26.04.2010

ESSAYSkandal des Üblichen

Die Missbrauchsdebatte ist so qualvoll, weil sie uns alle betrifft.
Deutschland im Frühjahr 2010: ein Land im Krieg, das auch. Doch an den langen Abenden in Wohnzimmern und Küchen, an der Nabelschnur des Telefons oder im Netz herrscht ein anderes Thema. So wie in den Zeitungen, im Radio, in den Schaukästen der Republik, den "shows of talk": Hier sucht man Opfer und Täter in der leib-seelischen Vergangenheit.
Missbrauch geht um. Obwohl hie und da darauf hingewiesen wurde, dass das Wort, wörtlich genommen, sinnlos ist, denn es setzt ja als sein Gegenteil den richtigen Gebrauch des Abhängigen, des Jüngeren voraus, ist es nicht mehr aus der Gesprächswelt zu schaffen. Nach all den Wochen der Berichte und Bekenntnisse erinnern sich immer mehr von uns: an den Fußballtrainer, der mit den Jungs so gern duschen ging, an den Orgellehrer, der eine leichte, trockene Hand auf das nackte Knie der Schülerin legte, und an den Priester, der im Hinterzimmer ins Schwitzen und Stöhnen kam. Es musste nicht immer traumatisch sein, beileibe nicht. Doch ohne die Erfahrung einer zweideutigen Situation, einer klebrigen Annäherung oder eines regelrechten Missbrauchs wurde offenbar kaum ein Kind groß.
Hand an den Jüngeren legen, um sich sexuell zu erregen: Das galt noch vor wenigen Monaten als ein Vorkommnis, das skandalös, aber eben eine Seltenheit war. Inzwischen muss der Skandal als etwas Häufiges gelten und seine Vorstufen als gewissermaßen üblich. Das Übliche als Skandal zu begreifen ist ein langwieriger Prozess. Da braucht es nicht nur einen Erkenntnisschock, sondern lange, sich wiederholende Runden, in denen immer wieder Ähnliches vorgebracht wird, quälend redundant. Und von Abwehr begleitet - der eigenen wie der der anderen -, weil die Erkenntnis den Status quo ins Rutschen bringt.
Für ihre charmante Idee, die Frau sei dem Manne ebenbür-tig, starb Olympe de Gouges 1793 in Paris unter der Guillotine, und erst 1977 fiel in Deutschland die letzte gesetzliche Bestimmung, die Frauen benachteiligte. Seitdem dürfen sie auch gegen den Willen des Ehemanns einen Arbeitsvertrag unterschreiben.
Das Kind Mary Ellen McCormack, unterernährt und von Wunden und Striemen gezeichnet, das 1874 vor einem New Yorker Gericht gegen seine Stiefeltern aussagte, war mit Hilfe des Tierschutzvereins aus seiner Lage gerettet worden. Die Polizei hatte mangels Rechtsgrundlage nicht eingreifen wollen. Einrichtungen zum Schutz von Kindern gab es in keiner Form, und das Recht auch von Kindern auf Unversehrtheit war noch lange nicht erfunden. Seit 2000 erst sind die Kinder vor häuslicher Misshandlung gesetzlich geschützt.
Ein Skandal ist allerdings erst dann ein Skandal, wenn man ihn dazu macht: aus Mitleid oder Verantwortungsgefühl, durch Protest und Politik.
Hier liegt der Einwand nahe, dass es sich beim Missbrauch immerhin um etwas handelt, das sich im Verborgenen abgespielt hat. Unendlich viel häufiger offenbar, als es das allgemeine Bewusstsein will, aber immerhin: nicht offiziell.
Dass die soziale Wirklichkeit, in der wir uns so naiv und unwillkürlich bewegen wie in der physikalischen, auf Konstruktionen beruht, hält niemand gern ständig im Bewusstsein.
Dass man Gewohnheiten ändern kann, dass Selbstverständlichkeiten sich schnell und radikal ändern, wird mit Erleichterung oder Humor verzeichnet, wenn es so weit ist: kein Zigarettenqualm mehr im Restaurant, das ist eigentlich doch ganz angenehm! Und sich im Auto anzuschnallen ist auch keine Freiheitsberaubung mehr. Aber erst mal wehrt sich der Mensch. Den Weg zu einer veränderten Praxis erzwingt nicht selten die Justiz, die dem Common Sense eben nicht immer folgt, sondern ihn avantgardistisch prägt: Dass in unserem Alltag der Privatgebrauch von Schusswaffen glücklicherweise nicht in Frage kommt, gibt, wie der Vergleich mit den Vereinigten Staaten zeigt, keinerlei Auskunft über die Natur des demokratischen Bürgers, sondern lediglich über das Rechtssystem. Welche Drogen als harmlos gelten, ob Frauen in Führungspositionen sind oder wir uns einen Ring durch die Nase ziehen, um attraktiver zu sein, beruht vor allem auf Konvention. Der Mensch gewöhnt sich an allem. Auch an den Dativ und den Skandal.
Das Skandalöse im Verborgenen unterscheidet sich, wenn es üblich geworden ist, vom offiziellen Skandal durch den Verdeckungszusammenhang. Ob Steuerhinterziehung oder Prostitution: Wer mit einem Bein im Deliktsumpf steckt, spricht nicht gern, sondern murmelt nur. Oder klagt andere an. Im Falle des Kindesmissbrauchs ist die Verdeckung auf dreifache Weise wirksam: bei Tätern, bei Opfern und Mittätern. Die überwältigende Zahl von Vorgesetzten und Eltern, die beim Missbrauch in kirchlichen Institutionen, Internaten und Fürsorgeheimen auf Klagen nicht reagierten, die verharmlosten oder vertuschten, ist ja durchaus nicht zu verachten. Es handelt sich, nicht nur bei der Odenwaldschule, oft um die sogenannte Elite, die da eben streng elitär reagiert: Wie wir das regeln, das geht euch gar nichts an. Das machen wir ganz unter uns!
Bei einer gruppendynamischen Runde, die Sitzung um Sitzung so um das Thema schleicht wie Deutschland um seinen Missbrauch, die so viel stockende und zögernde Erinnerung, so vehemente Verleugnung und Abwehr produziert, wäre die Diagnose schnell bei der Hand: Bei diesem Thema hat fast jeder einen Fuß im Sumpf. Die Aufhebung des Verdeckungszusammenhangs ist für alle mühsam und schmerzlich, nur aus unterschiedlichen Gründen. Die einen sind schuldig und wollen sich nicht schämen. Die anderen schämen sich, weil sie Opfer geworden sind. Sich dafür schuldig zu fühlen ist ihnen lange natürlich gewesen.
Kinder kooperieren immer, denn ihnen bleibt keine Wahl. Wenn man von ihnen erwartet, trotzig, lästig oder gefällig zu sein, dann machen sie das selbstverständlich mit. Wo kämen sie hin, wenn nicht? Dass sie nicht auf das gesprochene Wort reagieren, sondern auf die - manchmal unbewusste - Erwartung, weiß jeder, der mit ihnen zu tun hat. Lange bevor sie "ich" sagen können, sind sie Objekte unserer Aufmerksamkeit und der Zuschreibung, die sie erfahren: die tapfere Kleine, der Ängstliche, Mamas großer Junge und Papas guter Kamerad.
Natürlich wehren sie sich. Wo kämen sie hin, wenn nicht?
Eines aber ist klar: In einem Machtzusammenhang, der so diffus und zugleich dicht gewebt ist wie ihre normale Umgebung, haben sie keine Chance, sich allein zu behaupten. Wenn es üblich ist (wie noch in meiner Kindheit), ungebeten den "Popo" zu tätscheln, in die Wange zu kneifen oder die Kleinen gleich ganz auf den Schoß zu ziehen, wehren sich Kinder selten. Dass sie eine Intimsphäre haben, die man zu respektieren hat, ist eine relativ neue Erkenntnis der Pädagogik, die hoffentlich Früchte trägt: Ein Sechsjähriger, der eine kompakte Abwehrbereitschaft ausstrahlt, wenn man ihn unaufgefordert anfasst, ist sicher besser gefeit gegen Zudringlichkeit. Zumal er immer öfter damit rechnen kann, dass man ihm zuhört, wenn er sich beschwert.
Wenn es um schamhafte Erlebnisse geht, ist die Verdrängung zunächst eine Hilfe. Scham ist noch schwerer zu ertragen als Schuld, weil sie das Selbst intimer berührt, mehr in seinem Sein als in seinem Tun. "Das ist mir zugestoßen, weil ich so war", das ist schwerer zu integrieren als: "Das habe ich getan, weil ich es - leider - so wollte." Insofern ist nur zu verständlich, dass dieser Prozess der allgemeinen Erinnerung so quälend langsam, verhangen und schwelend wirkt: Es gibt keine Explosion, weil fast jeder Erwachsene, der über Missbrauch spricht, damit ein Erlebnis verbindet, das er lange heruntergedimmt hat. Erstens, weil es für das Befremden, die Scham oder die Empörung kein Einordnungsmuster gab; die Opfer waren mit ihrer Erfahrung ohne Begriff und ohne Vergleich. Zweitens, weil das Vergehen in der Regel von Personen ausging, die zu idealisieren die Kinder angehalten waren: dem netten Onkel, dem freundlichen Lehrer, dem unantastbaren Priester oder den eigenen Eltern.
Und schließlich, weil fast jeder sich mit seinem Erleben mit seiner Umgebung d'accord fühlen will. Wenn die meisten Kinder geschlagen werden, sind die gezüchtigten Erwachsenen später normalerweise der Ansicht, es habe ihnen, "weiß Gott", nicht geschadet. Sofern sie sich daran erinnern: Der Körper vergisst, wie die Naturwissenschaft inzwischen bestätigt, nichts.
Das Bewusstsein wiederum arrangiert das Gedächtnis so, wie es die Seele erlaubt. Wenn eine Erfahrung die Psyche überfordert und es keinen mitfühlenden Zeugen gibt, dann wird sie abgespalten; das ist es, was man ein Trauma nennt. Es zeigt sich in einem Symptom, mehr oder minder harmlos, als permanente Vergesslichkeit, als Frigidität oder Impotenz, als eine Taubheit des Gefühls in manchen Situationen. Oder es zeigt sich, indem man es wiederholt, indem man selber zum Täter wird. Die Annahme ist nicht verwegen, dass die meisten der Missbrauchstäter ihrerseits Opfer sind. Nur ist der Weg ihrer Erinnerung noch mühsamer und schwieriger als der jener, die Opfer geblieben sind.
Aufklärung kommt immer zu spät, denn was passiert ist, lässt sich nicht mehr heilen.
Aufklärung kommt nie zu spät, denn es ist die einzige Chance für die Opfer, da wieder lebendig zu werden, wo Taubheit oder Phantomschmerz herrschen. Außerdem ist jene öffentliche Aufregung, die sich gerade nicht wieder beruhigen will, ganz sicher eine Bedingung dafür, dass sich der Skandal nicht wiederholt.
Wenn man es so betrachtet, sind weitere Sitzungsrunden im deutschen Selbsterfahrungsraum einfach nur zu begrüßen. Vielleicht nimmt der eine oder andere Mann im Ornat auch einmal Platz. ◆
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 17/2010
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