31.05.2010

BUNDESWEHRFaustgroße Löcher

Sechs afghanische Soldaten starben, weil sie von den Deutschen in Panik beschossen wurden. Das legt ein Untersuchungsbericht nahe.
Als der Kommandeur des deutschen Feldlagers in Kunduz Mitte Mai zu den Lehmhütten der afghanischen Soldaten am anderen Ende des Flughafens fährt, hat er sechs tote Hammel und rund 12 000 Dollar dabei. Das ist Blutzoll, er soll wiedergutmachen, was nicht gutzumachen ist. Am Karfreitag hatten seine Soldaten sechs Kameraden der Afghanischen Nationalarmee (ANA) versehentlich getötet. "Friendly Fire" heißt das im Militärjargon.
Dem Bundestag wurde mitgeteilt, die Familien der Opfer seien "nach landesüblichen Maßstäben abgefunden" worden, und es sei "kein Dienstvergehen der an dem Zwischenfall beteiligten deutschen Soldaten festzustellen".
Das war, wie es scheint, eine vorschnelle Aussage. Sechs Afghanen mussten womöglich sterben, weil die Bundeswehr Informationen nicht ordentlich weiterleitete, deutsche Soldaten zu früh schossen und hinterher keine Hilfe leisteten. Dies ergibt sich aus Untersuchungen der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan und der Bundeswehr.
Gesichert ist, dass eine Infanteriekompanie am 2. April um 19.21 Uhr das Camp in Kunduz verlässt. Sie soll Soldaten ablösen, die sich seit Stunden etwa fünf Kilometer westlich des deutschen Lagers nahe dem Örtchen Isa Khel heftige Gefechte mit Aufständischen liefern. An der Spitze des Konvois fahren zwei Schützenpanzer vom Typ "Marder". Rund eine halbe Stunde später kommen den Deutschen zwei Fahrzeuge entgegen, ein geländegängiges Militärfahrzeug vom Typ Humvee und direkt dahinter ein Ford Ranger Pick-up.
Glaubt man der Bundeswehr, dann gab es zwei Warnungen. Zunächst feuerten die Deutschen einen oder zwei Schüsse mit roter Leuchtmunition ab. Weil die Fahrzeuge nicht stoppten, habe ein "Marder" etwa 50 Meter vor dem Humvee in den Boden geschossen. Der Humvee habe angehalten, sei aber vom Ford Ranger überholt worden. Daraufhin hätten die Soldaten das Feuer eröffnet.
Erst als sie die Fahrzeuge passierten, hätten die Deutschen gemerkt, dass sie auf ANA-Kräfte geschossen hatten. Weil sie davon ausgingen, dass es keine Überlebenden gab, seien sie weitergefahren, um ihren Auftrag zu erfüllen.
Bei der Afghanischen Nationalarmee in Kunduz herrscht Unmut über diese Darstellung. In dem ärmlichen Camp aus Containern und Lehmhütten hockt Stabsfeldwebel Orogol. Er fuhr in dem Humvee, der deutlich als Armeefahrzeug gekennzeichnet war, als die tödlichen Schüsse fielen. "Die Deutschen haben doch so gute Technik", sagt er, "sie hätten uns doch erkennen müssen."
Orogol berichtet, die Deutschen hätten zwar zuerst rote Leuchtmunition abgefeuert, aber sofort darauf scharf geschossen. "Wir hatten gar keine Zeit, uns zu erkennen zu geben." Er selbst habe sich in einen Graben neben der Straße fallen lassen und nur deshalb überlebt.
Auch im Isaf-Untersuchungsbericht gibt die afghanische Seite zu Protokoll, die Deutschen hätten schon unmittelbar nach den Leuchtkugeln scharf geschossen. Der Fahrer des Ford Ranger sei tödlich getroffen worden, das Fahrzeug sei außer Kontrolle geraten und an dem Humvee vorbeigerollt. Die Insassen des Humvee versuchten, zu fliehen oder in Deckung zu gehen, dabei wurde einer erschossen. Die Besatzung des Ford Ranger starb im Kugelhagel des "Marder". Faustgroße Löcher fanden die Ermittler in der Front des Fahrzeugs.
Die deutschen Soldaten standen in dieser Nacht unter großem Druck. Drei Kameraden waren einige Stunden zuvor im Gefecht gefallen. Zudem sind afghanische Einheiten nicht immer leicht als solche zu erkennen. Auch Taliban nutzen gestohlene ANA-Fahrzeuge zur Tarnung. Und doch kommt der Isaf-Bericht zu dem Schluss, dass der Tod der sechs Soldaten hätte verhindert werden können.
Denn die afghanischen Soldaten sollen ihren belgischen Ausbildungsoffizier darüber informiert haben, dass der Humvee und der Ford Ranger sich auf den Weg zurück nach Kunduz gemacht hätten, um Proviant zu organisieren. Der Belgier habe diese Information an die Operationszentrale der Deutschen weitergeleitet. Diese Meldung sei aber hängengeblieben.
Die Ermittler kritisieren ebenfalls, dass die Deutschen gemäß den Einsatzregeln den Ort hätten sichern müssen, bis lokale Sicherheitskräfte eingetroffen wären. Die Bundeswehr rechtfertigt das Verhalten damit, dass die Soldaten für die toten Afghanen nichts mehr hätten tun können und ihre deutschen Kameraden im Gefecht hätten unterstützen müssen.
Ihren neuen Anspruch an Transparenz und Offenheit hat die Bundeswehr jedenfalls erneut nicht eingehalten. Auch die Pressemitteilung, die sechs Stunden nach dem Vorfall im Internet veröffentlicht wurde, entspricht nicht der Wahrheit: "Auf dem Weg zur Ablösung bewegten sich zwei zivile Kraftfahrzeuge auf die deutschen Kräfte zu und hielten auch nach Durchführung aller von deutscher Seite durchgeführten Sicherheits- und Identifizierungsverfahren nicht an."
General Murad Ali Murad, der das 209. Korps der afghanischen Armee führt, reagiert gereizt, wenn er auf den Vorfall angesprochen wird. "Jedes Kind erkennt afghanische Armeefahrzeuge, gerade die Deutschen hätten das mit ihrer ausgereiften Technik auch sehen müssen. Wer behauptet, die Deutschen hätten keinen Fehler gemacht, ist ein Lügner."
Die Bundesanwaltschaft prüft nun, ob es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gibt.
Von Ulrike Demmer, Matthias Gebauer und John Goetz

DER SPIEGEL 22/2010
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