31.05.2010

INTERVIEW„John Lennon holte mir ein frisches Bier“

Der britische Schriftsteller Roy Carr über Popmusik, Partys und den Umgang mit Geld
SPIEGEL: Sie haben Ihr Leben der Popmusik gewidmet. War es das wert?
Carr: Absolut! Ich bin jetzt 70 und habe die letzten 50 Jahre ständig über Musik und Musiker geschrieben und mich nie gelangweilt - bis auf eine Ausnahme.
SPIEGEL: Welche Ausnahme?
Carr: Das war in Las Vegas, als ich auf ein Interview mit Elvis Presley wartete, sechs, sieben Tage lang, immer wurde ich vertröstet, da kam meine Begeisterung dann doch ins Wanken. Aber mit allen anderen Musikern kam ich bestens zurecht.
SPIEGEL: Mit wem?
Carr: Na ja, mit allen, die damals einen Stil suchten, mit John Lennon und Paul und George war ich sehr vertraut und mit Keith Moon von den Who, ich hing mit Mick Jagger und Keith Richards rum. Die Zeiten waren eben so.
SPIEGEL: Wie denn?
Carr: Stars wurden noch nicht von solch einer Entourage abgeschirmt, nehmen Sie Lennon. Etwa 1972, in New York, die Beatles hatten sich getrennt, er spielte mit Yoko und allen möglichen Leuten. Ich kam nach seinem Konzert im Madison Square Garden in mein Hotel, da finde ich einen Zettel: "Johnny Rhythm hat angerufen, bitte zurückrufen."
SPIEGEL: Johnny Rhythm?
Carr: Das war Lennon. Er gab mir eine Adresse durch, und eine halbe Stunde später klopfe ich an die Tür seiner Suite im 30. Stock im Americana. Eine tolle Party war im Gange …
SPIEGEL: War es kein Problem, dass Sie ständig mit Millionären zu tun hatten?
Carr: Für mich nicht. Man darf nur eine bestimmte Grenze nie überschreiten …
SPIEGEL: Was für eine Grenze?
Carr: Zum Beispiel war ich mit Keith Moon in Paris. Wir gingen ins Crazy Horse. Keith war so lustig, irgendwann gab er mir sein ganzes Geld, einen Batzen Scheine. He, halt das mal.
SPIEGEL: Aber Sie durften es nicht behalten.
Carr: Genau, ich gab es ihm am nächsten Morgen zurück. Und er fragte: "Wo kommt das Geld her?" Solche Situationen gab es oft.
SPIEGEL: Können Sie sich an eine andere erinnern?
Carr: Ja, in Lennons Suite im Americana war mein Bier rasch ausgetrunken. Lennon holte mir ein frisches, ganz aufmerksamer Gastgeber. Das war toll.
Roy Carr: "A Talk on the Wild Side". Edel - Ear Books, Hamburg; 120 Seiten; 49,95 Euro.

DER SPIEGEL 22/2010
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