10.05.2010

AUSSTELLUNGENLichtwolken und Kuhhörner

Das Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert den skurrilen Anthroposophie-Gründer Rudolf Steiner als Vordenker von Kunst und Gesellschaft.
Kannst du wirklich deinen Namen tanzen? Jeder ehemalige Waldorfschüler kennt diese Frage. Sie kommt nicht sofort, das Gespräch muss schon eine gewisse Vertraulichkeit entwickelt haben, aber sie kommt. Und egal, wie die eigene Schulzeit war, jedem Waldorfschüler ist die Frage ein bisschen peinlich. Denn ja, man kann seinen Namen tanzen. Man hat wirklich Eurythmie-Unterricht gehabt, ist zu deklamierten Versen eine Choreografie gelaufen und hat dazu die Arme geschwenkt.
Manchmal, aber das verschweigt man besser, trug man dazu ein Kleid und einen Schleier in Grün oder Lila, sogar mit 17 Jahren noch. Und nein, man macht es natürlich nicht vor. Zumal niemand im Eurythmie-Unterricht seinen Namen getanzt hat. Das waren Goethe-Gedichte und Schubert-Lieder. Aber das reicht dann auch, man ist ja froh, diesen Teil seines Lebens hinter sich zu haben.
Trotzdem ist es eine gute Frage. Sie verdichtet das Bild der Waldorfschulen in einen einfachen Satz. Diese Schulen sind anders, sagt er, irgendwie wird die Kreativität gefördert, aber ob die Kinder all die Dinge, die sie dort beigebracht bekommen, wirklich jemals brauchen, lässt sich anzweifeln. Außerdem wird die Frage von Erstaunen getragen. Das sind wirklich Schulen, die erfolgreich Abiturienten hervorbringen, obwohl sie vorher so verrückte Dinge machen mussten wie Eurythmie? Wie soll das gehen?
Es ist das Paradox der Anthroposophie. Auf der einen Seite handelt es sich bei den Anthroposophen um eine offensichtlich ziemlich durchgedrehte christliche Splittergruppe. Auf der anderen Seite wirkt sie mit dem, was sie macht, weit in die deutsche Gesellschaft hinein. Nicht nur durch die Waldorfpädagogik. Alternative Medizin, biologisch-dynamische Landwirtschaft, grüne Kosmetik - der gesamte Alltag des heutigen deutschen Bürgertums ist von anthroposophischen Gedanken durchpulst. Von der 4200 Höfe umfassenden Bauerngemeinschaft Demeter über die noch von Steiner selbst mitbegründete Weleda-Unternehmensgruppe (Jahresumsatz: 238 Millionen Euro) bis zur GLS-Bank und den DM-Märkten. Überall in Erziehung, Ernährung, Gesundheit, körperlicher Pflege mischen die Anthroposophen mit.
Steiner (1861 bis 1925), der Begründer der Anthroposophie, war nicht nur einer der großen Irren der deutschen Kulturgeschichte. Aus ihm wurde auch ein mainstreamtauglicher Wellness-Philosoph, dessen Goetheanum in Dornach heute ein Wallfahrtsort ist. Nicht einfach, beides unter einen Hut zu kriegen.
Das Kunstmuseum Wolfsburg versucht es nun: "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" und "Die Alchemie des Alltags" heißen die zwei großen Ausstellungen, die Steiner gewidmet werden. Im ersten Teil beschäftigen sich 15 Künstler mit Steiners Kosmos. Es sind keine anthroposophischen Künstler, die hier präsentiert werden, sondern große Namen. Giuseppe Penone, Vertreter der italienischen Arte povera, legt am Eingang biologisch-dynamisches Gemüse auf eine Schneckenform aus Metall. Olafur Eliasson, der in Berlin lebende dänische Künstler, zeigt eine Skulptur. Anish Kapoor, der gerade den Auftrag bekommen hat, in London ein riesiges Wahrzeichen für die Olympischen Spiele zu errichten, hat eine Wolfsburger Wand ausgebeult, daneben kann man sich massieren lassen, die Nackenberührung soll Geist und Körper zusammenführen und so Lichteffekte erzeugen.
Und dann ist da noch Joseph Beuys, der sich zu Steiner bekannte und dessen Assistenten nach seinem Tod überrascht feststellten, wie sehr die Tafeln, die er während seiner Vorträge mit Grafiken und Worten bemalt hatte, den Vortragstafeln Rudolf Steiners ähnelten. Der zweite Teil der Schau präsentiert Steiner als Vordenker von Architektur, Design und Gesellschaft. Viele der Stühle, Architekturmodelle, Briefe, Bilder, Bücher, Filme, Farbkammern und Skulpturen, die das Vitra Design Museum für das Kunstmuseum Wolfsburg zusammengetragen hat, sind das erste Mal außerhalb anthroposophischer Räume zu sehen.
Den Spaß, eines der berühmten Rudolf-Steiner-Porträtfotos in den Eingangsbereich zu hängen, so wie es in jeder Waldorfschule hängt und die Schüler morgens begrüßt, haben sich die Ausstellungsmacher zwar nicht erlaubt. Dafür schaut er vom Ausstellungsplakat in die Weite. "In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft", hat Stefan Zweig einmal geschrieben, und tatsächlich ist sein Blick von erstaunlicher L.-Ron-Hubbard-Haftigkeit. Dabei war Steiner, im Unterschied zu Hubbard, der es nur zum mittelmäßigen Science-Fiction-Schriftsteller brachte, bevor er Scientology gründete, ja wirklich Wissenschaftler.
Steiner studierte Natur- und Geisteswissenschaften an verschiedenen Universitäten, bevor er zum Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes wurde. Er arbeitete als Hauslehrer, Forscher, Redakteur und Buchherausgeber. Politisch war er links, arbeitete für die Sozialdemokraten, beschäftigte sich mit Anarchismus, lebte ein Boheme-Leben.
Die Anthroposophie ist auch die Verlängerung des deutschen Goethe-Kults aus dem 19. Jahrhundert in die deutsche Gegenwart. Vielleicht erklärt die Fixierung auf Goethe sogar, warum die steinersche Geheimgesellschaft anders als etwa der zur selben Zeit entstandene George-Kreis sich bis heute gehalten hat - Anthroposophen können ihr protoreligiöses Begehren immer auf Goethe umleiten, mit Steiner als Mittler. Abgesehen davon wurde aus der Anthroposophie eine höchst bildungsbürgerliche Angelegenheit. Goethe ist auch ein Bollwerk gegen die Popwelt und ihre Oberflächen.
Später hielt Steiner eine schier unübersehbare Masse an Vorträgen über jedes nur erdenkliche Thema (außer über Sex), mit merkwürdigen Sätzen zum Beispiel über Afrikaner. 5965 Vorträge sind es, die meisten wurden von Anhängern mitstenografiert und aufgeschrieben. An einer Wand in Wolfsburg sind 308 seiner Bücher ausgestellt: von "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" bis zu "Über das Wesen der Bienen".
Im Grunde führte er eine äußerst moderne Existenz: das mobile Leben eines Vortragsreisenden und Industrie- und Politikberaters. Aus der Welt der ökonomischen Freiheit funken diese Leute in die Welt des institutionalisierten Handelns. Aber Steiner bot an, was sonst keiner hat: den direkten Draht in den Kosmos.
Die Anthroposophie versucht, christliche Mystik, Naturwissenschaft, Goethe-Lektüre, den deutschen Idealismus und allerlei okkultisches Geheimwissen zu einer wissenschaftlichen Methode zur Erforschung des Übersinnlichen zusammenzurühren. Steiner behauptete, es mit Hilfe der sogenannten Akasha-Chronik bewältigt zu haben, einer Art immateriellem Weltgedächtnis, zu dem er durch "geistige Wahrnehmung" gelangt sei.
So wollte Steiner herausgefunden haben: "Als die noch mit dem Monde vereinigte Erde sich aus der Sonne herausspaltete, gab es noch nicht innerhalb der Menschheit ein männliches und weibliches Geschlecht." Es geht um die Erzengel, um das ahrimanische und luziferische Prinzip, um Astral- und Ätherleiber und um die Möglichkeit, durch Meditation kleine Lichtwolken um Samenkörner wahrzunehmen, die die im Samen gespeicherten Wachstumskräfte sein sollen. Ziemlich krauses Zeug, aber Demeter-Bauern vergraben bis heute bei Vollmond Kuhhörner auf ihren Feldern. Und Waldorfschüler dürfen kein Fußball spielen. Zu erdnah, der Fuß.
Steiners Welt war der unsrigen nicht unähnlich. Das Kaiserreich befand sich in der industriellen Revolution, die die Gesellschaft mit immer neuen Entdeckungen erschütterte. Die Wissenschaft setzte zum Fundamentalangriff auf die religiösen Überzeugungen an, das Gefühl für Zeit und Raum veränderte sich, die Geschlechterverhältnisse gerieten in Bewegung. Die Welt war in Unordnung.
Orientierung finden die Bürger bei Steiner, und sie finden sie auch heute in den Arbeiten des inzwischen zu Weltruhm gelangten Künstlers Olafur Eliasson, dem es in seinen Arbeiten mit der Überblendung von künstlicher Natur und natürlicher Kunst um das gleiche romantische Wohlgefühl wie Steiner geht. In Wolfsburg gibt es eine große Arbeit Eliassons zu sehen: einen vier Meter hohen Turm aus Sperrholz und Glühbirnen, der geometrische Muster an die Wände wirft.
Steiner und Eliasson haben nichts gegen die Annehmlichkeiten der Moderne. Ohne Zug und Telegrafie beziehungsweise Internet und Easyjet wären weder ihre Arbeiten zustande gekommen, noch hätten sie oder ihre Anhänger ohne sie leben wollen.
Trotzdem bestehen beide auf ihrem Einspruch gegen eine Zeit, die als unübersichtlich empfunden wird. Eliasson will mit seinen künstlichen Wasserfällen und Sonnen, Lichtspielen, Nebelmaschinen und Regenbogenfarben dem Menschen das Gefühl geben, er sei das Zentrum seiner eigenen Welt.
Wie beide am Ende auch erfolgreiche Unternehmer in eigener Sache sind. Auch dies nötigte und nötigt dem Publikum Respekt ab - ist es doch vor allem das Bildungsbürgertum, alt wie jung, das Steiner und Eliasson goutiert und für das die Waldorfschule eine Art Refugium ist.
Ein Refugium, in dem man sicher sein kann, nicht mit der multikulturellen Gegenwart der deutschen Städte konfrontiert zu werden. Türken schicken ihre Kinder eben nicht zu Rudolf Steiner und auch nicht die Arbeiterfrauen, die draußen vor der Tür des Wolfsburger Museums in der etwas heruntergekommenen Fußgängerzone in der Sonne sitzen, neben Jugendlichen Kaffee und Bier trinken und sich vom Einkauf bei H&M erholen.
Ein paar Meter entfernt vom Museum gibt es einen DM-Markt. Die Kette wurde von Götz Werner begründet, einem bekennenden Anthroposophen. Die Filialen haben große Gestaltungsspielräume, die Angestellten werden anständig bezahlt, die Auszubildenden spielen Theater. Sie haben einen Spruch auf der Schürze, eine Variante des berühmten Satzes aus Goethes "Faust": "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein."
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 19/2010
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