31.05.2010

Wiedersehen in Utopia

Global Village: In Abu Dhabis Ökoprojekt Masdar City erlebt die Bundeskanzlerin, wie schön Politik sein kann.
Die Kolonne aus Hybridwagen der S-Klasse ist am Springbrunnen links abgebogen nach "Masdar City", 17 Kilometer vom Stadtzentrum Abu Dhabis entfernt. Arbeiter stehen bewegungslos am Straßenrand, über sich fröhliche Fahnen, und hinter den Bauzäunen liegt flach ein erbarmungslos ausgedörrtes Land, das mehr vom Planeten Venus hat als von der Erde.
Die Kanzlerin ist in der Zukunft angekommen. Weit weg von Berlin.
"Das ist Ihr Baby, Frau Merkel", wird ihr zur Begrüßung gesagt. Frau Merkel nickt.
Eigentlich sollte die neue Internationale Agentur für Erneuerbare Energien, Irena, ihren Sitz in Bonn haben. So hatte es Angela Merkel damals geplant, im Jahr 2008.
Aber dann kam wieder einmal alles ganz anders, und Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, wurde auserwählt, wegen dieser CO²-neutralen Modellstadt inmitten der Wüste, wegen Masdar City. Schon in wenigen Jahren soll hier eine ideale Wohn- und Arbeitsstadt für 50 000 Menschen entstanden sein, in der Müll und Abwässer restlos wiederaufbereitet werden. Innovationsfirmen werden sich angesiedelt haben, Windtürme, Solar- und Wasserstoffkraftwerke werden gebaut sein.
Masdar City ist ein Ort im Futur II.
Bislang besteht die Zukunftsstadt großteils aus Modellen und 3-D-Animationen, aus Bauzäunen, eingepackten Zuchtpalmen und Straßen, die ins Noch-Nichts führen. Aber Utopien leben vom Noch-nicht.
Anders die Politik. Die lebt vom Nicht-mehr. Jedenfalls in Deutschland. Vom großen Vorbei, von Altlasten, Schulden und gewesener Jugend.
Angela Merkel wirkt froh, Berlin und Brüssel für ein paar Tage entronnen zu sein. Endlich einmal ein Land, das niemanden anpumpen muss, außer den eigenen Boden.
Bei ihrem letzten Besuch in den Golfstaaten hatte ihr der saudische Herrscher ein Tablett mit zwölf goldenen Kamelen überreichen lassen. Die Kanzlerin fremdelte. Sie wollte keine Kamele geschenkt bekommen. Auch nicht aus Gold.
Jetzt ist vieles anders. Ihr imponiert die Kühnheit dieser Herrscher am Golf.
Ein Jungarchitekt führt Angela Merkel durch den ersten fertiggestellten Gebäudekomplex, das Masdar Institute of Science and Technology. Man hört Worte wie "Exzellenzzentrum", "Ecomagination", "Nachhaltigkeit" und "clean technology cluster" - "Aha, autofrei alles", sagt die Kanzlerin. Sie fremdelt kein bisschen.
Später wird sie eine Erdgas-Zapfsäule einweihen, draußen vor der Stadt. Ein Pilotprojekt made in Germany. Es wird von einem "historischen Moment" die Rede sein, von "strategischer Partnerschaft", und im Hintergrund werden die blauen Schmuckballons in der Hitze platzen, einer nach dem anderen.
Das ist der Unterschied. Wenn Nicolas Sarkozy nach Abu Dhabi kommt, legt er den Grundstein für einen zweiten Louvre.
Die deutsche Kanzlerin eröffnet eine Zapfsäule.
So sind wir. So ist sie. Und vielleicht findet Angela Merkel es auch zukunftsträchtiger, den Autoverkehr auf Erdgas umzustellen, als großspurig Kulturtempel in die Wüste zu pflanzen.
Jetzt in Masdar City liegt die Temperatur bei 40 Grad. Für die Kanzlerin sind Ventilatoren und mächtige Kühlgeräte aufgestellt worden, konventionell betrieben, noch. Merkel schaut auf ein Flamboyant-Bäumchen, das vor ihr dürr in einem Mulchbett steht. "Die Fenster sind aus zu 90 Prozent recyceltem Aluminium, alles aus Deutschland", sagt der Jungarchitekt, "bald könnten die ersten Studenten einziehen." Die Kanzlerin schaut auf das Bäumchen. Dann sagt sie: "Und wo kriegt der Baum sein Wasser her?"
Der Jungarchitekt beeilt sich, von "Kapillarleitungen direkt zu den Wurzeln" und "der effizientesten Möglichkeit hier" zu reden. "Ja, ist klar", sagt die Kanzlerin.
Es ist sehr heiß in Abu Dhabi. Es gibt keine Flüsse, kaum Süßwasservorkommen, wenig Regen. Jeder Strauch, jeder Baum wird mit entsalztem Meerwasser bewässert. Kein Land hat einen höheren Wasserverbrauch als die Emirate, kaum eines ist trockener.
Abu Dhabi ist kein Ökotopia. Auf den Straßen fahren jede Menge Fünfliterautos. Damit ist nicht der Verbrauch gemeint. Es gehört ziemliche Kühnheit dazu, hier eine Öko-Modellstadt zu errichten. Merkel könnte das bedenklich finden. Tut sie aber nicht. Im Gegenteil:
"Und alles geht nach diesem 2030-Plan für Abu Dhabi?", fragt die Kanzlerin, schon zum zweiten Mal. Das scheint sie beeindruckt zu haben. Ein Plan wider alle ökologische Vernunft, der abgearbeitet wird, ohne Landtagswahlen, Schuldenbremsen, Schwesterparteien. 20 Jahre Planungshorizont, unbegrenzter Zukunftsoptimismus, wie in den Aufbaujahren der DDR.
Die Kanzlerin sieht zufrieden aus, als sie wieder in das Auto steigt. Es hat ihr gefallen, was sie sah. Modellstädte, Technik, Kindergärten, Institute, Zukunft. Pläne. Aufbruch. Woran erinnert sie das nur?
An der Straße stehen die dunkelhäutigen Arbeiter mit ihren Signalwesten und Helmen und sehen die Kolonne vorbeifahren. Sie schauen still. Auf den Bauzäunen die Spruchbänder vom besseren Morgen: "Einst werden alle Städte so sein wie diese" und "Eine Stadt zum Arbeiten". Und hinter den Bauzäunen jede Menge Nichts. Noch-Nichts.
Jemand sagt: "Wie in Eisenhüttenstadt."
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 22/2010
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