31.05.2010

JAMAIKAVon Paten und Premiers

Gangsterbosse sind die eigentlichen Herren der Karibikinsel. Sie finanzieren die politischen Parteien - doch nun setzt sich die Regierung zur Wehr.
Waffennarren schätzen die "Big Boar Rifle" als ein besonders wirkungsvolles Mordgeschütz. US-Soldaten in Afghanistan und im Irak rühmen ihre Zielgenauigkeit, Kenner bewundern die Durchschlagskraft des Gewehrs vom Kaliber 12,7 mm. Über 8000 Dollar kann so ein Gewehr in New York kosten, besonders beliebt ist es bei Scharfschützen - und bei Drogenbossen, die einen Privatkrieg gegen die Regierung führen, wie etwa der Jamaikaner Christopher Coke, 41, genannt "Dudus".
Seit Wochen schon kursieren die Gerüchte, dass der meistgesuchte Verbrecher der Karibikinsel im Besitz einer solchen Wunderwaffe sei. Soldaten hätten bei der Jagd auf den Gangster eine leere Kiste "für ein großkalibriges Scharfschützengewehr" gefunden, enthüllte der stellvertretende Polizeichef Glenmore Hinds vorige Woche. Unter den über 7000 Patronen, die Sicherheitskräfte nach tagelangen Schießereien in den Slums ein-gesammelt hätten, seien auch einige vom legendenumwobenen Kaliber 12,7 mm gewesen.
Aber möglicherweise hat da die Ordnungsmacht auch etwas dick aufgetra-gen. Denn in Wahrheit war die Ausbeute der Sicherheitskräfte kläglich: Bei der größten Militär- und Polizeioperation in der Geschichte Jamaikas hatten sie bis Ende vergangener Woche "sieben Gewehre, sechs Pistolen und ein paar selbstgebastelte Sprengkörper" beschlagnahmt, verkündete Polizeichef Hinds. Mehr als 2000 Polizisten und Soldaten durchkämmen seit einer Woche vor allem die Armenviertel der Hauptstadt Kingston. Mindestens 73 Zivilisten und 3 Sicherheitskräfte sind bei Schießereien zwischen Soldaten und Gangstern ums Leben gekommen, 700 Verdächtige wurden festgenommen, die Regierung rief den Ausnah-mezustand aus, das wirtschaftliche Leben in der Hauptstadt kam zum Erliegen.
Der Gesuchte aber blieb dagegen Ende vergangener Woche weiterhin auf freiem Fuß. Hinterlassen hat die blutige Verbrecherjagd eine Hauptstadt, deren erzürnte Einwohner die politische Stabilität der Insel zu erschüttern drohen.
Auf der Straße liegen noch die Überreste der Barrikaden, mit denen die Einwohner der durchsuchten Slums den Vormarsch der Soldaten stoppen wollten: zertrümmerte Obstkisten, Bretter und Bohlen. Aus einem Autowrack steigt Rauch auf. "Dieses Chaos haben wir dem Premierminister zu verdanken", klagt eine Frau, die sich "Carey" nennt. Sie feixt Soldaten zu, die im Schatten ihre Mittagsration von Papptellern löffeln. "Wir haben auch Hunger, aber ohne Arbeit haben wir kein Geld."
Eine ihrer Freundinnen berichtet, dass sich einer von Cokes Männern in einem Baum versteckt hatte: "Die Soldaten erschossen ihn von hinten. Erst fiel sein Gewehr aus dem Baum, dann der Typ."
Patera Henry, eine junge Lehrerin, starb angeblich auf dem Weg in die Kirche: "Ein Soldat hat sie erschossen", erzählt eine Bekannte, die aus Angst vor der Polizei ihren Namen ebenfalls nicht preisgeben will. Sie hat die Tote mit ihrem rosaroten Handy fotografiert, das Bild zeigt eine junge Frau mit schwarzem T-Shirt und grünem Rock in einer Blutlache, hinter ihr steht ein Soldat mit der Waffe im Anschlag.
"Ihr Leichnam ist verschwunden", sagt Pateras Freundin. "Die Soldaten haben viele Tote verbrannt oder verscharrt." Nachprüfen lässt sich das kaum: Einige der 73 zivilen Opfer wurden ohne Obduktion beerdigt. Vor der Leichenhalle des staatlichen Krankenhauses von Kingston wachen einige grimmige Damen, die alle Besucher abwehren: "Ohne die Genehmigung des Premierministers kommt hier keiner rein."
Die Regierung des großen Nachbarn im Norden hatte schon vergangenen Sommer die Auslieferung des Gangsters beantragt, Coke wird in den USA wegen Drogen- und Waffenhandels gesucht. Der Mann aus Jamaika sei einer der gefährlichsten Verbrecher auf Erden, behaupten die US-Behörden.
Der Drogenboss entstammt einem alteingesessenen jamaikanischen Verbrecher-Clan. Schon sein Vater Lester war ein geachteter "Don", wie die Gangsterchefs auf der Insel respektvoll genannt werden. Kurz vor seiner geplanten Auslieferung in die USA starb er bei einem mysteriösen Brand in seiner Zelle. Zwei von Cokes Brüdern wurden ermordet.
Die Dons sind die wahren Herrscher Jamaikas: Sie kontrollieren die Garrisons, die von Kriminalität geprägten Armenviertel. Die Karibikinsel leidet besonders unter dem wirtschaftlichen Niedergang der Region, im Schutz der Slums floriert das Verbrechen. Jamaika ist ein wichtiger Umschlagplatz für Drogen und Waffen, die Dons sitzen an einer Schaltstelle des internationalen Handels.
Viele verfügen über beste Verbindungen in die Politik: Die meisten Gangs entstanden, als die großen Parteien für die Parlamentswahlen in den siebziger und achtziger Jahren Schlägertrupps anheuerten, um ihre Rivalen einzuschüchtern. Beim Begräbnis von Cokes Vater lief Ex-Premier Edward Seaga im Trauerzug mit. Coke führte die Familientradition fort: Er unterstützte Premierminister Bruce Golding, Seagas Nachfolger an der Spitze der konservativen Labour Partei.
Cokes Hochburg ist das Elendsviertel Tivoli Gardens in West Kingston, wo auch Reggae-Star Bob Marley lange lebte. Die Gegend zählt zum Wahlbezirk des Regierungschefs. Coke beschaffte Golding die Stimmen der Slum-Bewohner, der Politiker ließ ihn dafür ungestört seinen Geschäften nachgehen.
Der Gangster errichtete in Tivoli Gardens einen Staat im Staate: Er zahlte Schulgeld und Medikamente für die Bewohner, schlichtete familiäre Streitigkeiten und bestrafte Diebe. Zugleich stockte er sein Arsenal auf: Im benachbarten Haiti tauschte er Marihuana gegen Pistolen und Gewehre.
Im Schatten des Premierministers, der sich - im besten Fall - nicht darum kümmerte, wer seine Stimmen gekauft hatte, stieg Coke zum "mächtigsten Mann Jamaikas" auf, so ein Ex-Minister. Der Gangster erwies sich als smarter Geschäftsmann, er protzte nicht, wie sonst branchenüblich, mit Geld und Frauen, nur selten ließ er sich auf Partys fotografieren. Coke gründete zwei legale Unternehmen, der Premier schanzte seiner Beraterfirma "Incomparable Enterprise" millionenschwere Staatsaufträge zu. In Tivoli Gardens nannten sie ihn bald "President"; niemand wagte es, sich mit ihm anzulegen.
Die Symbiose zwischen Gangster und Regierung gedieh, wie sie unter der heißen Karibiksonne zu gedeihen pflegt - bis Washington die Auslieferung des Drogenbosses verlangte. Lange verzögerte Golding die Entscheidung; zunächst maulte er, die US-Behörden hätten seinen Landsmann illegal abgehört, zugleich erschwerte er die Bemühungen einer Anwaltsfirma, die im Auftrag der Washingtoner Regierung über die Auslieferung verhandelte. Erst als die Amerikaner mit Sanktionen gegen die Insel drohten, gab der Premier den Don auf. Die Entscheidung, ihn fallenzulassen, provozierte das Blutbad.
Coke hatte in den vergangenen Monaten seine Anhänger mobilisiert und mit Waffen ausgerüstet. Zunächst demonstrierten einige hundert Frauen in weißen T-Shirts für den Drogenboss, auf ihren Hemden stand: "Jesus starb für uns, wir sterben für Dudus." Seine Anhänger errichteten Barrikaden aus Autowracks, als das Militär in Tivoli Gardens einmarschierte, wurden die Einheiten mit einem Kugelhagel empfangen.
Jamaikas Soldaten sind zumeist jung und unerfahren, auf den Häuserkrieg im Slum waren sie nicht vorbereitet. "Sie ermorden Unschuldige", flüstert die Zeugin Carey und verschwindet schnell wieder. Hinter ihr patrouillieren einige schwerbewaffnete Soldaten.
Mit ein paar Freundinnen lungert sie wenig später an einer Straßenecke beim Coronation Market herum, dem größten Markt der Hauptstadt. Normalerweise verkaufen die Frauen hier Obst und Gemüse, doch seit der Schlacht um Dudus sind die Marktstände verwaist. Coronation Market liegt am Rande von Tivoli Gardens, Soldaten haben alle Zufahrten zu dem Slum abgeriegelt.
Vergangenen Mittwoch durften Helfer des Roten Kreuzes den Stadtteil erstmals wieder betreten, sie verteilten Lebensmittel und Wasser. Vor allem Frauen und Kinder seien traumatisiert von den tagelangen Schießereien, sagt Jaslin Salmon, der Chef des jamaikanischen Roten Kreuzes.
Ins Zentrum der Hauptstadt kehrt unterdessen allmählich Normalität zurück. An der King Street öffnen die ersten Geschäfte, die Busse fahren wieder, in dieser Woche sollen auch die Schulen öffnen.
Die Regierung hat ihre Suche nach dem Drogenkönig inzwischen auf andere Stadtteile ausgeweitet, auch aus den Villenvierteln der Reichen werden erste Schusswechsel gemeldet, der Ausnahmezustand wurde sicherheitshalber auf einen Monat verlängert. "Die Jagd geht weiter", verspricht Hinds. Allerdings, so räumt er später etwas kleinlaut ein, sei er sich nicht sicher, ob der Gangster überhaupt noch auf Jamaika sei: "Schließlich hat er Kontakte in die ganze Welt."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 22/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JAMAIKA:
Von Paten und Premiers

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"