31.05.2010

„BP, du tötest unsere Tiere“

Wie die Ölpest im Golf von Mexiko die Existenzgrundlage der Fischer zerstört
Floyd Lasseigne beugt sich weit über die Bordwand, um die Austern aus dem öligen Wasser zu bergen. Mit einem Beil hebelt der Fischer eine der Muscheln auf und hält die Nase dicht an das glitschige weiße Austernfleisch.
"Hier, man kann das Öl riechen", bemerkt er und blickt hinüber zu dem Marschgras, dessen Stängel bis zur Hochwasserlinie mit braunem Öl verschmiert sind. "Das hier ist mein Leben", sagt Lasseigne, die Augen rotgeädert von Nächten ohne Schlaf, "und jetzt sehe ich, wie alles den Bach runtergeht."
Am Nachmittag ist der Fischer aufgebrochen, um nach seinen Austern vor Mendicant Island zu sehen. Im flachen Boot mit den zwei starken Außenbordern ist er hinausgefahren, vorbei an den Docks von Grand Isle, wie fast jeden Tag in den letzten 27 Jahren.
Draußen auf der Barataria Bay hat er die Kutter seiner Kollegen gesehen, wie sie versuchen, das Öl vom Meer abzuschöpfen. BP zahlt ihnen gutes Geld dafür. Doch Lasseigne will nicht für den Ölriesen arbeiten. Ihm macht das Öl Angst. Gerade erst mussten Fischer ins Krankenhaus, weil sie vermutlich mit Corexit in Kontakt kamen, jener Chemikalie, die den Ölteppich auflösen soll. "Ich will nicht auch noch meine Gesundheit verlieren", sagt Lasseigne.
Der 46-Jährige hat ein rundes Gesicht, kräftige Hände, den Brustkorb eines Ringers. Mit 18 schon kaufte er sich sein erstes Boot. Seither führt er ein Leben im Rhythmus der Tiden und der Jahreszeiten. Sein Vater hat schon so gelebt, sein Großvater und sein Urgroßvater.
Doch seit 40 Meilen draußen vor der Küste die "Deepwater Horizon" explodierte, ist nichts mehr wie es war auf Grand Isle an der Küste Louisianas. Die Insel, eine Bootsstunde westlich der Mississippi-Mündung gelegen, markiert die Frontlinie im Kampf gegen das Öl. In dicken Flatschen klebt es auf den Stränden. Hinter der Insel sickert es in die Salzmarschen. Es verklebt die Federn von Pelikanen, Reihern und Seetauchern. Es verseucht die Muscheln, die Krebse und das Land - ein Desaster, wie sie es hier noch nicht erlebt haben.
"Hurrikan ,Katrina' war nichts gegen das, was uns jetzt droht", sagt David Camardelle, Bürgermeister der Gemeinde; "Nach einem Hurrikan können wir aufräumen. Doch das hier ist anders, das hier kann Jahre dauern - wenn die Fischer überhaupt jemals wieder auf die Beine kommen."
Hastig beantwortet er die Fragen, während ohne Unterlass das Telefon klingelt. US-Präsident Barack Obama wird auf die Insel kommen. Und Camardelle, siebenfach wiedergewählt in sein Amt, will dem Mann aus Washington deutlich sagen, was auf dem Spiel steht.
Am Vorabend haben angereiste Experten aus Alaska vom Tankerunglück der "Exxon Valdez" erzählt. Spätestens seither weiß Camardelle, wie zäh der Kampf für seine Insulaner werden kann.
Überall hängen auf Grand Isle die selbstgemalten Plakate am Straßenrand. "BP, du hast unsere Zukunft ruiniert"; "BP, du tötest unsere Tiere". Die Ölfirma versucht, die Wut einzudämmen. Kaum einen Steinwurf vom verölten Strand entfernt lädt sie ins rasch errichtete "Informationszentrum". Wer hier Ansprüche geltend macht, läuft mit einem Scheck aus der Tür: 2500 Dollar für "Deckhands", 5000 Dollar für Kapitäne.
"Teilvergleich" steht auf dem Scheck, eine Art Anzahlung für den Einkommensausfall. Auch Floyd Lasseigne war bereits bei den BP-Leuten. Er kann nur bitter lachen: "Bald ist die Versicherung für mein Haus und mein Auto fällig; damit ist das BP-Geld weg."
Seit Tagen schon sind die Fischgründe nun geschlossen. Lasseigne kann nur noch in seinem Wohnzimmer sitzen und die Katastrophe im Fernseher verfolgen. Vor dem Fenster dümpelt untätig die "Braty Princess", der Krabbenkutter des Fischers. "Heute Abend gibt es das letzte Krebsfleisch", sagt er. Einmal noch hat er am Morgen lebende Blaukrabben aus seinen Meerwasserbecken geholt.
Direkt vor dem hölzernen Stelzenhaus am Dock verkaufte die Familie den Großteil des Fangs. Und sie kam ja gut damit über die Runden. 50 000 bis 80 000 Dollar machte Lasseigne im Jahr. Doch nun? Nach der achten Klasse schmiss er die Schule. Lesen kann er kaum, schreiben gar nicht. "Das hier ist meine einzige Chance", sagt der Fischer. Sonst gibt es hier nur eins: die Ölindustrie.
Kaum 20 Kilometer Luftlinie von Lasseignes Haus entfernt liegt Port Fourchon, der wichtigste Ölhafen der Golfküste, eine Boomtown, seit das Bohren in der Tiefsee populär geworden ist. Hier wurde die Stahlglocke gefertigt, die ursprünglich den Ölfluss draußen auf dem Meer stoppen sollte. Hier liegen Hunderte Boote, unabdingbar für die Versorgung der Ölplattformen.
Öl und Fisch: Die meisten Familien leben hier von beidem. Lasseignes Sohn Trent, 22, hat seinen eigenen Fischkutter. Der 24-jährige Blake aber arbeitet als Kranführer im Hafen von Port Fourchon. Auch deshalb wagen es bisher nur wenige, laut zu sagen, was sie denken.
Dean Blanchard ist einer von denen, die nicht schweigen wollen. Er ist "Shrimp-Broker" in der fünften Generation, 1400 Fischer sind bei ihm unter Vertrag. Bis zu 400 000 Pfund Krabben täglich verkauft der 51-Jährige. 60 Millionen Dollar Umsatz macht er im Jahr.
Blanchard fährt im schwarzlackierten Hummer-Militärfahrzeug zur Arbeit und macht gern rassistische Witze. Der Geschäftsmann mit strammem Kurzhaarschnitt ist eigentlich keiner, der Gefühle zeigt. Doch jetzt läuft auf seinem Computer ein Video des Interviews, das er vor ein paar Tagen gegeben hat: Es zeigt ihn, wie er vom Öl erzählt, in dem seine Heimat versinkt; wie ihm dann die Tränen kommen.
"Ich musste schon 65 Arbeiter nach Hause schicken", sagt Blanchard. Dabei hatte sich gerade eine der besten Saisons seit Jahren angekündigt; der Winter war kalt, gut für die Shrimps. "In einer Woche wird hier alles braunrot sein vom Öl", sagt er. Und dann?
Blanchard wird es nicht schlechtgehen. Er wird einen Millionendeal mit BP aushandeln. Doch was wird aus Fischern wie Floyd Lasseigne?
Für drei bis vier Monate sei noch Geld da, berichtet der Fischer. "Ich muss zuversichtlich sein." Die Sonne steht inzwischen tief und taucht die Landschaft in ein sanftes Licht. Im Wasser vor der Pier baden Kinder. Für einen Moment könnte man meinen, es gäbe die Ölpest nicht.
Als der Fischer anlegt, kommt seine Frau hinzu. Werden sie BP verklagen?
"Wir glauben nicht an Anwälte", sagt Julie Lasseigne, Fischerin von Grand Isle, Louisiana: "Wir sind gläubige Katholiken; Gott wird uns den Weg weisen."
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 22/2010
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