10.05.2010

„Der Stab ist gebrochen“

Internationaler Währungsfonds und Europäische Union springen Griechenland mit Milliarden bei. Aber ist der Mittelmeerstaat überhaupt zu retten? Kann die griechische Wirtschaft die gewaltigen Schulden jemals in den Griff bekommen?
Einer der Retter Griechenlands ist klein, rundlich und 72 Jahre alt. Er heißt Leandros Rakintzis. Einst war er angesehener Verfassungsrichter beim obersten Gericht des Landes, dem Areopag. Seit 2004 leitet er eine für Griechenland bislang einmalige Behörde: Rakintzis ist Generalinspekteur für die öffentliche Verwaltung.
Sein Körper zuckt und bebt vor Vergnügen, wenn er von seinen Erfolgen und Entdeckungen berichtet. Zum Beispiel hat er entdeckt, dass Krankenhäuser übers Wochenende alte, pflegebedürftige oder verwirrte Eltern aufnehmen, weil deren Kinder sie schlicht einweisen, um ein paar Tage Urlaub machen zu können - was die Gesundheitskosten natürlich in die Höhe treibt. Und er berichtet vom Amt "Kopais", benannt nach dem gleichnamigen See in der Nähe von Theben, das 1957 eingerichtet wurde. Es sollte die Trockenlegung des Sees vorbereiten, um dann den Bau von Straßen starten zu können.
Noch im selben Jahr, also vor nunmehr 53 Jahren, verschwand das Gewässer für immer. Aber selbst heute arbeiten dort 30 Beschäftigte. Kündigungen und Ruheständler wurden durch neue Kollegen ersetzt - und ordentlich entlohnt, mit bis zu 2500 Euro im Monat. Angeblich kümmern sie sich um Entwässerungsaufgaben, aber welche und wofür, das weiß niemand so genau.
Es sind teils unfassbare Geschichten, die der ehemalige Richter Rakintzis erzählt, und sie spielen in allen Teilen des Landes. So lebt die Behörde, die Thessaloniki, die zweitgrößte Stadt des Landes, im Jahre 1997 als europäische Kulturhauptstadt in Szene setzen sollte, immer noch munter vor sich hin. Angeblich beschäftigen sich die Mitarbeiter mit der Abwicklung und Abrechnung des Großereignisses - 13 Jahre danach.
Wie viele Leute dort arbeiten? "Das weiß ich nicht, das weiß noch nicht mal die Regierung", sagt Rakintzis, und dann wiederholt er, fast ein bisschen drohend: "noch nicht". Rund 4000 Ämter und Behörden dieser Art wollen Rakintzis und seine Leute jetzt überprüfen.
Neben ihm gibt es nun auch den IWF und die Beamten der europäischen Statistikbehörde Eurostat und Ökonomen aus aller Herren Länder, die Ordnung bringen sollen in die maroden Finanzen Athens. Akribisch suchen Rakintzis und die anderen nach den Löchern, in denen die griechischen Staatsgelder versickern.
Es ist eine Sisyphusarbeit, denn Rakintzis hat nur 30 Helfer zur Hand. Es gibt wohl kaum eine Behörde im griechischen Staatsapparat, die mit so wenig Bediensteten so gewaltige Aufgaben zu stemmen hat.
Pro Einwohner hat Griechenland fünfmal mehr staatlich Bedienstete als beispielsweise Großbritannien. Der aufgeblähte Apparat verschlingt mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der griechische Staat nicht hat. Und eigentlich nie hatte. Das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands liegt nur unwesentlich höher als das von Hessen.
Jahr für Jahr hat sich die Regierung deshalb an den internationalen Kapitalmärkten frisches Kapital geliehen - und ebenso munter wie großzügig unter die Landsleute gebracht. Die Einführung des Euro hat das Schuldenmachen sogar noch erleichtert, denn mit dem Beitritt zu der Gemeinschaftswährung sanken die Zinsen, die Griechenland bezahlen musste, auf ein nie für möglich gehaltenes Niveau.
Nun aber ist die Blase geplatzt. Griechenland droht zum zweiten Fall Lehman zu werden - diesmal aber in einer neuen Dimension: Die 300 Milliarden Euro, die das Land an Schulden angehäuft hat, bedrohen die gesamte europäische Gemeinschaft.
Wenn Griechenland fällt, könnte es als Nächstes andere ökonomische Wackelkandidaten erreichen wie Portugal, Spanien oder Italien (siehe Seite 18). Und so bröckelt auch das philosophische Ideal einer politisch-kulturell geeinten EU-Familie allmählich.
Die neue europäische Frage lautet: Wie viele erwischt es noch?
Die Finanzmärkte jedenfalls haben ihr Vertrauen in die einstige Geburtsstätte der Demokratie verloren - und ohne die zugesagten Kredite von 110 Milliarden Euro aus anderen Ländern der Euro-Zone sowie des Internationalen Währungsfonds (IWF) müsste Griechenland spätestens am 19. Mai Insolvenz anmelden. Dann nämlich stehen 8,1 Milliarden aus einer zehnjährigen Anleihe zur Umschuldung an. Und das ist nur die erste von vielen Tranchen, die in den nächsten Monaten und Jahren fällig werden.
Dabei rettet die Staatengemeinschaft nicht mal den Nachbarn Griechenland, sondern vor allem die eigenen Banken: Mit 162 Milliarden Euro stehen die griechische Regierung und die Privatwirtschaft weltweit allein bei ausländischen Geldinstituten in der Kreide. Deutsche Banken sitzen auf 33 Milliarden Euro griechischer Anleihen.
Die Gläubiger müssten erkennen, dass die Ausleihungen nicht mehr einbringbar seien, sagt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Ulrich Blum. "Der Stab über Griechenland ist damit eigentlich gebrochen."
Im Gegenzug für die Kredite soll die Regierung sparen - und, endlich, das gewaltige Haushaltsdefizit verringern, den Etat solide führen und die Schulden abtragen. Doch geht das überhaupt noch? Ist die griechische Wirtschaft zu solchen Rosskuren überhaupt fähig?
Konkret verlangen die Geberländer und der IWF weitere Lohnkürzungen bei den öffentlich Bediensteten, eine weitere Erhöhung des Rentenalters von 63 auf 65 Jahre.
Zudem soll nur noch ein Fünftel der freiwerdenden Beamtenstellen besetzt werden, und die Mehrwertsteuer steigt auf 23 Prozent, das ist der zweite Anstieg in diesem Jahr.
Dazu kommt der Zwang, entschieden gegen den Volkssport Steuerhinterziehung und die grassierende Korruption anzukämpfen.
Es sind drastische Maßnahmen, die den Griechen ihr letztes Geld nehmen. Geld, das dann wieder im Konsum fehlt, was die Wirtschaft weiter ausbremst.
Tausende demonstrieren mittlerweile jede Woche in Athen gegen die Sparmaßnahmen, vorige Woche schlugen die Kundgebungen in Gewalt um. Am Mittwoch starben drei Menschen bei einem Brandanschlag. Es waren Bankangestellte, darunter eine schwangere Frau. Demonstranten hatten einen Molotow-cocktail durch das Fenster in ihre Filiale geworfen.
Die Bilder von Terror, Brand und Hass in den Straßen verunsichern die Welt. Der Glaube schwindet, dass die martialischen Einschnitte in die Besitzstände der Menschen politisch durchsetzbar sind. Und somit sinkt zugleich die Hoffnung, dass Griechenland seine Schulden je wieder wird zurückzahlen können.
Die Zweifel sind berechtigt: Nach Ende des Hilfsprogramms wird das griechische Defizit immer noch bei mindestens 125 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen. Wie der Schuldenberg je abgetragen werden soll - das wissen allenfalls die Götter im Olymp.
Die Wirtschaft des Landes, darin sind sich fast alle Experten einig, kann diese Herkulesaufgabe jedenfalls nicht schultern. Sie wird es nicht schaffen, die geliehenen Milliarden auch nur ansatzweise zurückzuzahlen.
In den Zeitungen wird Griechenland gern als Handels- und Dienstleistungsgesellschaft beschrieben, aber das ist eine gewaltige Beschönigung. In Wahrheit hat das Land den Übergang von einer Agrargesellschaft zu einer Beamtenrepublik vollzogen.
Es gibt keine nennenswerte Industrie, keine Produkte, die weltmarktfähig sind, keine Forschung, die solche Produkte für die Zukunft erwarten lassen. 70 Prozent der griechischen Wirtschaft hängen vom privaten Konsum ab.
Selbst wenn die Milliarden aus Europa also fließen: Die Probleme des Landes sind damit längst nicht gelöst. Die hellenische Wirtschaft wird dadurch keineswegs wettbewerbsfähiger.
Denn mit den EU-Milliarden wird zwar für einige Zeit der Schuldendruck geringer, der auf den Griechen lastet. Doch mehr bringt das Geld nicht. Seit Mitte der neunziger Jahre steigt das Leistungsbilanzdefizit stetig an. Das Land führt also immer mehr ein, als es exportiert.
Ökonomen sehen darin eine grundlegende Wettbewerbsschwäche. "Die Griechen sind noch nicht einmal mehr im Tourismus wettbewerbsfähig", moniert ein hoher deutscher Regierungsbeamter. "Der Standard liegt längst unter dem der Türkei, aber die Preise sind wie in Italien."
Wo also soll die Energie herkommen, der Schwung, der es einem am Boden liegenden Land erlaubt, sich wieder aufzurichten? Niemand weiß es, zumal die Talsohle noch gar nicht erreicht ist. Das Sparprogramm, das der IWF der Regierung auferlegt hat, wird die Rezession weiter verschärfen.
Einer, der das deutlich spürt, ist Gerassimos Drimaropoulos. Mit Wehmut erinnert sich der 55-jährige Architekt an die "Jahre der Euphorie", wie er sie nennt. Das war 2004 und 2005. Die Griechen hatten gerade erfolgreich die Olympischen Spiele gestemmt, was lange in Europa kaum jemand für möglich gehalten hatte. Auf der Woge des Erfolgs und des neuen Nationalstolzes investierte jeder, der es sich auch nur halbwegs leisten konnte, in Immobilien, vor allem in Häuser und Eigentumswohnungen.
Drimaropoulos plante und baute sie. Zusammen mit seiner Frau entwirft er vor allem Apartmenthäuser in attraktiver Küstenlage wie in Glyfada, einem Vorort südöstlich von Athen direkt am Hang über dem Strand mit privaten Yachthäfen und endlosen Badebuchten.
Viele Jahre war das ein einträglicher und krisenfester Job: Mehr als 70 Prozent der Griechen leben in eigenen vier Wänden. In guten Jahren versteuerte er rund 100 000 Euro, für griechische Verhältnisse gehörte sein Büro damit zu den erfolgreichen.
Im vorigen Jahr waren es nur noch knapp 30 000 Euro, Besserung ist nicht in Sicht. "So viele Arbeitsuchende wie in den letzten Monaten" hätten bei ihm "noch nie" an die Tür geklopft: Betonarbeiter, Maurer, Elektriker. Doch er kann sie nicht beschäftigen.
Für sein letztes Bauprojekt, ein Mehrfamilienhaus mit sieben Apartments in Voula, einem edlen Küstenvorort von Athen, hat er mittlerweile 150 Kaufgespräche geführt, keines erfolgreich. Drimaropoulos lebt von der Substanz. 2009 wickelte er nur Altaufträge ab, auch in diesem Jahr hat er bis vergangene Woche noch keinen neuen Job an Land ziehen können.
Viele Griechen verstehen nicht, was da gerade mit ihrem Land passiert. Zwar signalisierten Umfragen zuletzt bis zu 80 Prozent Unterstützung für die radikale Reform des griechischen Filz- und Fakelaki-Staates. Doch der Protest auf der Straße sprach eine andere Sprache und erreichte mit über 100 000 Demonstranten vorige Woche eine neue Dimension.
Die Todesopfer könnten eine Zäsur im Kampf der Regierung gegen den Widerstand der Klientelgruppen sein.
In einer dramatischen Ansprache vor dem Parlament klagte Premierminister Georgios Papandreou die "Zeit der Verantwortung" ein, "die haben wir alle zu übernehmen". Es gebe "kein Recht auf Gewalt", sagte der Regierungschef, "die Täter werden gefasst werden und zur Rechenschaft gezogen, sie werden keine politische Unterstützung erhalten". Papandreou appellierte leidenschaftlich an die politischen Parteien und seine Landsleute, künftig enger zusammenzustehen.
Möglicherweise wirkt der Schock der Todesopfer heilsam auf die Gegner der Regierung. Dann nämlich könnte Papandreou seinen schier aussichtslosen Kampf womöglich doch gewinnen, zumindest politisch.
Der Appell könnte wirken, glaubt auch der Wirtschaftswissenschaftler Jens Bastian. Der Ökonom lebt seit 13 Jahren in Athen und ist bei der Stiftung für Europäische und Außenpolitik Eliamep für Griechenland zuständig. "Durch die tragischen Ereignisse hat sich die Grundlage verändert", glaubt der Wissenschaftler, jetzt sei "die Stunde der griechischen Demokratie" gekommen.
Zumindest hat sich die Situation für die Gewerkschaften, die die Proteste anführen, schlagartig verändert. Während des Generalstreiks wurden sie von Passanten lautstark bepöbelt. "Warum streikt ihr?", schimpfte ein Mann. "Ihr habt doch einen guten Job."
Nikos Kioutsoukis ist einer der Demonstrierenden, einer der Bewahrer der teils absurden Privilegien der Staatsdiener. Der 46-Jährige vermag nicht einzusehen, dass sich sein Leben ändern muss - und ändern wird. Deshalb geht er auf die Straße, mit Abertausenden, denen es ganz ähnlich geht. Als Präsident der Eisenbahngewerkschaft sieht er aus wie das Ebenbild eines Polit-Intellektuellen.
Mit modisch schmaler Brille, schickem saloppem Anzug und Hemd mit offenem Kragen steht er in der ersten Reihe eines großen Pulks von Demonstranten und klammert sich mit seinen Nebenleuten an ein riesiges Transparent. "Zig Milliarden für die Diebe" steht darauf vorwurfsvoll in großen blauen und roten Lettern und "Nein zum Holocaust unserer Rechte".
Kioutsoukis ist Techniker und hat sich über eine Ausbildungsmaßnahme des Arbeitsamts hochgearbeitet zum Mechaniker bei der griechischen Staatsbahn. Heute ist er einer der mächtigen Anführer im Kampf gegen die Regierung Papandreou und ihr radikales Sparprogramm, das einen Staatsbankrott verhindern soll.
Die Reformen "treffen und belasten ausschließlich Arbeitnehmer, Rentner und Pensionäre", sagt der Gewerkschafter, "sie werfen uns um Jahre zurück". Er erzählt von seiner Familie und seinen beiden Kindern, für die er künftig 30 Prozent weniger Geld zur Verfügung habe.
Mit einem Haushaltseinkommen von 2000 Euro netto im Monat könne er seine Familie "nicht ernähren", klagt er theatralisch: "Die Regierung verlangt, dass ich eines meiner Kinder töte, damit ich überleben kann."
Tatsächlich protestiert Kioutsoukis auf ausgesprochen hohem Niveau. Seine Eisenbahnergewerkschaft hat rund 6100 Mitglieder, die Bediensteten der Staatsbahnen, vom Schaffner über den Techniker und Verwaltungsbeamten bis zum Lokführer, sind zu 100 Prozent organisiert. Und sie verdienen im Schnitt rund 3300 Euro netto im Monat, also deutlich mehr als der Durchschnittslohn von 789 Euro.
Etliche der Eisenbahner, die 500 Lokführer zum Beispiel, liegen sogar noch deutlich darüber, sie kommen auf bis zu 7000 Euro netto. Berücksichtigt man die Lebenshaltungskosten in Griechenland, die laut Eurostat etwa zehn Prozent niedriger liegen als zum Beispiel in Deutschland, sind das wahrlich atemberaubende Gehälter.
Wie kann es sein, dass die griechischen Staatsbediensteten zu den bestbezahlten Arbeitskräften des Landes zählen, dass sie kündigungssichere Stellen haben - und zudem von wirklicher Arbeit weitgehend freigestellt sind? Wie kann es sein, dass 450 Ärzte lediglich 10 000 Euro als Jahresgehalt beim Finanzamt angegeben haben? Und wie kann es sein, dass so viele Menschen in Griechenland schwarzarbeiten, dass ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt laut Expertenschätzungen 25 Prozent beträgt? Und wie kann es sein, dass 8401 Griechen, wie der IWF nun herausgefunden hat, dem eigenen Land über 20 Milliarden Euro Steuern schulden?
In Wahrheit geht es bei der Frage, ob die Wirtschaft Griechenlands in der Lage ist, ihren Schuldenberg je abzutragen, vor allem auch um Gerechtigkeit. In einer Gesellschaft, in der jeder zusieht, wie sich der Nachbar, der Freund oder die Kollegin schamlos Vorteile auf Kosten der Allgemeinheit verschaffen, kann die Wirtschaft nicht florieren.
"Wir sollten dem IWF dankbar sein, sein Reformprogramm ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Yannis Stournaras. Das ist eine Meinung, die man in diesen Tagen in Athen eher selten hört, aber den Ökonomieprofessor scheint das nicht zu bekümmern.
Stournaras hat jahrelang in Oxford gelehrt, bevor er 1986 nach Athen zurückkehrte. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Uni steht er dem einzigen privaten Wirtschaftsinstitut vor, auf dessen Einschätzung man auch außerhalb Griechenlands etwas gibt.
Wenn man Stournaras länger zuhört, kann man fast wieder Hoffnung schöpfen, dass seine Heimat noch eine Chance hat, sich aus dem Schuldensumpf zu befreien. So wie er es sieht, warten seine Landsleute nur darauf, endlich aus dem Klauengriff des Staates befreit zu werden, der jede Eigeninitiative erstickt. "Griechenland ist wahrscheinlich eines der letzten Wirtschaftssysteme nach sowjetischem Vorbild", sagt der Ökonom.
Tatsächlich gibt es kaum einen Berufszweig, der nicht strengen Regeln, Restriktionen und Zugangsbeschränkungen unterliegt. Die Lastwagenfahrer zum Beispiel. Irgendwann kam die Regierung auf die Idee, die Zahl der Lizenzen zu begrenzen und die Transporttarife im Land festzulegen. Heute ist es fast billiger, einen Lkw von Düsseldorf nach Athen zu schicken als von dort nach Thessaloniki.
Stournaras hat komplizierte Computermodelle durchlaufen lassen, um den ökonomischen Effekt einer Liberalisierung zu berechnen, wie sie der IWF nun von der Regierung verlangt. Bis zu 16 Prozent Wachstum hält er über die kommenden fünf Jahre in jenen Branchen für möglich, auf die bislang der Staat die Hand hält, vorausgesetzt, die Reformforderungen werden schnell und entschieden umgesetzt. Und wenn das nicht gelingt? "Dann wird Griechenland in die Steinzeit zurückkehren und dort bleiben."
Alles hängt jetzt davon ab, ob die Griechen das Reformprogramm annehmen. Und Männer wie Kostas Papantoniou haben es in der Hand, ob das Land im Chaos versinkt oder den Weg aus der Krise findet. Der 59-Jährige ist Vizepräsident der Beamtengewerkschaft Adedy und damit einer der mächtigen Schattenmänner, gegen die bis vor kurzem kein griechischer Politiker aufzustehen wagte. Er residiert in einem prächtigen Stadtpalais im Zentrum von Athen: Im aufwendig restaurierten Vestibül hängt ein großes Foto einer Mai-Demonstration, Papantoniou selbst residiert unter einem Foto des kubanischen Revolutionsführers Che Guevara.
Papantoniou will die Regierung zwingen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, um das Reformpaket noch einmal aufzuschnüren. Dafür kämpft er, dafür mobilisiert er seine Leute. Doch das fällt ihm immer schwerer.
Denn auf die alte Solidarität kann er sich nicht mehr verlassen. Zwar beschwört er in seinem Büro noch einmal die "breite Allianz der 90 Prozent hart arbeitenden Griechen" gegen die 10 Prozent an der Spitze, "die das Land kontrollieren", aber das sind die Töne der alten Zeit. Die Leute wissen genau, wie gut es den Staatsbediensteten im Vergleich zu ihnen geht, warum sollen sie also für deren Privilegien auf die Straße gehen?
So waren es am Mittwoch fast ausschließlich Gewerkschafter und Mitglieder der kommunistischen Partei, die sich in zwei großen Protestzügen auf dem Syntagma-Platz vereinten. Weiter unten, an der Basis, macht sich deshalb auch schon Resignation breit.
"Niemand weiß doch, wie es weitergehen soll", seufzt Naja Giannakitsa, seit 25 Jahren Gymnasiallehrerin für Neugriechisch und seit ebenso langer Zeit treues Gewerkschaftsmitglied. "Alle fragen sich, wo ist bloß das ganze Geld geblieben? Niemand scheint eine Antwort zu haben."
Insgeheim hat sich Giannakitsa längst damit abgefunden, dass ihr künftig die Zulagen gestrichen werden. Sie wird dann eben noch weniger in der Schule arbeiten und noch mehr Nachhilfestunden geben, irgendwie wird sie schon über die Runden kommen.
Der Sozialist Papandreou hat die Stimmung gegen die Staatsbediensteten und deren Vertreter erkannt - und spielt geschickt mit ihr. Schon um sein eigenes politisches Überleben zu sichern, will er das Schlaraffenland seiner Bediensteten zerstören und sich auch vom lautstarken Protest der Beamten, die an der Spitze der Widerstandsbewegung stehen, nicht von seinem Kurs abbringen lassen.
Der ehemalige Verfassungsrichter Rakintzis soll ihm den Weg dazu ebnen. Er versteht seine Aufgabe als "Krieg gegen die Korruption". Um nichts anderes geht es in Griechenlands Öffentlichem Dienst, und Premier Papandreou spricht fast täglich davon.
Politiker versorgen ihre Helfer und Unterstützer, Väter ihre Familienmitglieder, Behördenchefs ihre Günstlinge. Nach Regierungswechseln wurden jedes Mal Tausende Beamte und Angestellte neu eingestellt, ohne alte zu kündigen. So geht das seit Jahrzehnten, und niemand nahm bislang richtig Anstoß daran, solange nur die eigenen Aussichten auf einen Job groß genug blieben.
Einmal drin hieß: immer drin. Man hatte ausgesorgt.
Rakintzis meint nicht nur Schmiergeld. Er meint auch Amtsmissbrauch, Verschwendung und Bereicherung, Filz und kleine finanzielle Gefälligkeiten, die sogenannten Fakelaki oder "Beschleunigungsgelder". Und er beklagt die mangelhafte Effizienz vieler Behörden, deren tieferer Sinn häufig selbst den Oberen in der Führung verborgen bleibt.
"Die Kommunen stellen Personal ein, das sie nicht brauchen", sagt Rakintzis, sie unterlaufen Ausschreibungen zu Projekten, deren Sinn oft schwer nachvollziehbar ist. "Alle Kommunen sind defizitär", sagt der Ex-Verfassungsrichter.
Deshalb will Papandreou noch im Sommer seine große Kommunalreform "Kallikratis" verabschieden, für die Rakintzis die Vorarbeiten geleistet hat. Die Zahl der Kommunen soll von 1034 auf nur
noch 370 gesenkt werden, die Zahl der kommunalen Unternehmen auf zwei pro Kommune beschränkt werden. Derzeit gibt es noch etwa 6000 solcher Institutionen. Doch das soll sich ändern. Rakintzis: "Das ist ein gigantischer Fortschritt und ein guter Neuanfang."
Zudem will der Regierungschef mit Rakintzis' Hilfe gnadenlos Behörden und Ämter schließen, die keine Aufgaben und keinen Sinn haben, mit Mitarbeitern, die nichts tun, dafür aber seit Jahren gut bezahlt werden. Die Regierung will hart bleiben und gnadenlos Schluss machen mit solchen Luftnummern.
Es ist also viel angeschoben in Athen. Doch ob das reicht, ist fraglich. Es gebe "ein Gefühl der Erschöpfung in vielen Teilen der Gesellschaft", sagt der Ökonom Bastian, die Menschen seien "müde". Das wird in seinen Augen zwar dazu führen, dass die Proteste abebben, aber wie soll eine müde Mannschaft so einen schweren Karren aus dem Dreck ziehen?
Thorsten Polleit, der Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland, hat sich die Frage nach der ökonomischen Leistungsfähigkeit Griechenlands gar nicht gestellt. Er zweifelt an dem Willen der Griechen, ihre Schulden abzuzahlen. "Warum sind Menschen bereit, Steuern zu bezahlen, obwohl der Finanzminister die zu einem großen Teil für Zinsen von Schulden verwendet, die die Bezahlenden gar nicht verursacht haben?", fragt er.
Die Antwort liefert der Ökonom gleich nach. "Wir tun es, weil wir davon profitieren", sagt Polleit. Denn nur wenn die Zinsen bezahlt werden, kann der Staat neue Kredite aufnehmen. Nur dann dreht sich das Schuldenkarussell weiter, von dem wir alle profitieren.
In Griechenland aber sind die Zinsen und der Schuldenstand mittlerweile so weit gestiegen, dass die Kosten für den laufenden Betrieb des Lebens auf Pump schlichtweg zu teuer werden.
Die Menschen haben das Gefühl, nicht mehr von immer neuen Schulden profitieren zu können - ganz egal, ob sie die Zinsen bedienen oder nicht. "Damit aber ist der politische Anreiz weg, die Sparbemühungen auch umzusetzen", sagt Polleit.
Und was für ihn noch schwerer wiegt: Ein Großteil der griechischen Staatsschulden liegt außerhalb der Landesgrenzen - "und damit bei Nichtwählern".
Beobachter der griechischen Krise: Von der Agrargesellschaft zur Beamtenrepublik
(*1) Bei der Bekanntgabe seines Hilfeersuchens an die EU am 23. April auf der Insel Kastellorizo.
Von Ferry Batzoglou, Manfred Ertel, Jan Fleischhauer und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 19/2010
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