07.06.2010

DROGENGras aus deutschen Landen

Einheimische Cannabis-Plantagen verdrängen Importe aus Marokko und Afghanistan. Mit Hubschraubern und Wärmebildkameras macht die Polizei Jagd auf die illegalen Hanf-Bauern.
Den Parkplatz an der Bundesstraße 102, nahe der Stadt Brandenburg, hatte Kommissar Marco Stein zufällig ausgewählt. Es ging um eine Verkehrskontrolle: Fahrzeugschein dabei? Verbandskasten im Kofferraum?
Polizeialltag, so schien es. Stein und seine Kollegen hatten gerade die ersten Autos herausgewinkt, als ihnen süßlicher Cannabis-Geruch in die Nase stieg. In den Fahrzeugen saßen Mütter mit Kindern, der Duft musste woanders herrühren. Der Kommissar sah sich die Umgebung an: Da war die Halle eines ehemaligen Baustoffhandels, daneben eine Imbissbude. Hinter einer Hecke knurrte der Schäferhund des Nachbarn. Sonst rührte sich nichts.
Die Türen der Wellblechhalle waren schwer vergittert, die Fenster mit undurchsichtiger Folie beklebt. Als Stein, 36, in die Nähe eines Abluftrohrs kam, hatte er keine Zweifel mehr - und alarmierte seine Vorgesetzten.
Zwei Stunden später, ausgestattet mit einem Durchsuchungsbefehl, brachen der Kommissar und seine Kollegen von der Kriminalpolizei die Hallentüren auf. Dahinter: sattes Grün. Fein säuberlich aufgereiht, bewässert über ein ausgeklügeltes Schlauchsystem, gediehen unter künstlichem Licht prächtige Cannabis-sativa-Pflanzen, vom Steckling bis zum Zweimeterbusch, mehr als 2500 Stück.
Niemand wollte Verdächtiges bemerkt haben. Nicht der Mann vom Döner-Grill, von dessen Stehtischen die Gäste auf den Haupteingang der illegalen Gras-Gärtnerei blicken konnten. Und auch nicht Autohändler Marcus K., der nebenan lebt und dem Schäferhund und Halle gehören.
Ins Visier der Ermittler geriet zunächst sein 35-jähriger Mieter samt einigen Helfern. Drei Wochen später indes rückten Polizisten bei Marcus K. an und beschlagnahmten zwei Porsche, einen Aston Martin sowie zehn Motoryachten. Der Händler habe seine Verkaufsobjekte mit Drogengeldern erworben, vermutet die Staatsanwaltschaft. Sie geht davon aus, dass K. und seine Kumpane mit ihrer Plantage seit Januar 2009 insgesamt mindestens 824 000 Euro erwirtschaftet haben.
Die Anlage im brandenburgischen Dorf Fohrde gehört zu den größten in Deutschland entdeckten "Indoor-Plantagen". Sie zählt zu einem ebenso einträglichen wie boomenden Schwarzmarkt, bundesweit vergeht kaum eine Woche, ohne dass die Polizei eine professionelle Zucht entdeckt - am vorigen Montag war es in Berlin mal wieder so weit: rund 1400 erntereife Pflanzen in einem Bürohaus, mitten im Wedding.
Marihuana made in Germany verdrängt zunehmend Importware aus bisherigen Lieferländern wie Marokko oder Afghanistan. Wenn Hippies früher noch auf den "schwarzen Afghanen" schworen, bröseln Kiffer heute gern Hasch und Gras aus deutschen Landen in ihre Joints.
Dabei sind weniger die Hobbygärtner das Problem, die im Keller oder im Schrebergarten ein paar Pflanzen zum Eigenverbrauch ziehen. Sicherheitsbehörden wie das Bundeskriminalamt (BKA) sorgen sich vielmehr wegen Großgärtnereien wie jener in Brandenburg - und wegen der "organisierten internationalen Strukturen" der Branche: Viele deutsche Drogenbauern haben niederländische Hintermänner, Pflanzenpfleger und Erntehelfer werden gern aus Billiglohnländern rekrutiert.
Für die Polizei bedeutet der inländische Anbau-Boom auch einen Strategiewechsel: Früher ging es vor allem um den Drogenhandel. Heute machen die Beamten verstärkt Jagd auf einheimische Hanf-Bauern und ihre versteckten Plantagen.
Die Zahl der enttarnten Großanlagen mit mehr als tausend Pflanzen stieg im vorigen Jahr von 18 auf 26; von kleineren und mittelgroßen Züchtereien mit weniger als tausend Pflanzen wurden weitere 316 ausgehoben - wobei die Ermittler von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen.
Seinen Anfang nahm das Phänomen in den Niederlanden, wo der Boden für die Bauern aber bald gefährlich wurde: Es kam zu Bandenkriegen um Ernten, Vertriebswege und Absatzmärkte, dabei gab es sogar Tote.
Als die niederländische Polizei immer mehr Zuchtstationen aushob, wichen die Hintermänner über die Grenze aus, zunächst nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Auch dort steigt aber der Verfolgungsdruck, und nun ziehen die Produzenten zunehmend ostwärts, nach Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Dünne Besiedlung, zahllose leerstehende Scheunen und Industriebrachen - Deutschlands Osten bietet anscheinend ideale Bedingungen für Hanf-Bauern und ihre blühenden Landschaften. So jedenfalls stellten es Marion Gradowski und Bernd Welsch vom Bundeskriminalamt dar, die eine Deutschlandkarte der Dope-Produzenten führen.
Mit dieser Osterweiterung, so erklärt Cannabis-Sachgebietsleiter Welsch, verändere sich der gesamte deutsche Markt: Früher hätten die Drogenbauern im Westen der Republik die Pflanzen geerntet und zur Verarbeitung in sogenannte Knippereien zurück nach Holland gebracht. Dort wurde die Ernte getrocknet, fermentiert und das fertige Marihuana dann portionsweise in Tütchen gepackt - um es beispielsweise in Coffee-Shops an die Konsumenten zu verkaufen.
"Je weiter sich die Plantagen von der holländischen Grenze entfernt befinden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ware für den örtlichen Markt produziert wird", sagt Welsch.
Wie viel Prozent der Binnennachfrage die deutschen Produzenten schon abdecken, ist wegen der Schwarzmarktstrukturen schwer zu ermitteln. In Großbritannien, wo das Geschäft mit Eigengewächsen seit Jahren blüht, dominieren die einheimischen Züchtungen bereits den Markt.
Für die Hintermänner liegen die Vorteile auf der Hand: Es gibt kaum noch Transportkosten und ein geringeres Entdeckungsrisiko. Die Infrastruktur und die weiblichen Setzlinge lassen sich in den Niederlanden leicht beschaffen, teilweise werden dort sogar Bautrupps angeheuert, die komplette Treibhäuser einrichten.
Das illegale Geschäftsmodell ist lukrativ, die Investitionen liegen je nach Plantagengröße zwischen 20 000 und 50 000 Euro und sind oft mit der ersten Ernte nach sechs Wochen eingespielt. Bei bis zu sechs möglichen Ernten pro Jahr mit aus Ablegern gezogenen neuen Pflanzen verspricht eine florierende Farm exorbitante Gewinne. Die Schwarzmarktpreise liegen bei 3000 bis 4000 Euro pro Kilogramm Haschisch oder Marihuana, der Straßenpreis ist etwa doppelt so hoch. 1000 Pflanzen können eine Ernte von rund 15 Kilo ergeben.
Gärtner, die oft auch als Wachleute in den Plantagen untergebracht sind, werden häufig zu Niedriglöhnen aus dem Ausland eingestellt. Früher reiste das Personal oft aus Osteuropa ein, zuletzt stießen die Behörden immer wieder auf Vietnamesen - so wie Anfang Januar bei einer Razzia in Zossen bei Berlin. Als Ermittler dort eine ehemalige LPG-Halle stürmten, kamen ihnen vier vietnamesische Gärtner in Flip-Flops entgegen. Bilanz der Aktion: 1400 beschlagnahmte Pflanzen und Haftbefehle gegen die Gärtner sowie zwei mutmaßliche Hintermänner.
Vietnamesen pflegten auch eine Profi-Plantage im sächsischen Hainichen, die unter einer Discothek versteckt war, sowie Aufzuchtanlagen in Leipzig, Neumarkt in der Oberpfalz, Mönchengladbach und Rottendorf bei Würzburg. Auch weltweit gelten vietnamesische Banden als führend im Züchten und Vermarkten von Hochleistungs-Cannabis, so in Kanada, den USA und Großbritannien, wo die Polizei zu Plantagendurchsuchungen häufig schon Immigrationsbeamte mitnimmt. Viele der Gärtner haben in Vietnam in der Landwirtschaft gearbeitet, manche sind Opfer von Menschenhändlern, bei denen sie deren Schleuserdienste abarbeiten müssen.
Die ungebrochene Nachfrage von mehreren hunderttausend regelmäßigen Cannabis-Konsumenten in Deutschland lockt nun immer mehr Amateure und Nachahmer in das Geschäft, um das sich eine komplette Handelsinfrastruktur entwickelt hat. Bei Internetanbietern finden sich Einsteigersets für den Eigenanbau schon ab 29 Euro, dazu Aktivkohlefilter gegen den durchdringenden Geruch, Bewässerungssets und sogar ganze "Gewächshäuser für Innenräume" - alles legal, denn mit den Utensilien lassen sich schließlich auch Tomaten züchten. Dazu gibt es massenweise Gärtnertipps bis hin zu Lehrgängen, wie sich aus Samen der uralten Kultur- und Nutzpflanze Hanf besonders ertragreiche und berauschende Züchtungen ziehen lassen. Auch Saatgut ist bei ausländischen Internethändlern leicht zu bekommen.
Doch die Ermittler warnen vor jeder Verharmlosung. Der Trend zum Treibhausanbau habe zu einer erheblichen Steigerung des Wirkstoffgehalts der Pflanzen geführt, sagt BKA-Expertin Gradowski: "Mit den Joints aus der Hippiezeit der sechziger Jahre hat das nichts mehr zu tun." Das Marihuana aus den Indoor-Plantagen könne nicht einmal mehr "ohne weiteres als weiche Droge betrachtet werden".
Was den Ermittlern Sorgen bereitet, ist bei Produzenten und Konsumenten beliebt - hohe Tetrahydrocannabinol-Werte (THC). Also das, was Kiffer high macht, wenn sie das bräunliche Harz (Haschisch) oder die Blüten und Blätter der Pflanze (Marihuana) konsumieren.
Auch in den Verfahren und Urteilen gegen aufgeflogene Gärtner spielt der THC-Wert die entscheidende Rolle. Als Faustregel gilt: Je hochprozentiger und je größer die Mengen, desto härter die Strafen - und die fallen durchaus empfindlich aus. In Mönchengladbach kassierte ein Marihuana-Bauer Anfang Mai viereinhalb Jahre Gefängnis, die Betreiber der größten Cannabis-Zucht Baden-Württembergs bekamen sechseinhalb und sieben Jahre, der besonders umsatzstarke Junior einer Schrotthändlerdynastie aus Nordrhein-Westfalen gar neun Jahre Strafe.
Wenn eine Plantage auffliegt, rücken die Fahnder in der Regel mit eigenen Lastwagen an, ihre Kollegen übernehmen später sogar die Arbeit der Gärtner: Sie trocknen die Pflanzen und lassen sie fermentieren. Dann erst können sie den Staatsanwälten den THC-Gehalt ihres Fundes übermitteln. Übrig bleibt gebrauchsfertiger Stoff, der anschließend vernichtet wird.
Bei der Fahndung nach versteckten Plantagen haben die Ermittler mittlerweile aufgerüstet. Im Zossener Fall setzte die Polizei nach einem Tipp einen Hubschrauber mit Wärmebildkamera ein, der im Tiefflug über die Region zog - die Strahlung der Lampen in der Hanf-Fabrik verriet den Standort. Das hat sich offenbar bei den Betreibern herumgesprochen: Mancherorts investieren sie schon in aufwendige Wärmedämmung.
Generell macht der hohe Energiebedarf die Drogenbauern verdächtig. So verbrauchen 100 der häufig eingesetzten 600-Watt-Natriumdampflampen täglich so viel Strom wie eine Durchschnittsfamilie im halben Jahr. Um nicht durch die Stromrechnungen aufzufallen, setzen manche Betreiber auf eigene Generatoren - oder sie zapfen kurzerhand illegal Stromleitungen an.
Auch das birgt allerdings Risiken: Im hessischen Heidenrod etwa sorgten Cannabis-Gärtner, die eine alte Batteriefabrik für ihre botanischen Zwecke nutzten, für einen Stromausfall in der Nachbarschaft. Und im bayerischen Rottendorf brachen aus zunächst unerklärlichen Gründen die Netze zusammen. Ein Cannabis-Treibhaus hatte mit 40 eingesetzten Großventilatoren und rund 280 Speziallampen die Leitungen überlastet.
In beiden Plantagen stand kurz nach dem Stromausfall die Polizei vor der Tür.
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 23/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DROGEN:
Gras aus deutschen Landen