31.05.2010

Vom Zitat zum Ich

Popkritik: „This Is Happening“, das letzte Album der Hipster-Band LCD Soundsystem
Für einen Rockmusiker scheint das Alter kein Grund mehr zu sein, um sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Zumal, wenn es gerade so richtig gut läuft. Die Rolling Stones sind im Rentenalter, die Scorpions nicht weit weg davon, und auch die Achtziger-Legende Paul Weller hat bereits die fünfzig überschritten. Als könnte man die Posen der Jugend ewig konservieren. Als machte Pop alterslos.
James Murphy ist der Sänger und Kopf der New Yorker Band LCD Soundsystem, einer in Underground-Kreisen schon lange hochverehrten Band, die 2002 zum ersten Mal die große Bühne des Pop betrat. "Losing My Edge" hieß das Stück, mit dem er sich damals einen gewissen Ruhm erspielte. Der Song erzählt die Geschichte eines alternden Hipsters, der Angst davor hat, uncool zu werden, und die Jüngeren schon im Nacken spürt.
Murphy ist heute, acht Jahre später mit vierzig, genau dieser alternde Hipster. Und er hat sich entschlossen, dass nun Schluss ist. "This Is Happening" wird seine letzte Platte sein. Es soll ein Abtritt mit Anstand werden.
Denn Murphy will nicht einfach so gehen, er lässt die Vergangenheit noch einmal an sich vorbeiziehen. Seine letzte Äußerung als Popstar soll auch als Selbstbespiegelung verstanden werden. Die Kritik hat ihn dafür bejubelt. Tatsächlich handelt diese Platte nicht nur von Murphy selbst, sondern von einer der wichtigsten Säulen des Prinzips Pop: "This Is Happening" handelt von der Figur des Hipsters.
Es beginnt mit zartem Geklöppel. "Dance Yrself Clean" heißt der Song, in dem Murphy von einer Ehe erzählt, die in die Brüche geht, und davon, wie man sich mit dem Tanzen in Clubs den Problemen entziehen kann. Und ein letztes Mal hört man in diesem Stück jene Stilarten, die die Musik von LCD Soundsystem jahrelang geprägt haben, Murphys Liebe zum New Yorker Disco-Sound etwa oder seinen Hang zu kalter, monotoner und repetitiver Rockmusik.
So geht es weiter. In neun Stücken schreitet Murphy noch einmal das Hipster-Universum ab, singt mit seinem eigentümlichen Sprechgesang von betrunkenen Mädchen und vom gemeinsamen Aufwachen, von Verlust und über Freunde. Der berühmte "motorische Groove", den Briten und Amerikaner so gern dem deutschen Krautrock der Siebziger abschauen, prägt auch "This Is Happening": Die Stücke dauern lang, es gibt kaum einen Refrain, sie gehen einfach immer weiter. Murphy zitiert Größen wie David Bowie und Iggy Pop, aber auch vergessene Bands wie die Schweizer Gruppe Grauzone. "This Is Happening" ist eine brillante Platte und Murphy einer der wichtigsten Popmusiker der nuller Jahre.
Warum hört er dann auf? Es funktioniert ja noch alles.
Es ist nicht sein biologisches Alter, das ihn ängstigt, oder die Jugend derer, die nachfolgen. Als bedrohlicher empfindet Murphy, dass das, wofür er ein halbes Leben gebraucht hatte und was seine Musik so besonders macht - seltene Platten zu kennen und zu sammeln, popkulturelles Spezialwissen zusammenzutragen -, auf einmal entwertet wurde. Die rare Aufnahme ist im Download-Zeitalter eben nicht mehr rar. Sie ist nur noch ein paar Klicks entfernt. Was früher eine Plattensammlung war, die man in Jahren zusammenstellte, kann nun auf jedem Schulhof in wenigen Minuten von einer Festplatte auf die andere übertragen werden.
"This Is Happening" ist also auch eine Platte darüber, wie im frühen 21. Jahrhundert die Figur des Hipsters immer stärker verblasst; darüber, wie der Pop mehr und mehr ohne sie auskommt. Vor über 50 Jahren von amerikanischen Jazzern und Beat-Autoren sowie französischen Existentialisten in die Popkultur eingeführt, konzentrierte sich das Selbstverständnis des Hipsters vor allem darauf, Geheimwissen anzuhäufen. Seine Tragik besteht aber darin, dass er für seine Sammlung an Exklusivem keine Abnehmer mehr findet: Wenn man potentiell alles weiß, stellt sich die Frage, wohin damit. Wenn jede popkulturelle Geste als bekannt gelten darf, was tun mit dem authentisch empfundenen Bedürfnis, sich eben doch äußern zu wollen? Anders ausgedrückt: Wie kommt man vom Zitat wieder zum Ich?
Thomas Mann antwortete vor gut hundert Jahren, als er sich von der deutschen Klassik gleichermaßen bedrängt und inspiriert fühlte wie heutige Musiker von der ständigen Verfügbarkeit der Musikgeschichte: durch Ironie. Murphy sagt nun: Hände weg von diesem Stilmittel, seid lieber aufrichtig. Selbst wenn es bedeutet, aufhören zu müssen.
Und zwar, wenn es am besten ist.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 22/2010
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