31.05.2010

MANAGERLieber Rambo als Bambi

Knapp zehn Millionen Euro erhielt Utz Claassen von seinem Arbeitgeber - als Antrittsgeld. Die will er behalten, obwohl er schnell wieder abgetreten ist.
Die vergangenen Wochen waren für Utz Claassen mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden. Der 47-jährige einstige Top-Manager ist seit zweieinhalb Monaten ohne Job, und er laboriert seit längerem an einem schweren Bandscheibenvorfall herum. Er habe, sagt seine Frau, auf ärztliche Anweisung zeitweilig "alle Termine absagen" müssen.
Zu einem Termin aber konnte sich Claassen wohl doch aufraffen: den mit seinem Anwalt. Vergangene Woche sorgte dieser in Claassens Auftrag dafür, dass eine seit längerem anhängige Feststellungsklage beim Landgericht Nürnberg-Fürth gegen die Solar Millennium AG zugestellt wurde. Der börsennotierte Projektentwickler für solarthermische Kraftwerke war für exakt 74 Tage der Arbeitgeber des umtriebigen Managers, bis der am 15. März dieses Jahres selbst kündigte. Zwischen ihm und dem Aufsichtsrat des Unternehmens für regenerative Energien hätten "fundamentale Auffassungsunterschiede bestanden", so die Begründung von Claassen-Anwalt Harald Noack. Zudem sah sich Claassen "über die wirtschaftliche Lage der Gesellschaft und über ihre Entwicklungsperspektiven grob getäuscht".
Claassens abrupter Abgang ist nicht untypisch für den Mann, der von sich sagte, er sei lieber Rambo als Bambi. Bei seinen Jobs bei VW, Seat oder Sartorius teilte er gern aus, eckte häufig an - und das nicht wegen seiner Vorliebe für Schnauzbärte und Goldkettchen. Claassen zog Kritik vor allem deshalb auf sich, weil er sein Know-how im Grunde für unbezahlbar hält und entsprechend hohe Vergütungen einforderte.
Exemplarisch dafür ist sein Streit mit seinem früheren Arbeitgeber, dem Energieversorger EnBW. Gut vier Millionen Euro verdiente er dort in guten Jahren per anno. Nach seinem vorzeitigen Abgang sorgte Claassens Auffassung von angemessener Vergütung selbst bei Managerkollegen für Kopfschütteln. So rang er EnBW außergerichtlich eine Abfindung in Höhe von 2,5 Millionen Euro ab, als Ausgleich für eine Frührente, die ihm bis zum 63. Lebensjahr hätte gezahlt werden müssen.
Nun tobt auch mit seinem jüngsten Arbeitgeber Solar Millennium ein bizarrer Streit, der mit der jüngsten Klage seinen bisherigen Höhepunkt fand. Vordergründig geht es darum, dass Claassens Eigenkündigung gerichtsfest anerkannt wird. Solar Millennium argumentiert, die Kündigung sei nicht wirksam, da Claassen nicht "aus wichtigem Grund" gekündigt habe, sondern nur "ordentlich". Damit sei die Kündigungsfrist von vier Wochen bindend. Das Unternehmen verweist darauf, es habe Claassen am 9. April fristlos gekündigt, und somit habe nicht Claassen Ansprüche gegen das Unternehmen, sondern das Unternehmen gegen ihn.
Letztlich geht es um eine ganz besondere Form der Managervergütung. Claassen erhielt zum Jobstart eine sogenannte Antrittsprämie von knapp zehn Millionen Euro brutto. Das Gericht wird auch die Frage klären müssen, ob er sie behalten darf oder zurückzahlen muss.
Rund die Hälfte der Summe gewährte Solar Millennium, damit Claassen seine lukrativen Jobs beim Finanzinvestor Cerberus und einer Beratungsgesellschaft sausen ließ. Die zweiten knapp fünf Millionen Euro flossen als Vorausprämie für den von ihm erwarteten Ausbau zum Top-Unternehmen. Denn Solar Millennium, mit 201 Millionen Euro Umsatz eher ein Mittelständler, will mit aller Macht in die erste Liga der Anbieter für erneuerbare Energien aufsteigen. Claassen schien dafür der Richtige: Sein Netzwerk reicht nach eigenen Angaben von Ex-Kanzler Gerhard Schröder über RWE-Manager Jürgen Großmann bis hin zu wichtigen Investoren aus der Finanzbranche.
Dass er ein gewiefter Zahlenmensch ist, bewies er aber vor allem in eigener Sache: In seinem Fünfjahresvertrag ließ er sich ein monatliches Fixgehalt von 100 000 Euro und 40 Tage Jahresurlaub festschreiben. Laut diesem Vertrag durfte er im Umfang von bis zu 25 Prozent Nebentätigkeiten ausüben und im Rahmen dieser Nebentätigkeiten weiterhin entgeltlich für Finanzinvestoren tätig sein. Selbst eine pauschale Erstattung für einen Chauffeur und einen Bodyguard, die Claassen beschäftigt, ist festgeschrieben.
Schließlich ließ sich Claassen zusichern, dass er seine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender nicht überwiegend am Geschäftssitz in Erlangen ausüben musste. Er hatte einen Anspruch auf ein "Residence-Office" mit Sekretärin an seinem Wohnort in Norddeutschland. Entsprechend selten war er in seiner kurzen Amtszeit persönlich in Erlangen. Auch ließ er sich Lohnfortzahlung im Krankheitsfall von zwölf Monaten statt der gesetzlichen sechs Wochen garantieren.
Um die Details der Kündigung dieses Wohlfühlvertrags, vor allem aber um die gezahlte Antrittsvergütung wird nun vor Gericht gestritten. Bis Mittwoch vergangener Woche feilschten die Anwälte, um einen Prozess zu vermeiden. Claassen soll angeboten haben, rund 2,5 Millionen brutto der knapp zehn Millionen Euro zurückzuzahlen, obwohl es "keine Anspruchsgrundlage für eine Rückvergütung gibt", wie sein Anwalt Noack glaubt. Solar Millennium war das zu wenig, am Ende sei man immer noch "mehr als eine Million Euro auseinander gewesen", so Noack.
Sollte Claassen recht bekommen, hätte er für 74 Tage Arbeit neben seinen zwei Monatsgehältern von 200 000 Euro knapp fünf Millionen Euro netto kassiert - eine Summe, die wohl ihresgleichen sucht. Es wäre, wenn es so kommt, ein Beispiel für die Moral deutscher Manager. Claassen hätte es gut verwenden können in seinem Buch "Wir Geisterfahrer", das er nach seiner EnBW-Zeit schrieb. Unternehmenslenkern und Bankern wirft er darin vor, "finanziell und machtstrukturell" abgehoben zu sein.
Von Janko Tietz

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