23.11.1998

AUTORENMit Handkuß um die Welt

Die Krimi-Autorin Donna Leon über Patrick O'Brians Seefahrerromane
Leon, 56, geboren in New Jersey, verließ die USA im Alter von 23, arbeitete als Lehrerin in Europa und Asien und lebt heute als Schriftstellerin in Venedig, wo auch ihre erfolgreichen Krimis um den Kommissar Brunetti ("Sanft entschlafen") spielen. O''Brian, 83, entstammt einer britisch-irischen Familie und begann 1969, seine historisch fundierten Seefahrerromane zu veröffentlichen; er lebt heute in einem Dorf in Südfrankreich.
Eines vorweg: Vom Gedanken an Unparteilichkeit oder ein gediegenes neutrales Urteil in dieser Kritik sollten wir uns gleich verabschieden. Über Bord mit Ausgewogenheit, Zurückhaltung und Objektivität! Ich mag Patrick O'Brian nicht nur: Ich vergöttere ihn.
Seit sechs Jahren, seit dem Beginn meiner Sucht, warte ich voll Ungeduld auf das Erscheinen jedes neuen Buches. Gerade bin ich mit Nummer 19 fertig, dem Roman "The Hundred Days", und ich habe mit zitterndem Herzen die Nachricht gelesen, daß O'Brian beabsichtigt, seine seit drei Jahrzehnten publizierte Reihe von Seefahrerromanen mit dem nächsten Buch abzuschließen.
Das macht mich untröstlich, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich erneut auf die Romane zu stürzen und sie nochmals zu lesen. Und womit ließe sich besser beginnen als mit dem gerade ins Deutsche übersetzten Roman "Geheimauftrag Mauritius", dem vierten Buch innerhalb der Reihe?
O'Brians Romane werden von einem einfachen Grundeinfall in Gang gehalten, der von fern an die Freundschaft von Achilles und Patroklos gemahnt und eng verwandt ist mit Butch Cassidys und Sundance Kids Bund auf Leben und Tod: Kerle sind Kumpel, und gemeinsam erleben sie Abenteuer. Was für die alten Griechen die Trojaner und für Butch und Sundance die Bolivianer waren, das sind für O'Brians Helden Napoleon und die Franzosen - nachdem man alle Bücher gelesen hat, ist es unmöglich, das letzte Substantiv zu schreiben, ohne instinktiv das Adjektiv "böse" hinzuzufügen.
Hier heißen die Kerle Jack Aubrey und Stephen Maturin: ein Offizier der königlichen Marine und ein Schiffsarzt, der gleichzeitig - und ebenso wichtig - Geheimagent ist. Alles begann im Roman "Kurs auf Spaniens Küste" damit, daß die beiden erstmals gemeinsam an Bord und auf Jagd quer über die Weltmeere gingen - Jack auf der Suche nach feindlichen Schiffen, die man kapern oder versenken könnte, Stephen im Bestreben, Verschwörungen und Intrigen der bösen Franzosen zu vereiteln.
Und die Schiffe, auf denen sie fahren! Ganz wie im alten Athen waren für das England des frühen 19. Jahrhunderts hölzerne Festungen die beste Art der Verteidigung - in diesem Fall jene Meisterwerke der menschlichen Schöpfungskunst, mit denen man die Welt umsegeln kann, "als würde man einen Handkuß geben": Schiffe, die selbst Stürmen trotzen, die mit Wellen von doppelter und dreifacher Masthöhe daherkommen und die dennoch häufig so ruhig dahinsegeln, daß Jack auf seiner Geige und Stephen auf seinem Cello stundenlang Sonaten und Duos von Locatelli und Händel spielen können.
Und darin liegt eine Erklärung für das Geheimnis, warum auch so anspruchsvolle Geister wie die Schriftstellerinnen Antonia S. Byatt und Iris Murdoch unter Jacks Fahne anheuern: Hier gibt es keine Pappkameraden nach Art von Horatio Hornblower oder Scarlet Pimpernel, keine Figuren mit der emotionalen und geistigen Tiefe von Mickey Mouse. Sondern: Männer mit ausgeprägten Eigenschaften, Männer, deren verwickelte und bisweilen schmerzlich komplizierte Natur den Leser aus den Buchseiten geradezu anspringt und ihm das lebhafte Gefühl vermittelt, daß sie uns doch ähneln.
Denkt man sie sich ohne die kordelbesetzten Uniformen, ohne die aufwendigen Perücken, dann sieht man Männer, die sich den Kopf über die Notwendigkeit zermartern, andere Männer in den Tod schicken zu müssen, und die Tränen vergießen, wenn die sterben; es sind Ehemänner, die sich leidenschaftlich nach ihren Frauen sehnen und zugleich wissen, daß sie sie niemals ganz begreifen werden; und es sind Männer, die sich über die Sklaverei, die Todesstrafe, die Stellung der Frau und - jawohl - über Gut und Böse streiten.
Beim Sinnieren über den Unterschied zwischen Eroberten und Eroberern kommt Stephen zu der Erkenntnis: "Die Schicht der Eroberer ist am Ort ihrer Eroberung nur selten liebenswert. Die Strafe für ihren Sieg springt zunächst weniger ins Auge, aber auf lange Sicht werden sie durch den Verlust an Menschlichkeit vielleicht härter bestraft als die Eroberten."
Im Verlauf der 19 Bücher reifen die beiden Männer heran, sie werden vielschichtiger. Jack erscheint anfangs als dreister Bursche, dessen Widerwillen, sich der eisernen Disziplin der Marine zu beugen, ihm harte Strafen einbringt; Alter und wachsender Rang lassen ihn dann die unbedingte Notwendigkeit solcher Disziplin einsehen und zwingen ihn, sie, wenn auch widerstrebend, den eigenen Männern aufzuerlegen.
Stephen blickt auf eine schmerzvolle Vergangenheit zurück: Als Kind irischer und katalanischer Vorfahren muß er sich dafür entscheiden, den historischen Peiniger England zu unterstützen, weil er es, verglichen mit den größenwahnsinnigen Ambitionen Napoleons, für das geringere Übel hält.
In Stephen hat O'Brian das perfekte Gegenstück zu Jack gefunden: Das düstere Herz des Arztes bleibt allzuoft stumm, und er überläßt es seinem ausgeprägten Verstand, ihn durchs Leben zu führen. Jacks Reaktion auf das Leben dagegen ist fast durchweg impulsiv: Er läßt sich von seinem Herzen leiten und, wie Stephen oft klagt, von seinem Schwanz.
Beide Lebenswege sind, wie die Bücher immer wieder zeigen, mit Mängeln behaftet. Und nur die Kombination aus beiden Einstellungen, gespiegelt in der mehr und mehr reifenden Freundschaft und Liebe zwischen den Helden, ermöglicht den goldenen Mittelweg.
In "Geheimauftrag Mauritius" sitzt Jack Aubrey anfangs fest, ohne Schiff und auf halben Sold gesetzt. Das Leben an Land ist für Jack ein einziges Desaster: Seine Bienenstöcke sind von Wachsmotten zerstört worden, die Kuh gibt keine Milch und weist den Bullen ab, sein Garten ist eine Ansammlung grotesker, verkümmerter Pflanzen. Privat sieht es nicht viel besser aus: Die Schwiegermutter ist in Jacks Heim eingefallen, die Ehefrau hat - wie Stephen feststellt - den "frigiden" englischen Blick, und die einzigen Nachkommen sind ein paar glatzköpfige, sabbernde Zwillinge, beide, bedauerlich, Mädchen.
Wie so oft wird Jack von Stephen gerettet, der ihm die Nachricht bringt, daß die bösen Franzosen vier neue Fregatten zu ihrem Stützpunkt auf der Insel Mauritius geschickt haben, von wo aus sie die reichbeladenen Indienfahrer abzufangen gedenken und so der englischen Wirtschaft einen schweren Schlag versetzen könnten.
Jack will erst nicht glauben, daß das britische Marine-Ministerium das tatsächlich als ernstzunehmende Gefahr betrachtet, bis Stephen zynisch darauf hinweist, daß zahlreiche Herren im Ministerium gleichzeitig Kapital in der Ostindischen Handelskompanie investiert haben und somit "ein ungewöhnliches Maß an Zielstrebigkeit" in dieser Sache wahrscheinlich ist.
Es kommt, wie es kommen muß, und mit der gebührenden Eile erhalten sie den Befehl, sich an Bord der "Boadicea" zu begeben. Obwohl die Marine über mehr als eintausend Schiffe verfügt, braucht Stephen nur den Namen zu nennen, und schon kann Jack das Schiff bestimmen: "achtunddreißig Kanonen ... ein langsamer, aber stäbiger Segler". Außerdem erfahren wir, daß sich die Segeleigenschaften um etliches verbessern ließen, wenn man die Ladung umstauen würde - oder auch durch den Einsatz von "Bagien-Bauchgordings und Bentickischen Wanten". Das ist ebenfalls eine wunderbare Eigenart dieser Bücher: Sie sind gespickt mit Verweisen auf seemännische Geheimnisse, die freilich nur für diejenigen verständlich sein dürften, die jahrzehntelang zur See gefahren sind. Da ist von dichtgeholten Toppsegeln, vom Treiberbaum oder vom Orlop die Rede. Weiß der Himmel (oder eben ein Seemann), was damit gemeint sein mag.
Wie groß unsere Unkenntnis dieser Dinge auch sein mag: Deren Bedeutung wird, Seite für Seite, höchst real und gegenwärtig. Und nachdem wir eine Zeitlang mit Stephen zur See gefahren sind, teilen wir seine Begeisterung und sein Erstaunen angesichts eines flüchtigen Blicks auf eine Rundschwanzseekuh oder einen Brillenmausvogel. Oder wir erfreuen uns an den Mahlzeiten auf See, ob es sich nun um "Spotted Dogs", "Drowned Baby" oder Schweinskopfsülze handelt.
Doch ganz wie O'Brian bin ich abgeschweift und habe unsere Helden auf der einjährigen Reise zu den Mauritius-Inseln zurückgelassen. Der zum Kommodore beförderte Jack befehligt drei weitere Kapitäne, und in deren Porträts erweist sich O'Brian als blendender Psychologe.
Einer ist ein standfester, schwerfälliger Seemann, der zweite ein brutaler Auspeitscher, von der gesamten Mannschaft gefürchtet und gehaßt, während der dritte von Adel ist, ein eitler Geck, dessen Kabine aussieht "wie ein ins Kloster umgezogenes Bordell" und der es dennoch irgendwie geschafft hat, die Loyalität seiner Männer zu gewinnen. Wie sich erweist, hat diese Mischung katastrophale Folgen für das Geschwader, denn jeder dieser Männer führt, vom persönlichen Dämon getrieben, Schiff und Mannschaft ins Verderben.
Zwar segelt das Geschwader, gejagt von der Dringlichkeit des Auftrags, seinem ersten Sieg entgegen, gerät dann aber mitten hinein in einen Wirbelsturm. Es folgt bald eine weitere, blendend beschriebene Schlacht, und O'Brian führt vor, wie eine Kleinigkeit - eine gedankenlos weggeworfene Flagge - das Siegespendel zur anderen Seite ausschlagen lassen kann. Geoffrey Chaucer schrieb einmal, das Schicksal gehe "mal auf, mal nieder, wie ein Eimer in einem Brunnen", und so auch hier: Zahlenmäßige Überlegenheit spielt keine Rolle, größere Feuerkraft ist vergebens, denn die wankelmütige Siegesgöttin folgt oft dem weniger würdigen Mann.
Obwohl Jack in der Flotte "Lucky Jack Aubrey" genannt wird, läßt er sich oft genug von neidischen Rivalen innerhalb der englischen Marine und von der gierigen Bürokratie um die Belohnung für seine Siege über die bösen Franzosen bringen, auch um die Freude daran. So scheint es auch am Ende des "Geheimauftrags Mauritius" wieder zu kommen, als ein neues Geschwader Nachrichten bringt, die Jacks berufliche Hoffnungen jäh zerstören.
Doch das Schicksal meint es gut mit ihm, und derselbe lang erwartete Postsack enthält auch einen Brief von daheim mit Neuigkeiten, die ihn in einen Freudentaumel versetzen. Das ist vielleicht die vordringlichste Botschaft der Bücher: ein liebevoller Optimismus, der auf Grausamkeit und Gemetzel blicken kann und zugleich Trost im täglichen Trott des Alltags findet - und im tiefempfundenen Glauben der beiden Prachtkerle. Durch Einsatz und Prinzipientreue wird dem Guten zum Siege verholfen.
Es ist ein Zeichen von Patrick O'Brians Genius, daß dem Leser keine andere Wahl bleibt, als daran zu glauben.
Von Donna Leon

DER SPIEGEL 48/1998
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