu gegenüber den Medien ausführlich zum Verhältnis seiner Partei äußert. Wenn Chinas Kommunisten einst von den "Massen" sprachen, meinten sie vor allem Arbeiter und Bauern. Doch in Shanghai muss Yu zunehmend auch als Anwalt der aufsteigenden städtischen Mittelschicht agieren. Daher machte es Yu auch zur Chefsache, als im vergangenen Jahr ein fast fertiges Apartment-Hochhaus einfach umfiel. Yu verweist stolz darauf, er habe "unverzüglich" für Aufklärung gesorgt. Der Pfusch am Bau drohte den kollektiven Traum der Shanghaier vom Glück in einer eigenen Wohnung zu erschüttern - und damit die ständig beschworene gesellschaftliche Harmonie überhaupt.
Künftig, verspricht Yu, wolle die Regierung Viertel nur noch abreißen lassen, wenn die Mehrheit der Bewohner damit einverstanden sei - ganz neue, liberal klingende Töne. Auf diese Weise sei die Partei dann doch "auf einem guten Weg, eng mit den Massen verbunden zu sein".
Stotternd springt das Moped an, mit dem sich Yan Yan, 24, durch ihren 18-Stunden-Arbeitstag manövriert. Die Wanderarbeiterin aus Jiangsu, einer Nachbarprovinz von Shanghai, bricht zur Nachtschicht auf. Sie muss in einer Fabrik Plastikgehäuse für Digitalkameras mit Farbe besprühen - es ist ein gefährlicher Job. "Die Farbe ist ätzend", sagt Yan, "ich bekomme Kopfschmerzen davon." Sicherheit am Arbeitsplatz zählt hier ebenso wenig wie in den oft privaten Kohlegruben im ganzen Land, in denen jährlich mehrere tausend Menschen unter skandalösen Umständen ums Leben kommen.
Yan aber ist froh über ihren Job. Erst kürzlich lebte sie ein halbes Jahr ohne eigenes Einkommen, sie musste ihr Baby stillen und konnte nicht mehr arbeiten. Doch jetzt gibt Yans Schwiegermutter der Kleinen die Flasche, und Yan kann monatlich etwa 1500 Yuan (160 Euro) beitragen zum Einkommen der Sippe. Die junge Frau hat sich einen dicken rosa Anorak übergezogen. Hier draußen nahe dem Flughafen Pudong weht der kalte Aprilwind direkt vom Meer herüber. Die Fabrik ist nicht geheizt, ebenso wenig wie ihre Wohnung. Die düstere Bleibe besteht aus einem Zimmer für Yan und ihren Mann, von der Decke baumelt eine Neonleuchte, ansonsten besteht die Einrichtung aus einem breiten Bett, einem Reiskocher und einem alten Fernseher.
Yan fährt vorbei an den niedrigen Betonhäusern der Wanderarbeiter, den eigentlichen Machern des chinesischen Wirtschaftswunders, der Verfügungsmasse - allein in Shanghai sind es rund fünf Millionen. Es ist eine eigene dörfliche Welt mit billigen Garküchen, Kramläden und Friseursalons, die andere Zugereiste betreiben. Zwischen den Häusern liegen ölig schimmernde Teiche, in denen einst Fische gezüchtet wurden. Jetzt sammeln sich dort Plastiktüten und sonstiger Müll. Vom Zentrum her rücken die Hochhäuser immer näher an die Hütten von Yan und ihren Nachbarn heran - in Kürze sollen sie abgerissen werden und modernen Wohnblocks Platz machen.
Ans Umziehen hat sich Yans Familie längst gewöhnt. Sie besitzt kein "Hukou" - so nennen die Chinesen das dauerhafte Wohnrecht. Ihre in Shanghai geborene Tochter muss Yan in ihrer Heimatprovinz registrieren lassen. Um die Oberschule zu besuchen, wird das Mädchen später in die Heimat seiner Eltern zurückkehren müssen. Die Partei will verhindern, dass an den Rändern von Metropolen wie Shanghai Slums wachsen wie in Indien oder Südamerika. Und deshalb drängt sie die Zugereisten, nach getaner Arbeit die Stadt wieder zu verlassen.
Yan und ihre Familie wollen so lange wie möglich bleiben, trotz der unsäglichen Arbeitsbedingungen und all der anderen Schikanen - sie glauben an eine bessere Zukunft. Kürzlich schaffte sich Yans Schwiegervater Yuan bereits seinen zweiten gebrauchten Kleinlaster an. Vor 15 Jahren war er als Wanderarbeiter nach Shanghai gekommen. Doch inzwischen transportiert er mit Yans Ehemann selbst Stahlträger und Bambuslatten zwischen den Shanghaier Baustellen hin und her. Stabilität und Aufstiegschancen - das ist alles, was sie wollen.
Der Schwiegervater ist erst 48 Jahre alt, aber mit seinem verwitterten Gesicht sieht er aus wie ein Greis. Bis 60 will der Aufsteiger weiterschuften, dann will er sich zur Ruhe setzen. Natürlich in Shanghai. In einer eigenen kleinen Wohnung. Ein Leben in seinem Heimatdorf könne er sich nicht mehr vorstellen, sagt er. "Dorthin kehre ich nicht mehr zurück."
Es sind nicht nur die Ausländer, die zwangsverpflichtet werden, um die Expo noch strahlender zu machen: Wer in China etwas zählt, bekommt die Ehre eines Expo-Botschafters zugewiesen und muss sie mit Leben füllen. Neben dem Pianisten Lang Lang und dem Turn-Olympiasieger Li Ning strahlt und singt nun auch der wohl berühmteste TV-Star für die Weltausstellung. "Dabei kann ich gar nicht singen", sagt lächelnd Yang Lan, 42, im Shanghaier Hilton Hotel, wo sie in einer Suite residiert und ein Juweliergeschäft betreibt.
"Die Expo ist ein Schaufenster, durch das die Welt China sehen wird und China die Welt", sagt die glamouröse Dame im Designer-Outfit. Yang glaubt, dass in Shanghai ein großes Umdenken in Sachen Umweltschutz begonnen hat, dass es um nachhaltige, langfristige Lösungen geht: "Die Regierungsentscheidungen müssen transparenter werden." Die Medien, vor allem das Internet, sollten Missstände aufdecken, früher oder später werde das eine erstarkte Mittelklasse auch offen verlangen, hofft die erstaunlich kritische Expo-Botschafterin. Aber sie weiß auch, dass diese Mittelklasse, anders als von vielen erwartet, in den letzten Jahren die autoritären Strukturen eher gestärkt hat, dass es in China derzeit leichter ist, nationalistische Gefühle zu stärken als reformerische.
Yang ist eine Ausnahmeerscheinung, sie hat in Peking und an der New Yorker Columbia University studiert und mit ihrem Mann 2000 ein erfolgreiches Medienunternehmen gegründet. Eine TV-Moderatorin mit einem Millionenvermögen. Eine Abgeordnete der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes, die einmal im Jahr in Peking tagt. Eine Philanthropin, deren Wohltätigkeitsveranstaltungen Shanghaier Stadtgespräch sind. Was wünscht sie sich von der Weltausstellung, was kann und will sie noch journalistisch erreichen?
"Ich hätte gern, dass meine Fernseh-Talkshow nicht zensiert würde", sagt sie, "und dass ich nach Henry Kissinger, Gerhard Schröder und Bill Clinton endlich auch einmal einen hochrangigen chinesischen Politiker interviewen dürfte. Aber leider sind die alle ein bisschen scheu."
Der sprühende Störenfried
An den Eingängen der Wohnanlage im Stadtbezirk Baoshan, fern vom Zentrum im Norden Shanghais, wachen Blockwarte in Kontrollhäuschen darüber, dass keine Unbefugten auf das Areal gelangen. Und doch passiert hier bisweilen Unerhörtes. Die Gefahr für Ruhe und Ordnung droht nicht von außen. Sie kommt von innen, von einem der Bewohner. Die Spuren des jüngsten Zwischenfalls sind noch sichtbar an den grauen Außenwänden des heruntergekommenen Wohnblocks. "Funktionäre der Kommunistischen Partei sind Schweine", stand da an der Wand.
Der Mann, der die Herren von Shanghai mit seinen Pinselstrichen herausfordert, heißt Zhang Junwei und wohnt gleich rechts im Parterre eines der Blocks. Er ist 65 Jahre alt, hat eine silberne Brille und grauweiße Haare. Er sieht nicht aus, wie man sich einen Graffiti-Sprüher normalerweise vorstellt.
Auf eine schwarze Tafel neben den Briefkästen gegenüber Zhangs Wohnungstür haben die Nachbarn mit Kreide säuberlich den offiziellen Slogan zur Expo geschrieben: "Bessere Stadt, besseres Leben". Zhang empfindet diesen Spruch als bittere Ironie: Sein Leben jedenfalls, sagt er, werde immer trüber und tragischer. Seit zwölf Jahren kämpft er um eine Entschädigung für seine frühere Wohnung im zentrumsnahen Stadtbezirk Hongkou; sie musste modernen Apartments weichen. An einem Abend im März verlor die Obrigkeit dann die Geduld mit Zhang und seinen Graffiti-Provokationen: Um 21 Uhr drangen ein Dutzend Polizisten in seine Wohnung ein und führten den Aufsässigen ab.
Es ist eine Geschichte des verzweifelten Widerstands, wie sie sich täglich in Shanghai wie auch überall sonst im Boomland China abspielt. Die Partei will das Reich der Mitte zwangsmodernisieren, ohne Rücksicht auf Opfer. Wer sich wehrt, gilt als Querulant. Zhang hat sich ans Bett seiner Frau gesetzt, um von seinem Kampf zu erzählen. Sie liegt gekrümmt unter einer Decke, seit einem Schlaganfall kann sie sich kaum mehr bewegen, nicht mehr sprechen. Auch dafür macht Zhang den Staat verantwortlich, "sie hatte sich so aufgeregt".
Bis morgens um sechs wurde er damals verhört, Gruppen von je vier Beamten nahmen den Rentner in die Mangel. Anhand eines Fragebogens sollte Zhang erklären, dass er "psychisch krank" sei. Zhang verweigerte die Unterschrift. Es ist feucht und dunkel in der Wohnung, die zugigen Fenster hat er notdürftig mit Pappe abgedichtet; der Fußboden besteht aus rauem Beton. "Ich will die chinesische Regierung ja gar nicht stürzen", sagte ihnen Zhang, "ich fordere nur Entschädigung für unsere Wohnung."
Früher arbeiteten beide in einer Waffenfabrik. Jetzt müssten sie von insge-samt 800 Yuan Rente im Monat leben, für die dringend nötige medizinische Versorgung seiner Frau reiche das Geld vorne und hinten nicht. "Das ganze Leben haben wir der Partei geopfert - und jetzt das."
Der Comeback-Karrierist
Wenn es irgendwo einen Goldrausch gibt, musst du dabei sein - so etwa könnte das Lebensmotto von William Zheng, 35, lauten. Dass er es so perfekt umsetzen konnte, verdankt er auch seinen Eltern. Beide waren KP-Kader, der Vater Chirurg im Shanghaier Zhongshan-Krankenhaus, die Mutter Universitätsprofessorin. Doch als sie gemerkt hatten, welche furchtbaren Verwundungen die Kulturrevolution in China angerichtet hatte, wie ihre ideologischen Überzeugungen pervertiert wurden, da kehrten sie dem Land den Rücken. Ihren damals dreijährigen Sohn nahmen sie mit, sie zogen nach Amerika, zu neuen Freiheiten.
William Zheng machte sein Examen in internationalem Recht. Als Jurist arbeitete er lange Zeit erfolgreich in den USA. Doch als ihm Freunde von den Fortschritten und neuen geschäftlichen Freiheiten in der alten Heimat erzählten, beschloss er 2003, wieder in seine Geburtsstadt zurückzugehen. Bereut hat er es keine Sekunde - so wenig wie all die anderen Heimkehrer. Meist nicht aus sentimentalen Gründen, sondern weil man heute als ehrgeiziger und gutausgebildeter Chinese mehr Geld in der Volksrepublik machen kann als im Westen. Kalifornischer Goldrausch - seitenverkehrt.
Zhengs Geschäfte laufen prächtig, wenngleich sich die Prioritäten verändert haben. Während der smarte Aufsteiger früher hauptsächlich amerikanischen Kunden half, den chinesischen Markt zu erschließen, führt er heute Firmen aus Shanghai, aber auch aus den Provinzen in die Geheimnisse der US-Wirtschaft ein. Immer mehr erfolgreiche chinesische Unternehmen wollen westliche Firmen aufkaufen oder dort mit eigenen Fabriken expandieren.
New York war gestern: Shanghai lockt inzwischen chinesische Talente gezielt vom Hudson River an den Huangpu - hier sollen sie an dem nationalen Kraftakt mitwirken, aus Shanghai bis 2020 einen globalen Finanzplatz zu machen. Als Glücksbringer für steigende Börsenkurse wollen die Stadtväter zum Auftakt der Expo feierlich einen Bullen am Bund aufstellen lassen. Die bronzene Statue gaben die Chinesen bei dem Künstler in Auftrag, der einst auch den legendären Bullen von der Wall Street schuf. Allerdings wird das Shanghaier Börsen-Tier rötlicher leuchten, und sein Schwanz soll aggressiver und bedrohlicher in die Höhe ragen als der des Originals.
Zheng spielt mit dem Gedanken, ein Apartment zu kaufen - vielleicht in der Nähe des Expo-Geländes, wo einheimische Makler, die sich "Eigentumsberater" nennen und nur über VIP-Telefonnummern zu erreichen sind, Luxuswohnungen anbieten mit Namen "Portofino", eingerahmt von byzantinischen Säulen und römisch anmutenden Mosaiken.
Im vergangenen Herbst gingen nahe dem Expo-Gelände am Fluss auf einen Schlag 80 Apartments weg, die Kunden bezahlten 8000 Euro pro Quadratmeter, manche kamen gleich mit Cash. Hunderte Kaufwillige, die sich wie bei der Schnäppchenjagd im Schlussverkauf um das Recht der Anzahlung balgen, das ist nicht, was Zheng sich vorstellt. Da wartet er lieber noch, bis die Weltausstellung vorbei ist und vielleicht die Preise fallen. Oder bis die Immobilienblase platzt - was viele als sehr reale Gefahr sehen.
"Aber auch so einen Crash wird die Stadt wegstecken", sagt der Comeback-Karrierist. "Ich lebe wahnsinnig gern in Shanghai - hier wird die Zukunft gestaltet, hier spielt die Musik."
Verkäuferin der Träume
Auch Michelle Ye, 25, verkauft Träume, und dass sie die Kunden dabei "shanghait", kann man nicht sagen. Die junge Dame, geboren und aufgewachsen in der Küstenstadt Xiamen, legt Wert auf solide Geschäfte. Die Preisliste ihrer Angebote hat sie immer bei sich. Das beliebte Modell "Sea Stella" kann sie sehr empfehlen, es kostet schlappe 1,5 Millionen Euro. Frau Ye ist Chefin der Yihong-Yacht-Gesellschaft. Ihr Business sind Luxusschiffe.
Anders als die italienische Konkurrenz hat die bildhübsche Absolventin der amerikanischen Cornell University auf chinesischen Geschmack zugeschnittene Boote im Programm, etwa die "Sea Stella" mit Karaoke-Anlage und Mahjong-Spieltisch.
Vier solcher Yachten hat sie bereits verkauft, vier weitere wurden bestellt, die meisten Kunden sind Firmen, doch Privatleute holen stark auf. Und deshalb bietet die Jungunternehmerin, unterstützt von ihrem Unternehmer-Vater in Xiamen, ihren Klienten ganze "Wohlfühlpakete", bei denen sie sich um nichts mehr kümmern müssen. Da ist dann ein Anlegeplatz in der Shanghai-Marina mit drin, wo es sich vornehm feiern lässt.
"Freizeit-Business ist hier das Business der Zukunft", schwärmt Ye, die Hobby-golferin. Sie hat neben Yachten auch schon windschnittige Spezialanfertigungen von Freizeitautos im Angebot. Stolz führt Ye ihre Gäste auf eines der schwankenden Luxusboote.
Der Blick von ihrer provisorischen Firmenzentrale am Fluss geht schräg hinüber aufs Expo-Gelände. Dazwischen liegt an der Waima-Straße noch ein altes Haus, einsam in einer Schuttlandschaft. Irgendjemand muss vergessen haben, es bei der generalstabsmäßig geplanten Verschönerung der Stadt abreißen zu lassen. Nun aber rücken die Bulldozer heran, die Bewohner beklagen sich lautstark, aber dann resignieren sie, Polizei überwacht die Szene.
Vor die Schutthalde haben die Stadtoberen eine drei Meter hohe Wand aus rotbraunen Steinen gezogen, sie ist fast schon fertig und verdeckt, was man nicht sehen soll. Während die Bulldozer zum letzten Zerstörungswerk ansetzen, beginnen andere Arbeiter im Auftrag der Stadt mit dem Hochziehen der Sichtblenden auch an dieser Stelle. Potemkin auf Chinesisch.
"Bessere Stadt, besseres Leben": Die Schandflecke sind beseitigt. Die Überflüssigen sind evakuiert. Die Wachsoldaten sind gedrillt. Die Expo kann beginnen.
Von Erich Follath und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 17/2010
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