17.05.2010

ZEITGESCHICHTEOffene Briefe an die Ostfront

Eine neue Studie würdigt die lange verfemte „Rote Kapelle“ - die Widerstandskämpfer klärten ihre Zeitgenossen schon früh über die Massenverbrechen der Nazis auf.
Am 17. Juni 1941 legte der sowjetische Volkskommissar für Staatssicherheit seinem Chef einen alarmierenden Vermerk vor. Die Vorbereitungen Deutschlands für einen Krieg gegen die Sowjetunion seien abgeschlossen, mit dem Angriff könne jederzeit gerechnet werden.
Stalin antwortete dem "Genossen Merkulow": "Schicken Sie Ihren Informanten aus dem Stab der deutschen Luftwaffe zu seiner Hurenmutter zurück. Das ist kein Informant, sondern ein Desinformator." Der Diktator irrte. Fünf Tage später fielen deutsche Truppen in sein Land ein.
Der von Stalin zu Unrecht Geschmähte war Harro Schulze-Boysen, Offizier im Reichsluftfahrtministerium. Er hatte von dem bevorstehenden Einmarsch erfahren und gemeinsam mit anderen deutschen Widerständlern beschlossen, die Sowjets zu warnen. Vergebens.
Die tragische Episode erlangte große Bekanntheit - und prägte das Bild eines angeblich von Moskau gesteuerten kommunistischen Agentenzirkels. Schon die Gestapo hatte diese Lesart verbreitet, nachdem sie im Sommer 1942 aufgrund eines dechiffrierten Funkspruchs über hundert Männer und Frauen enttarnt und verhaftet hatte: "Rote Kapelle" taufte sie die zuvor namenlose Gruppe - "Rot" sollte für die politische Gesinnung stehen, "Kapelle" bezeichnete im Jargon eine Gruppe von Funkern.
Ein völlig anderes Bild zeichnet die erste umfassende Biografie ihrer führenden Köpfe, die diese Woche in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock vorgestellt wird(*1). Demnach handelte es sich bei den Regimegegnern keineswegs um kommunistische Kader, sondern um ein loses Netz von Privatleuten, die aus eigenem Antrieb und mit bewunderswertem Mut gegen Hitler kämpften. Über 50 Männer und Frauen aus der Gruppe wurden dafür hingerichtet.
Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne Nelson hat die Lebenswege einiger Widerständler nachgezeichnet, etwa den von Schulze-Boysens Frau Libertas, die im Reichspropagandaministerium Beweise für den Massenmord sammelte: Fotos, die Frontheimkehrer mitgebracht hatten, Filme vom Morden der Einsatzgruppen. Oder den des Bühnenautors Adam Kuckhoff, seiner Frau Greta und des Beamten im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack.
Die Nazi-Gegner leisteten Fluchthilfe für Verfolgte, steckten Zwangsarbeitern Lebensmittel zu und klebten regimekritische Parolen an die Hauswände der Reichshauptstadt - stets unter Lebensgefahr. Als der Kontakt mit Moskau fruchtlos blieb und der Aufbau einer regelmäßigen Funkverbindung misslang, verlegten sich die Widerständler auf Aufklärung nach innen - als Agentenring hatten sie sich ohnehin nie verstanden.
"Das Gewissen aller wahren Patrioten bäumt sich auf gegen die ganze derzeitige
Form deutscher Machtausübung in Europa", schrieb Schulze-Boysen in der "Agis-Flugschrift", die die Gruppe im Februar 1942 anonym an Berliner Beamte, Ärzte, Offiziere und Professoren verschickte. In den besetzten Ländern würden täglich Hunderte, oft Tausende Menschen ermordet. "Menschen, denen man nichts anderes vorzuwerfen hat, als dass sie ihrem Lande die Treue halten." Niemand könne "noch länger die Augen verschließen vor der uns alle bedrohenden Katastrophe der nationalsozialistischen Politik".
In einen anderen Aufruf, die "Offenen Briefe an die Ostfront", legte Dramaturg Kuckhoff seine ganze Wortgewalt. Er berichtete von Polizisten, die nach dem Ost-Einsatz mit Nervenleiden ins Krankenhaus eingeliefert worden seien. Einer habe gestanden, "auf Befehl monatelang Morgen für Morgen bis zu 50 Menschen erschossen" zu haben.
Solche hellsichtigen Zeugnisse verblassten später hinter dem Agentenmythos um die "Rote Kapelle". Vielleicht auch, weil sie die deutschen Geschichtsschreiber früherer Tage mit unangenehmen Einsichten konfrontierten: dass man im Deutschen Reich nicht tatenlos bleiben musste. Und: dass die Verbrechen sichtbar waren für alle, die sehen wollten.
Als historisches Vorbild wurde die "Rote Kapelle" ausgerechnet vom Ministerium für Staatssicherheit in der DDR erkoren. Die Stasi bog sich die Geschichte so zurecht, dass sie in die verordnete deutsch-sowjetische Freundschaft passte und die eigene Spitzeltätigkeit als antifaschistisch legitimierte.
Von einer "verblüffenden Übereinstimmung" der Rezeptionen in Ost und West spricht Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Beide Seiten hätten im Kalten Krieg die "Konstrukte der Geheimen Staatspolizei" weitertransportiert. So sei das Vermächtnis einer Gruppe verfälscht worden, die "einige der beeindruckendsten Dokumente des Widerstands" hinterlassen habe.
Dazu gehört auch der erschütternde Abschiedsbrief, den Harro Schulze-Boysen am 22. Dezember 1942 kurz vor seiner Hinrichtung aus der Strafanstalt Plötzensee an seine Eltern schrieb. "Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus." Er gehe seinem Ende ruhig entgegen. "Dieser Tod passt zu mir."
(*1) Anne Nelson: "Die Rote Kapelle. Die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe". C. Bertelsmann Verlag, München; 512 Seiten; 24,95 Euro.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 20/2010
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