26.04.2010

Asche zu Asche

Naturkritik: Was passiert, wenn uns der Vulkan attackiert
Nervige Tage zwischen Feldbetten - womit konnten sich die von der Aschewolke zu Boden geholten Transitreisenden trösten? Etwa damit, dass daheim ein Rentnerpaar in Offenbach fluglärmfrei im heimischen Garten schmauste? Oder dass die Saufkumpel auf "Malle" im "Ich bin Ascheopfer"-T-Shirt winkend den Niedergang der Arbeitsmoral hochleben ließen? Oder gibt es Trost für die Gestrandeten im Gerede von der Entschleunigung, das im philosophischen Tarnkleid Verlierer in einer auf Zeitverknappung basierenden Gesellschaft zu Siegern erklärt?
Nein, Trost allein bietet Immanuel Kant, mit dem man aufsteigen kann in die Stratosphäre des Denkens, also dorthin, wo Eyjafjallajökull noch nicht hingeascht hat. Mit Transzendenz gegen Transitfrust und auf Sichtflug über ein Medienspektakel hinweg, das - Asche zu Asche - vergehen wird wie andere Themen, in denen eine überraschend blöde Natur den Menschen behelligt. Man kennt das: Waldsterben, Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe, Feinstaub.
Die Rede vom Vergehen dieser Erscheinungen muss präzisiert werden: Natürlich sind die Gefahren nicht verschwunden. Aber sie sind, wie die Systemtheorie sagt, kommunikativ anschlussfähig geworden. Medien, Politiker, Juristen, Moralapostel, Popclowns, Talktussen gewöhnen uns den Urschrecken ab, indem sie ihn in den Eigensinn ihrer Profession zerlegen: in Machtfragen, in juristische Fragen, in Unterhaltung.
Kant, ein Leben lang nie aus Königsberg weggekommen, ging hingegen gern (vielleicht deswegen) an die äußerste Grenze, wo der Mensch mit all seiner Intelligenz der Natur in ihrer grenzenlosen, sinnlosen Größe gegenübersteht. Wo der "bestirnte Himmel über mir" die Bedeutung des Menschen als biologische Größe "vernichtet".
Ein merkwürdiges Gefühl kommt, wie Kant erkannte, den Menschen an dieser Stelle an: ein ehrfürchtiger Schauer vor der eigenen Ohnmacht. Kant nennt das Gefühl Erhabenheit.
Das klingt schön, nach Erbauung, nach Andacht, nach Caspar David Friedrichs frommem Gemälde "Mönch am Meer". Aber das Gefühl, dass in der Natur ein anderer Sinn herrscht als im Menschen, löst in einer hochaktiven Gesellschaft panische Selbstüberschätzung aus.
Die vergangenen Tage eines Daueraschermittwochs zeigen, mit welch krampfhafter Energie sich die fortgeschrittene Zivilisation aus der Position des inaktiven, kantischen Erschauerns herausmanövrierte. Mal einfach den verdammten Vulkan zu beschimpfen, gegen die tückischen Winde zu protestieren, Hephaistos, den brandgefährlichen Feuerteufel, auf die Anklagebank zu setzen geht ja nicht. Götter sind verdämmert.
Wir machen es heute selbsttrunkener. Flugasche, in Wahrheit durch nichts als sinnlose Naturkraft verursacht, verwandelt der moderne Mensch zu einem Glasperlenspiel aus menschlichen Schuldzusammenhängen. Schreckliche Natur wird so entnaturalisiert.
Nicht der Vulkan erregt dann Wut und Katastrophenangst. Schnell kippt die Stimmung, werden Beobachter des Vulkans zu Objekten solcher Gefühle. Statt Anerkennung der möglichen Übervorsicht, beginnt das übliche Schuldzuweisungstheater mit den Menschen in der Hauptrolle. Wo waren eigentlich die Messballons, wo weitere Recherchen, wo die Wissenschaft mit exakten Daten?
Ein auch als Flugpistenraser erfolgreicher Mutbolzen wie Niki Lauda gibt auf einmal Gas, wenn die Gefahr fast vorbei ist. Die Luftwirtschaft kommt aus der Deckung, fordert neben Staatsgeld Zuständigkeit in Sicherheitsfragen und die Ablösung der staatlichen Schissha-sen - die Gesellschaft tut das, was sie am besten kann: sich mit sich selbst beschäftigen.
Bei anderen Naturkatastrophenthemen, die am Aufmerksamkeitsmarkt zurzeit im Konjunkturloch stecken, lief es ähnlich: Das Erhabenheitsentsetzen ist verdrängt, die Schurken- und Verursacherrollen sind in Menschenhand gelegt worden. Meist ist es irgend-eine abstrakte Gier von irgendwie uns allen, die den sauren Regen rinnen lässt. Die Gier von Schuldlämmern, die Schwein und Rind vertilgen, so dass den Viechern nichts anderes übrigbleibt, als sich mit einer Seuche anzustecken. Viren sind nach solcher Logik nicht einfach nur Viren, sondern Menetekel für Unmoral.
Der Narzissmus, mit dem der Mensch seine Ohnmacht gegenüber einer übermächtigen Natur verdrängt, trübt sogar das Mitleid. Was muss der gestrandete Passagier auch um die Welt fliegen, sagt eine unbotmäßige, ganz unerhabene Stimme im ortsfesten Zuschauer. Neid, Missgunst gehören auch zum Abwehrzauber gegen den Schrecken.
Von Kants Erhabenheitsreflexionen aber lässt sich lernen, dass der Mensch angesichts der unbezähmbaren Natur nicht in anmaßende Selbstzerfleischung verfallen soll. Dass es wenig bringt, in einen Vorwurfswettbewerb einzutreten, wer mehr und bessere Maßnahmen hätte treffen können. Das Gefühl für die Grenze zwischen Mensch und Natur lehrt Realismus und Bescheidenheit.
Der Mensch ist nämlich machtloser, als er denkt, wenn die Natur lostobt. Aber er ist auch ein Held, weil er sie aushält. Ob das einen Transitgestoppten hätte trösten können?
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 17/2010
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