31.05.2010

GEDENKENMielkes verlassene Stadt

Das alte Stasi-Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg verfällt, die meisten Gebäude stehen leer. Jetzt streiten Bürgerrechtler, der Bund und Lokalpolitiker über die Zukunft des Geländes - und den richtigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit.
Vielleicht kommt ja sogar die Polizei, sagt Jörg Drieselmann, und er klingt, als wäre das für ihn nicht mal die schlechteste Lösung. Wenn die Polizei sie rausholen würde, die Besetzer von Mielkes Büro, nach 20 Jahren.
Er wippt auf der alten Couch, die in seinem Besprechungsraum in Berlin-Lichtenberg steht. Drieselmann ist nervös. Er schaut zum Fenster, auf die vergilbten Gardinen, "alles noch echt DDR", sagt er, so wie die Lichtschalter und das Linoleum. Drieselmann ist 53, ein hagerer Mann mit grauem Bart. Als Jugendlicher saß er in Erfurt in einem Stasi-Gefängnis. Seit der Wende ist der Dienstsitz von Erich Mielke, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), sein Museum.
Aber nun soll er hier raus, mitsamt den Ausstellungsstücken. "Unverzüglich, spätestens bis zum 31.05.2010", soll er den Bau verlassen, "beräumt von Ihren persönlichen Gegenständen", so steht es in einem Brief, den Drieselmann und sein Verein, die "Antistalinistische Aktion" (Astak), bekommen haben.
Die Bundesrepublik Deutschland will Mielkes Bürogebäude übernehmen, das Haus 1 im Stasi-Hauptquartier. Sie will es sanieren und zu einer nationalen Gedenkstätte machen.
Deshalb ringen Bürgerrechtler und die Kulturleute im Bundeskanzleramt jetzt um jedes Detail. Und um die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte. Die Beamten sorgen sich um Wasserschäden und Brandschutz. Sie drohen, Haus 1 komplett zu schließen, falls es nicht zur Sanierung kommt. Und die Bürgerrechtler haben Angst um Lichtschalter und Linoleum, alles soll nach der Renovierung so aussehen wie früher, bloß kein modernes, glattes Museum.
Was soll aus dem MfS-Hauptquartier werden? Wie viel davon soll noch an die Geschichte erinnern? Wer soll das machen? Und was wird aus den vielen Stasi-Gebäuden, von denen die meisten leer stehen und verfallen? 20 Jahre nachdem Bürger im Januar 1990 das Gelände stürmten, geht es um Vergangenheit und Zukunft der alten Überwachungszentrale. Der Bund will das Gedenken an den SED-Staat und seinen Unrechtsapparat nicht länger Privatinitiativen überlassen. Die Bürgerrechtler möchten sich ihr Lebenswerk nicht so einfach von der Bundesrepublik wegnehmen lassen. Und die Lokalpolitiker von Berlin-Lichtenberg wollen endlich das Image vom Stasi-Bezirk loswerden.
Magdalenenstraße, Normannenstraße, Ruschestraße. Wer diese Straßennamen hörte in Ost-Berlin, der dachte: Stasi. Zwischen diesen Straßen liegen die wichtigsten Gebäude, in der Mitte Haus 1 mit dem Ministerbüro. Die Hauptverwaltung Aufklärung von Markus Wolf saß in Haus 15. Am anderen Ende Haus 18, das Versorgungs- und Vergnügungszentrum der Stasi-Leute mit Speisesälen, Kaufhalle und Reisebüro.
Das Hauptquartier bestand aus mehr als 20 Bürogebäuden für die Führung um Mielke und Wolf, drum herum waren noch einmal 13 Häuser angesiedelt. Insgesamt bis zu 7000 hauptamtliche Mitarbeiter haben hier die Überwachung der ganzen DDR verwaltet.
Nach der Wende zog die Deutsche Bahn in den Plattenbau von Wolfs Auslandsabteilung, die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen lagert in den Häusern 7 bis 11 ihre Akten, in Haus 2, wo die Spionageabwehr saß, ist eine Außenstelle des Finanzamts, ein Ärztehaus gibt es noch. Doch jetzt zieht der größte Anlieger, die Bahn, wieder aus, andere sind schon fort, an vielen Häusern platzt die Fassade, neue Mieter sind nicht in Sicht.
Was tun? Das ist die Frage für Jörg Drieselmann, den Bürgerrechtler, für Helge Heidemeyer, der Beamter in der Birthler-Behörde ist und den Bund vertritt. Und für Andreas Geisel, den Baustadtrat von Lichtenberg.
In Berlin-Mitte sitzt Helge Heidemeyer im Restaurant Borchardt. Er trägt einen dunklen Anzug, er ist freundlich und vorsichtig, wie ein Diplomat, der über ein schwieriges Gebiet im Fernen Osten redet. Es geht um die alte Stasi-Zentrale, keine halbe Stunde würde man dorthin mit der U-Bahn brauchen, aber die gefühlte Entfernung ist riesengroß.
Heidemeyer leitet die Abteilung Bildung und Forschung der Birthler-Behörde, sein Amt soll nach der Sanierung die neue Gedenkstätte in Mielkes Haus aufbauen. "Haus 1 soll der Ort für die Darstellung des Themas Repression in der SED-Diktatur werden", sagt er. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass Bundesregierung und Bundestag dazu ein offizielles "Gedenkstättenkonzept" beschlossen haben und Bundeskulturstaatsminister Bernd Neumann zuständig ist. Heidemeyer ist gewissermaßen für den ganzen Staat in das Restaurant gekommen.
Es gibt in Berlin das Mauermuseum am Checkpoint Charlie und ein buntes "DDR-Museum" und "Trabi-Safaris" in der Innenstadt, alles von Privatleuten betrieben, eine Art DDR-Themenpark für Hauptstadttouristen. Der Bund möchte nicht, dass allein Unternehmer und Vereine das Geschichtsbild prägen, deshalb das Gedenkstättenkonzept. "Kein anderer Ort in Deutschland symbolisiert in vergleichbarer Weise den lautlosen Terror des MfS", heißt es darin über das Haus 1, und daraus leitet Heidemeyer seinen Auftrag ab.
Aber er will auch nicht Drieselmanns Gegner sein in dieser Sache. Niemand möchte das sein. Er sagt, dass es "eine große Chance" sei, mit dem Verein von Drieselmann gemeinsam etwas zu planen. Er redet von "interaktiven Elementen", die Birthler-Behörde hat eine Ausstellung, die in Haus 1 passen würde, auch ein großes Bildungsangebot. Leider wolle die Antistalinistische Aktion im Moment nicht mit der Behörde planen.
Drieselmann auf seiner Couch in Lichtenberg lacht heiser, wenn er das hört. Ein Anhängsel sollen sie werden, ein weiteres Ausstellungsstück möglicherweise: die letzten Bürgerrechtler.
Ein Dokumentations- und Bildungszentrum, zusammen mit den Beamten der Birthler-Behörde? "Wäre ein Aufarbeitungskombinat", sagt er, "eine staatliche Behörde sollte man nicht durch eine andere ersetzen."
Mit der DDR hat sich Drieselmann schon früh angelegt. Mit 18 Jahren kam er ins Gefängnis, später wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebte nicht mehr in der DDR, aber er blieb ein DDR-Dissident, gleich nach dem Ende der Diktatur kam er zurück.
Vielleicht fällt es ihm deshalb so schwer, sich aus der Rolle des Oppositionellen zu lösen. Am liebsten wäre ihm, es bliebe alles, wie es ist. Er würde einfach gern weiter sein Museum leiten, mit den 34 Leuten vom Verein, nicht mit der Behörde - und weiter Besuchergruppen durchs Haus führen, auf seine Art. Drieselmann hat keine moderne Museumstechnik, aber er kann Geschichten erzählen. Die "interaktiven Elemente" im Museum sind die Führungen von ihm und seinen Mitarbeitern.
Und das hat bislang gereicht. 2009 sind 100 000 Besucher in sein Museum gekommen. Von Jahr zu Jahr sind die Zahlen gestiegen, vor allem seit 2006, da lief "Das Leben der Anderen" im Kino. Einige Szenen aus dem Stasi-Film wurden in der Mielke-Etage gedreht.
Drieselmann hat sich gesträubt gegen den Bund und sein "Gedenkstättenkonzept", er hat wütende Briefe geschrieben, Forderungen gestellt, den Auszug zum 31. Mai verweigert. Doch die Beamten aus dem Kanzleramt verweisen kühl auf den Bundestagsbeschluss. Ab Juni bekommt sein Museum keine öffentlichen Gelder mehr, zwei Drittel des Etats sind dann weg.
Allzu lange hat sich kaum etwas bewegt im Streit Drieselmanns gegen die Bundesrepublik, während das Gelände rund um Haus 1 verkommt und den Bezirk Lichtenberg belastet.
"Eine Stadt muss doch auch wieder leben", sagt Andreas Geisel. Er steht neben der Imbissbude gegenüber dem Museum, das hier ist sein Bezirk. Er ist Stadtrat seit 15 Jahren, ein SPD-Mann in Jeans und blauem Jackett, in Lichtenberg aufgewachsen, zuständig für Bau, für die Zukunft also, nicht die Vergangenheit. Er will, dass sein Viertel endlich den alten Ruf loswird, das Image "Stasi / Neonazis / Plattenbau", wie er selbst sagt.
Der Bezirk habe sich sonst gut entwickelt, die meisten Platten seien saniert, es gebe viel Grün, viele Familien, sagt er. Dann schaut er auf die Stasi-Gebäude um sich herum: 101 000 Quadratmeter Bürofläche, die Hälfte davon schon heute leer, demnächst steige die Quote wohl auf 90 Prozent. So kann es nicht weitergehen, sagt Geisel, Leerstand führe zu Verfall und Vandalismus, "das strahlt auf die Umgebung aus".
Geisel hat schon viele Vorschläge gehört. Studenten der Technischen Universität Cottbus haben gerade Pläne für das Gelände entworfen, sie wollen Wohnungen aus den Büros machen oder einen Park anlegen. Es waren auch schon mal Künstlerateliers oder Probenräume für Bands im Gespräch. Geisel zuckt mit den Schultern, "so viele Künstler oder Bands müssen Sie erst mal finden".
Der Bau-Stadtrat hätte sich eher eine große Behörde in den Bürohäusern vorstellen können. Zum Beispiel den Bundesnachrichtendienst (BND) als Nachmieter der Stasi, eine tollkühne bis trotzige Idee und vor allem völlig chancenlos. Der BND baut jetzt für insgesamt 1,5 Milliarden Euro eine Zentrale in Berlin-Mitte.
Deshalb soll nun ganz neu gedacht werden. Geisel will das Gelände zum Sanierungsgebiet machen, wenn alles gutgeht und der Berliner Senat zustimmt, könnte es noch diesen Sommer klappen. Als Erstes soll es dann einen internationalen Architekturwettbewerb geben.
Geisel möchte den Ergebnissen nicht vorgreifen. Zumal sich die von Leerstand geplagte Hauptstadt mit Investoren derzeit schwertut. Der Stadtrat könnte sich deshalb auch vorstellen, dass man ganze Häuser abreißt, dass bald nichts mehr so aussieht wie früher. Einfach weg mit der ganzen unnützen Stasi-Stadt.
Nur Haus 1 wird ganz sicher bleiben, das Museum mit dem Mielke-Büro, es steht unter Denkmalschutz. Drieselmann und die Bundesregierung müssen eine Einigung finden, die Zeit drängt, das Dach ist undicht, im Keller steht schon Wasser. Außerdem ist gerade Geld für die Sanierung vorhanden, elf Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket zur Stützung der deutschen Volkswirtschaft. Die Bauarbeiten müssen schnell beginnen, sonst bekommt ein anderes Projekt das Geld.
Die Beamten von Kulturstaatsminister Neumann versuchen nun eine Annäherung. In einem neuen "Grobkonzept" schlagen sie Drieselmann vor, dass sein Verein und die Birthler-Behörde je eine Etage im Haus 1 bekommen und der Verein weiter die Mielke-Etage betreut. Außerdem sollen beide Seiten "in Einstimmigkeit" ein neues Gesamtkonzept erarbeiten. Es sieht wie ein vergleichsweise gutes Angebot aus.
Aber Drieselmann, der alte Bürgerrechtler, hadert noch. Er will jetzt die Baupläne sehen, er will mitbestimmen über die Sanierung, "bis ins Detail", sagt er. Es fällt ihm einfach schwer, der Staatsmacht zu vertrauen.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 22/2010
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