17.05.2010

MEDIZINErst mal heulen

Vielen Krankenhäusern geht das Personal aus. Vor allem den Ärztinnen sind die Arbeitsbedingungen in den Kliniken zu familienfeindlich.
Es gibt eine Sorte Chefarzt, die würde Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) am liebsten abschaffen. Seinen Unmut erregen all jene betagten Klinikleiter, die den Krankenhausalltag straff nach Kasernenmanier organisieren, Alleinerziehende für Minderleister halten und Kita-Angebote für Geldverschwendung: "Einige Krankenhäuser müssen deutlich umdenken; ansonsten wird es immer schwerer, Nachwuchs für die Kliniken zu finden."
Rösler, 37, sitzt in seinem Büro und trinkt einen Schluck Kaffee. Seine Tasse ist mit Fotos seiner Töchter bedruckt: Grietje Marie und Gesche Helene, beide eineinhalb Jahre alt. Seit die Zwillinge auf der Welt sind, weiß Rösler aus eigener Anschauung, wie schwer Krankenhausalltag und Kindererziehung zusammengehen. Für seine Frau Wiebke sei es "ein echtes Problem" gewesen, nach der Elternzeit eine Klinik mit verträglichen Arbeitszeiten zu finden.
Seit einigen Monaten arbeitet die 31-Jährige wieder drei Tage die Woche als Ärztin in Hannover und macht ihre Weiterbildung zur Internistin. Möglich ist selbst diese Teilzeitarbeit nur, weil die Röslers sich eine Tagesmutter leisten können und mitunter sogar der Patenonkel einspringt oder die Schwiegermutter aus Goslar angereist kommt.
Die persönlichen Erfahrungen des Gesundheitsministers spiegeln ein allgemeines Problem wider. Rund 60 Prozent der 80 000 Medizinstudenten sind mittlerweile Frauen. Schon bald wird es in Deutschland mehr Ärztinnen als Ärzte geben. Sie sind teuer ausgebildet, haben exzellente Abschlüsse - und werden in deutschen Kliniken und Praxen dringender gebraucht denn je.
Doch die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern sind so familienfeindlich, dass sich vor allem Frauen mit Kinderwunsch oft gar nicht mehr vorstellen können, als Ärztin zu arbeiten. Jede Dritte bricht während der Weiterbildung die Medizinerlaufbahn ab.
Selbst Teilzeitarbeit ist kaum mit einem Familienleben und den Kita-Öffnungszeiten vereinbar; denn sogar bei einer halben Stelle sind zahlreiche, oft ungeplante Überstunden üblich. Viele Teilzeitärzte müssen zudem das volle Pensum an Nacht- und Wochenenddiensten absolvieren - und kommen dabei auf mehr Arbeitsstunden als in anderen Berufen eine Vollzeitkraft. Oft sind die Abläufe auch noch so starr organisiert, dass eine sinnvolle Arbeit in Teilzeit kaum möglich ist.
So werden talentierte Chirurginnen zu Hausfrauen, vielversprechende Internistinnen zu Verwaltungsangestellten. Angehende Kinderärztinnen arbeiten lieber in der Pharmaindustrie - oder gehen nach Skandinavien, wo Arbeitszeiten und -bedingungen besser sind.
Die Folge: Nach einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts konnten im vergangenen Jahr 5000 Arztstellen in deutschen Kliniken nicht besetzt werden. 80 Prozent der rund 2100 Krankenhäuser haben Probleme, offene Stellen zu besetzen. Auch auf dem Ärztetag vergangene Woche war der Medizinermangel vor allem auf dem Lande eines der zentralen Themen.
Der Gesundheitsminister lässt nun Vorschläge prüfen, wie der Arztberuf familienfreundlicher gestaltet werden kann. "Das ist für junge Frauen wichtig, aber zunehmend auch für familienbewusste Männer", sagt er. In seinem Ministerium gibt es bereits eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Feminisierung des Arztberufs beschäftigt.
Für Ärztinnen wie Heike O. sind das gute Nachrichten. Sieben Jahre lang studierte sie Medizin. Zweieinhalb Jahre lang war sie Ärztin in der Chirurgie. Dann wurde sie Mutter - und arbeitet seitdem gar nicht mehr. Zwei bis drei Nachtdienste in der Woche, Überstunden, die völlig überraschend anfielen, nur ein Wochenende im Monat frei, und das bei einer Zweidrittelstelle - so sah die Praxis an ihrem Krankenhaus aus.
"Freundinnen von mir, die mit Kind weiterarbeiten, brechen vor lauter Stress oft alle sozialen Kontakte ab", erzählt O. "Für die ist es ganz normal, dass sie nach Hause kommen und erst mal heulen oder einen Sherry trinken."
Chirurgin Katrin Welcker hat sich trotz aller Widrigkeiten durchgekämpft. Mittlerweile ist sie Leitende Oberärztin am Klinikum Bremen-Ost. "Arbeitswochen mit 60 oder sogar 70 Stunden sind leider nach wie vor die Realität", erzählt sie. Für Frauen, deren Ehepartner voll arbeiten, und für Alleinerziehende sei das kaum zu bewältigen. Die 44-Jährige hat zwei Töchter, 12 und 14 Jahre alt. "Ich hatte in der Anfangszeit sehr viel Unterstützung von meiner Familie", sagt sie. "Anders wäre das nicht gegangen."
Welcker ist die einzige Frau im Präsidium der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft. Auf Kongressen fällt sie zwischen den ergrauten Männern sofort auf: "Erst jetzt so langsam bewegt sich etwas."
Wie es besser laufen kann - für Ärztinnen und Ärzte gleichermaßen -, zeigt das Beispiel Schweden. Die Wochenarbeitszeit beträgt dort 40 Stunden, Überstunden werden mit Freizeit ausgeglichen. Gute, bezahlbare Kita-Betreuung ist für Kinder ab einem Jahr garantiert.
Von Katrin Elger und Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 20/2010
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