31.05.2010

KOREANeue Finsternis

Immer lauter die Drohungen, immer wüster die Beschimpfungen: Zwischen Pjöngjang und Seoul eskalierte der Krieg der Worte. Die Regierung des Südens ist nicht länger bereit, sich den ewigen Erpressungen des nordkoreanischen Diktators zu fügen.
Als Hintergrund für seine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede hatte sich der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak, 68, das Kriegsmuseum ausgesucht, eine riesige steinerne Gruft ganz in der Nähe des Verteidigungsministeriums, vollgestopft mit Reliquien aus dem Bruderkrieg mit dem verfeindeten Norden - jenem blutigen Waffengang, der zwischen 1950 und 1953 rund vier Millionen Opfer forderte.
Hier im Museum könnte bald eine weitere Sehenswürdigkeit ausgestellt werden: Wrackteile der "Cheonan", jenes südkoreanischen Kriegsschiffs, das am 26. März im Gelben Meer nach einer Explosion in zwei Teile zerbarst und versank.
Weil aber das makabre Exponat derzeit noch nicht zur Verfügung steht, stellte Lee sich vor einer Reihe von Büsten heroischer Krieger auf, um seinem Volk und der Welt klarzumachen, dass eine neue Zeit angebrochen sei, eine gefährliche zwar, aber eine, in der man sich nichts mehr gefallen lasse. Für den Tod von 46 Matrosen der "Cheonan" machte Lee einen Torpedo-Angriff des Nordens verantwortlich und kündigte an, den Handel mit den Aggressoren fast vollständig einzufrieren. Bei den Vereinten Nationen werde seine Regierung zudem auf Sanktionen gegen Pjöngjang drängen, das Regime müsse diesmal einen "Preis zahlen" für den tödlichen Angriff.
Die Botschaft war eindeutig: Der Torpedoschuss aus dem Norden, eigentlich eine geradezu klassische Kriegserklärung, war auf jeden Fall eine Provokation zu viel. Nicht länger wollte der Süden hilflos auf Angriffe aus dem Norden reagieren. Sich nicht länger den ewigen Erpressungen eines Regimes und seines "Geliebten Führers" fügen, der sich für gottähnlich und unfehlbar hält. All die kleinen Zwischenfälle im Gelben Meer entlang der vom Norden nicht anerkannten Seegrenze, all die militärischen Drohgebärden und die Erprobung neuer Raketen sollen - so will es der konservative Lee - künftig Folgen haben.
Mit der versöhnlichen "Sonnenscheinpolitik", die seine Vorgänger Kim Dae Jung und Roh Moo Hyun gegenüber dem Norden betrieben, ist es endgültig vorbei. Sie hatte mitgeholfen, das stalinistische Regime der Kim-Dynastie vor einem unkontrollierten Zusammenbruch zu bewahren.
Doch allein die Ankündigung, dass Südkoreas Leidensfähigkeit nunmehr ein Ende habe, galt den Nordkoreanern schon als "Kriegserklärung", und die Antwort kam prompt: So drohte Pjöngjang, jene überdimensionalen Lautsprecher zu beschießen, die Lee an der Grenze zum Norden installieren will. Erstmals seit 2004 will Seoul wieder Propaganda-Spots für die Segnungen von Demokratie und Kapitalismus kilometerweit in das Reich der Kims hineinschallen lassen, stundenlang könnten Nordkoreaner auf diese Weise Neuigkeiten über die Untaten ihres wenig lieben Führers erfahren.
Im Gegenzug kündigte Pjöngjang an, den Handel mit dem Süden zu kappen, und erwog, die kapitalistische Enklave Kaesong an der Grenze zu sperren: Dort fertigen rund 40 000 Untertanen des Diktators Kim Jong Il Schuhe, Kleider und andere Billigwaren für Unternehmen des Südens. Obwohl das Regime bis zum Freitagabend diese Drohung nicht wahrgemacht hat, drehte sich die Spirale wechselseitiger Affronts immer schneller.
Ende voriger Woche kappte Pjöngjang wichtige Hotlines mit dem Süden, die dazu dienen, ungewollte bewaffnete Zusammenstöße zu verhindern. Seoul erhöhte umgehend die Alarmbereitschaft seiner Truppen: Im Gelben Meer übten Kriegsschiffe die Jagd nach nordkoreanischen U-Booten und warfen Wasserbomben ab.
Wieder einmal halten die Koreaner die Welt in Atem. Die globalen Finanzmärkte blickten täglich nervöser nach Fernost: An den Börsen von Tokio bis Singapur fielen die Aktienkurse, der Wechselkurs des südkoreanischen Won sackte gegenüber dem Dollar auf das niedrigste Niveau seit acht Monaten.
Denn an keinem anderen Ort der Erde stoßen die widerstreitenden Interessen der Großmächte USA, China und Russland sowie die der Wirtschaftsgiganten Japan und Südkorea so krass aufeinander wie am 38. Breitengrad. Was die Lage so unberechenbar macht: Seit Kim Jong Il vor einem Jahr wieder einen nuklearen Sprengsatz testen ließ, muss die Welt befürchten, dass seine Militärs Atomwaffen besitzen und sie möglicherweise auch einsetzen. Zudem liegt Seoul mit seinen über 20 Millionen Einwohnern in der Reichweite nordkoreanischer Artillerie. Jeder Schuss kann eine Katastrophe auslösen, die dann nicht mehr aufzuhalten ist.
Hilflos sahen die Großmächte vergangene Woche zu, wie sich der Konflikt zwischen Pjöngjang und Seoul immer weiter aufschaukelte. "Nord und Süd rasen aufeinander zu wie zwei Züge auf demselben Gleis", warnte der frühere südkoreanische Außenminister Song Min Soon von den oppositionellen Demokraten. Keine Seite kann von ihrer Position abweichen, ohne das Gesicht zu verlieren: Lee nicht, weil dann seine bisherigen Drohungen lächerlich wirken würden; Kim nicht, wenn er die Autorität seines Regimes nicht dadurch untergraben will, dass er sich, wie Seoul es verlangt, für den Torpedo-Angriff entschuldigt.
Doch was bezweckt der nordkoreanische Herrscher, der sich von seinen Untertanen gern als "Sonne des 21. Jahrhunderts" huldigen lässt? Wollte sein Regime mit der Versenkung der "Cheonan" einen "heiligen Krieg" starten? Damit hatte Pjöngjang gedroht, nachdem der Süden im vorigen November ein Kriegsschiff des Nordens beschossen hatte. Oder - und dafür spricht einiges - will der gesundheitlich angeschlagene Kim wieder die Aufmerksamkeit der USA auf sich lenken, um wirtschaftliche Hilfen und politische Anerkennung zu erpressen?
Kim, der angeblich seinen jüngsten Sohn Jong Un demnächst zum Thronfolger küren will, muss seinen Untertanen dringend eine Wende zu besseren Lebensbedingungen präsentieren. Bis 2012, dem 100. Geburtstag seines Vaters, des verstorbenen Staatsgründers Kim Il Sung, hat er ihnen Wohlstand versprochen. Doch mit seiner missratenen Währungsreform vom vergangenen Jahr brachte Kim auch noch die schmale Mittelschicht seines Landes gegen sich auf: Er hatte sie gezwungen, ihre Vermögen im Verhältnis eins zu hundert in neue Won umzutauschen. Für das Chaos danach, die Versorgungsengpässe und die ungewohnten Proteste seiner Untertanen, ließ Kim angeblich seinen Planungschef erschießen.
Doch mit der Attacke auf die "Cheonan" scheint das Regime im Norden seine riskante Überlebenstaktik von Drohungen und Erpressungen diesmal überzogen zu haben. Anders als seine liberalen Vorgänger lässt sich Präsident Lee nicht einschüchtern. Der frühere Hyundai-Manager ist ein Hardliner, der unter anderem darauf besteht, dass Pjöngjang auf sein Nuklearprogramm verzichtet.
Zudem hat der Mann im "Blauen Haus" - so heißt der Präsidentenpalast in Seoul - sich für seinen Kurs, den Norden zu isolieren, internationale Rückendeckung gesichert. Erst nach einer gründlichen Untersuchung des Wracks aus dem Gelben Meer, zu der die südkoreanische Regierung auch 24 Militärexperten aus den USA, Großbritannien, Australien und Schweden hinzuzog, stempelte Lee Nordkorea zum Schuldigen der Attacke auf die "Cheonan".
Als zentralen Beweis führte die Untersuchungskommission den Teil eines Torpedo-Antriebs an, der am Unglücksort gefunden wurde: In seinem Inneren befindet sich auf Koreanisch die Markierung "Nr. 1" - eine typische Kennzeichnung, wie sie auch früher schon bei Torpedos aus dem Norden aufgefallen sein soll.
Mit dem Expertenbericht der Kommission will sich nun auch das Kommando der Vereinten Nationen in Seoul befassen. Die Weltorganisation, die unter der Führung der USA dem Süden bei Kriegsausbruch 1950 beigesprungen war, will prüfen, ob Nordkorea mit seinem Torpedo-Angriff das Waffenstillstandsabkommen von 1953 verletzt hat. Dieses Vorgehen hat aus amerikanischer Sicht den Vorteil, dass die Regierung von Präsident Obama nicht direkt mit Kim über die Versenkung der "Cheonan" verhandeln muss.
Die kritische Lage auf der koreanischen Halbinsel belastete auch den amerikanisch-chinesischen Strategiedialog vergangene Woche in Peking. Eigentlich wollte Außenministerin Hillary Clinton China als Verbündeten für verschärfte Sanktionen gegen Iran gewinnen. Doch nun müssen beide Mächte auch nach Wegen suchen, um einen neuen Waffengang ihrer jeweiligen koreanischen Bundesgenossen zu verhindern - eine Kollision, die auch den geopolitischen Interessenkonflikt zwischen Peking und Washington in Korea neu entfachen könnte.
Peking will verhindern, dass die Amerikaner die jüngste Korea-Krise zum Anlass nehmen, in der Region wieder stärker Fuß zu fassen: US-Präsident Obama hat dem Süden bereits "bedingungslose Verteidigung" gegen Nordkorea zugesichert. Gleichzeitig könnte die Regierung in Washington Nordkorea wieder auf die Liste jener Staaten setzen, die den Terror unterstützen. Überdies fürchtet Peking, dass Japan und Südkorea mittelfristig dem Vorbild von Kim Jong Il folgen und sich selbst Atomwaffen zulegen könnten.
Den Amerikanern kommen die Spannungen in der Region allerdings nicht ganz ungelegen: Monatelang hat Japans Premier Yukio Hatoyama die westliche Supermacht bedrängt, einen US-Stützpunkt auf der Insel Okinawa zu schließen. Doch nach Ausbruch der Korea-Krise blieb dem Japaner nichts anderes übrig, als kleinlaut einzulenken: Er entschuldigte sich "von Herzen" bei den Bewohnern von Okinawa und ließ sie wissen, dass sie auch künftig mit den US-Truppen leben müssten.
Amerikas Präsenz in der Region erklärt wohl auch, warum China bisher nicht daran denkt, den Verbündeten Nordkorea für die Attacke auf die "Cheonan" eindeutig zu verurteilen. Vizeaußenminister Zhang Zhijun erläuterte zwar am vorigen Mittwoch, dass Premier Wen Jiabao bei seinem Staatsbesuch in Seoul "strategische Konsultationen" führen wolle, doch auf die Kernfrage fand der Funktionär keine Antwort: Wie kann China seinen Verbündeten Nordkorea zur Räson bringen?
"Wir stecken in einem Dilemma, unsere Rolle auf der koreanischen Halbinsel ist begrenzt, unsere Möglichkeiten sind es auch", erklärt ein hochrangiger Korea-Experte in Peking. Auf der einen Seite will China Südkorea als wichtigen Wirtschaftspartner nicht verprellen, auf der anderen Seite möchten Pekings Kommunisten auch Nordkorea ideologisch die Treue halten. Im Korea-Krieg opferte Mao rund eine Million Soldaten, darunter seinen eigenen Sohn. Das dürfen auch die Erben des Großen Vorsitzenden nicht vergessen.
Für Peking geht es um die Stabilität des eigenen Reiches: Ein neuer Krieg an der 1400 Kilometer langen Grenze zu Nordkorea könnte Hunderttausende nordkoreanische Flüchtlinge über die Grenze treiben. Und bräche die Kim-Dynastie zusammen, könnten amerikanische Truppen bis zum Yalu und dem Tumen-Gebirge vordringen - für Peking ein Gruselszenario. Generäle der Volksbefreiungsarmee denken angeblich bereits darüber nach, im Krisenfall Nordkorea zur chinesischen Schutzzone zu erklären - und selbst einzumarschieren.
Die Einzigen, die sich vom überlauten Propagandalärm der verfeindeten Brüder vergleichsweise wenig beeindrucken ließen, waren die Menschen auf beiden Seiten des 38. Breitengrads. Sie gingen vergangene Woche einfach ihrem Alltag nach. In Pjöngjang übten Kims Untertanen für das Massenfestival Arirang, Soldatinnen paradierten probeweise für die Festtagsaufmärsche zum 60. Jahrestag des Korea-Kriegs.
Auch im Süden der Demarkationslinie blieb es ruhig: Der Bahnhof der Grenzstation Dorasan - vor Jahren in der Hoffnung auf Versöhnung errichtet - lag vorige Woche idyllisch in der Sonne. Zwar verweist ein Schild auf die Zielorte künftiger Züge - Seoul in die eine Richtung, Pjöngjang in die andere. Passagiere waren allerdings nicht zu sehen. Den Durchgang zu den Bahnsteigen versperrte ein Soldat mit Stahlhelm.
Von Andreas Lorenz und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 22/2010
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