14.06.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wir haben dieses Land geliebt“

Die Schriftstellerin Christa Wolf über ihre Erinnerungen an die DDR und die Zeit der Wende, über den ostdeutschen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck und über das Schreiben als guter Begleiter in Krisen
SPIEGEL: Frau Wolf, in der nächsten Woche erscheint Ihr neues Buch: Sie erzählen darin vor allem von den Turbulenzen, die Sie nach der Wiedervereinigung durchstehen mussten. Dies kollidiert mit einer ganz neuen Wiedervereinigungsdebatte, ausgelöst durch die Kandidatur Joachim Gaucks, in der es wieder einmal um das Verhältnis zur DDR geht. Westdeutsche sind begeistert von Gauck, manche Ostdeutsche reagieren eher verhalten, vor allem wohl wegen seiner klaren DDR-kritischen Haltung. Was halten Sie von dem Kandidaten?
Wolf: Ich erlaube mir in dieser Frage kein Urteil, weil ich es nicht ausreichend begründen könnte.
SPIEGEL: Das verstehen wir nicht. Das Verhältnis zur DDR ist doch ein Hauptthema Ihres neuen Buchs. Oder nicht?
Wolf: Ich glaube, in meinem Text werden sehr unterschiedliche Themen angeschnitten. Die Haupterzählebene ist doch mein Aufenthalt 1992/93 in den USA. Aber ich greife zurück bis in meine Jugend, als wir, nach der Flucht aus meiner Heimatstadt, quasi vor dem Nichts standen. Auf der Universität traf ich auf viele Generationsgenossen, die, nach der niederschmetternden Erfahrung des Nationalsozialismus, eine von Grund auf andere Gesellschaft erhofften. Für uns wurde es, über die Jahre hin, ein arger Weg der Erkenntnis.
SPIEGEL: Zu der Erkenntnis, dass aus der DDR nichts Rechtes werden würde? Wir
haben das Gefühl, Sie weichen aus. In Ihrem Buch wird nicht ganz klar, wie Sie heute zu diesem Staat stehen. Im Westen galten Sie immer als verhalten oppositionell, sind aber im Osten geblieben, und man hat bis heute von Ihnen nicht gehört, dass Sie die DDR für einen Unrechtsstaat, für eine Diktatur halten.
Wolf: Günter Gaus hat einmal geschrieben, diese Begriffe seien heute der Gesslerhut, den man grüßen muss, um nicht beargwöhnt zu werden. Meinetwegen. Aber diese Begriffe verdecken alle Differenzierungen, an denen mir so liegt. Das habe ich in Gesprächen mit Menschen, nicht nur aus der DDR, immer wieder gespürt. Nostalgie lasse ich nicht aufkommen. Aber wenn ich - durchaus kritisch - konkrete Vorgänge beschreibe, tauchen die Erinnerungen vielleicht wieder auf. Und mit ihnen Einsichten, die zu Entscheidungen führen können.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie sich nicht über Gauck äußern wollen, weil er da ganz eindeutig ist? In seiner Autobiografie bezeichnet er die DDR unumwunden als Diktatur. Damit gewinnt er zugleich die Freiheit, auch Freundliches über das Alltagsleben in diesem Staat zu sagen, von positiven Erinnerungen und von Verlusten zu erzählen.
Wolf: Ich habe die Biografie von Joachim Gauck nicht gelesen. Ich denke aber, dass die kritische Auseinandersetzung mit der DDR bei mir ständig geführt wird.
SPIEGEL: In Ihren Büchern entfaltet sich die Erinnerung aus sich selbst heraus, in vielen Schattierungen. Aber diese eher sanfte, deskriptive Vorgehensweise ist auch gefährlich: Alles lässt sich immer weiter differenzieren. Potentiell ist das ein Vorgang, der nicht abzuschließen ist. Sollte man nicht auch einmal zu einem Urteil, einer Einschätzung kommen?
Wolf: Natürlich lässt sich vieles pauschal beurteilen, man kommt dann aber ziemlich schnell nur zum Verurteilen, und ich glaube, dass sich da Erkenntnis verschließt.
SPIEGEL: Aber wo bleibt die Wut? Zu DDR-Zeiten sind Sie mit vielen Kommunisten befreundet gewesen, die unter Hitler verfolgt wurden, ins Exil gingen, dann in Moskau von den eigenen Genossen drangsaliert wurden und später sogar in DDR-Gefängnissen saßen. Wie konnten Sie, die anfänglich alle Hoffnungen in die DDR gesteckt haben, das aushalten?
Wolf: Ja, und gleich fragen Sie mich wieder, was mich seit 20 Jahren alle immer fragen, warum ich überhaupt in der DDR geblieben bin. Das wird doch alles in meinem Buch beschrieben: die Konflikte, die ich erlebte und aus denen heraus ich schrieb. Und natürlich haben wir uns da immer wieder gefragt: Wollen wir nicht gehen?
SPIEGEL: Was hat Sie gehindert?
Wolf: Auch das beschreibe ich ja: wie wir damals dauernd in den Atlas geguckt haben, nach möglichen Orten. Aber wir wussten nicht, wohin - "Kein Ort. Nirgends", das ist der Ausdruck für mein Lebensgefühl damals. Es gab für mich keine Alternativen, keinen Ort. Ich habe in der DDR nicht mehr mitgespielt - bin zu keiner Versammlung, keiner Wahl mehr gegangen -, außer wenn ich mich kritisch einmischen musste, wie beim 11. Plenum 1965 oder beim Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976. Aus meinen Stasi-Akten, auf die man sich doch sonst gern bezieht, geht hervor, dass man mich keineswegs als, wie Sie sagen, verhalten oppositionell, sondern zunehmend als Gegner sah. Und dafür, dass ich dann eine der ganz wenigen Revolutionen der deutschen Geschichte miterleben durfte, hatte es sich gelohnt zu bleiben - auch das steht in meinem Buch.
SPIEGEL: Nach der Wende gingen Sie 1992 ausgerechnet in die USA - den Inbegriff der westlichen Welt.
Wolf: Absurderweise dachten viele, ich würde dort bleiben, ins Exil gehen. Keine Sekunde habe ich das geplant. Es hatte schon länger diese Einladung gegeben, in Los Angeles ein neunmonatiges Stipendium der Getty-Stiftung anzutreten.
SPIEGEL: Genau zu dieser Zeit brach in Deutschland ein Sturm gegen Sie los, was Sie in Ihrem Buch mit Verzweiflung, aber auch mit Humor beschreiben. Sie hatten im Mai 1992 erfahren, dass es bei der Stasi-Unterlagen-Behörde eine sogenannte Täterakte gab, die dokumentierte, dass Sie zwischen 1959 und 1962 sporadisch mit der Stasi zusammengearbeitet hatten. Sie haben dann, als Sie bereits in Amerika waren, in einer Zeitung die Existenz dieser Akte offenbart. Die Medien reagierten mit Härte und Unverständnis, auf einmal waren Sie nicht mehr die weithin geachtete Schriftstellerin, sondern nur noch IM "Margarete".
Wolf: Was mich störte, ja wütend machte, war, dass man mich nur auf diesen einen Punkt festlegte, dass man meine Entwicklung nicht sah und es nicht einmal für nötig hielt, sich kundig zu machen, was es da sonst noch an Akten gab.
SPIEGEL: 42 Bände Opferakten, die bezeugen, dass Sie selbst über einen weitaus längeren Zeitraum intensiv observiert worden sind?
Wolf: Es kamen später noch die umfangreichen Telefonprotokolle dazu. Und dagegen gab es dieses schmale Faszikel meiner Gespräche mit der Stasi, die über 30 Jahre zurücklagen, über das fast ausschließlich geschrieben wurde. Als ich dann, wohl als Einzige, die sogenannte Täterakte vollkommen publiziert habe, hat davon keine Zeitung, die mich vorher verurteilt hatte, auch nur Notiz genommen. Es war vielleicht gar keine so schlechte Lehre für mich: Journalisten, denen die Täterakte sofort zugänglich gemacht wurde, hätten sich ja auch für meine Opferakten interessieren können. Aber das war nicht gefragt. Man wollte nicht meine Entwicklung darstellen, die in den sechziger Jahren und danach dazu geführt hat, dass ich observiert wurde. Das hat mich fassungslos gemacht.
SPIEGEL: Im SPIEGEL war davon sehr wohl die Rede.
Wolf: Ich gebe zu, dass nach Ihrem Bericht noch weitaus schlimmere kamen.
SPIEGEL: Wie war es jetzt für Sie, darüber noch einmal ausführlich zu schreiben?
Wolf: Das Thema wollte ich nicht umgehen. Im Gegenteil: Es war einer der Anlässe dafür, dass ich das Buch geschrieben habe.
SPIEGEL: Sie beschreiben, wie Sie das damals, 1992/93, empfunden haben. Ist Ihr Blick heute ein anderer?
Wolf: Natürlich kann ich heute alles mit mehr Gelassenheit sehen. Aber Gelassenheit zu beschreiben wäre ja nicht interessant.
SPIEGEL: Wieso haben Sie so lange gebraucht, dieses Buch fertigzustellen - über anderthalb Jahrzehnte?
Wolf: Ich habe nicht anderthalb Jahrzehnte ununterbrochen an dem Buch gearbeitet. In dieser Zeit entstanden andere Bücher: "Leibhaftig" und "Ein Tag im Jahr", auch Essays und der Erzählungsband "Mit anderem Blick". Außerdem war ich lange Zeit krank. Ich habe aber immer wieder bei diesem Buch angesetzt, das mir wichtig war und ist.
SPIEGEL: In Ihrem Buch gibt es immer mal wieder einen abrupten Wechsel zwischen Ich und Du. Sie sprechen sich selbst mit "du" an, was manchmal verwirrend ist. Warum machen Sie das?
Wolf: Ich ist die Gegenwartsebene, Du ist die Erinnerungsebene, und ich bin besonders stolz auf die Stellen, wo sich das manchmal im selben Satz bricht. Wissen Sie, ich würde gern so schreiben, wie es im Kopf zugeht. Im Kopf ereignen sich ja die verschiedensten Dinge auf einmal, aber leider kann man nur linear schreiben. Mein Wunschbild für einen Text ist ein Gewebe. Ich möchte ein Gewebe herstellen, wo die Fäden ineinanderwirken und übereinanderliegen, und dann entsteht ein Muster, das nicht auf einen Faden gefädelt ist; in "Kindheitsmuster" versuche ich das auch. Mit einer solchen Struktur kann man vieles Ungesagte und Nicht-Sagbare ausdrücken.
SPIEGEL: Ist der Wechsel von Ich und Du auch so zu erklären, dass das eigene Ich aus der Vergangenheit einem manchmal fremd wird?
Wolf: Ja, das ist merkwürdig. Man ist immer Ich gewesen, aber man kann sich später manchmal nicht mehr in dieses alte Ich hineinversetzen.
SPIEGEL: Es leuchtet nicht ein, warum Sie das Buch, das Sie doch sehr nahe an Ihrem authentischen Erleben entlang erzählen, in Teilen auch fiktionalisiert haben. Wollten Sie durch die Fiktionalisierung den eigentlichen Konflikt, den Sie schildern - die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und die öffentlichen Reaktionen darauf -, von sich wegrücken?
Wolf: Nein, Sie haben ja selbst gesehen, dass ich gerade bei den Teilen, die diese Konflikte schildern, nahe an den tatsächlichen Ereignissen entlang erzäh-le. Anderes habe ich erfunden, viel mehr, als Sie wohl glauben würden. Das gehört zur Vielschichtigkeit, die ich anstrebe. Ebenso wie es sich natürlich versteht, dass die Ich-Erzählerin nicht identisch mit der Autorin ist.
SPIEGEL: Ihre Schilderung der damaligen Situation hat auch eine gewisse Ironie. So erzählen Sie, wie Sie einer Amerikanerin zu erklären versuchen, was man Ihnen in Deutschland vorwirft und was ein "Informeller Mitarbeiter" der Stasi ist. Ob das so etwas wie ein Agent oder Spion sei, fragt die Frau zurück.
Wolf: Ja, es war damals schon eine manchmal absurde Situation für mich. Ich war weit weg, bekam aber dort in Los Angeles natürlich doch jeden Artikel, der über mich geschrieben wurde, zu sehen. Und da war es manchmal wohltuend, mit den anderen Stipendiaten des Getty Centers, die aus verschiedenen Ländern kamen, zu sprechen, weil die den Abstand zu den Verhältnissen in Deutschland hatten.
SPIEGEL: Aber es war wohl doch der Tiefpunkt Ihrer Autorenlaufbahn?
Wolf: Wieso? Nein, schlimmer war die Situation Mitte der sechziger Jahre. Mir wurde klar, dass sich die DDR nicht in die Richtung entwickeln würde, wie viele von uns gedacht und gehofft hatten. Dass die Widersprüche unlösbar wurden - darüber konnte es nach 1968 keinen Zweifel mehr geben.
SPIEGEL: Dennoch schreiben Sie: "Wir haben dieses Land geliebt." Sie zitieren es als innere Stimme der Erzählerin. Das dürfte in Zukunft oft zitiert werden. Ein trotziges Bekenntnis?
Wolf: Ach nein. Dazu vielleicht ein Hermlin-Zitat: "Nie reimt sich Liebe auf Beflissenheit." Es ist natürlich ein frommer Wunsch, aber meine Hoffnung ist, dass so ein Satz dazu beitragen könnte, etwas differenzierter mit diesem Land und den Menschen, die dort gelebt haben, umzugehen.
SPIEGEL: Was haben Sie an dem Land geliebt?
Wolf: Die Utopie zu Anfang. Und viele Menschen, die sich dafür einsetzten und bitter enttäuscht wurden - darunter auch jene aus dem Exil zurückkehrenden Emigranten, von denen eben die Rede war.
SPIEGEL: Sie beschreiben eindringlich die Situation, wie Sie vor Ihrem Aktenberg sitzen und lesen, was die Stasi in all den Jahren über Sie zusammengetragen hat. Am liebsten hätten Sie die Ordner aus
dem Fenster geschmissen und verbrannt.
War es damals falsch, die Stasi-Akten zu öffnen?
Wolf: Ich denke, nicht. Vielleicht hätte man sie schon längst dem Bundesarchiv
übergeben sollen. Sie wissen, dass ich selbst meine Täterakte offiziell nicht einsehen durfte. Der Journalist und langjährige Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, Günter Gaus, hat sie mir damals mit nach Los Angeles gebracht. Übrigens: Die Akten, die in der Bundesrepublik angelegt worden sind, bleiben verschlossen. Worauf Günter Grass gerade erst hinwies. Dadurch konnten sich die Westdeutschen als der überlegene Bevölkerungsteil fühlen.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass es eine vergleichbare sinnlose Anhäufung von Daten und Telefonmitschnitten durch den Verfassungsschutz gibt? Eine nahezu flächendeckende Observierung durch Inoffizielle Mitarbeiter wie einst in der DDR?
Wolf: Nein, das habe ich nie behauptet. Aber dadurch, dass das Stasi-Thema in der Betrachtung der DDR zu einem Hauptthema geworden ist, stimmen nach meiner Ansicht die Proportionen nicht.
SPIEGEL: In Ihrem Buch klingt an, dass viele Menschen wegen der globalen Krise heute offener für eine grundsätzliche Kritik auch am kapitalistischen System seien. Freut Sie das?
Wolf: Es wundert mich eher, dass eben doch nicht viele dazu bereit sind, diese existentielle Krise wirklich als Signal zu begreifen.
SPIEGEL: Weil heute jede Vorstellung davon fehlt, wie eine andere Gesellschaftsform aussehen könnte?
Wolf: Da haben Sie recht.
SPIEGEL: Und wenn die globale Krise sich zuspitzt?
Wolf: Das kann sich niemand wünschen. Die Katastrophe wäre dann so groß, dass ich mich davor fürchten würde - auch für meine Kinder und Enkelkinder. Allerdings stellen sich mehr Menschen als noch vor zehn Jahren solche Fragen. Vielleicht geht von ganz anderen Weltgegenden und Gesellschaftsentwürfen eine Umwälzung aus. Aber ich will keine KassandraRufe ausstoßen.
SPIEGEL: Die Autorin des berühmten "Kassandra"-Texts will nicht orakeln?
Wolf: So ist es.
SPIEGEL: Wir haben in dem Jahrhundert, das hinter uns liegt, verschiedene Gesellschaftsformen ausprobiert, und nun sind wir ratlos. Lässt sich aus der Geschichte doch nichts lernen?
Wolf: Zumindest ließe sich lernen, wie man es nicht machen sollte. Das ist doch schon mal was. Und dann hoffe ich ja doch, dass der Dialog der Generationen nicht ganz wirkungslos bleibt. Ich merke, dass gerade die junge Generation uns Ältere sehr intensiv und interessiert befragt. Und ich habe den Eindruck, dass es gerade mit den Jüngeren möglich ist, frei und ohne gegenseitige Abwehr zu sprechen.
SPIEGEL: Sie haben sich ja in eigentlich allen Ihren Büchern einer intensiven Selbstbefragung unterzogen. Das ist es auch, was mindestens und ganz sicher von Ihnen bleiben wird: die Genauigkeit, mit der Sie sich handelnd betrachten und offenbaren. Sie schildern, wann Sie mutig waren, Sie gestehen auch ein, wann Sie feige waren. Mit Ihrer eigentlich durchgängig ambivalenten Haltung sich selbst gegenüber und den jeweiligen politischen Systemen, in denen Sie nach dem Krieg lebten, machen Sie sich aber auch angreifbar, liefern anderen das Einfallstor für Kritik.
Wolf: Aber auch für sehr viel Zustimmung, ja Zuneigung, von den sogenannten normalen Lesern. Glauben Sie wirklich, dass die Aufgabe von Literatur heute wäre, sich abzuschotten oder nur die Oberfläche zu beschreiben? Ich jedenfalls könnte nicht schreiben, ohne "der Spur der Schmerzen" nachzugehen, wie es in meinem Buch heißt. Schreiben ist für mich nun mal Selbstbefragung, die Auseinandersetzung mit Konflikten. Ich schreibe, um mich selber kennenzulernen, soweit es geht. Da kann man sich nicht schonen.
SPIEGEL: Aber Sie schreiben auch, dass in einer Situation, in der Sie sowieso schon unzählige Feinde haben, jede Zeile, die Sie nun schreiben, gegen Sie verwendet werden kann. Sie schmieden sich selbst ein Damoklesschwert.
Wolf: Ich habe auch unzählige Freunde. Das bemerken die Medien natürlich nicht. Ich schmiede auch kein Damoklesschwert. Das Schreiben, so wie ich es verstehe, ist mir eine große Befriedigung. Und ich habe, obwohl ich nach so langer Zeit der Arbeit wirklich nicht mehr naiv bin, komischerweise noch immer so ein Grundvertrauen in den Anstand vieler Menschen. Außerdem weiß ich, während ich schreibe, für welche Passagen ich wahrscheinlich kritisiert werde, aber gleichzeitig denke ich immer: Warum sollten die Leute nicht bemerken, dass ich versuche, ehrlich zu sein?
SPIEGEL: Die DDR und Ihre Erlebnisse in den USA sind die Hauptthemen Ihres Buchs, aber es gibt einen weiteren Aspekt. Der Titel heißt vollständig "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Ein Mantel, den einst Sigmund Freud getragen haben soll, ist ein wiederkehrendes Motiv.
Wolf: Der Titel des Buchs soll zunächst auch darauf hindeuten, dass es hier nicht so sehr um die Ereignisse geht, sondern darum, wie sie sich in einer Person spiegeln und wie sie auf die Personen wirken. Die psychologische Nachfrage ist für mich tatsächlich das Entscheidende, das Psychogramm.
SPIEGEL: Als ein befreundeter Analytiker Ihnen in Ihrer Zeit in Amerika, also mitten in der Krise, am Telefon riet, eine Therapie zu machen, haben Sie das von sich gewiesen. Warum?
Wolf: Weil ich das Schreiben habe. Das ist in einer Krisensituation ein guter Begleiter.
SPIEGEL: Sie sind nicht nur zu einer öffentlichen, sondern auch zu einer historischen Figur geworden. Wie halten Sie es aus, dass das Bild von Ihnen, das Sie selbst mitgeschaffen haben, wegen der tiefen Konflikte, in die Sie gerieten, nicht immer vorteilhaft ausfällt?
Wolf: Es gab Zeiten, in denen mir das schwer zu schaffen machte. Inzwischen ist mir die Meinung der Nachwelt nicht mehr wichtig. Meine Töchter und meine engen Freunde sollen mich möglichst so sehen, wie ich bin. Wie viel Missverständnis und Misskenntnis eigentlich jeden trifft, der in die Öffentlichkeit geht, das sehe ich auch an anderen. Wie sagte doch Goethe: "Übers Niederträchtige / Niemand sich beklage; / Denn es ist das Mächtige, / Was man dir auch sage."
SPIEGEL: Hatten Sie zuweilen Sorge, dass Sie das Buch, das Ihnen so wichtig ist, nicht würden fertigstellen können?
Wolf: Ich denke viel an den Tod, und es ist mir fast jeden Tag bewusst, dass die Frist, die mir noch bleibt, kurz ist. Während des Schreibens habe ich manchmal gedacht: Na, das werden sie mich vielleicht noch zu Ende schreiben lassen.
SPIEGEL: Wer ist sie? Einen Gott oder gar Götter gibt es für Sie doch nicht. Wer bevölkert den Himmel über Ihnen?
Wolf: Sagen wir mal: die Parzen. Und: Haben Sie wirklich den Engel übersehen, der am Schluss meines Buchs auftaucht - den schwarzen Engel?
SPIEGEL: Durchaus nicht. Doch die Frage bleibt: Sind Sie dankbar, dass Sie das Buch doch geschafft haben?
Wolf: Darauf bezieht sich meine Dankbarkeit nicht. Aber ich bin dankbar, dass ich überhaupt auf der Welt sein konnte und auch darüber, wie mein Leben gelaufen ist. Ich habe ja viel über Konflikte gesprochen, aber mein Grundgefühl dem Leben gegenüber ist, dass ich Glück gehabt habe. Dass ich diese Familie habe, diesen Mann, diese Freunde, das ist ein unglaubliches Glück.
SPIEGEL: Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken, das so reich war an Erfahrungen - haben Sie das Gefühl, das ganze Spektrum des Daseins durchmessen zu haben?
Wolf: An die äußersten Enden habe ich mich nicht bewegt.
SPIEGEL: Weder das größte Glück noch das größte Leid?
Wolf: Das größte Leid jedenfalls ist mir erspart geblieben.
SPIEGEL: Frau Wolf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die literarische Karriere

von Christa Wolf, 81, ist eng mit der Existenz der DDR verknüpft. Trotz mancher Auseinandersetzung mit der SED-Obrigkeit hielt die Autorin dem Staat die Treue. Noch im November 1989, wenige Tage vor dem Mauerfall, hoffte sie öffentlich auf einen sozialistischen Neubeginn. Die Hinterlassenschaft der DDR steht nun auch im Zentrum ihres neuen autobiografischen Romans "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", der Anfang nächster Woche im Suhrkamp-Verlag erscheint (416 Seiten; 24,80 Euro). Hauptschauplatz ist Kalifornien, wo die Autorin von September 1992 bis Juli 1993 als Gast der Getty-Stiftung lebte. In diese Zeit fiel auch die Nachricht, dass in der damals von Joachim Gauck geleiteten Behörde für die Stasi-Unterlagen Dokumente einer Zusammenarbeit von Christa Wolf mit der Staatssicherheit in den Jahren 1959 bis 1962 aufgetaucht waren.
(*1) 1987 vor dem Gebäude des DDR-Staatsrats in Berlin.
Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer und Volker Hage.
Von Volker Hage und Susanne Beyer

DER SPIEGEL 24/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Wir haben dieses Land geliebt“

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock