31.05.2010

Der gute Amerikaner

Wie ein Einwanderer die New Yorker beschämte
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE
Hugo Alfredo Tale-Yax ging die 144. Straße in Queens, New York, hinunter, die Hände in den Hosentaschen, die Kapuze auf dem Kopf, er hatte kein Ziel, er wartete ab, was der Tag bringen würde.
Auf dem Bürgersteig vor ihm standen ein Mann und eine Frau. Sie stritten, der Mann wurde lauter, dann holte er aus und schlug die Frau. Es war ein heftiger Schlag, die Frau war unvorbereitet, und Tale-Yax war es auch.
Er stammte aus Guatemala, ein 31-jähriger Einwanderer ohne Papiere, ohne Job. Er war vor über fünf Jahren in die USA gekommen mit der Hoffnung auf eine faire Chance und etwas Wohlstand, aber beides blieb ihm versagt. Er wurde erst Alkoholiker, dann obdachlos, und nun steht er auf der 144. Straße in Queens, an einem Sonntagmorgen gegen halb sechs. Die Straße ist leer, bis auf ihn, den Mann und die Frau. Tale-Yax könnte jetzt einfach weiterlaufen, so tun, als hätte er nichts gesehen, und sich davonstehlen.
Er könnte diese Situation aber auch als Chance sehen. Er könnte beweisen, dass er ein anständiger Mensch ist, der aufrecht durchs Leben gehen will. Das war die Wahl, vor der Tale-Yax stand, er entschied sich für Variante Nummer zwei.
Es gab einen Tumult, und plötzlich hatte der Schläger ein Messer in der Hand, stieß es dreimal in die Brust von Tale-Yax und rannte fort, die Frau floh in die andere Richtung.
Tale-Yax rannte dem Mann hinterher, er schaffte fünf Schritte, dann fiel er nach vorn, auf den Bauch. Er stemmte sich kurz hoch, rollte ein paar Zentimeter nach links, seine Beine zuckten in der Luft, dann fielen sie zu Boden, und Tale-Yax lag regungslos auf dem Bürgersteig, sein Kopf wies zu den Wohnungen, die Füße zeigten zur Straße. Ein Fußgänger kam. Er sah Tale-Yax und ging an ihm vorbei.
Hugo Alfredo Tale-Yax lebte seit über fünf Jahren in den USA, geboren wurde er in einem Bergdorf in Guatemala, es heißt La Esperanza, die Hoffnung. Als er zur Schule ging, zeigten ihm Freunde auf Postkarten die Skyline von Manhattan. Die Nachbarn hatten einen Fernseher, manchmal sahen sie Hollywood-Filme.
Tale-Yax wohnte mit seinen fünf Geschwistern und den Eltern in einem Haus mit zwei Zimmern, so erzählen es heute seine Verwandten. Nach der Schule half er seinem Vater in der Tischlerei, am Wochenende spielte er mit seinen Cousins Fußball am Fluss. Er dachte, er könnte ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten arbeiten und dann zurückkommen nach La Esperanza, um sich ein Haus zu bauen, ein Restaurant zu eröffnen.
Er lieh sich von Verwandten 3000 Dollar und fuhr an die mexikanische Grenze, er überquerte sie zu Fuß, dann reiste er in einem Van von Arizona nach New Jersey zu seinem Cousin, mehrere Wochen war er unterwegs. In New Jersey arbeitete er in Restaurants, auf Baustellen, irgendwann sagte ein Freund, er solle nach Queens kommen, dort gebe es bessere Jobs. Doch dann kam die Finanzkrise über Amerika und über Tale-Yax, er verlor seine Arbeit, seine Wohnung, begann zu trinken. Nur selten rief er noch in La Esperanza an.
Als Tale-Yax an diesem Sonntagmorgen auf dem Bürgersteig in Queens verblutete, zeichnete eine Überwachungskamera sein Sterben auf. Zu sehen sind mehr als 20 Menschen, die meisten gehen vorbei, ein Mann bleibt stehen, holt sein Handy aus der Tasche, richtet es auf Tale-Yax, macht ein Foto und geht weiter. Ein zweiter beugt sich zu Tale-Yax hinunter, fasst ihn an der Schulter, dreht ihn zur Seite. Tale-Yax bewegt sich nicht, der Mann lässt ihn fallen und läuft weiter.
Fast zwei Stunden lag Tale-Yax auf dem Bürgersteig, bis jemand die Polizei rief. Um 7.21 Uhr wurde Hugo Alfredo Tale-Yax für tot erklärt.
Das Video aus der Überwachungskamera fand seinen Weg ins Internet, eine New Yorker Boulevardzeitung zeigte es auf ihrer Website, sie nannte Tale-Yax einen Samariter und die New Yorker kaltherzig, auf YouTube kursierte das Video bald unter der Überschrift "Obdachloser Held stirbt".
Die Totenwache für Hugo Alfredo Tale-Yax fand anderthalb Wochen später in Brooklyn statt, sechs Stunden dauerte sie. Tale-Yax lag in einem offenen Sarg, er trug einen schicken schwarzen Anzug, eine gelbe Krawatte, sein Haar war nach hinten gekämmt, neben ihm lag ein Zettel, "descanse en paz", er ruhe in Frieden.
Der Pfarrer hielt die Predigt auf Spanisch, er nannte Tale-Yax einen Helden, 200 Menschen hörten ihm zu. Tale-Yax' Bruder gab Interviews und sagte, sein Tod sei eine Botschaft an die Menschheit. Nach der Feier kehrte Tale-Yax nach Guatemala zurück, er wurde auf dem Friedhof von La Esperanza beerdigt.
Die New Yorker Polizei sucht noch immer nach dem Mörder von Hugo Alfredo Tale-Yax. Identifizieren könnte ihn wohl nur die Frau, der Tale-Yax im Streit zu Hilfe gekommen war. Sie hat sich noch nicht gemeldet.
Von Khue Pham

DER SPIEGEL 22/2010
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