31.05.2010

Chronik des Versagens

März 2009 BP beantragt Tiefsee-Testbohrungen vor New Orleans. Der Konzern schätzt das Risiko, dort auf Gas zu stoßen, als "moderat" bis "vernachlässigbar" ein. Mehr Sicherheitsvorkehrungen seien nicht nötig.

Mai 2009 Transocean, Betreiber der Ölplattform "Deepwater Horizon", mit der BP die Bohrungen im Golf von Mexiko vornimmt, ist unter den Finalisten für den "Safe"-Preis. Die zuständige Kontrollbehörde vergibt diese Auszeichnung unter anderem für "außergewöhnliche Sicherheitsleistungen".

10. Februar 2010 Widersprüchliche Ergebnisse bei Tests der Verschlüsse des "Blowout Preventer" (BOP). Die Anlage am Meeresboden ist die letzte Rettung bei einem Gasaustritt, weil sie das Bohrloch automatisch verschließen kann.

Ende März 2010 Laut "Deepwater"-Chefelektroniker Mike Williams jagt ein Mitarbeiter versehentlich das Bohrrohr durchs geschlossene Ringventil des BOP und beschädigt die Dichtung. Gummiteile hätten sich später im hochgespülten Bohrschlamm gefunden. Zudem soll eine der beiden Kontrolleinheiten ausgefallen sein.

15. April 2010 Alarm: Gas dringt durch das Bohrloch nach außen - in ungewöhnlich großer Menge. Dennoch wird der Vorfall als Routineereignis gewertet.

18. April Der BP-Vertragspartner Halliburton drängt darauf, mehr Zentrierungsanlagen zu installieren, insgesamt 21. Sonst drohten Probleme bei der Sicherung der Bohrung. BP ließ nur 6 dieser Vorrichtungen montieren.

19. April, 20.00 Uhr Die Bohrung soll abgeschlossen, das Rohr verplombt werden. Halliburton-Leute beginnen, Zement in das 5500 Meter lange Rohr zu gießen.

22.00 Uhr Arbeiter füllen Bohrschlamm nach. Die schwere Spezialmasse soll den Zement nach unten und dann außen an den Wänden des Bohrschachts wieder empordrücken, bis das Rohr ummantelt ist. Danach wird es in der Regel noch mit mindestens zwei Zementstöpseln verplombt.

20. April, 8.00 Uhr BP-Manager besuchen die "Deepwater", um ihre Crew für ihre Verdienste um die Sicherheit der Plattform zu ehren. Derweil schickt BP Mitarbeiter der Firma Schlumberger zurück an Land, ohne sie die Zementdichtung testen zu lassen - eine Kontrolle, die Experten für unbedingt notwendig halten.

11.00 Uhr Es kommt zum Streit zwischen einem BP-Manager und Transocean-Mitarbeitern. Laut Transocean-Mann Douglas Brown will BP den Bohrschlamm im Rohr frühzeitig durch viel leichteres Meerwasser ersetzen. Normalerweise geschieht dieser Austausch erst, wenn alle Zementstöpsel sitzen.

12.30 Uhr Ein Zementstopfen wird gesetzt - jedoch kein weiterer Pfropf gegen aufsteigendes Gas oder Öl.

17.00 Uhr Ein Druck-Test ergibt: "nicht zufriedenstellend". Offenbar ist das Bohrloch nicht dicht.

20.00 Uhr Trotz der "nicht überzeugenden" Ergebnisse beschließt BP, die Arbeiten am Bohrloch wie geplant abzuschließen.

20.10 Uhr Arbeiter beginnen, den Bohrschlamm aus dem Rohr durch Meerwasser zu ersetzen. Gas tritt aus; lautes Zischen ist zu hören.

21.49 Uhr Eine Schlammfontäne schießt aus dem Bohrturm.

21.55 Uhr Die "Deepwater"- Mannschaft öffnet ein Ventil am Bohrrohr. Schlagartig entweicht eine gigantische Gasblase, die sich an der Oberfläche in einem 75 Meter hohen Feuerball entzündet. Einer kleineren Explosion folgt eine enorme Detonation. Auf der Brücke versucht die Crew, den Blowout Preventer auszulösen. Doch der Scherverschluss, der das Rohr im Notfall von der Seite her kappen und verschließen soll, versagt. 11 der 126 Crew-Mitglieder sterben.

21. April Überlebende berichten, sie seien zwölf Stunden lang isoliert worden, durften nicht einmal mit ihren Angehörigen telefonieren.

22. April, 10.22 Uhr Nach einer weiteren Explosion versinkt die "Deepwater Horizon". Seitdem strömen aus drei Lecks täglich bis zu 3000 Tonnen Öl ins Meer.

25. April Es gelingt nicht, den BOP ferngesteuert zu aktivieren.

30. April Öl erreicht das Mississippi-Delta und vergiftet die Fauna und Flora.

2. Mai BP beginnt mit einer Entlastungsbohrung nahe der Unglücksstelle, um den Druck des herausschießenden Öls zu verringern.

8. Mai Der Versuch, das Öl mit einer über das größte Leck gestülpten 100-Tonnen-Stahlglocke abzufangen, scheitert.

13. Mai BP-Chef Tony Hayward erklärt, der Ölteppich sei "relativ winzig" im Vergleich zum "sehr großen Ozean".

25. Mai Ein Bericht des US-Innenministeriums enthüllt: Inspektoren der zuständigen Kontrollbehörde ließen sich systematisch von der Ölindustrie bestechen.

26. Mai Aktion "Top Kill": In die BOP-Einheit wird Schlamm eingepresst, anschließend soll Zement in das Loch gedrückt werden.

28. Mai In Louisiana prangert Obama die Ölpest als "Anschlag auf unsere Küsten und unser Volk" an.

DER SPIEGEL 22/2010
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