10.05.2010

AFGHANISTANDer schöne Traum

Mit viel Geld fördert der Westen den Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft am Hindukusch. Doch die Lage hat sich kaum verbessert, viele Afghanen wünschen sich die Taliban zurück. Eine Erkundung vor Ort. Von Christian Neef
Am 1. Mai kam es im Beausejour-Stadion von Castries auf Saint Lucia zu einem Ereignis, das vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte.
Auf der Karibikinsel St. Lucia und in anderen Staaten der Region veranstaltet der Internationale Cricket-Verband ICC derzeit sein Turnier WorldTwenty20, das die weltbesten Cricket-Teams vereint.
Zum Top-Spiel am 1. Mai trat Indien gegen Afghanistan an.
Indien gegen wen? Die Millionen-Profis aus Delhi gegen eine Truppe ehemaliger Flüchtlinge aus Kabul, wo es nur einen einzigen Cricket-Platz gibt?
Die Meldung stimmt. Der märchenhafte Aufstieg des Nationalteams um Star-Bowler Hamid Hassan ist eine der wenigen Nachrichten, mit denen Afghanistan, das sonst nur Hiobsbotschaften produziert, die Welt noch zu überraschen vermag.
Cricket ist die neue Nationalsportart am Hindukusch. Eine Truppe ohne Sponsoren, ohne Trikots, ohne Rasenplatz - und mit Spielern, die lange in einem heruntergekommenen Kabuler Hotel nächtigten, zu dritt in einem Bett - hat es in zwei Jahren von der letzten in die erste Division des Internationalen Cricket-Verbands ICC geschafft. Afghanistan, von Platz 130 der Weltrangliste auf Platz 14 vorgeschnellt, mischt nun ganz oben mit. Gemeinsam mit alten Cricket-Hasen wie Australien, Südafrika oder Indien.
Das ist so, als spielten die Reinickendorfer Füchse plötzlich in der Champions League des europäischen Fußballverbands.
Egal, dass Cricket vom früheren Erzfeind, den Briten, erfunden worden ist, egal, dass es fast nur in den Commonwealth-Staaten gespielt wird und seine Regeln dem Rest der Welt unverständlich sind - der Erfolg hat in den Afghanen ein Gefühl geweckt, das sie bisher kaum kannten: den Stolz auf ihr Land.
Beweist dieser Triumph, dass es aufwärts geht am Hindukusch?
Bislang ist in den Meldungen aus Afghanistan von Selbstmordattentätern die Rede oder von amerikanischen Bombardements, vom erneuten Boom beim Mohnanbau in diesem Jahr oder vom Vormarsch der Taliban. Erfreuliches findet sich kaum, und nur selten etwas über den Wiederaufbau, den der Westen auf seine Fahnen geschrieben hat.
Wie normal ist inzwischen der Alltag in Afghanistan?
Laut einer Umfrage vom Januar sehen angeblich 70 Prozent der Afghanen ihre Heimat auf dem richtigen Weg - 30 Prozent mehr als im vorigen Jahr. Ist dieser Stimmungswandel repräsentativ?
Zweifel sind erlaubt. Wer weiß, wie im Land der selbstherrlichen Warlords Wahlergebnisse zustande kommen, wird erst recht nicht irgendwelchen Umfragen glauben. Mehr als 35 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe hat die Welt seit 2002 nach Afghanistan gepumpt. Kaum ein Cent davon sei bei der Bevölkerung angekommen, behauptete der namhafte amerikanische Strategieexperte Anthony Cordesman vorige Woche in Washington.
Ein Drittel der Bevölkerung lebe weiter in absoluter Armut, untermauert ein Report der Uno-Kommissarin für Menschenrechte diesen Befund: Afghanistan bleibe das Land mit der zweithöchsten Müttersterblichkeit in der Welt, nur etwa jeder Fünfte habe Zugang zu sauberem Trinkwasser, und drei von vier Afghanen über 15 Jahre könnten noch immer nicht lesen und schreiben.
Ist also der "Wiederaufbau" Afghanistans ebenfalls nur eine Farce oder eine Schutzbehauptung jener Regierungen, die zu Hause den Einsatz ihrer Soldaten rechtfertigen müssen? Woran lassen sich Fortschritte am Hindukusch messen: an der Zahl der Burkas, der Länge neuer Verkehrswege oder dem Bestand an Mädchenschulen, wie es der Westen gern tut?
Antworten finden sich bei Lehrern in Kandahar, bei Dorfältesten in Jalalabad, bei den Eisenbahnbauern von Herat oder in den Maklerbüros, den Hochzeitspalästen und den Cricket-Clubs von Kabul.
Lailoma Popal ist heute wie jeden Tag in ihre Schule gegangen, ins "Zarghona Ana", eines der Mädchengymnasien von Kandahar. Es trägt den Namen der Mutter von Ahmed Schah Durrani, jenem Herrscher, der 1747 das Durrani-Reich gründete und den Grundstein für das moderne Afghanistan legte. Sein prächtiges Mausoleum steht wenige Kilometer vom Gymnasium entfernt.
In der Nacht hat es ganz in der Nähe einen Bombenanschlag gegeben, mit Hilfe eines Eselskarrens - ein Novum selbst im notorisch unruhigen Kandahar, in dem sich fast jeden Tag ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt. Die Mädchen sind trotzdem zur Schule gekommen. "Obwohl die Eltern kein gutes Gefühl dabei haben", wie Popal sagt. Sie ist die Direktorin vom "Zarghona Ana".
Popal schaut kurz in die 12 A, auch die ist vollständig da, eine Mathematikstunde läuft, der weißbärtige Ingenieur Mahmud weist ein gutes Dutzend paschtunischer Töchter in die Welt der Sinuskurven ein.
Sinuskurven in Kandahar! In der Hochburg der Taliban, die noch heute als Hauptstadt der Koranschüler gilt. In der Frauen noch weniger Rechte haben als in Masar oder Faizabad. Wo es früher verpönt war, die Mädchen auch nur in die Nähe einer Schule kommen zu lassen. Als Popal hier anfing, vor acht Jahren war das, wurden die Mädchen auf der Straße angepöbelt, wenn sie zum Gymnasium wollten. "Warum geht ihr dahin?", fragten die Leute empört.
Das habe sich jetzt geändert, jetzt sei nur noch die Angst vor den Bomben da, behauptet Lailoma Popal, die Eltern wollten auch ihre Mädchen um jeden Preis auf die Schule geben. Sie wollten, dass sie später an der Universität von Kandahar studieren, dass sie es vielleicht sogar bis nach Kabul schaffen oder eines der Stipendien bekommen, welche die Inder gestiftet hätten. 1700 Schüler seien jetzt da, ihre 60 Lehrer müssten in drei Schichten unterrichten.
"Und trotzdem: Das hier ist eine völlig andere Welt als Kabul, und niemand weiß, wohin sie sich bewegt", sagt Popal.
Dieses Gefühl beschleicht jeden Fremden, der sich in die quirlige, schmutzige Stadt begibt, die das nächste Ziel einer westlichen Großoffensive ist.
In wessen Hand ist Kandahar, die zweitgrößte Stadt Afghanistans?
Die Amerikaner sitzen 30 Kilometer weiter südlich, sie haben Kandahars Flughafen zur Festung ausgebaut, 28 000 Mann zählt die Garnison. Frieden und Krieg liegen hier dicht beieinander: Alle paar Stunden landet ein ziviler Airbus aus Kabul, meist aber ist die über drei Kilometer lange Bahn von Kampfflugzeugen oder startenden Drohnen belegt, die Raketen in die umkämpften Gebiete an der pakistanischen Grenze tragen. Der waffenstarrende Airport wirkt wie ein Ufo, das sicherheitshalber weit vor der nächsten menschlichen Ansiedlung gelandet ist. In Kandahar selbst ist kein einziger Amerikaner zu sehen.
An der Straße, die vom Flughafen her die Stadt erreicht, hängen Plakate mit dem Porträt von Hamid Karzai, der ganz in der Nähe geboren wurde und aus dem Durrani-Clan stammt. Dass neben ihm der 2007 verstorbene König Mohammed Zahir Schah zu sehen ist, ebenfalls ein Mann aus einem bei Kandahar beheimateten Stamm, und niemand vom übrigen Kabuler Polit-Personal, ist die erste Botschaft. Wir hier, so lautet sie, akzeptieren allenfalls eine Führung aus einer hauseigenen Dynastie.
Dass die Autos keine Kennzeichen tragen, ist die zweite. Auch die Polizei hat hier nichts zu sagen, heißt das.
Die dritte begreift der Besucher, wenn es dunkel wird: Es gibt kaum Strom in Kandahar, die Taliban haben die Leitung gesprengt, die vom Wasserkraftwerk Kajaki in der Nachbarprovinz Helmand hinunter nach Kandahar führt. Nur zwei, drei Stunden pro Tag gehen die Lichter in den Geschäften an, das Industriegebiet am Stadtrand ist sogar völlig lahmgelegt: die Textilfabrik, in der die Patus gewebt werden, die afghanischen Winterschals, die Schuhfabrik und die von Indien errichteten Kühllager, in denen früher die Granatäpfel, Weintrauben und Pfirsiche gelagert wurden, für die Kandahar auch jenseits der Landesgrenzen gerühmt wurde. Alles steht still.
"Bei den Taliban hatten wir mindestens zwölf Stunden Strom am Tag, und auch die Sicherheit war okay", murmelt missmutig einer der Männer, die nun jeden Morgen bei nur drei Grad plus barfuß in der Nähe des Maiwand-Denkmals stehen, mit dem Kandahar der siegreichen Schlacht von 1880 gegen die Briten gedenkt, und dort auf Gelegenheitsarbeiten warten. Als wären es nicht die Taliban gewesen, die den kleinen Fortschritt selbst wieder zunichtegemacht haben.
Sie gehören nicht zu den 4500 Glücklichen, denen die Kanadier, die in der Provinz das Wiederaufbau-Team der Isaf stellen, für ein paar Wochen Arbeit verschafft haben. 300 Afghani pro Tag, sechs Dollar, bekommen die, wenn sie bei der Instandhaltung von Abwasserkanälen, Brücken oder Gehwegen helfen. 500 Afghani am Tag braucht man, um seine Familie durchzubringen.
Lailoma Popal stammt nicht von hier. Sie ist 29, wie sie sagt, vermutlich aber einige Jahre älter, sie kommt aus Kabul. Anfang der neunziger Jahre, in der Zeit des Bürgerkriegs, hat sie dort an der Universität studiert, unter Raketenbeschuss, dann flüchtete sie mit den Eltern nach Pakistan. Als ihr Onkel nach dem Sturz der Taliban Bürgermeister von Kandahar wurde, überredete er sie, eine der Schulen in seiner Stadt zu übernehmen.
Es ist ein Job, für den sie 4800 Afghani im Monat bekommt, 100 Dollar, mit Zuschlägen sind es 50 Dollar mehr. Wie sie da hinterm Schreibtisch im Direktorenzimmer mit der schweren Couchgarnitur und den Kunstblumen sitzt, im weißen Pullover und darüber eine schwarze Lederjacke, hinter sich den großen Stundenplan, wirkt sie wie jemand, der wirklich glaubt, dass der Sturz der Taliban für die Frauen eine neue Welt eröffnet hat.
Wenn da nicht ihr trauriges Gesicht wäre: Lailoma Popal lacht kein einziges Mal. Sie erzählt, dass die Computer, die die Schule mal besaß, wieder abgeholt worden seien und dass sie, die früher keine Burka getragen habe, nun nie mehr ohne sie aus dem Haus gehe. "Ich fühle mich hier sicherer so", sagt sie. Hier heißt: in Kandahar, wo sich kaum noch eine Frau auf die Straße traut und wohl auch Mädchenschulen nicht von Dauer sind.
Hinter der Stadtgrenze ist es mit dem Fortschritt ohnehin schon wieder vorbei. Keiner weiß das besser als Nadschibullah Ahmadi, Popals Chef, der Vorsteher der Schulbehörde in der Provinzregierung. 404 Schulen gibt es bis hinunter zur pakistanischen Grenze, 172 von ihnen haben sie wieder schließen müssen. "Wegen der Sicherheitslage", sagt Ahmadi. Nur 5 von 17 Distrikten sind noch zugänglich, in den übrigen habe die Regierung in den letzten Monaten die Kontrolle verloren, da existiere überhaupt kein Schulwesen mehr. Dass der Westen mit Unterrichtsmaterial helfe, sei schön und gut - tue aber nichts zur Sache.
Ahmadi ist gerade mal 33, auffallend jung sind die Chefs in Kandahar. Nicht wegen der Weitsicht des Karzai-Regimes, sondern wegen der rachsüchtigen Personalpolitik der Taliban: Wer ein Regierungsamt übernimmt, hat nicht lange Freude daran. Ahmadis Vorgänger kam vor gut einem Jahr bei einem Selbst-mordanschlag im Gebäude des Provinzrats um.
Die Lage in Kandahar, wo laut Umfrage der US-Armee fünf von sechs Einwohnern die Taliban für "unsere afghanischen Brüder" halten, werde von Tag zu Tag schlechter, gibt Ahmadi zu verstehen. Mitte April haben sie den Vizebürgermeister in einer Moschee direkt beim Beten erschossen und fast zeitgleich eine Bombe vor dem Haus eines früheren Distrikt-Gouverneurs gezündet, die drei seiner minderjährigen Neffen in Stücke riss. Beide hätten "der Kabuler Marionettenregierung gedient", erklärte ein Taliban-Sprecher. Wie soll da Bildung möglich sein?
Die aus den Distrikten angereisten Schuldirektoren, die in Ahmadis Vorzimmer unter ihrem schwarzen Turban auf eine Audienz warten, wissen es auch nicht. Sie erzählen von den Flugblättern, in denen sie aufgefordert werden, die Schulen zu schließen und keine Gehälter mehr von der Regierung anzunehmen. Von den Eltern, die aus Angst ihre Kinder nicht mehr auf die Straße schicken. Und davon, dass die Uno gerade ihre Mitarbeiter aus Kandahar zurückgezogen hat.
Ahmadi hat ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe jetzt zu Hause unterrichtet werden kann. 9700 Mädchen und Frauen nehmen an den neuen Kursen teil, 2000 weitere Anträge seien eingegangen. "Es ist ein Ausweg", sagt Ahmadi: "Die Mädchen lernen zwei Stunden pro Tag, mit speziellen Lehrbüchern und abschließenden Prüfungen." Sie bekämen auch einen Anreiz dafür: 50 Kilogramm Weizen und eine Kanne Speiseöl im Monat.
Ahmadi nennt es Bildung durch die Hintertür.
Salmay Faqeri wohnt in der Nähe von Jalalabad, dem einstigen Wintersitz der afghanischen Könige an der Straße zum Khyber-Pass. Dort haben die Westler deutlichere Spuren hinterlassen als im 550 Kilometer entfernten Kandahar. Nicht nur die Transitstraße nach Pakistan haben sie asphaltiert, sondern auch die alte Schotterpiste, die am linken Ufer des Kabul-Flusses in die berüchtigten Tribal Areas der Paschtunen-Stämme führt. "Weil sie die Straßen selbst brauchen, für ihren Nachschub", sagen die Leute.
Im Kama-Distrikt hat die niederländische Organisation Health Net sogar ein Hospital mit 40 Betten hingestellt, ein Quantensprung in der Gesundheitsversorgung für 50 000 Anwohner. Und in Dobila am Kabul-Fluss finanziert die Weltbank eine Wasserversorgung.
Dort zeigt sich, dass die kleinen Dinge vielleicht die wirkungsvollsten sind.
Dobila ist ein Dorf, dessen Bewohner Reis, Weizen und Gemüse anbauen; vom Getreide kann hier niemand leben, vom Gemüse schon - das Klima erlaubt vier Ernten im Jahr. Die 420 Familien sind trotzdem arm, bestenfalls vier Hektar Land haben die meisten, manche pachten nur oder verdingen sich als Tagelöhner.
Eine Wasserleitung gab es hier nie.
Jetzt aber ragt am Dorfeingang ein kleiner Wasserturm empor, mit einem Behälter, der 7000 Liter fasst, er steht über einem 37 Meter tiefen Brunnen. Von dort läuft eine Leitung bis zu den ersten vier Lehmhäusern, und gleich daneben zieht sich ein Abwassergraben aus Beton dahin. Er reicht zweieinhalb Kilometer weit ins Dorf hinein, die Bauern haben links und rechts von ihm Feigen- und Maulbeerbäume gepflanzt, als wäre der Kanal so etwas wie der Kurfürstendamm in Berlin.
Faqeri, 54, der Vorsitzende des Dorfrats, sitzt gemeinsam mit anderen Räten im Gästezimmer seines Hauses. "Früher", sagt er, "war das da draußen ein stinkender, drei Meter breiter Pfuhl, an dessen Rändern alle möglichen Pflanzen wuchsen - eine ideale Brutstätte für Mücken und sonstiges Getier. Mindestens zwei Drittel der Dorfbewohner hatten jedes Jahr Malaria." Das Trinkwasser schöpften die Ärmeren der Armen bisher aus dem Kabul-Fluss, in den die Stadt Jalalabad ihre Abwässer entsorgt.
120 Familien will der Dorfrat an die neue Wasserleitung anschließen, Schritt für Schritt treibt er das Projekt voran. Auch wenn es an diesem Tag erst mal um den jüngsten Zwischenfall geht - der Dorfelektriker, ein Pakistaner, ist ermordet worden -, sind die Männer bald wieder beim Thema Wasser.
Alles ist streng demokratisch vor sich gegangen: Das Ministerium für ländliche Entwicklung hat ein "Programm Nationale Solidarität" ausgelobt, das die dringendsten Probleme in den Dörfern beheben soll. Es ist eines der wenigen erfolgreichen Wiederaufbauprogramme, weil in diesem Fall durch die neuen, gewählten Dorfräte entschieden wird, wo investiert wird - und nicht durch die Schura, den Ältestenrat, in dem meist die reicheren Dorfbewohner sitzen. Auch die Leute in Dobila durften sagen, wo es am meisten brennt, sie entschieden sich fürs Wasser.
Bauherr wurde die Organisation Habitat for Humanity Japan, in Wirklichkeit liegt das Projekt aber in den Händen der al-Baraka-Bank aus Bangladesch, die das Geld von der Weltbank erhält: insgesamt 1,6 Millionen Afghani, 34 000 Dollar. Damit die Afghanen das Vorhaben als ihr eigenes verstehen, arbeitet jeder Dorfbewohner einen Tag pro Woche beim Bau des Wassersystems mit. Ohne Bezahlung.
Nation building wie aus dem Lehrbuch?
"Alles wäre gut, wenn nicht jeder was von dem Geld abzweigen würde", sagen die Männer. Es sei wie mit den Hilfen aus Kabul: "Von 100 000 Dollar kommen 20 000 hier an, weil zuerst das Ministerium, dann der Provinzchef und dann der Distrikt kassiert." Auch al-Baraka bekomme seinen Anteil für das Projekt, aus dem Topf der 34 000 Dollar, und dann hätten sie noch einen afghanischen Aufseher für über 200 Dollar monatlich einstellen müssen, der die Arbeiten überwacht. Bei einem ähnlichen Projekt im Nachbardorf sei dieser Aufseher niemals aufgetaucht, kassiert habe er jedoch sehr wohl. "Es würde nicht so viel verschwinden in Afghanistan, wenn das Geld direkt zu uns käme", sagt Faqeri. "Der Dorfrat sieht jedem genau auf die Finger."
Dass Kabul ihnen nie auch nur einen Cent gegeben hätte, ihr bescheidener Fortschritt also tatsächlich erst im Gefolge der Nato-Truppen kam - die Leute aus Dobila wissen das wohl. Aber es ändert nichts an ihrem Urteil über die Afghanistan-Mission.
Die Westler begriffen nicht wirklich, wie das Land funktioniere, Afghanistan bleibe für sie eine fremde Welt, sagen die Männer vom Dorfrat, als sie am Abend ihr Palaver fortsetzen, in einem der Fischrestaurants weiter unterhalb am Fluss, wo der frische Fang sofort filetiert und in Riesenpfannen mit siedendem Fett geworfen wird; selbst eine Plastiktüte mit Bierbüchsen, Marke Beck's, taucht von irgendwoher auf.
"Warum hat uns die Welt nicht früher geholfen?", fragt einer, der beim Geheimdienst arbeitet, er ist noch im Dienst, sein quäkendes Walkie-Talkie hat er zwischen die Fischschüsseln gelegt. "Der Westen ist gekommen, um sich selbst zu helfen. Er gibt uns das Geld nicht wegen unse-rer Armut, sondern aus Angst vor den Terroristen."
Seien die Taliban nicht auch ihre Gegner? Oder nur die des Westens?
"Die Taliban sind seine, nicht unsere Feinde, es gab sie hier immer", sagt der Mann. "Es waren die Koranschüler, die den Imamen halfen, jeder hatte vor ihnen Respekt, jetzt aber werden sie pauschal zu Terroristen erklärt."
Dafür habe der Westen sich die Mudschahidin, die üblen Warlords aus der Zeit des Bürgerkriegs, zu Verbündeten gemacht, weil die das Regime Karzai stützten, entgegnet ein anderer. Die Taliban seien nicht mehr da, jedenfalls nicht in Jalalabad, die Mudschahidin aber schon, und die seien die Schlimmeren gewesen.
Und dann erzählen die Männer von den Warlords, die im Bürgerkrieg mit ihren Milizen die Leute an den Checkpoints auf der Straße nach Kabul geschlagen und ihnen selbst den letzten Sack Mehl weggenommen hätten; sie erzählen von den Villen, die sie sich jetzt gebaut hätten - auch in ihrem Dorf, dessen Wasserprojekt ihnen egal sei; davon, wie sie die trockenfallenden Böden des breiten Kabul-Flusses als ihr eigenes Land verscherbeln würden, obwohl die dem Staat gehörten, und davon, wie sie sich die Kaufhäuser und Restaurants in Jalalabad unter den Nagel rissen.
"Viele der Armen hier leiden nicht an Unterernährung, sondern an Depressionen", sagt Faqeri. "Sie leiden an den Kriegstraumata und daran, dass sie ihre Familien wirtschaftlich nicht durchkriegen."
"60 Prozent der Beamten bei uns in der Provinz sympathisieren mit der Hisb-i Islami, der Islamischen Partei des früher schlimmsten Warlords Gulbuddin Hekmatjar", fügt der Geheimdienstler noch hinzu. "Mit jenem Mann, den Karzai gerade wieder hoffähig macht und vielleicht sogar in seine Regierung holt."
"Wenn das wirklich so kommt", sagen die Männer, "gibt es erneut Bürgerkrieg." All die Gaben, mit denen der Westen seit 2002 Afghanistan auf die Beine bringen will, seien dann wieder dahin.
Die Fronten in Afghanistan verlaufen anders als in der Vorstellung der Westler.
Said Nayeb muss größere Dinge im Auge haben als die Männer in Dobila. Er steht auf einem zehn Meter hohen Damm, der sich 60 Kilometer von Herat entfernt nach Westen hinzieht und dann am flimmernden Horizont in der Steppe verliert. Der Damm soll die Schienen für Afghanistans erste Eisenbahn tragen.
Eine Eisenbahn - das ist ein Traum, den Afghanistan seit 100 Jahren träumt. Eine Eisenbahn würde diesen Staat, der seit Geburt unter seiner geografischen Abgeschiedenheit leidet, der jeden Liter Benzin und die meisten Lebensmittel per Lastwagen über enge Straßen aus den Nachbarländern herankarren muss, in eine neue Welt katapultieren.
Said Nayeb, 32, der pausbäckige Chefingenieur der Eisenbahnverwaltung in Herat, baut mit an der Eisenbahn. Die erste Strecke wird Herat aus Richtung Iran erreichen, 124 Kilometer der Trasse liegen auf afghanischem Gebiet.
Was Jalalabad für die Paschtunen ist - ihre modernste und aufgeklärteste Stadt -, ist Herat für die Tadschiken. Es ist seit Jahrhunderten ein Zentrum persisch-islamischer Kultur. Die Kriegsspuren sind getilgt, die gewaltige Freitagsmoschee strahlt erneut im Glanz der bunten Kacheln, auch die malerische Zitadelle, deren Grundstein Alexander der Große legte, wird restauriert: Das Deutsche Archäologische Institut hat die Toranlage instand gesetzt, den Rest der Arbeiten finanziert die amerikanische Regierungsagentur USAID.
Nirgendwo wäre die Eisenbahn sinnvoller als hier, denn Herat ist seit Alexander das westliche Einfallstor ins Land.
230 Millionen Dollar kostet die Strecke. Drei der vier Abschnitte haben die Iraner finanziert und gebaut, danach wären die Afghanen in der Pflicht gewesen, sie wollten die letzten 62 Kilometer bezahlen. Voriges Jahr sollte alles fertig sein. Aber von der Eisenbahn ist nichts zu sehen.
Natürlich liegt es am Geld. Bei Rowzanak ist eine große Ausweichstation geplant, für die der Staat einheimischen Bauern 350 Jerib Land abkaufen muss, das sind Stücke von je 2000 Quadratmetern. Jedes von ihnen kostet 270 000 Afghani, rund 5700 Dollar. Das Geld ist von Kabul zugesagt, aber noch nicht da, genauso wenig wie die 60 Millionen Dollar für den letzten Streckenabschnitt. Auch jene 57 Bauern im Dorf Zangi Sabah, deren Lehmhäuser der Trasse weichen mussten, warten weiter auf die versprochene Entschädigung - sie haben deswegen an diesem Tag eine Delegation der Ältesten in die Hauptstadt geschickt. Sind die Kassen in Kabul wirklich chronisch leer?
Es gibt Experten, die das bezweifeln. Afghanistan bekommt rund fünf Milliarden Dollar Entwicklungshilfe im Jahr, dazu kommen Beträge privater Organisationen, und es erwirtschaftet selbst ein Bruttoinlandsprodukt von mindestens zehn Milliarden Dollar. Der Pariser Club hat dem Land im März eine Milliarde Dollar Schulden erlassen, die Weltbank 1,6 Milliarden. Laut Internationalem Währungsfonds verfügt Kabul zudem über mindestens drei Milliarden an Währungsreserven, besitzt also einen Überfluss an Kapital, für das es im Moment offenbar keine Verwendung hat.
Ein "absurder Fall", sagt ein deutscher Fachmann. Wo bleibt das Geld?
Bei den Heratern ist jedenfalls nichts angekommen. "Vielleicht hält Kabul die Eisenbahn für ein Privatvergnügen von uns Provinzlern", mutmaßt Habibullah Timoree, Vorsteher der örtlichen Eisenbahnverwaltung.
Sein Chefingenieur steht derweil auf dem fertigen Damm bei Zangi Sabah und rauft sich die Haare: Er kann direkt zusehen, wie das schöne Bauwerk unter ihm schon wieder zerbröselt.
Die Iraner haben an dieser Stelle eine 800 Meter lange Brücke gebaut, die den Fluss Harirud überspannt, der die Wassermassen aus den Bergen von Bamian herunterträgt. Da noch keine Schienen liegen, wird der Damm von den Bewohnern der umliegenden Dörfer als Autotrasse missbraucht: Die Brücke verkürzt den Weg nach Herat um 20 Kilometer.
Die Reifenspuren haben sich tief in den Kies gegraben, den die Iraner in jeweils 25 Zentimeter starken Schichten aufgetragen und dann gehärtet hatten. In den Spurrinnen bröckelt der Sand, den Rest übernimmt der scharfe Wind. Das schöne Eisenbahnprojekt verweht.
Sehr zur Freude der Taliban. Die haben die Brücke als Achillesferse entdeckt und attackieren sie regelmäßig. Deswegen wachen hier sechs Polizisten, sie haben vier Kalaschnikows dabei und am Brückenaufgang einen Unterstand mit Ausguck errichtet. Oben sind zwei Maschinengewehre aufgestellt.
Dreimal seien sie schon angegriffen worden, immer nachts, "die Taliban kamen von beiden Seiten mit Lastwagen und schossen Raketen auf uns", sagt Wachtmeister Assadullah. "Zwei meiner Männer wurden bereits erschossen."
Im Kabuler Ministerium für öffentliche Arbeiten träumen sie trotz all der Misslichkeiten weiter vom großen Eisenbahnnetz. Wie berauscht fährt Vizeminister Ahmed Schah Wahid, ein Mann in dunkelblauem Anzug mit Einstecktuch, mit dem Finger über die Karte Afghanistans.
Einen Nordkorridor werde es geben, der China und Zentralasien über afghanisches Territorium mit dem Westen verbinde, das erste Teilstück von der usbekischen Grenze bis nach Masar-i-Scharif sei fertig projektiert, die Asiatische Entwicklungsbank habe 129 Millionen Dollar bereitgestellt, doziert er. Dann käme der Südkorridor von Herat über Kandahar nach Kabul hinzu, die Entwicklung des Projekts hätten die Tschechen übernommen, sie seien ebenfalls so gut wie fertig.
An der Strecke solle es Abzweigungen in die Nachbarländer geben, zum Beispiel von Kandahar ins pakistanische Quetta. Und dann sei da noch der geplante Nord-Süd-Korridor, dessen Bau die Chinesen versprochen hätten, er werde von Masar über den Salang-Pass nach Kabul und weiter nach Jalalabad führen.
"2800 Kilometer Eisenbahn werden wir bauen, in 20 bis 25 Jahren", sagt der Vizeminister und pocht auf seine Karte, als wolle er jeden Widerspruch untersagen. Und die Kosten? "Ein bis zwei Millionen Dollar je Kilometer, in den Bergen 13 bis 17 Millionen."
Acht, ja vielleicht gar zehn Milliarden Dollar?
Sicher, für die meisten Strecken fehle noch das Geld, gibt Wahid widerwillig zu, man müsse irgendwo draußen Geberländer finden. Fürs Erste gehe es um die Grenzverbindungen. Die seien für China, Iran und Pakistan interessant. Die Iraner müssten ihre Waren dann nicht mehr um Turkmenistan herumfahren, einen Staat, mit dem sie auf schlechtem Fuß stünden, und die Pakistaner kämen schneller ins postsowjetische Mittelasien hinauf.
Also alles Projekte, die sowieso nur dem Eigennutz der Nachbarn dienten? Wo sei da der Vorteil für Afghanistan?
"Wir hoffen auf 400 Millionen Dollar Transitgebühren im Jahr", sagt der Vizeminister kleinlaut. "Um unsere eigenen Rohstoffe exportieren zu können, auf denen wir bislang tatenlos sitzen - dazu brauchten wir die Trasse quer durchs Land."
Werde die wirklich irgendwann gebaut? Wahid zuckt mit den Schultern.
Esmatullah Hamdi arbeitet als Makler in Kabul, er ist einer von 200, die allein im 12. Distrikt, in Ahmed Schah Baba Mena, diesem Gewerbe nachgehen. Er hat einen blauen Container unweit eines neueröffneten Supermarkts als Büro aufstellen lassen, "real-estate agent" steht auf dem selbstgemalten Schild.
Kabul ist eine Stadt, die auf ihrer eigenen Umlaufbahn kreist. Die mit all den Provinzen jenseits der Berge kaum Berührung hat. Kabul ist wie Tokio oder Moskau, deren Einwohner ebenfalls wenig interessiert, wie ihre Landsleute jenseits der Stadtgrenzen leben.
Ahmed Schah Baba Mena, der neuentstehende Stadtteil im Osten Kabuls, ist ein Beispiel dafür. Es gibt keinen öffentlich finanzierten Wohnungsbau in Afghanistan. Umso erstaunlicher ist, was sich seit 2009 dort tut.
Die Stadt hat das Gelände in Tausende Grundstücke aufgeteilt, sie werden jetzt verkauft. "Jedes ist 300 Quadratmeter groß und kostet um die 70 000 Dollar", sagt Hamdi, "vor sechs Jahren waren es noch 1700 Dollar. Für dieselbe Fläche." Er hat gerade eines losgeschlagen und über 2000 Dollar daran verdient.
Es seien aber noch 8000 Dollar für die Grundstücksübertragung dazuzurechnen, 4000 Dollar an Steuern und dieselbe Summe als Bakschisch für die zuständigen Beamten. Ein Haus auf diesen Boden zu stellen koste noch mal 50 000 Dollar.
Wer kann sich das leisten in Afghanistan? "Es kommen die Reichen oder die Rückkehrer aus Pakistan", sagt Hamdi. Sie wünschten sich eine eigene Villa, andere würden mit dem Boden nur spekulieren, die Dritten kämen aus Jalalabad, sie wollten dem heißen Sommer dort entfliehen und deswegen ein Haus in Kabul.
"Eine kleine Minderheit hat immer mehr Geld, während sich die Mehrheit überlegen muss, wo sie das tägliche Essen herbekommt", sagt Hamdi. Die habe nichts von den Spenden, die gegenwärtig ins Land flössen.
In Afghanistans Metropole, 1800 Meter hoch in den Bergen, ist der soziale Riss unübersehbar, nur dass hier die Minderheit immer deutlicher das Stadtbild prägt.
Dass man sein Geld nun getrost auf eine der neuen Banken tragen, sich an 15 TV-Sendern erfreuen oder mit dem Auto in nur zwei Stunden zu den Verwandten nach Jalalabad fahren kann, kommt allein einer neuen Mittelschicht zugute.
Sie lebt nicht in Angst vor den Taliban, sie giert nach einem neuen Leben. Und nimmt die Realitäten in Kabul merkwürdig gelassen wahr.
Dem Safi Landmark Hotel mit seinem glitzernden Einkaufszentrum, in dem sich spätnachmittags Kabuls Schickeria traf, haben die Taliban im Februar die Fassade weggesprengt, aber die Leute eilen gleichmütig daran vorbei, als hätte es die Attacke nie gegeben. So wie am Warenhaus gegenüber dem Präsidentenpalast, das seit einer Taliban-Attacke zu Jahresbeginn als verkohltes Stahlgerippe dasteht.
Die Mall im Safi Landmark ist zerstört? Macht nichts. Neben dem französischen Gymnasium hat das Gulbahar-Center aufgemacht. Mit einem Gucci-Laden, mit Versace und Timberland, auch Kabuls erster Geldautomat ist dort aufgestellt.
Und jeden Donnerstagabend treffen sich Tausende in den neuen glasverkleideten Wedding Halls - dem "Qasr Uranus" etwa oder dem Palast "Kabul-Paris", wo sie einen neuen Kult inszenieren: das öffentliche Hochzeit-Feiern. Kaum ein Fest, zu dem weniger als 1000 Gäste kommen, die sich ganz dem feinen Essen hingeben, das es so nur zum "Id al-Fitr" gibt, dem Fest am Ende des Ramadan. Es ist eine öffentliche Demonstration des "Seht-wir-haben-es-Geschafft".
Auch Khyber Ziarmal hat jüngst so geheiratet, 24 Jahre alt, Finanz-Analyst in der Logistikfirma "Green White", die einem ehemaligen Mudschahidin-Führer gehört. Sein Vater ist Arzt, er selbst verdient 600 Dollar, er lebt nicht schlecht. Trotzdem wollte er die Hochzeit zu Hause feiern, aber der Druck der Brauteltern war zu groß: 13 000 Dollar hat er hinblättern müssen, um die 1000 Verwandten, die Freunde, die Bekannten und die Bekannten der Bekannten im Almasi-Sharq, im "Diamanten des Ostens", zu bewirten. Zusätzlich hatte er der Braut 3000 Dollar in bar und Schmuck für noch mal dieselbe Summe zu schenken.
"Ich habe meinen Toyota Corolla verkauft und den Rest der Summe geborgt", sagt Ziarmal. In zwei, drei Jahren will er das Geld zurückgezahlt haben.
"Politik und die Taliban? Darüber denken wir nicht nach, wir sind in diesen unruhigen Zeiten aufgewachsen, wir haben uns an sie gewöhnt so wie an die Taliban. Woher kriegst du genügend Geld - das allein beschäftigt meine Generation."
Asadullah Khan hat nun auch ein festes Monatsgehalt: Seit sechs Monaten bekommt er 500 Dollar vom afghanischen Staat. Khan ist Batsman, Schlagmann, in jener Cricket-Mannschaft, die den wundersamen Aufstieg in die Weltspitze schaffte.
Der Mann mit der markanten Hakennase ist ein Idol für die Jungen: Asadullah Khan hat im Juni 2004 in einem internationalen Turnier den ersten Punkt für Afghanistan gemacht. In Malaysia, gegen Oman. Seither ging es nur noch aufwärts.
Khan ist 1,87 Meter groß, er wird wegen seiner Reaktionsfähigkeit gerühmt. Während Star-Bowler Hassan den Ball mit sagenhaften 155 Stundenkilometern wirft - nur sechs weniger als jener Pakistaner, der den Weltrekord hält -, kann er das Geschoss ebenso fix abwehren. Es ist erst zehn Uhr morgens, aber er sitzt schon in fertiger Montur im Gebäude des afghanischen Cricket Board, gleich neben dem Stadion von Kabul, in dem die Taliban ihre Gegner hinrichteten.
Bis vor fünf Jahren war Afghanistan für ihn ein fremdes Land. Sein Vater, ein paschtunischer Bauer, war mit seinen acht Kindern vor den Sowjets nach Pakistan geflüchtet, er hat sich dort vom Tagelöhner zum Ladenbesitzer hochgearbeitet. Die Cricket-Liebe seines Sohnes verstand er nie, Asadullah ging heimlich zum Training. Er hat später in der pakistanischen U 19 in Islamabad gespielt und 2004 aus dem Internet erfahren, dass es nun auch in Kabul eine Cricket-Mannschaft gibt. Er bewarb sich, fuhr hin und blieb.
Über Geld wird er sich keine Sorgen mehr machen müssen: Der Staat hat gerade eine halbe Million Dollar für die Cricket-Männer bereitgestellt, auch eine Mobilfunkfirma und mehrere Banken sponsern die Mannschaft.
Seine Familie will trotzdem, dass er nach Pakistan zurückkehrt und in die Firma des Vaters einsteigt. Asadullah Khan wird dem Ruf nicht folgen, er ist jetzt 25, er träumt davon, Trainer der Nationalmannschaft zu werden. Inschallah.
"Ich will etwas erreichen hier, ich bin jetzt wieder Afghane", sagt er. "Etwas ganz Eigenes. Etwas, bei dem ich später nicht dem Westen danken muss. Damit ich allein auf mich stolz sein kann." ◆
Von Christian Neef

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Der schöne Traum

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch