23.11.1998

NACHRUFUnverwandt, mit tiefem Blick

Willemsen, 43, wurde bekannt als Talkmaster bei Premiere und im ZDF; er lebt in Hamburg.
Das Schauspielern war ihr Beruf, und wenn sie ihn lange nicht ausübte, dann nicht, weil sie ihn als Frau an der Seite von Herbert Grönemeyer geopfert, eher, weil sie ihn abgestreift hatte.
Zunächst hatte alles, was sie spielte, mit Freiheit zu tun, mit der Suche nach neuen Wegen zu lieben, zu leben und zu arbeiten, und auch ihre bitteren Erfahrungen in der Produktion von Peter Fleischmanns "Dorotheas Rache" (1974) konnte die Radikalität nicht mildern, mit der sie sich ihrer Rolle auslieferte. Sie wurde geliebt für diese Rolle von allen, die sich durch sie ein wenig selbst befreiten. "Sehr bewegend gespielt von Anna Henkel", schrieb die Kritik, aber reden konnte Anna Henkel über diese Rolle nicht.
Dann gab sie in Ulrich Schamonis "Chapeau Claque" eine reizende Libertine, eine Zugelaufene, die dem grotesken kleinen Kultfilm seine Frische geschenkt hat, und irgendwann um diese Zeit, als man sie in Frankreich schon höher schätzte als hierzulande, sagte Claude Chabrol den Satz: "Sie ist das größte Nachwuchstalent, über das Deutschland derzeit verfügt." Deutschland verfügte nicht. Aber Jürgen Flimm gewann Anna Henkel für die Bühne, dann für ein Fernsehspiel.
Schließlich hat sie sich in Bertoluccis "1900" förmlich entpuppt, als die "Freiheit, die das Volk anführt", gewissermaßen, eine Heldin wie auf dem Bild von Delacroix, die vor Leben sprühende Agitatorin und Komplizin der Arbeiter. Ich weiß nicht, ob man sie je wieder so befreit hat spielen sehen, wo sie das italienische Dorf, die Welt der Bauern mit Leben beatmete.
Als ich Anna Henkel zum erstenmal begegnete, stand sie in der Kulisse einer Rockbühne, und zwischen den Liedern kam ihr Mann, um mit ihr hinter den Boxen zu schmusen. Das sah gut aus. Später schwor er in einem Lied: "Jedes Mal, wenn ich sie küssen wollte, mußte ich vorher einen Antrag ausfüllen." An diesem Abend hatte sie offenbar einen Sammelantrag unterzeichnet. Dabei war es keineswegs so, daß sie nicht verliebt gewesen wäre, im Gegenteil, bei ihr sah Liebe nur anders aus.
Bei unserer nächsten Begegnung erhielt ihr Mann einen "Echo"-Preis für die musikalische Großtat des Jahres. Anna verfolgte das aus dem Saal wie eine einzige lotrecht stehende Stirnfalte. Ich sehe sie noch mit völlig unbewegten Zügen klatschen. Sie trug ihr Lachen eben in eher unausgebildeter Form mit sich herum, selbst ein Lächeln war von ihr nicht leicht zu haben. Um so glücklicher war man also immer, wenn es entstand. Aber ein "Echo"-Preis für den Liebsten - dieser Anlaß war einfach nicht groß genug dafür. Als Grönemeyers bisher letzte Platte "Bleibt alles anders" herauskam, ließ sie ihn wissen: "Dies ist deine erste gute Platte." Es gehören zwei dazu, in so klarer Atmosphäre eine Liebesgeschichte zu verwirklichen.
Nein, Anna war nicht charmant, nicht freundlich und schon gar nicht glamourös. Sie zog es vor, auf der öffentlichkeitsabgewandten Seite zu stehen, von wo aus sie das Leben ihres Mannes brütend konzentriert verfolgte oder wie unverwandt ansah. "Unverwandt" ist das richtige Wort, denn sie gehörte nicht dazu, sie machte sich nicht gemein.
Was Öffentlichkeit den Menschen abforderte, erschien ihr als Zumutung. Sie mochte nicht öffentlich reden, und sie mochte sich nicht interpretieren lassen. Hätte sie lesen können, wie die Zeitungen ihren Tod zur Schmonzette verkitschten, sehen können, wie die Kamerateams das Haus umlagerten, bis die Familie die Flucht ergriff, es wäre ihr obszön vorgekommen, ihr, der immerhin gelungen ist, daß kaum jemand ein neueres Foto von ihr besitzt, auf dem sie sich nicht hinter einer Sonnenbrille verbirgt. Zu Lebzeiten hat die Öffentlichkeit Anna Henkel weitgehend übersehen, und sie selbst hat die Öffentlichkeit nie gesucht und nie benutzt. Deshalb hatte auch niemand einen Anspruch auf sie, niemals.
Wenn man eine Persönlichkeit an der Fähigkeit erkennt, sich selbst treu zu bleiben, unter allen Umständen, dann habe ich keine stärkere Persönlichkeit kennengelernt als Anna Henkel. Aus einer schwierigen Biographie hatte sie eine heroische Vorstellung von dem gerettet, was Würde ist, und sie besaß selbst in hohem Maße, was sie an Maria Schneider - mit der sie auch einmal vor der Kamera stand - am meisten schätzte: "Kompromißlosigkeit und die Fähigkeit, sich jedem Opportunismus zu verschließen."
Hinter ihrem verpanzerten Äußeren, ihrer oft verdüsterten Sprödigkeit verbarg sich eine Sorge um die Selbstbewahrung und eine kaum mehr zeitgemäße Integrität. Bis zur Dreistigkeit ehrlich und geradezu skrupellos unverblümt, konnte sie Menschen brüskieren oder sie einfach von sich abperlen lassen. Doch unwillentlich hat sie so gerade Menschen angezogen, die für ihre Aura, ihr Rätselhaftes anfällig waren und für ihre Kraft, sich nicht entzaubern zu lassen.
Man erhält keine Auszeichnung dafür, wie man lebt, aber wer jene Authentizität erringt, die ganz aus Erfahrung besteht und sich nicht simulieren läßt, der gibt an alles, was er berührt, etwas Wertvolles ab. So muß Anna Henkel wohl schon zu Beginn ihres Theaterarbeitens gewesen sein - als sie unter Jürgen Flimm das Lieschen Puderbach in Else Lasker-Schülers "Wupper" spielte -, und so war sie auch später noch auf der Bühne, als Natascha in "Nachtasyl" und Marie im "Woyzeck" etwa: die Schauspielerin, die nicht scheitern kann, weil sie keine falschen Töne im Repertoire hat.
Doch wie soll man sich diese Authentizität bewah-ren, wenn man über das Wichtigste, die eigene Krankheit, zu fast niemandem sprechen kann? Sie mußte ihr Leben inszenieren, nicht aufhören, Lebensbedingungen für sich zu suchen. Sie schleifte ihren Mann, den gut verwurzelten Bochumer, mit sich, von Umzug zu Umzug, von Stadt zu Stadt, bis sie schließlich eine Wohnung in London fanden, wo ihr die Parks so gut gefielen und der vom Tode inspirierte sarkastische Humor.
Anna hatte ein Talent, die Dinge tief zu sehen, und Herbert besitzt die Kraft eines westfälischen Berserkers und Märchenerzählers. Wo sie wirken konnte, als habe sie lebend das Leben schon hinter sich, da steckte er sie an mit seiner Vitalität und einem Humor, den sie oft nicht einmal teilte. In der Fähigkeit, sich aus der Kraft des anderen zu ernähren, waren sie Zwillingsseelen, "dead ringers", sagt man im Englischen.
Ihre Würde im Abschied war so, daß ein Arzt gesagt hat, sie sei "im Stehen gestorben". In ihrem Leben hat sie das Sterben gut genug kennengelernt. So wird ihr zuletzt auch der Tod kein Fremder gewesen sein.
Von Roger Willemsen

DER SPIEGEL 48/1998
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