23.11.1998

I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 3. Der IslamGesichter des Islam

Ajatollah Chomeini:
Die "neue Zeit"
Einer der erfolgreichsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts erfüllte sein Lebenswerk im Alter von etwa 77 Jahren. Der schiitische Rechtsgelehrte Ruhollah Mussawi Hindi Chomeini aus einem Dorf im zentraliranischen Hochland betätigte sich bereits als Student in der heiligen Stadt Ghom als Verkünder einer "neuen Zeit". Wegen seines religiösen Fachwissens mit der Würde eines "Ajatollah" bedacht, agitierte der charismatische Prediger gegen den modernistischen Schah Reza Pahlawi und die Monarchie, was 1964 seine Ausweisung zur Folge hatte.
In seinem im irakischen Exil veröffentlichten Hauptwerk "Der islamische Staat" verlangte Chomeini ein Staatswesen, das sich auf den Koran und die islamische Tradition gründet und sich aus der Abhängigkeit des Westens befreit.
Weite Teile der Bevölkerung sympathisierten 1978 mit dem Aufbegehrer, der - einmalig in der Geschichte Irans - dem Schah die "von Gott erforderliche" Legitimation absprach. Die Regierung antwortete mit Predigtverboten und Repressalien - doch Tonbandkassetten verbreiteten Chomeinis Worte landesweit.
Ein blutiger Aufstand fegte 1979 das Schahregime hinweg, eine "Islamische Republik Iran" wurde ausgerufen, die sich repressiver zeigte als selbst das diktatorische Schahregime. Chomeini ließ sich zum - de facto unantastbaren - Revolutionsführer ausrufen und legte die grundlegenden Entscheidungsbefugnisse in die Hände der schiitischen Rechtsgelehrten, ein Novum in der islamischen Welt.
Viele Muslime bewerteten die Machtübernahme als Erlösung und Stärkung des religiösen Selbstbewußtseins, wenngleich die antiwestliche Militanz der Chomeini-Revolution nicht überall mitgetragen wurde. Den Mordaufruf, mit dem Chomeini 1989 den indischstämmigen britischen Schriftsteller Salman Rushdie für dessen "gotteslästerliches" Buch "Die satanischen Verse" bedachte, wird nach Ansicht der meisten Islam-Experten fälschlich als verbindliches religiöses Rechtsgutachten "Fatwa" bezeichnet. Es könnte theoretisch von jedem islamischen Gelehrtengremium zurückgenommen werden. Daß sich weder die Regierung in Teheran noch andere Instanzen in der islamischen Welt trauen, den Aufruf formell anzutasten, zeugt von der immer noch ungebrochenen Autorität des 1989 gestorbenen Chomeini. Auch der neue, vergleichsweise liberale Staatschef Chatami erklärte die Affäre Rushdie lediglich für beendet - kaum eine Erleichterung für den seit fast zehn Jahren im Untergrund lebenden Schriftsteller.
Muammar el-Gaddafi:
Der Exzentriker
Der Mann mit dem Gesicht eines gealterten Rockstars hält sich seit 30 Jahren an der Macht - islamischer Irrwisch oder raffinierter Stratege? Vielleicht beides. Libyens Herrscher hat Wirtschaftssanktionen überstanden; er entkam Attentatsversuchen von Landsleuten und einem Angriff der US-Luftwaffe: 1986 trafen US-Raketen Gaddafis Residenz in Tripolis; der "gefährlichste Mann der Welt" blieb unverletzt, er übernachtete wieder einmal in einem Zelt.
Der Westen bekämpfte den Beduinensohn als exzentrischen Paten des internationalen Terrorismus, weil Gaddafi Untergrundkämpfern aus Dutzenden Ländern Zuflucht gewährte. Doch in der Dritten Welt verkörperte der Libyer lange Zeit eine neue Generation militanter Führer; sie wollten das Erbe der Kolonialzeit beseitigen und durch eigene traditionelle Werte ersetzen. Gaddafi hatte nach seiner Machtübernahme 1969 - zwei Jahrzehnte vor Chomeini - den Koran zum Kodex allen Lebens erklärt. Er wies die europäischen Siedler aus, schloß alle christlichen Kirchen, erhob Arabisch zur allein gültigen Sprache und die grüne Fahne des Propheten zur libyschen Nationalflagge. Gesegnet mit dem "Gottesgeschenk" Erdöl, wollte er Libyen in einen islamischen Musterstaat verwandeln.
Doch neben dem Koran hatte auch Nassers arabischer Sozialismus das Weltbild des gelernten Soldaten Gaddafi geprägt. Deshalb führte er entgegen früheren Ankündigungen die Strafbestimmungen der Scharia nicht ein, gab er den Frauen Rechte nach westlichem Vorbild, legte sich gar eine weibliche Leibgarde zu. Solcher Frevel brachte die auch in Libyen immer stärker werdenden Islamisten gegen ihn auf.
Heute verdammen militante Fundamentalisten Gaddafi als Verräter. Er dagegen findet die früheren Weggefährten "gefährlicher als die Pest oder Aids".
Sajjid Qutb:
Kampf über alles
Pyramiden und Tempel waren für ihn Symbole einer verdorbenen Epoche. Aus dieser noch immer andauernden Barbarei, der Dschahilija, wollte der Pädagoge die ägyptische Gesellschaft mit seinen schriftlichen "Wegmarkierungen", einer Art Mao-Bibel für islamische Fundamentalisten, herausführen. Doch Ägyptens nationalistischer Staatschef Nasser ließ die Streitschrift einstampfen, ihren Verfasser verhaften, foltern und 1966 hängen.
Während seiner Schulzeit im oberägyptischen Dorf Muscha hatte sich Qutb zunächst geweigert, in die Koranschule zu gehen. Begründung: zu schmutzig und primitiv. Nach dem Studium begann er in Kairo, für Zeitungen zu schreiben, und brachte es sogar zum angesehenen Literaturkritiker westlicher Prägung. Dabei lehnte er die damals herrschende Monarchie ab, so daß ihm nahegelegt wurde, das Land für einige Zeit zu verlassen.
Drei Jahre verbrachte Qutb im Exil, vor allem in den USA. Der dort erfahrene Rassismus, die Freude der Amerikaner über den israelischen Sieg 1949 und der dekadente Lebensstil ließen ihn zum fanatischen Islamisten werden, der westliche Werte nun strikt ablehnte.
Als 45jähriger trat er in die radikale Massenbewegung der Muslimbruderschaft ein, verurteilte Nasser und die seiner Meinung nach frevelhafte Abkehr Ägyptens von islamischen Grundsätzen. Qutb propagierte den Koran als Quelle aller Richtlinien für die Menschen und schloß jede zeitgenössische Interpretation aus.
Mehr noch: Bewaffneter Aufstand sei nicht Wahl, sondern religiöse Pflicht eines jeden Muslims im Kampf gegen die Ungläubigen. Diese Lehre setzen seine militanten Jünger inzwischen brutal um: Anwar el-Sadats Mörder beriefen sich auf Qutb, ebenso die Hamas im Gaza-Streifen und die Terroristen in Luxor, die 1997 über 58 Touristen ermordeten.
Fatima Mernissi:
Gegen den "politischen Harem"
Islamische Neubesinnung und Feminismus verquickt die marokkanische Schriftstellerin Mernissi, 58, in ihren historisierenden Streitschriften zu einem Rezept für die Anpassung der islamischen Sozialstrukturen an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts. Die aus einem bourgeoisen Milieu der marokkanischen Königsstadt Fes stammende Soziologieprofessorin schrieb schon zu Beginn ihrer Universitätslaufbahn gegen die "fadenscheinig mit dem Islam gerechtfertigte" Unterdrückung der Frau in ihrer Heimat und in der gesamten islamischen Welt. Mernissi geißelte die Diktatur der muslimischen Männergesellschaft und rief ihre Geschlechtsgenossinnen dazu auf, gegen die Verkrustungen in der islamischen Welt zu kämpfen. Weil ihre scharfe Gesellschaftskritik angeblich den sozialen Frieden zu gefährden drohte, setzten die marokkanischen Zensoren ihr Werk "Der politische Harem" und andere Bücher aus ihrer Feder auf den Index. Dennoch lösten die Thesen der "echten Muslimin" (Selbsturteil) in der arabischen und islamischen Welt, aber auch im Westen Diskussionen aus. Die mächtige Muslimbruderschaft in Kairo warf der in mehrere Sprachen übersetzten Autorin vor, die islamischen Neuerungsversuche der Fundamentalisten zu behindern, arabische Linke empörten sich über ihr Festhalten an einer "islamischen Identität".
Fatima Mernissi verlangt, den Koran zeitgemäß zu interpretieren und die patriarchalischen Strukturen aufzubrechen, um einerseits ein Abgleiten in einen gesichtslosen Universalismus, ein dadurch bedingtes Auseinanderfallen der Gesellschaft und einen allgemeinen Werteverlust wie im Westen zu verhindern, andererseits aber die Wiederbelebung des Islam auf der Basis der Gleichberechtigung der Geschlechter und eine kritische Neubewertung überkommener Normen zu ermöglichen.
Recep Tayyip Erdogan:
Ein frommer Praktiker
Weltliche Publizisten versuchen, ihn als den "schönen Tayyip" lächerlich zu machen, doch der in diesem Monat entlassene Istanbuler Oberbürgermeister Recep Tayyip Erdogan, 44, steht für einen pragmatischen Typ islamistischer Politiker, die in verschiedenen türkischen Städten Religion und Modernität zu verbinden suchen.
Drohte der Islamist bei seinem Amtsantritt 1994 noch, Bordelle dichtzumachen und getrennte Schulbusse für Jungen und Mädchen einzuführen, nahm er sich bald bedeutenderer Nöte der 15-Millionen-Metropole Istanbul an. Daß die Gewässer am Goldenen Horn inzwischen nur mehr halb so bestialisch stinken wie vor seiner Zeit, daß die Wasserversorgung klappt und die Müllabfuhr meist pünktlich kommt, erkennen selbst politische Gegner an.
Erdogan, seit seinem 15. Lebensjahr braver Soldat der gemäßigten Muslimparteien, hat wie kein anderer das Motto des türkischen Islamismus verinnerlicht: Warum Bomben werfen, wenn wir auch über die Institutionen an die Macht kommen? Schon in zahlreichen Städten regieren Islamisten.
Der innertürkische Kampf um die Identität ist voll entbrannt. Dabei traten Erdogan und sein Ziehvater Necmettin Erbakan, von Juni 1996 bis Juni 1997 erster islamistischer Regierungschef, gegen die kemalistischen Eliten an, die am laizistischen Staat festhalten und die Türkei näher an Europa heranführen möchten.
Auf Erdogans Weg an die Spitze der türkischen Islamisten verurteilte ihn ein Gericht diesen Sommer wegen "Volksverhetzung" zu zehn Monaten Gefängnis und sprach ihm das Bürgermeisteramt und auf Lebenszeit alle politischen Rechte ab; Ende September bestätigte der Kassationshof das Urteil.
Erdogans Vergehen: Er hatte in einer Rede den nationalistischen Kommentar des Poeten Ziya Gökalp als islamistische Kampfparole ausgegeben: "Unsere Minarette sind Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen."
Das sei ein Aufruf zum Sturz der weltlichen Regierung, so die Richter. Dabei sind die Gedichte Gökalps, der als literarischer Patron der modernen Türkei gilt, Pflichtlektüre in den staatlichen Schulen.

DER SPIEGEL 48/1998
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