31.05.2010

KINODer Mann ohne Namen

Er war der Rächer mit dem Poncho und der Bulle mit der 44er Magnum, bis er sich als Meisterregisseur neu erfand. Diese Woche wird Kinolegende Clint Eastwood achtzig. Eine Spurensuche. Von Matthias Matussek
Da es einfach unmöglich ist, keinen Clint-Eastwood-Lieblingsfilm zu haben, hat auch der Passbeamte am Flughafen in San Francisco einen. Er mag "Für eine Handvoll Dollar", überhaupt die Spaghettiwestern aus der frühen Periode.
Keine schlechte Wahl, denkt man sich, hier in der lärmenden Brandung von Einreisewilligen aus aller Welt. Der Mann mit dem Poncho und dem Colt. Einer im Grenzgebiet, der für Ruhe und Ordnung sorgt, ohne viel zu reden.
Es gibt keinen anderen, der seine Karriere immer wieder unter diese eine Idee gestellt hat: Ordnung, die ständig bedroht ist und ständig neu wiederhergestellt werden muss. Clint Eastwood ist kein Schauspieler, sondern ein Archetyp. In der Abendsonne der amerikanischen Populärkultur steht er groß und dunkel wie ein Totempfahl.
Seine Filme begleiten die Nation seit über einem halben Jahrhundert, bebildern ihre Sehnsüchte, noch häufiger aber ihre Alpträume. In 66 Filmen hat er gespielt, 35 hat er inszeniert, mit wachsender Perfektion, gerade hat er einen neuen fertiggestellt. Diese Woche wird er achtzig.
Er ist ein Geheimnis, das sich zunehmend verschattet, statt sich aufzuhellen. In seinem vorletzten Großwerk, dem düsteren "Gran Torino", gibt er der Figur des Rächers die Kontur eines Märtyrers.
Die Texte seiner Rollen würden in einen chinesischen Glückskeks passen, und auch sonst ist er einsilbig. Wie soll man einen Mann feiern, der ungern Interviews gibt? Wer nach Eastwood-Country aufbricht, zieht los in ungemütliches Gelände und muss erst mal weit zurück.
"Für eine Handvoll Dollar" also, die US-Kritiker rümpften die Nase damals, 1964, das Publikum hingegen, besonders das in Europa, liebte den Film, für die Studenten in Mailand und Berlin war er eine ästhetische Revolution. Eastwood nahm den Seiteneinstieg zur Weltkarriere. Gemeinsam mit Sergio Leone ließ er den fade gewordenen amerikanischen Western unter der spanischen Sonne verrotten, um ihn neu zu erfinden.
Der Korea-Krieg war zu Ende, der in Vietnam hatte begonnen. Clint Eastwood war um beide herumgekommen. Aufgewachsen war er in den Jahren der Depression mit ständigen Wohnortwechseln, sein Vater hatte laufend neue Jobs. Später College in Los Angeles, dann Armeedienst als Rettungsschwimmer in Fort Ord in der Monterey-Bucht. Er überlebte eine Notwasserung im Meer, er trieb sich rum als Barpianist, hatte kleine Rollen, bis er ab Ende der fünfziger Jahre schließlich als braver TV-Cowboy Rinderherden trieb. Er sah gut aus, war der "all-american boy".
Doch plötzlich, mit Mitte dreißig schon spät in der Karriere, war er zum universell verständlichen Zeichen geworden. Unrasiert und wortlos stand er da, stilisiert zum "Mann ohne Namen", in einer grandiosen Gewaltoper mit abrupten Wechseln aus Breitwandlandschaften und extremen Nahaufnahmen, oft nur Augen oder ein zuckender Mundwinkel, in dem ein Zigarillo steckte, reglos, furchtlos, wachsam, schweigsam, merkwürdig rein.
Der Zigarillo war so wichtig wie der Hut, der Poncho. "Ich brauchte eher ei-ne Maske als einen Schauspieler", sagte Leone. "Und Eastwood verfügte zu jener Zeit im Wesentlichen über zwei Gesichtsausdrücke: einen mit und einen ohne Hut." Aber Eastwood wusste auch: Zwei Gesichtsausdrücke, das reicht für einen Star. Nur Schauspieler brauchen mehr.
"Was machen Sie in den Vereinigten Staaten?", fragt der Beamte.
"Clint Eastwood besuchen, er weiß allerdings nichts davon."
Interviews seien ausgeschlossen, sagte die Dame von Warner, gar nicht erst versuchen, er steckt in der Postproduktion, der 80. Geburtstag wird anders gefeiert.
Etwa mit einer Eastwood-DVD-Kollektion aus 35 Filmen, die Warner auf den Markt gebracht hat. Oder mit Richard Schickels großer Filmografie. Aber es wäre prima, ihn persönlich zu sprechen und in sein Geheimnis zu schauen.
"Jetzt die Daumenabdrücke", sagt der Beamte, "schauen Sie direkt in die Kamera, gut so. Okay, und, ehm, grüßen Sie Clint!"
Das klingt wie: Clint, wir brauchen dich. Die Welt ist komplizierter geworden. Die Bösen sehen mittlerweile nicht mehr aus wie die Bösen, man muss höllisch aufpassen, dass sie nicht einsickern, hier oder im Süden; im Nachbarstaat Arizona haben sie gerade schärfere Einwanderungsgesetze erlassen. Das Land hat paranoide Züge in diesen Tagen. In Bezirken und Kommunen wird gewählt, die Sheriffs und Staatsanwälte, die sich zur Wahl stellen, wetteifern darum, jeweils der härteste aller Brocken zu sein.
Law and order, das ist das Thema jetzt. Für Eastwood war es das schon 1971, als "Dirty Harry" die Szene betrat. Dirty Harry war der feuchte Traum aller Republikaner, das erhörte Gebet jener, die Moral und nationale Stärke bedroht sahen. Nach dem Mann ohne Namen ist der reaktionäre Bulle Eastwoods nächster Archetyp.
Inspektor Harry Callahan schießt und prügelt sich ausgerechnet durch San Francisco, die Stadt der Blumenkinder, der Kiffer, der Antikriegsdemonstranten. Er selbst trägt Sakko mit Lederflicken, eine Hose für 29,50 Dollar, und er lebt allein, denn seine Frau ist überfahren worden.
Er hat eine proletarische Abneigung gegen Soziologiestudenten und Bürokraten und vor allem gegen windelweiche Politiker, die auf den Erpressungsversuch eines psychopathischen Serienkillers eingehen wollen, dessen Gürtelschnalle aus einem verdrehten Peace-Zeichen besteht.
Callahan jagt ihn mit seinen Methoden, zu denen auch Folter gehört. Den Mann ohne Namen konnte die Kritik noch missachten, doch mit "Dirty Harry" war Eastwood ein Politikum. Pauline Kael nannte ihn im "New Yorker" "faschistisch".
Das Publikum jedoch liebte ihn, vier weitere "Harry"-Filme sollten folgen, eine wahrhaftige Goldader in den siebziger und achtziger Jahren. Es gab Einzeiler, die ins amerikanische Politsprech einsickerten. Da raunt Callahan, den Finger am Abzug seiner Magnum, einem bewaffneten Geiselnehmer zu: "Go ahead, make my day!" Mit diesen Worten konterte Ronald Reagan später einen Vorstoß der Demokraten, die Steuern zu erhöhen.
Heute sind Golden Gate Bridge, die steilen Kurven der Lombard Street, der Washington Square Park in der populären Mythologie Callahans Revier, und das Viertel der Hippies in Haight Ashbury ist nur noch eine hübsch bemalte Mottenkiste aus den Drogendeliriumstagen der späten Sechziger. Ein paar Grunge-Touristen mit bunten Lama-Strickmützen fotografieren die Headshops, und nachts gehört das Viertel den Obdachlosen.
Jimmy, ein Nerd mit Hornbrille und zurückgebundenen Locken, bedient in einem Video-Store in der Ashbury Street. Selbstverständlich führt er "Dirty Harry"-Ware. "Faschistisch?" Er lacht.
Jimmys Lieblingsfilm allerdings ist "Absolute Power" von 1997. "Gene Hackman als Präsident, der in einen Sexskandal und Mord verwickelt ist - es gibt nichts Besseres." Die Nummer eins als Dreckschwein, was könnte subversiver sein? Darüber hinaus ist "Absolute Power" ein eleganter Film noir und Eastwood als Meisterdieb der Beweis dafür, wie gut ein 66-Jähriger aussehen kann, der sich vernünftig ernährt und Sport treibt.
Aber da hatte er bereits Meisterwerke wie "Der Texaner" (1976) gedreht und "Pale Rider" (1985) und vor allem "Erbarmungslos" (1992), der das letzte Wort war zu allen Western. "Erbarmungslos" führte vor, wie hart und erbärmlich es tatsächlich ist, einen Menschen zu töten, und, in der Figur eines Groschenheftautors, wie absurd die Westernmythologie mit ihren Heldenlegenden ist.
Eastwood erhielt den Oscar für Regie und Film, das Hollywood- Establishment applaudierte stehend. Der Mann ohne Namen war angekommen. Er hatte durchaus mittelmäßige und alberne Filme gedreht in der Zwischenzeit, aber nie aufgehört zu arbeiten.
Meistens hatte er seine Budgets unterschritten. Er hat bei Don Siegel gelernt, schlank zu drehen. Warum zehn weitere Takes drehen, wenn schon der erste stimmt? Früh war er ein perfekter Handwerker. Später wurde er zum Visionär, zum Tänzer, zum Agitator.
Er hatte 1988 mit "Bird" einen berührenden Autorenfilm über das Leben der Jazzlegende Charlie Parker gedreht und mit "Die Brücken am Fluss" ein Melodram mit Meryl Streep, den bei Frauen so erfolgreichen Film des Jahres 1995. Mit "Mystic River" 2003 setzte er ein dunkles Missbrauchsdrama im Bostoner Arbeitermilieu in Szene, das für sechs Oscars nominiert wurde. "Million Dollar Baby" im Jahr darauf, Oscar-prämiert, war nur vordergründig ein Film übers Boxen, in Wahrheit einer über eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung und Euthanasie.
Zwei Kriegsfilme über Iwo Jima folgten, harte Kost, doch notwendig. Er könnte Golf spielen, sagte er damals, doch er habe mit den Filmen viel gelernt, über die Menschen und über sich selbst.
Heute ist Eastwood Milliardär, Besitzer eines Golfclubs, von Restaurants und Immobilien, doch er hatte kaum Geld in der Tasche, als er in den fünfziger Jahren zum ersten Mal nach Carmel-by-the-sea kam. Er blieb. Jeder wäre geblieben. Schon John Steinbeck war hingerissen, die Beach Boys bejubelten den Big Sur mit seinen Stränden und Zypressenklippen in der "California Saga" mit Popchören.
Carmel, eine Künstlerkolonie nach dem Erdbeben von 1906, das San Francisco zerstörte. Jack London und Sinclair Lewis lebten hier, Robinson Jeffers dichtete sein antimodernes "Tamar", Edward Weston fotografierte Granit, Akte, Zypressenholz. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen pensionierte Offiziere, dann die Entertainer, dann die Milliardäre mit ihren Zweitwohnungen und Drittgattinnen. Und bald Malkurse und Golfclubs.
Dabei ist Carmel mit seinen 4000 Einwohnern so überschaubar wie Carson City zu Zeiten des Goldrauschs. Nur dass es statt der Saloons feine Italiener gibt und statt der Bordelle Galerien und statt Bretterbuden Cottages im Schlümpfestil. Und das Gold hat jeder, der sich hier niederlässt, bereits in der Tasche.
Nun käme es darauf an, Clint Eastwood wissen zu lassen: Ein Reporter und ein Fotograf sind in der Stadt, die ihn treffen wollen. Der Sheriff von Carmel ist Police Chief George Rawson. In seiner Shooting Range unter der Wache führt er vor, warum er immer noch die Top Gun seiner Einheit ist. Bang, bang, bang, jedes Mal das Bull's Eye.
Sein Lieblings-Eastwood? "Der Texaner", eindeutig. Allerdings, sagt er, waren die Waffen damals, nach dem Bürgerkrieg, längst nicht so genau. Seine Waffe ist die halbautomatische Sig Sauer.
"Clint ist präsent in Carmel", sagt der Chief. Eastwood unterstützt die Arbeit mit Jugendlichen. Gouverneur Schwarzenegger hat gerade Sozialprogramme gestrichen, um Haushaltsdefizite zu verringern. Zu den Betroffenen zählen vorwiegend Jugendliche, da sind Initiativen wie die Eastwoods lebensnotwendig.
Für Stephen Moorer, den Chef des Golden-Bough-Theaters, besteht Eastwoods Leistung darin, "normal" geblieben zu sein. Das scheint jeden zu überraschen und lässt darauf schließen, dass man sich sonst Stars als Ekelpakete denkt. Eastwood sei ein Daddy wie er. Moorers Tochter geht mit der von Eastwood in eine Klasse. Kürzlich hatte Clint auf einem Schulfest Macarena mit ihr getanzt. Und nach der Premiere einer "Buddy Holly"-Produktion ging der Star in die Garderobe des Hauptdarstellers und sagte in seiner heisersten Clint-Tonlage: "You rock." Mehr nicht. Mehr war auch nicht nötig.
Offenbar ist es hier eher schwer, Clint nicht zu treffen. Jeder kennt jeden, Carmel ist altmodisch. Es gräbt die Hacken ein gegen den Lauf der Zeit. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, die Häuser haben keine Nummern, sondern Namen wie "Hänsel und Gretel". Die Briefe holt man sich selber beim Postamt ab.
Eastwood mochte Carmels Rückständigkeit. Allerdings wollte er gern auf der Straße sein Eis essen, und da das nach einer alten Stadtratsanordnung verboten war, ärgerte sich Dirty Harry auf seine Weise: Er ließ sich 1986, mit 72,5 Prozent (2166 Stimmen) zum Bürgermeister wählen und aß Eis auf der Straße. Wer träumt nicht von so was!
Doch auch das tat er: Als eine Investorengruppe auf den Schafsweiden hinter der Missionskirche von 1771 einen Apartmentkomplex setzen wollte, kaufte Eastwood das Land, und alles blieb, wie es war.
Obwohl Norman Mailer ihm ein präsidiales Gesicht zuschrieb, hat sich Eastwood nie für nationale Ämter interessiert. Er würde den Clinton-Test nicht bestehen, meinte er. "Keiner würde das, der nicht Mutter Teresa ist." Aber die wäre auch nicht in Versuchung gebracht worden durch Catherine Deneuve, Jean Seberg und Bekanntschaften auf den Filmsets.
Als Park Commissioner legte er sich mit Gouverneur Schwarzenegger wegen einer Durchfahrtsstraße an. Zwei ActionHelden stritten um Bäume. Einer von ihnen hatte politische Muskeln, die er spielen ließ, und es war nicht Eastwood.
Eastwood unterstützte auch die derzeitige Bürgermeisterin Carmels, Sue McCloud. Das Städtchen stöhnt immer noch über die Nachwirkungen des äußerst fiesen Wahlkampfs. McClouds Herausforderer war ein 34-jähriger Bursche, der erst sechs Monate zuvor aus Washington hierhergezogen war. Sein Programm bestand aus der Ansage, dass frischer Wind in die Politik müsse, womit er sich selber meinte.
Sue McCloud, weit über der Pensionsgrenze, versieht ihren Job schon seit zehn Jahren, und das für 200 Dollar im Monat. Vorher war sie 30 Jahre lang bei der CIA in Washington. Was sie dort gemacht hat? "Wenn ich Ihnen das erzähle", sagt sie, "müsste ich Sie sofort erschießen."
Über ihren berühmten Vorgänger im Amt kann sie nur Gutes sagen. "Carmel ist geteilt zwischen Traditionalisten und anderen, die nach vorn schauen. Clint hat beide Lager zusammengebracht."
Carmel häuft Auszeichnungen. Hundefreundlichste Kleinstadt, schönster Strand, ein Bach-Festival von Rang, das Städtchen zieht zwei Millionen Touris-ten im Jahr an. Die größte Attraktion allerdings ist die, dass man Clint Eastwood auf der Ocean Avenue treffen könnte. Also Augen auf. Sieht dieser Typ vor dem Stoppschild in dem Pick-up nicht genauso aus wie Kowalski aus "Gran Torino"?
Nach Eastwood fragen im "Cypress Inn", das Doris Day gehört. Sie hat zusammen mit Eastwood in dem Dokumentarfilm "Don't Pave Mainstreet" (Asphaltiert die Hauptstraße nicht!) mitgewirkt. Die Lobby: eine rosafarbene Bonbonschachtel mit Doris-Day-Filmplakaten an den Wänden. Darunter sitzt Co-Besitzer Dennis LeVett, der eine kanariengelbe Krawatte und zweifarbige Schuhe trägt. Sein Lieblingsfilm? ",Die Brücken am Fluss'."
Welchen würde wohl Doris Day wählen? "Wollen wir sie fragen?" Dennis LeVett ruft sie an und reicht den Hörer herüber. Doris Days Stimme klingt so platinblond und fest, als könne sie jederzeit "Qué Será" singen. Allerdings hat sie, inzwischen 86 Jahre alt, den Titel des Films vergessen, in dem sie es tat. Es war mit Jimmy Stewart, das steht mal fest. Ein Gentleman, wie Clint.
Sie meint, sie hätte mal mit Clint getanzt, in "Calamity Jane", einem Filmmusical von 1953. Es waren viele junge Burschen dabei.
"Haben Sie einen Eastwood-Lieblingsfilm?"
",Play Misty For Me'."
"Aber Doris, das ist ein Horrorfilm!"
"Ich weiß, aber die Frauen sind stark. In Clints anderen Filmen kommen kaum Frauen vor. Das sind Kerle-Filme."
"Wie können wir Clint Eastwood treffen?"
"Gehen Sie in die Mission Ranch, da sitzt er ab und zu und spielt Klavier."
Die Mission Ranch, eine ausgebaute Scheune mit Terrasse und vorzüglichem Prime Rib. Das Restaurant ist an diesem Abend gut besucht. Der Mann am Klavier ist allerdings nicht Eastwood, sondern Gennady Loktionov. Er hat mit Eastwood zusammen die Musik zu "Mystic River" und "Million Dollar Baby" geschrieben.
Er ist vor 20 Jahren aus St. Petersburg hierhergekommen, ohne überhaupt zu wissen, wer Eastwood ist oder einen Film von ihm zu kennen. Wir hatten uns am Tag zuvor unterhalten. Gennady liebt Amerika, aber er ist der alten Heimat ewig dankbar für die kostenlose Schulbildung. "Das fehlt diesem Land."
Gennady muss an diesem Abend die Golfspieler der Gegend und die Touristen bei Laune halten. Die Bar ist um das Klavier herumgebaut, eine Lady singt "Big Spender". Es ist ein Abend, an dem alles stimmt, das Wetter ist endlich gut, die Flügeltüren zur Terrasse und zur Schafsweide stehen offen, und plötzlich sitzt Clint Eastwood am Nebentisch.
Gennady unterhält sich mit ihm über eine CD mit Musikarrangements, die er mitgebracht hat, und geht zurück ans Klavier. Eastwood schaut auf und sagt: "Hallo, wie geht's?"
Selten in ein entspannteres Gesicht geschaut. Keine Spur Dirty Harry, er ist freundlich. "Ich weiß von Warner Brothers, dass Sie keine Interviews geben", sage ich. "Deshalb habe ich über Sie geredet, mit allen, die ich traf."
Er lächelt.
"Ich habe jeden nach seinem Clint-Eastwood-Lieblingsfilm gefragt und keine zwei gleichen Antworten bekommen. Sie haben zu viele Filme gemacht."
"Es macht einfach Spaß zu arbeiten."
"Wie wichtig ist Carmel dabei? Man kann Sie sich kaum in Chicago vorstellen."
"Ich habe hier in der Mission Ranch meinen ersten legalen Drink gekippt, das war in den Fünfzigern, man veranstaltete damals die sogenannte Lehrernacht, da gab es die Drinks für die Hälfte. Später habe ich die Kneipe einfach gekauft. Jetzt muss ich gar nichts mehr bezahlen." Sehr beiläufig, das alles.
"Mit wem haben Sie denn geredet?"
"Mit Sue, der Bürgermeisterin. Mit Police Chief Rawson. Mit Stephen Moorer vom Theater. Mit Gennady. Ach, und mit Doris Day. Sie mochte besonders ,Play Misty For Me', den Thriller, den Sie hier in Carmel gedreht haben."
"Meine erste Regie, und es hat funktioniert."
"Sie hat erzählt, dass Sie einmal mit ihr getanzt haben."
Eastwood schaut überrascht. "Ach ja? Wann soll das gewesen sein. Bei ,Annie Get Your Gun'?"
"Es war wohl eine Probe für ,Calamity Jane'."
"Das kann nicht sein. Nein, ich weiß, was sie meint. Es war auf dem Studiogelände von Universal." Und dann erzählt Eastwood eine sehr komplizierte lange Geschichte, von der nur die Hälfte zu verstehen ist, weil die verblühte Dame neben Gennady "Somewhere Over the Rainbow" singt, mit einer Sehnsucht, die noch den Schafen draußen die Augen tränen lässt.
Jetzt konzentrieren, jetzt ist der Moment für die ganz großen Fragen: Was halten Sie von der Ölsauerei in Louisiana? Dagegen oder vielleicht doch dafür? Und was ist so toll an Matt Damon, der auch in dem neuen Film mitgespielt hat? Und was ist mit dem Präsidenten? Aber mir fällt nur der Dokumentarfilm ein, den ich am Abend zuvor gesehen habe.
"In ,Don't Pave Mainstreet' sprechen Sie sehr bewegt über Robinson Jeffers. Mögen Sie seine Gedichte?"
"Ja sehr." Eastwood spielt mit dem Stil seines Weinglases. "Er glaubte, jeder von uns kann einen Betrag zur Schönheit der Welt leisten." Er schaut auf. "Aber auch, dass die Natur gut ohne uns klarkommt."
Robinson Jeffers galt als einer der größten Dichter Amerikas. Sein Name wurde in einem Atemzug mit dem von T. S. Eliot genannt. Er war ein Prophet des einfachen Lebens, ein Einzelgänger. Er hat sich und seiner Familie ein Haus außerhalb Carmels gebaut, aus roh behauenen Natursteinen, nachdem er 1914 hierher- gezogen war.
"Hätten Sie damals gern hier gelebt?"
"Hab ich ja beinahe", murmelt er.
Na ja, so alt ist Eastwood nun auch wieder nicht. Obwohl er sicher hundert wird, wenn er sich weiter so hält.
Jeffers hat 3000 Bäume gepflanzt und Stein um Stein die Wände für sein Haus aufgeschichtet. Vormittags gedichtet, nachmittags Steine behauen.
"Ein Handwerker. Das hat mich an Sie erinnert."
"Er wollte etwas hinterlassen, was ihn überdauert."
Die letzten Filme Eastwoods sind tatsächlich wie die Steine von Jeffers' Haus. Wild, einfach, von schweigsamer Schönheit, in die Ewigkeit gelehnt. Und immer todesnäher. In "Million Dollar Baby" dreht er die Beatmungsmaschine seiner gelähmten Ersatztochter ab. In "Gran Torino" opfert er sich selbst und stirbt. Nie zuvor ist Eastwood gestorben. Und jetzt hat er einen Film über das Jenseits gedreht. Bereitet er sich vor?
"Ist Ihr neuer Film ,Hereafter' Ihre Meditation über das Leben danach?"
"Es geht um eine Frau, die eine Nahtoderfahrung hat während des Tsunamis vor fünf Jahren im Indischen Ozean."
Eine junge Frau tritt an unseren Tisch und bittet um ein Autogramm.
"Entschuldigen Sie", sagt Eastwood, "ich unterhalte mich gerade."
"Es ist für meine Mutter", sagt das Mädchen ungeschickt, was die Sache meiner Ansicht nach erst mal verschlimmert.
"Jetzt nicht, bitte", sagt Eastwood.
"Aber ich liebe Ihre Filme auch."
"Danke, sehr freundlich." Er schüttelt den Kopf.
Als das Mädchen verschwunden ist, lächelt er. "Wow, was für eine Welle an Zuneigung. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, diese Frau also sieht einen TV-Reporter auf France 2, und daraus entspinnt sich die eine Geschichte, dann ist da eine Geschichte über Zwillinge in England, und dann ist da dieser Typ in San Francisco, der Kontakt mit dem Jenseits hat. Alles ist miteinander verknüpft, ein sehr gutes Drehbuch, es stammt von Peter Morgan, der auch das Drehbuch für ,The Queen' geschrieben hat."
"Wird dieser Film so eine Art Farewell ans Kino?"
"Nein, nein, ich bereite schon den nächsten vor. Man muss Filme hintereinanderweg machen. Man muss im Rhythmus bleiben. Manche Leute warten drei Jahre bis zum nächsten Film, da verkrampft man. Jetzt mache ich erst mal diesen Film fertig, und dann kommt der nächste. Hören Sie, die Musik?"
Es ist leise geworden in der Bar. Gennady spielt eine Folge dunkler Moll-Töne, dann ein hoher Dur-Lauf, pling, pling, wie Tropfen aus Silber, Sphärenklänge.
"Das ist die Musik aus dem Film", sagt Eastwood nach einer Weile und lächelt. "Schön, nicht wahr?"
"Glauben Sie, dass da was ist nach dem Tod?"
"Ich weiß nicht." Seufzen. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Beides ist okay." Dann, heiserster Eastwood: "Wenn ja, werde ich es Sie wissen lassen."
Wir hören der Musik zu. Er erzählt von seiner Tochter, von der Schulaufführung von "Der Zauberer von Oz" und davon, wie sie tanzten, aber dass er die Sache mit den Hausaufgaben lieber seiner Frau überlasse, die sei Akademikerin und komme aus einer Familie voller Lehrer.
Sie hält die Familie zusammen. Sie hat die Aussöhnung mit der früheren Ehefrau betrieben und den Partnerinnen mit den Kindern, die Eastwood im Laufe seines Lebens gezeugt hat, einige davon sind mittlerweile im Filmgeschäft. Der Familiensitz der Eastwoods in Pebble Beach ist inzwischen so etwas, wie es Hyannis Port für die Kennedys gewesen ist, ein Nest für mehrere Generationen mit dem Patriarchen in der Mitte.
Was soll man ihm da noch wünschen? Noch einen Oscar?
"Sie haben nie einen als bester Darsteller bekommen. Für ,Gran Torino' hätten Sie ihn auf alle Fälle verdient gehabt."
Er lächelt. "Ich habe schon so viele Oscars bekommen, ich brauche keinen mehr."
Er erhebt sich, er steht sehr groß, die Arme hängen gerade herunter, wie früher, als er noch den Poncho trug und die Hände schnell an den Colt mussten. "Ich muss jetzt nach Hause. Wann fliegen Sie? Kommen Sie heil zurück."
Dann steigt er durch den Raum zur Tür, geht hinaus auf den Parkplatz, und dann verschwindet der Mann ohne Namen in der Nacht.
Sein Geheimnis? Nimmt er mit.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 22/2010
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