31.05.2010

ROHSTOFFE„Reine Wetten“

ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz, 68, über die Preisexplosion bei Eisenerz, das Kartell der Förderländer und die gefährliche Rolle der Spekulanten
SPIEGEL: Herr Schulz, während die Konjunktur weltweit lahmt, klettern die Stahlpreise auf immer neue Rekordstände. Wie passt das zusammen?
Schulz: Ganz einfach: Als Stahlproduzent sind wir auf gewaltige Mengen von Rohstoffen angewiesen. Wir brauchen Kokskohle, Nickel und vor allem Eisenerz. Und gerade bei diesem Rohstoff sind die Preise in den vergangenen Monaten geradezu explodiert. Das können wir nicht kompensieren.
SPIEGEL: Das kennen wir schon. Schuld sind immer die anderen.
Schulz: Das ist in diesem Fall auch richtig. Es gibt nur wenige große Erzproduzenten auf der Welt. Sie sitzen in Brasilien und Australien. Und deren Preisdiktaten sind wir schutzlos ausgeliefert.
SPIEGEL: Sie sprechen von Rohstoffgiganten wie Rio Tinto, Vale oder BHP Billiton. Mit denen arbeitet ThyssenKrupp doch schon seit Jahren zusammen. Was hat sich verändert?
Schulz: Die Verträge. In der Vergangenheit haben wir mit den Erzlieferanten immer kalkulierbare Jahresverträge abgeschlossen, in denen der Preis für die gesamte Laufzeit festgelegt wurde. Nun haben uns die drei marktbeherrschenden Produzenten plötzlich Quartalsverträge diktiert. Der Preis wird dabei in jedem Quartal neu an einem volatilen Spotmarkt ausgerichtet - und das hat fatale Folgen.
SPIEGEL: Inwiefern?
Schulz: Im vergangenen Jahr haben wir für eine Tonne Eisenerz aus Übersee noch rund 60 US-Dollar bezahlt. Nun ist es mehr als das Doppelte. Und der Preis am Spotmarkt ist seit dem letzten Abschluss weiter gestiegen. Das neue System treibt den Stahlpreis derzeit immer weiter in die Höhe und schadet so der gesamten konjunkturellen Entwicklung.
SPIEGEL: Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Preis an der Börse bildet und dass er umso höher klettert, je größer die Nachfrage ist.
Schulz: Das ist richtig. Aber Eisenerz ist nicht einmal knapp. Es ist dummerweise nur in der Hand von wenigen großen Produzenten. Und die nutzen ihre Marktmacht unverantwortlich aus.
SPIEGEL: Das sind harte Vorwürfe. Können Sie die belegen?
Schulz: Das Bundeskartellamt in Bonn und auch die europäische Kommission untersuchen den Fall und werden dabei von uns unterstützt. Außerdem haben wir die Bundesregierung um Hilfe gebeten.
SPIEGEL: Was soll die tun?
Schulz: Wir haben von der Regierung die Zusage, dass sie das Thema auf dem nächsten G-20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs im Juni in Toronto ansprechen wird. Sie will sich dort für einen fairen und nachhaltigen Ausgleich zwischen rohstoffverarbeitenden und rohstoffproduzierenden Nationen einsetzen.
SPIEGEL: Ist der Rahmen nicht übertrieben? Es geht um die Bildung des Erz- und Stahlpreises …
Schulz: … und damit um die gesamte Weltwirtschaft. Allein in Deutschland sind mehr als 35 Prozent der industriel-len Wertschöpfung vom Stahl abhängig. Keine Brücke, kein Hochhaus und keine Autoproduktion wäre berechenbar, wenn der Erz- und damit der Stahlpreis sich ständig ändert und zum Spielball von Spekulanten wird.
SPIEGEL: Welche Rolle spielen die Spekulanten?
Schulz: Mit der neuen Preisbildung sind Spekulationen und Manipulationen Tür und Tor geöffnet. Es droht sich eine gewaltige Blase auf dem Rohstoffmarkt zu bilden. Von den Dimensionen könnte sie sogar größer werden als das Immobilienproblem in den USA vor zwei Jahren.
SPIEGEL: Jetzt übertreiben Sie.
Schulz: Nein, überhaupt nicht. Auf dem Weltmarkt werden Jahr für Jahr rund zwei Milliarden Tonnen Eisenerz verbraucht und davon knapp die Hälfte im Überseehandel. Nur ein verschwindend geringer Teil davon läuft über den Spotmarkt. Dort reichen wenige große Aufträge aus, um den Preis massiv zu manipulieren. Bisher hat das nicht weiter gestört. Doch mit dem neuen System, das die Preisbildung allein vom Spotmarkt ableitet, schlägt eine solche Beeinflussung auf den gesamten Welthandel durch.
SPIEGEL: Wer sollte Interesse daran haben?
Schulz: In erster Linie die Produzenten und deren Heimatländer, die solche Gewinne teilweise sogar mit Sondersteuern abschöpfen. Wir kennen inzwischen aber auch große Investmentbanken, die sich gewissenhaft auf einen Einstieg in den Erzmarkt vorbereiten.
SPIEGEL: Wer ist das, und wie bereiten sie sich vor?
Schulz: Ich möchte hier keine Namen nennen, aber es sind die Banken, die auch bei den anderen großen Spekulationsblasen beteiligt waren. Sie sind derzeit in unseren Märkten unterwegs, heuern Rohstoffspezialisten an, kaufen Handelshäuser und mieten Lagerflächen in großen Häfen, um Erze zu Spekulationszwecken zwischenzulagern. Sie wittern neue Milliardengewinne.
SPIEGEL: Indem sie auf dem Erzmarkt die Preise hochtreiben?
Schulz: Indem sie die Preise von der Realwirtschaft und die Rohstoffe von dem realen Verbrauch entkoppeln. Mit Nickel ist das doch bereits passiert. Da wird von Spekulanten und Banken inzwischen 30-mal mehr an den Märkten umgeschlagen, als tatsächlich in der Stahlverarbeitung oder anderen Bereichen gebraucht wird. Dabei schwanken die Preise für die Tonne zwischen 10 000 und 55 000 Euro. Stellen Sie sich solche Zustände auf einem Massenrohstoffmarkt wie Erz vor. Die Folgen wären verheerend.
SPIEGEL: Viele große Konzerne bauen heute eigene Handelsabteilungen auf und beteiligen sich am Börsenhandel mit Rohstoffen. Ist das für ThyssenKrupp kein Weg?
Schulz: Nein, wir wollen uns an solchen Spekulationsgewinnen nicht beteiligen. Natürlich müssen wir uns vor extremen Preisschwankungen schützen. Dazu schließen auch wir Geschäfte an der Börse ab, bei denen etwa bei bestimmten Preisgrenzen bestimmte Mengen quasi automatisch geordert werden. Aber diese sogenannten Derivate haben bei uns einen realwirtschaftlichen Hintergrund und sichern uns so gegen die Preisvolatilitäten ab.
SPIEGEL: Bei Banken ist das nicht der Fall?
Schulz: Nein, hier geht es um reine Wetten auf bestimmte Preisentwicklungen, um Gewinne aus Käufen und Verkäufen ohne realwirtschaftlichen Hintergrund. Dieser Handel mit Derivaten, wie er von Fonds und Banken betrieben wird, muss dringend reguliert werden. Das haben wir auch in Brüssel und bei der Bundesregierung so vorgetragen.
SPIEGEL: Nun hat ThyssenKrupp es im Gegensatz zu Konkurrenten wie etwa ArcelorMittal in der Vergangenheit versäumt, sich an Erzminen zu beteiligen. Ist das nicht der wahre Grund für Ihre Besorgnis?
Schulz: Nein, die Spekulation mit Rohstoffen ist kein Einzelproblem von ThyssenKrupp. Wenn wir nicht bereit sind, den Rohstoffspekulanten entschlossen entgegenzutreten, werden sie zu einer ernsthaften Bedrohung für die gesamte Stahlbranche und die Weltwirtschaft. Das dürfen wir nicht zulassen.
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 22/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ROHSTOFFE:
„Reine Wetten“

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock