26.04.2010

LITERATURRoosevelts Gähnen

In seinem Erfolgsroman „Jan Karski“ gibt der französische Autor Yannick Haenel den Alliierten eine Mitschuld am Judenmord der Nazis.
Die Erinnerungen kommen aus dem Totenhaus. Sie überwältigen den Mann, er sträubt sich gegen sie, er will nicht zurückkehren in die Vergangenheit, über die er Zeugnis ablegen soll. Sein Mund verzerrt sich, seine Augen weiten sich, seine Hände scheinen zu flehen. Mitleidlos zeichnet die Kamera seine Pein auf, denn was er zu sagen hat, bricht ihm die Stimme. Er möchte sich schützen vor seinen eigenen Worten, als könne er nicht ertragen, was sie preisgeben, auch nach 35 Jahren nicht.
So hat der französische Filmemacher Claude Lanzmann den polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski in seinem monumentalen Werk "Shoah" gezeigt, und so hat ihn der Autor Yannick Haenel in einem heftig umstrittenen Roman beschrieben. Es ist die Geschichte eines Gerechten, der für den Rest seines Lebens unter der Last litt, etwas gesehen zu haben, was ihm zu seiner Zeit keiner glauben wollte.
Der schon fast vergessene Karski, der vor zehn Jahren in den USA starb, hatte als Kurier des Warschauer Untergrunds mitten im Krieg die Alliierten in London und Washington mündlich über das Schicksal der Juden in dem von den Nazis besetzten Europa unterrichtet, über das Sterben im Warschauer Ghetto und die Vernichtung in den Lagern - ein Botschafter des Holocaust aus eigener Anschauung, lange bevor dieser Begriff ins allgemeine Bewusstsein und ins Gewissen der Welt gedrungen war.
Lanzmann hatte ihn 1978 für seinen Film aufgestöbert und exklusiv unter Vertrag genommen; aber er zeigte in "Shoah" nur einen Teil dessen, was Karski, der Zeuge wider Willen, zu berichten hatte. Haenel stieß auf Karski, als er Material für seinen Literatur- und Geschichtsunterricht suchte; es hatte sich nämlich herausgestellt, dass die Schilderung der Auschwitz-Erfahrungen von Primo Levi ("Ist das ein Mensch?"), die er zuerst ausgewählt hatte, seine Schüler moralisch überforderte.
Da schien Karski mit seinen 1944 in Amerika veröffentlichten Erinnerungen ("Story of a Secret State") das für den jugendlichen Geist leichter zu verarbeitende Beispiel: ein schneidiger Offizier, der 1939 in Kriegsgefangenschaft geraten war, fliehen konnte, Kontakt zum Widerstand aufnahm, als Kurier für die polnische Exilregierung eingesetzt wurde, sich aus den Fängen der Gestapo befreite und schließlich nach einer abenteuerlichen Reise quer durch das deutsche Herrschaftsgebiet nach England und Amerika gelangte, um den Verbündeten dort zu erzählen, was daheim geschah.
Den Lehrer und Literaten Haenel, 42, der die Schriften von Primo Levi, Jean Améry, Elie Wiesel, Paul Celan, Nelly Sachs oder Imre Kertész kannte, trieb die Frage um, was in Karski, selbst kein Jude, sondern gläubiger Katholik und glühender Nationalist, in den vielen Jahren vorgegangen sein mochte, nachdem er im Juli 1943 Präsident Franklin D. Roosevelt auftragsgemäß Bericht erstattet hatte. Was war in dieser langen Periode des Schweigens mit Karski geschehen, bevor Lanzmann den alten Herrn wieder als Zeugen der Geschichte vor die Öffentlichkeit zwang?
"Ich wollte nicht die weißen Flecken in seiner Geschichte ausfüllen, mich interessierte die metaphysische Wandlung, die Karski nach seiner Odyssee meiner Meinung nach durchgemacht haben muss", so Haenel, der seinen Roman, der auf Deutsch bei Rowohlt erscheinen wird, bereits vorige Woche in Hamburg, Düsseldorf und Berlin vorstellte.
Auf diese Weise entstand ein Buch wie ein Spiegelschrank mit drei Bildern: das gesprochene Wort Karskis vor Lanzmanns Kamera, die geschriebene Lebenserzählung aus seinen Erinnerungen und das anschließende Verstummen, das Haenel mit einem fiktiven inneren Monolog aufzuhellen versucht.
Die Konstruktion ist gewagt für ein literarisches Werk - die beiden ersten Teile sind dokumentarisch, erst der erfundene - oder nachempfundene - dritte Teil verleiht ihm seinen eigenen Charakter und löste prompt einen Skandal aus. Historiker verwahrten sich gegen die Vermischung der Genres, Lanzmann, der Hüter des Gedächtnisses der Schoah-Zeugen, prangerte wutentbrannt ein "Plagiat" an, eine Usurpation, gar eine Geschichtsfälschung. Es kam wie immer, wenn Frankreichs intellektuelle Hohepriester eine anrüchige Affäre wittern: Das Buch wurde ein unerwarteter Bestseller mit über 100 000 verkauften Exemplaren, es wird in zehn Sprachen übersetzt und verschaffte Karski eine Aura, die ihm zu Lebzeiten nie vergönnt war.
"Niemand zeugt für den Zeugen", hatte Paul Celan in seinem Gedicht "Aschenglorie" geschrieben: "Das vor euch, vom Osten her, Hingewürfelte, furchtbar." Haenel hat sich genau das vorgenommen - mit den Mitteln literarischer Wahrheitssuche für den Zeugen Karski zu zeugen. Ein vermessenes Unterfangen?
Schon im Februar 1940 hatte der junge Kurier aus Polen in einem Bericht für die Exilregierung, die sich damals noch in Frankreich befand, darauf hingewiesen, dass die deutschen Besatzer den Antisemitismus ausbeuteten. "Und man muss zugeben", fügte er hinzu, "dass sie damit Erfolg haben … Der polnische Bauer, der Arbeiter, der halbgebildete, unintelligente, demoralisierte arme Teufel verkündet lauthals: ,Jetzt erteilen sie ihnen also endlich eine Lehre … Für die Juden ist das Ende gekommen.'"
Im Herbst 1942 schickte der Untergrund Karski in den Westen, um eine Reihe von Botschaften über die Lage in Polen zu übermitteln. Zwei führende Mitglieder jüdischer Geheimorganisationen, die von der bevorstehenden Mission erfahren hatten, schleusten ihn vor seiner Abreise ins Warschauer Ghetto und auch in ein Deportationslager ein - wahrscheinlich Izbica im Distrikt Lublin, obwohl sich Karski später an Belzec zu erinnern glaubte. Der junge Pole war erschüttert; natürlich hatte er einiges über die Judenmorde gehört, aber "Statistiken", so sagte er später, seien eine Sache, "gesehen zu haben" eine andere. Darauf kam es den jüdischen Repräsentanten an - auf die erhoffte Überzeugungskraft eines nichtjüdischen Augenzeugen. Denn was mit den Juden in Polen geschehe, sei ohne Beispiel in der Geschichte.
Karski wusste, dass diesem Teil seiner Mission allerdings nur nachgeordnete Priorität eingeräumt wurde. Seine Aufgabe bestand zuallererst darin, über den Widerstandskampf des polnischen Volkes zu berichten. Im Dezember 1942 traf er in London die jüdischen Vertreter Ignacy Schwarzbart und Szmuel Zygielbojm, in Washington wurde er nach seinem Gespräch mit Präsident Roosevelt an den jüdischen Richter beim Obersten Gerichtshof der USA, Felix Frankfurter, verwiesen. Sie alle hatten bis dahin die Informationen über die totale Vernichtung der Juden in Polen nicht vollständig verstanden. Aber weder die polnische Exilregierung noch die Führung der Alliierten zeigten sich zu einer angemessenen Reaktion bereit, wie Karski und der zunehmend verzweifelte Zygielbojm feststellen mussten.
Diese Untätigkeit, ja Gleichgültigkeit macht Haenel zum zentralen Thema des seinem Zeugen Karski angedichteten inneren Monologs: "Wie wurde er mit dem Schock fertig, als ihm bewusst wurde, dass die Juden daheim von Gott und den Menschen verlassen waren?", so der Autor. Was bedeutet der Sieg in einem Krieg der Menschlichkeit gegen die Barbarei, wenn das Unmenschliche nicht verhindert werden kann?
Es scheint unzweifelhaft, dass Karski nach erfülltem Auftrag in einen tiefen Zwiespalt stürzte. Einerseits erfüllte ihn seine Leistung mit Stolz - er war der Kundschafter aus dem Herzen der Finsternis, fast schon ein Agent des Weltgeistes, von Angesicht zu Angesicht mit Roosevelt, dem mächtigsten Mann der freien Welt, auf den als Retter sich alle Hoffnungen projizierten. Andererseits hatte er das Gefühl, gescheitert zu sein: Der Krieg würde zu Ende gehen und die Tragödie des Judentums über Generationen hinweg auf dem Gewissen der Menschheit lasten. "Ich bin ein jüdischer Katholik", sollte Karski später Elie Wiesel anvertrauen.
Haenel lässt seinen zerrissenen Hel-den sagen: "Wie kann eine Welt, die die Auslöschung der Juden geschehen ließ, behaupten, dass sie frei ist? Wie kann sie behaupten, irgendetwas gewonnen zu haben? Es hat keine Sieger 1945 gegeben, es hat nur Komplizen und Lügner gegeben."
Eine maßlose Übertreibung, eine unzulässige Vermischung der Grenzen der Verantwortung, gewiss - und doch bekam dieser imaginierte Aufschrei Karskis ausgerechnet durch Lanzmann einen Anflug von Berechtigung verliehen.
Erbost über den Erfolg des Romans, entschloss sich Lanzmann nämlich, für "Shoah" nicht verwendete Teile seiner Gespräche mit Karski in einem neuen Dokumentarfilm auf Arte im März publik zu machen. Und darin bestätigt Karski, dass Roosevelt das Schicksal der Juden keine einzige Frage während ihrer Unterredung im Weißen Haus wert war.
Stattdessen erkundigte sich der US-Präsident, bizarr genug, ob die deutsche Wehrmacht für den Russland-Feldzug viele Pferde in Polen requiriert habe, da Polen doch ein Agrarstaat sei. Und mit dem polnischen Botschafter der Exilregierung, der Karski begleitete, verwickelte er sich in eine heitere Debatte darüber, ob nach dem Sieg Ostpreußen ganz oder nur teilweise an Polen fallen solle.
Von dieser bekundeten Realität scheint es nur noch ein kleiner Schritt zu einer theatralisch in Szene gesetzten satirischen Phantasie des Romanautors Haenel, der Roosevelt als gelangweilten, gähnenden Zuhörer schildert, dem die Krumen des Abendessens noch in den Mundwinkeln hängen und der lüstern auf die Schenkel einer attraktiven Referentin schaut. Wahrheit und Fiktion widersprechen sich nicht.
Die Tragik des verkannten Zeugen Karski kommt in den Worten des Richters Felix Frankfurter zutage. Haenel konnte sie nicht kennen, als er seinen Roman schrieb; Claude Lanzmann hat sie, aus Karskis Mund, aufgezeichnet.
"Ich glaube Ihnen nicht", sagte Frankfurter dem Polen nach dessen Vortrag. Erregter Protest des polnischen Botschafters. Darauf Frankfurter: "Ich habe nicht gesagt, dass er lügt. Ich habe gesagt, dass ich ihm nicht glaube. Ich richte über Menschen. Ich kenne die Menschheit. Unmöglich! Nein! Nein! Ganz ausgeschlossen."
Lanzmann hat seinem filmischen "Karski-Bericht" ein Zitat des französischen Sozialphilosophen Raymond Aron, eines unverzagten Fechters gegen die totalitären Versuchungen des 20. Jahrhunderts, vorangestellt: "Ich wusste es, aber ich habe es nicht geglaubt. Und weil ich es nicht geglaubt habe, wusste ich es auch nicht."
Ein treffenderes Motto hätte auch Haenel nicht finden können. Wer zeugt am Ende für den Zeugen, wenn nicht der Schriftsteller?
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 17/2010
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