31.05.2010

Gnadenlos lieb

Ortstermin: In Hannover schließen Hells Angels und Bandidos Frieden.
Wie sehen Pressekonferenzen in der Hölle aus? Schwierige Frage, aber seit vorigem Mittwoch haben wir eine Ahnung. So könnte es sein: Auf der einen Seite drängeln sich Journalisten und Kameraleute in einem winzigen Raum, auf der anderen Seite sitzen sechs dicke Männer in Lederklamotten, mit rasiertem Schädel, Walrossbart, regungslosem Gesicht und volltätowierten Unterarmen und reden vom Frieden.
Die sechs Männer sind die Vertreter der rivalisierenden Rockerclubs Hells Angels und Bandidos. Vor ihnen stehen Schilder mit den Namen Django, Lobo, Hanebuth, Peter, Less und Batzen. Django, Lobo, Hanebuth sind Höllenengel, Peter, Less und Batzen Bandidos. Zwischen ihnen sitzt ein weißhaariger Mann mit rosigem Gesicht, der im ersten Moment wirkt wie ihre Geisel. Der Mann heißt Götz-Werner von Fromberg, ist ein berühmter hannoverscher Anwalt und einer der ältesten Freunde von Gerhard Schröder. Fromberg gehört die Kanzlei, in der sich die Rocker getroffen haben, um über ihren Waffenstillstand Auskunft zu geben. Die blutigen Nachrichten der letzten Zeit haben die Politik veranlasst, über ein bundesweites Verbot der deutschen Rockerclubs nachzudenken. Wohl deswegen haben sich die Feinde an einen Tisch begeben. Fromberg ist, wie er sagt, ihr Moderator.
Die Presseerklärung der Rocker ist in großen Buchstaben geschrieben, sie erinnert an ein Flugblatt. Sie wollen in friedlicher Koexistenz miteinander leben, sich gegenseitig respektieren und die Eskalation der Gewalt stoppen, steht da. Es klingt genauso hüftsteif wie die Friedensresolutionen, die die Supermächte im Kalten Krieg verabschiedeten. Genauso wenig wie Breschnew und Carter wollen Hanebuth und Peter ihren zerstrittenen Völkern den Eindruck geben, dass nun alle Mauern zwischen ihnen gefallen sind. Sie wollen das Schlimmste verhindern, ohne aus ihrer Rolle zu treten. Eine komplizierte Mission, heute wie damals.
Es ist schwierig, einem Mann das Wort Frieden abzukaufen, auf dessen Kutte das Logo "Expect No Mercy" klebt. Wie will so jemand sein? Gnadenlos lieb?
Im Wesentlichen geht es bei der Vereinbarung wohl darum, dass sich beide Clubs verpflichten, sich nicht mehr Konkurrenz zu machen. Sie sagen, dass sie nicht in den Revieren der anderen wildern wollen, und klingen dabei wie Mafiabosse, die das Land unter ihren Familien aufteilen. Wenn sie Schleswig-Holstein sagen oder Berlin oder Münster, hat man den Eindruck, das gehöre alles ihnen.
Ab und zu stellt jemand aus dem Journalistenhaufen eine lange, komplizierte Frage, die in den massigen Rockerkörpern versackt wie in Treibsand. Nur Django, der ganz links sitzt und der Pressesprecher der Hells Angels ist, rafft sich auf, um ein größeres Bild des deutschen Rockerlebens zu malen. Er sagt, dass die meisten Mitglieder ganz normale Berufe haben, er sagt, dass der dänische Rockerfrieden ein Vorbild ist, die Verhandlungen nicht mit Amerika abgestimmt worden sind. Hanebuth sagt: "Wir haben einfach zu wenig miteinander gesprochen", so als handle es sich bei dem Konflikt zwischen Bandidos und Hells Angels nicht um eine Schlacht, bei der manchmal jemand tot am Straßenrand zurückbleibt, sondern um eine Art Ehekrise. Lobo sagt, wer nicht mitmacht, wird entsorgt.
Als eine Journalistin erklärt, presserechtlich könne man jemanden nur ernst nehmen, der mit Vor- und Zunamen auftaucht, sagt Hanebuth: "Vor und Zuname? Dann schreib doch Lo Bo." In diesen Momenten hat man das Gefühl, in einer Szene aus dem Film "Werner - Beinhart!" festzustecken.
Am Ende trinken die Rocker noch ein Sturzbier mit ihrem Moderator, dann verschwinden sie in ihrer wilden Welt. Zurück bleibt Götz-Werner von Fromberg mit einer halbweggerauchten Friedenszigarre an einem ganz weißen Schreibtisch. Das Zimmer ist vollgestellt mit Pokalen und Andenken aus aller Welt. Auf dem Schreibtisch liegt der "Stern", aufgeklappt auf einer Seite, die Fromberg Arm in Arm mit Bodo Hombach zeigt. Gerade habe Gerhard Schröder angerufen und ihn gefragt, ob sie zusammen Spargel essen wollten.
Fromberg erzählt, dass er den Hells-Angels-Boss Hanebuth schon kannte, als der 18 war. Er hat ihn in verschiedenen Verfahren vertreten, und sie haben, ja, so kann man das sagen, ein freundschaftliches Verhältnis. Hanebuth habe in Hannover das Rotlichtviertel am Steintor aufgeräumt, sagt er. Investoren hätten inzwischen Angst, dass er sich zurückziehe. Bei der Eröffnung der Kanzlei seien sowohl der Kanzler als auch der Rocker hier gewesen. Man könne seine Freunde nicht verstecken, nur weil sie aus unterschiedlichen Milieus kommen, sagt Fromberg. Er habe viele Freunde, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben und sich auf seinen Feiern treffen. Peter Hartz, Klaus Meine von den Scorpions, Bodo Hombach, Karl Dall. Vor diesem Panorama wirkt der frische Rockerfrieden plötzlich unbedeutend. Wenn man sich vorstellt, wie Gerhard Schröder mit Karl Dall und Hanebuth ein Bier trinkt, und die Scorpions spielen "Wind of Change" dazu.
So könnte er aussehen, der große Höllenfrieden von Hannover.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 22/2010
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