31.05.2010

ESTLANDHärter und bescheidener

Die einstige Sowjetrepublik macht Griechenland vor, wie die Krise zu überwinden ist: Tallinn hat ein Sparprogramm durchgezogen und will sogar den Euro einführen.
Meeli Hunt ist die bekannteste Arbeitslose Estlands. Bei ihren Auftritten in Fernseh-Talkshows sitzt ihre Frisur tadellos, sie trägt weiterhin Designerbrillen. Sie ist noch schlanker geworden als zu der Zeit, in der sie als Pressesprecherin für die Regierung arbeitete. Ihr Alter, 52, sieht ihr niemand an, täglich geht sie ins Fitness-Studio. Das hat sie sich angewöhnt, als sie plötzlich keinen Job mehr hatte.
Meeli Hunt hat eine typisch estnische Karriere hinter sich: einen rasanten Aufstieg nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991, als alles möglich schien. Dann, 2008, einen ebenso scharfen Absturz, als das Wirtschaftswachstum von heute auf morgen endete. Sie hat sich durch die schlechten Zeiten hindurchgespart, und jetzt geht es ihr langsam wieder besser - so wie dem Rest des Landes auch: "Ich bin härter geworden und bescheidener", sagt sie.
Als Pressesprecherin im Verteidigungsministerium hatte sie sich einen Ruf als Multimedia-Managerin erworben. Meeli Hunt vermarktete das junge Nato-Mitglied Estland im Internet. Später besorgte sie die Öffentlichkeitsarbeit für das Freiheitsdenkmal, ein nationales Prestigeobjekt, das vergangenes Jahr in Tallinns Innenstadt aufgestellt wurde.
Doch dann trat plötzlich ihr Vorgesetzter ins Zimmer und druckste herum: Sie solle das nicht persönlich nehmen, der Staat müsse nun mal sparen, sie sei entlassen. Damals bewahrte der gesetzliche Kündigungsschutz sie noch einen Monat lang vor der Arbeitslosigkeit, inzwischen wurde die Schonfrist ganz abgeschafft.
Estland hat sich seit der Wende die wohl liberalste Wirtschaftsverfassung in Europa verordnet. Der verdanken die Esten eine Boomdekade mit zweistelli-gen Wachstumsraten, aber auch, nach dem brutalen Absturz, ein beispielloses, schmerzhaftes Sparprogramm.
Das seine Aufgabe erfüllt: In nur einem Jahr hat sich Estland saniert, das Land wird allen Kriterien für eine Mitgliedschaft im Euro-Club gerecht. Tallinn nimmt neue Schulden in Höhe von nur 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf, die Gesamtverschuldung betrug am Jahresanfang gerade einmal 7,2 Prozent des BIP, in Griechenland waren es 115 Prozent. Im Januar 2011 will Estland die Gemeinschaftswährung einführen. Die Münzen sind schon geprägt, sie zeigen den Umriss des Landes, das so weit im Osten der EU liegt, dass die Ostsee hier Westmeer heißt.
Der Preis eines solchen Erfolgs sind allerdings 137 000 Menschen ohne Job, bei 1,3 Millionen Einwohnern macht das eine Arbeitslosenquote von 19,8 Prozent.
Ihre Erfahrung als Arbeitslose hat Meeli Hunt in ihrem Internetblog beschrieben. "Ohne Job ist man plötzlich allein", sagt sie. Ehemals gute Freunde brachen den Kontakt ab.
26 Kollegen mussten gemeinsam mit ihr gehen, sie gründeten einen Club und schworen einander, erst auseinanderzu- gehen, wenn alle wieder Arbeit haben.
Was war schiefgelaufen in Estland? "Wir haben ein liberales Versuchslabor aus unserem Land gemacht", sagt Wirtschaftsprofessor Rainer Kattel, "das hat gut funktioniert, zu gut."
In den neunziger Jahren hatte Tallinn alle unrentablen Staatsbetriebe, Häfen und Banken privatisiert und eine Flat Tax eingeführt, einen pauschalen Einkommensteuersatz von zurzeit 22 Prozent für alle Esten.
Nun ließen vor allem skandinavische Banken Geld nach Estland strömen. Sie eroberten den Finanzsektor und sicher-ten sich Grundstücke, Investoren bauten Bürotürme.
Die Esten schienen sich auf einmal alles leisten zu können: neue Autos und Wohnungen für jeden. Kredite waren günstig; wenn es schnell gehen musste, waren kleine Summen sogar per SMS erhältlich. Das billige Geld heizte den Binnenkonsum an. "Leider hat Estland es versäumt, einen starken Exportsektor aufzubauen", sagt Kattel. Der Wert der Einfuhren übertraf den der Ausfuhren um 20 Prozent.
Als dann die Immobilienkrise zunächst die USA erschütterte, die skandinavischen Banken vorsichtiger wurden, brach das Wachstum ein. Weil die estnische Krone mit einem festen Wechselkurs an den Euro gebunden ist, konnte die Regierung die Währung nicht einfach abwerten, sondern musste das Land konkurrenzfähig machen, indem es die Ausgaben zusammenstrich. Interne Abwertung heißt das schmerzhafte Sparrezept unter Ökonomen. Die Regierung sparte an Beamten, im Gesundheitswesen, an den Renten, bei der Infrastruktur und erhöhte die Konsumsteuern. In vielen Firmen sanken die Löhne um mehr als zehn Prozent - und die Esten litten still.
"Wir sind nordisch kühl, wir regen uns nicht so auf wie jetzt die Griechen", sagt Meeli Hunt. Sie hat in ihrem Blog vorgeschlagen, dass sich alle Arbeitslosen zu einem großen Sängerfest in Tallinn treffen. Sängerfeste sind Nationaltradition, singend hatten die Esten einst die Herrschaft der Sowjetunion wegdemonstriert.
Aber jetzt gab es nicht eine einzige Demonstration gegen das Sparprogramm, nicht einmal im Parlament ist der Regierungskurs wirklich umstritten.
Ein Jahr lang zahlt der Staat ein gestaffeltes Arbeitslosengeld. Die Sozialhilfe danach ist kaum der Rede wert. Viele Esten verbrauchen nun ihre Ersparnisse. Sie sind wohl auch deshalb so geduldig, weil es trotz der Krise dem Land selten besserging: Estland ist unabhängig, der Lebensstandard ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen - und die Erinnerung an die schlechten Zeiten als entlegene Sowjetrepublik ist noch immer lebendig.
Finanzminister Jürgen Ligi, 50, ist der Vollstrecker der Sparbeschlüsse. Er ist der richtige Mann, um unpopuläre Entscheidungen bei seinen verwöhnten Landsleuten durchzusetzen: Er hat die breiten Schultern eines Leistungssportlers und ein dazu passendes Selbstbewusstsein. Ligi hat sein eigenes Gehalt um rund ein Fünftel gekürzt. "Wir hatten eine Immobilienblase und eine Finanzblase. Die sind geplatzt, und jetzt befinden wir uns ökonomisch gesehen wieder auf dem Stand des Jahres 2005", sagt er. "Wir haben daraus gelernt; unsere Art, Geschäfte zu machen, ist jetzt viel vorsichtiger und konservativer als früher."
Wollen die Esten den Euro überhaupt noch? "Ohne jeden Zweifel. Die Gemeinschaftswährung bringt Stabilität und Vertrauen, gerade für so ein kleines Land wie Estland."
Inzwischen spekulieren Tallinner Zeitungen darüber, wie die EU-Regierungen ihren Wählern wohl erklären werden, dass die Euro-Zone als Nächstes ausgerechnet um ein ehemaliges Ostblockland erweitert werden soll. Solche Skepsis findet Ligi unfair: "Wir kommen nicht aus dem Dschungel. Estland ist ein Beispiel an nordischer Haushaltsdisziplin."
Die EU-Kommission in Brüssel hat sich bereits für die Aufnahme der Esten ausgesprochen, jetzt müssen noch die Euro-Staaten zustimmen. Eine bizarre Situation: Die hochverschuldeten Länder Italien, Spanien und Portugal werden mit darüber entscheiden, ob der Musterschüler Estland den Euro schon im nächsten Jahr einführen darf.
In diesem Jahr wird die Wirtschaft am Westmeer wieder leicht wachsen. Meeli Hunt jedenfalls hat seit kurzem einen neuen Job als PR-Managerin. Sie hat ihren Blog aufgegeben, ihr Arbeitslosenclub konnte sich auflösen: Keines der 26 Mitglieder von einst erfüllt mehr die Aufnahmekriterien.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 22/2010
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