07.06.2010

PRESSEGeld gegen Unabhängigkeit?

Das französische Traditionsblatt „Le Monde“ braucht dringend einen neuen Investor und frisches Kapital, sonst droht schon Ende Juni der Bankrott. Doch bisher gehört die Zeitung mehrheitlich ihren Journalisten, sie müssten auf ihren Einfluss verzichten.
Im Großraumbüro des Auslandsressorts herrscht routinierte Hektik. In der Enge zwischen Papierbergen und Druckern hämmern die Redakteure auf ihre Tastaturen. Es ist halb zwölf am Mittag, und die Journalisten von "Le Monde" steuern bereits auf den Redaktionsschluss zu. Die Zeitung erscheint jeden Tag am Nachmittag.
Doch an der quietschroten Theke in der Cafeteria im vierten Stock hat sich trotz Zeitnot eine kleine Gruppe zusammengefunden, um zu diskutieren, altgediente Journalisten, junge Redakteure und Grafiker. Es gibt schließlich Wichtigeres als die Ausgabe von morgen: die Zukunft ihrer Zeitung.
"Le Monde", Frankreichs renommiertestes Blatt, steht vor einer wahrlich kapitalen Wende. Die Zeitung, seit Jahren in der Krise, hat einen Schuldenberg von hundert Millionen Euro angehäuft. Wenn nicht ein neuer Investor den Titel mit frischem Geld wieder flottmacht, droht schon Ende des Monats der Bankrott.
Eine Handvoll Interessenten gibt es, am 14. Juni endet die Bieterfrist. Doch selbst wenn die finanzielle Rettung gelänge, es wäre das Ende einer Ära und ein Tabubruch in der Geschichte des Blattes. Bisher gehört den Redakteuren die Mehrheit der Zeitung, das Konstrukt garantierte die Eigenständigkeit und machte "Le Monde" schon deshalb zu einer Institution in der französischen Medienlandschaft. "Ohne 'Le Monde' wäre Frankreich nicht mehr Frankreich", konstatierte einst der damalige Staatschef François Mitterrand.
Über Jahrzehnte bestimmte das Blatt den intellektuellen Diskurs der Nation. Auf der ersten Ausgabe, die am 18. Dezember 1944 erschien, prangte das Credo des Gründers: Eine Zeitung sollte es werden, so Hubert Beuve-Méry, die "Informationen klar, wahr, rasch und vollständig" verbreitet und dabei "politisch, wirtschaftlich und moralisch" auf ihrer Unabhängigkeit besteht.
Heute ziert ein übergroßes Faksimile der Erstausgabe die Eingangshalle am Stammsitz im 13. Pariser Arrondissement wie eine ständige Mahnung an die Wurzeln und Werte der Zeitung. Doch die Unabhängigkeit ist durch die Existenzkrise in Gefahr geraten, dem Traditionsblatt droht damit ein ähnliches Schicksal wie manchem Konkurrenten.
Denn ausgerechnet im Land von Frei- und Vordenkern wie Voltaire und Victor Hugo hängen viele Medien am Gängelband der Macht. Die Spitzenjobs der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender werden bisweilen direkt von Nicolas Sarkozy besetzt. Mächtige Wirtschaftsbosse, die dem Präsidenten nicht nur politisch gewogen, sondern mit ihm eng befreundet sind, haben sich in den vergangenen Jahren in die kränkelnde Presse eingekauft.
Der konservative "Le Figaro" etwa gehört dem Flugzeughersteller und Sarkozy-Freund Serge Dassault, der auch noch weitere Blätter besitzt. Die Wirtschaftszeitung "Les Echos" fiel an Sarkozys Trauzeugen, den Milliardär und Eigentümer der Luxuskette LVMH, Bernard Arnault. Und Arnaud Lagardère, Herrscher über einen riesigen Mischkonzern mit angeschlossenem Medienreich, ist ebenfalls ein Intimus des Präsidenten. Auch bei "Le Monde" hat sich Lagardère engagiert, mit einem Minderheitsanteil von gut 17 Prozent.
Bisher hat sich die Zeitung erfolgreich gegen jede Vereinnahmung behauptet, dabei ist das Blatt schon seit gut einem Jahrzehnt defizitär. Allein 2009 erwirtschaftete die Gruppe, zu der auch Titel wie die TV- und Kulturzeitschrift "Télérama", das katholische Blatt "La Vie" oder "Courier international" zählen, einen Nettoverlust von 25 Millionen Euro, bei einem Umsatz von 397 Millionen Euro. Zwar konnte der 2008 neu installierte Vorstand unter Eric Fottorino vergangenes Jahr im operativen Geschäft erstmals wieder ein Plus von 2,2 Millionen Euro vorweisen, aber Schulden und Zinslast sind längst erdrückend.
Dass die Zahl der verkauften Anzeigen schrumpft und die Auflage schwächelt, macht auch anderen Blättern in Frankreich schwer zu schaffen, vor zwei Wochen etwa wurde die verlustreiche "La Tribune" für einen symbolischen Euro eher verschenkt als verkauft. Doch der nahe Kollaps bei "Le Monde" ist auch das Ergebnis einer ebenso ambitionierten wie ruinösen Expansionspolitik der früheren Führungsspitze.
Der frühere Herausgeber Jean-Marie Colombani träumte davon, die Hausmarke "Le Monde" durch Zukäufe zum multimedialen Imperium auszubauen. Aushängeschild der hochfliegenden Pläne wurde das neue Redaktionsgebäude am Boulevard Auguste-Blanqui, ein Entwurf des Pariser Stararchitekten Christian de Portzamparc. Der aufwendige Bau mit der protzigen Eingangshalle - im Mitarbeiter-Jargon "die Kathedrale" genannt - wurde zum Symbol eines dramatischen Schiffbruchs.
Das führte vor drei Jahren zu heftigen internen Querelen und der Entmachtung des Vorstands. Es folgten Entlassungen und 2008 mehrfache Streiks. Eine Reihe von Titeln und Beteiligungen wurde wieder verkauft, der Umfang der Zeitung wurde reduziert, der große Gewinnbringer der Gruppe, Télérama, musste gegen 25 Millionen Euro an die Banken verpfändet werden.
Dank immer neuer Kredite blieb "Le Monde" der Konkurs bisher erspart, doch spätestens 2012 werden rund 22 Millionen Euro zur Rückzahlung fällig, zwei Jahre später noch mal 47 Millionen. Helfen kann nur noch frisches Geld, "Mindesteinsatz 60 Millionen Euro", sagt "Le Monde"-Manager Fottorino, 49, "und zwar bald, sonst droht ein Liquiditätsengpass". Fottorino war Reporter und Chefredakteur des Blattes, bevor er schließlich Chef des Unternehmens wurde.
Zwar hat die Mitarbeitermehrheit bisher die Selbstbestimmung der Zeitung garantiert, "aber sie ist für die Krise auch mitverantwortlich", meint Patrick Eveno von der Universität Paris Sorbonne, Autor eines Buches über das Traditionsblatt: Weil die Journalisten "am liebsten Journalisten in die Geschäftsführung gewählt haben", fehle es der Zeitung seit Jahren an professionellem Management.
Lange Zeit erhielten die Redakteure üppigste Gehälter, dem Aufstieg des Konkurrenten "Libération" in den achtziger Jahren begegnete man mit allzu lässiger Arroganz, und gegen massive Einsparungen protestierten die Redakteursgewerkschaften vor zwei Jahren in einem Zeitungsartikel - in "Le Monde": "Man rettet ein Unternehmen nicht gegen seine Mitarbeiter."
Der 1951 gegründeten Redakteursgesellschaft (Societé des redacteurs du Monde, SRM) mit ihren rund 260 Journalisten gehören, gemeinsam mit anderen Mitarbeitern und weiteren Partnern, gut 60 Prozent der Aktien (siehe Grafik). Bislang hatte das "Le Monde"-Personal dank seiner Mehrheit bei allen strategischen Entscheidungen, von der Berufung des Chefredakteurs bis zu Investitionen, Mitsprache- oder Vetorechte.
Die nun dringend nötige Kapitalerhöhung, der die Redakteure auf einer Sondersitzung in dieser Woche zustimmen müssten, würde den Einfluss der SRM-Anteile verwässern und ihre Macht aushebeln. Doch damit haben sich viele Redakteure mittlerweile abgefunden: "Es ist das Ende einer Ära", klagt ein ehemaliger Auslandskorrespondent, "aber es ist nötig."
Keiner der möglichen Investoren ist nämlich bereit, sich künftig ins Management hineinreden zu lassen. Deshalb war der Unternehmer Lagardère bisher auch nicht willens, seinen Anteil an "Le Monde" auszubauen. Der spanische Minderheitseigner Prisa, Besitzer der Tageszeitung "El País" und selbst hochverschuldet, stößt sich ebenfalls an den sperrigen Statuten. Und der Schweizer Verleger Michael Ringier, der sich in diesen Tagen über das Verkaufsdossier beugt, hält das Mitbeteiligungsmodell bei dem Blatt für schlichtweg nicht praktikabel.
Das Interesse der Ausländer, darunter auch der italienische Medienkonzern L'Espresso, Verleger der Tageszeitung "La Repubblica", hat nach langem Zögern auch Franzosen zu solidarischer Hilfestellung veranlasst. Mäzen Pierre Bergé, langjähriger Freund des verstorbenen Modemachers Yves Saint Laurent und mit 1,75 Prozent bisher eher symbolischer Miteigner von "Le Monde", bot sich überraschend an, das Blatt zu sanieren, gemeinsam mit einem Finanzier und einem Internetmillionär.
Neben diesem heterogenen Trio gilt derzeit vor allem Claude Perdriel als interessantester Anwärter: Der Verleger, der sein Vermögen mit Fäkalhebeanlagen und Schmutzwasserpumpen machte, versprach unlängst, "zu einer Lösung beizutragen, die die Unabhängigkeit der Zeitung erhält". Perdriel, Eigentümer des linken Nachrichtenmagazins "Le Nouvel Observateur", will für eine Mehrheitsbeteiligung rund 70 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen zahlen. "Ich bin bereit, mein Appartement zu verkaufen und meine Bilder", versprach der politisch linksstehende Firmenboss. Wichtiger noch: Er gelobte, den Mitarbeitern von "Le Monde" wenigstens gewisse Rechte zu garantieren.
Das macht den 83-Jährigen unter den Journalisten zum Favoriten. Statt ausländischer Konzerne, die nur auf Profite achteten, wünsche man sich, so ein "Le Monde"-Gewerkschafter, "lieber einen einheimischen Neuaktionär, der Gefühl für die Geschichte des Hauses mitbringt." Doch der "Le Monde"-Forscher Eveno hält die Sympathie der Mitarbeiter für Perdriel für durchaus gefährlich: "Die ausländischen Bieter sind professionelle Großverlage, und sie wären weniger anfällig für Einflussnahmen aus der französischen Politik", sagt Eveno.
Noch immer gilt "Le Monde" als unparteiischste Zeitung des Landes, mit den umfangreichsten Informationen und Analysen, den besten Debatten. Und so gehören auch für "Le Monde"-Chef Fottorino die historischen Privilegien zum Forderungskatalog an die künftigen Aktionäre, auch wenn "Mehrheitsbesitz keine unverzichtbare Voraussetzung für journalistische Unabhängigkeit" sei. "Gewahrt bleiben muss die völlige Freiheit der Redaktion sowie ungehinderte Berufung des Chefredakteurs." Hinzu kommen "finanzielle Reserven, die die Mitarbeiter sozial absichern und dem Unternehmen Raum lässt für Investitionen".
Parallel zum finanziellen Befreiungsschlag setzt Fottorino weiter auf den zügigen Aus- und Umbau der Zeitung. Nach einem ersten Lifting des hausbackenen Layouts vor gut einem Jahr wurde das Blatt im März generalüberholt: Die Titelseite wirkt jetzt luftiger, der Online-Auftritt übersichtlicher.
Die Internetschwester der Zeitung, die aus Finanznot zu einem Drittel bereits an Lagardère verkauft wurde, macht Gewinn, die Zusammenarbeit zwischen Online und Print soll verbessert werden. Schon jetzt fokussiert sich "Le Monde" stärker auf Schwerpunktthemen und mehrseitige Analysen. Fottorino gibt sich sicher, dass Frankreichs Traditionsblatt die Krise mit solchen Veränderungen meistern wird. "Eine Welt ohne 'Le Monde' wäre nicht dieselbe", sagt er voller Selbstvertrauen.
Unter den Redakteuren an der Kaffeetheke werden solche Parolen mit Skepsis vernommen. "So oder so wird die Zeitung nicht mehr dieselbe sein", sagt ein grauhaariger Wirtschaftsredakteur und zeigt auf eine Notiz über dem Tresen, die angesichts der Existenzkrise wie eine ironische Fußnote daherkommt. Die Mitteilung an die Mitarbeiter lautet bündig: "Kredit wird nicht mehr gegeben."
Von Isabell Hülsen und Stefan Simons

DER SPIEGEL 23/2010
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