14.06.2010

HOFBERICHTERSTATTUNGExzess der Normalität

Während die Welt am Abgrund tanzt, punktet Schweden mit einem Spektakel der Solidität: Am Samstag ehelicht Kronprinzessin Victoria ihren Ex-Fitnesstrainer. Das Ereignis soll nicht nur der Monarchie helfen, sondern auch den Herzschmerz-Medien. Von Matthias Matussek
Schon vor diesem erhofften Rausch aus Glockenläuten und Protokoll, aus raschelnder Spitze und purpurroten Läufern ist klar, dass der Schwede, wenn es um Hochzeitsgeschenke geht, auch nur mit Wasser kocht.
Da geben sich nun Kronprinzessin Victoria und ihr früherer Fitnesstrainer Daniel Westling nach einer quälenden achtjährigen Tortur des Wartens, nach Einsprüchen des strengen Vaters sowie Überwindung lebensbedrohender Krankheiten - Bulimie sie, Nierentransplantation er - endlich das Jawort, und was kriegen sie: Praktisches.
Die Hochzeitsgeschenke, das ist schwedischer Brauch auch im Königshaus, werden schon vor der Trauung ausgepackt und präsentiert, offenbar weil man es kaum erwarten kann, endlich den Küchenmixer in der Hand zu halten.
In unserem hoheitlichen Fall: mehrere Kisten von Trinkgläsern. Dazu noch ein Schrank voller Bettwäsche und Handtücher mit Monogramm. Mehrere Wellness-Wochenenden. Ein Jahr lang kostenlosen Strom für die Residenz in Haga. Ein grünes Holzpferd.
Moment, ein grünes Holzpferd? Wo stand das noch mal im Ikea-Katalog? Auf jeden Fall springt es aus der Reihe und wahrscheinlich gleich dorthin, wohin die besonders witzigen, poetischen und sperrigen Hochzeitsgeschenke schon immer wandern, in den Keller, wo sie Staub ansetzen. Denn Kronprinzessin Victoria, die Tochter des schwedischen Königs Carl XVI. Gustav und seiner Gattin Silvia aus Heidelberg, geborene Sommerlath, zeichnet sich durch eine Eigenschaft ganz besonders nicht aus: Flippigkeit.
Anders als etwa die bürgerlich-norwegische Mette-Marit, die mehrfach schwer danebengegriffen hatte, bevor sie ihren Prinzen Haakon erwischte, ließ sich Victoria Zeit, nachdem sie ihren Daniel zum ersten Mal an der Kraftmaschine sah. Doch dann eben wuchs Liebe.
Sie hat so zielstrebig dafür gearbeitet wie Tennislegende Björn Borg weiland an der Grundlinie. Sie hat sich ihren Daniel in den Kopf gesetzt und ihn in einem langen, aufreibenden Match schließlich gekriegt. Das ganze Land hat Anteil genommen an diesem Ausdauerweltrekord - nun wollen wenigstens die Weltmedien davon profitieren.
2300 Journalisten haben sich in Stockholm angesagt. Der Hof fürchtet fast, dass mehr Medienvertreter als Volk die Straßen säumen werden. Alle guten Kamerapositionen sind längst bestimmt. Exklusivrechte gibt es nicht, man ist ja nicht beim Landadel oder im Showgeschäft. Allein das ZDF wird am Samstag von 14.30 bis 19 Uhr live durchsenden, eine Vorab-Doku hatte hervorragende Quoten. Auch Phoenix steigt mit ein, RTL folgt mit einer Zusammenfassung.
Die ARD kontert derweil mit der Fußball-Weltmeisterschaft. Selten waren die Zielgruppen so deutlich umrissen: Die eine Hälfte der Welt schaut Kicker, die andere Hälfte Königs. Die Hofberichterstatter von "Neuer Post" bis "Frau mit Herz" delirieren dem Ereignis ohnehin schon seit Monaten entgegen.
Alexander von Schönburg, Bruder der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und "Bild"-Autor, bereitet hiesige Massen seit vergangener Woche mit einer Serie auf das Happy End vor. Erfahrungsgemäß gehen die Auflagen der zuletzt teils kriselnden Yellow Press dank solch solitärer Glücksmomente deutlich in die Höhe.
Doch wenn es bei dieser Hochzeit, die mit erhofften 500 Millionen TV-Zuschauern wieder einmal ein royaler TV-Straßenfeger zu werden verspricht, etwas zu bestaunen gibt, dann ist es nicht Schneewittchens rascher Zauber, sondern der zähe Triumph des Willens. Victoria ist der Gegenentwurf zu Lady Di.
Damals ging es um Augenaufschläge, hier um das Spektakel der Solidität in wirtschaftlich und politisch unsicheren Zeiten. Die Welt ist am Abgrund, dieses Paar ist der Anker. Es ist der Exzess der Normalität, das Versprechen der Bürgerlichkeit, das skandinavische Königshäuser auszeichnet: Es lohnt sich, auf dem Teppich zu bleiben.
Victoria ist authentisch. Ihre Liebe ist authentisch. Ihr Mann ist authentisch.
Der Hof, allen voran der König, war zunächst entsetzt über ihre Wahl. Dieser Daniel Westling hatte kein Geld, keine Ausbildung, keine Familie, womit der Adel nicht etwa meint, dass er Vollwaise wäre, sondern dass sein Name nicht im Adels-Almanach "Gotha" auftaucht.
Doch über die Jahre waren alle zunehmend beeindruckt. Beeindruckt auch davon, dass der junge Mann nicht die geringste Neigung zur Bösartigkeit zeigte und zu jener Hallodrihaftigkeit, der etwa Monacos Fürstentöchter einst in Serie verfielen. Aber dort regiert ja letztlich auch nur eine Piraten-Dynastie.
Daniel Westling war keine Leuchte in der Schule, aber eine Kanone im Sport. Er stammt aus Ockelbo, einem 3000-Seelen-Nest aus roten Holzhäusern in einer einsamen Waldgegend nördlich von Stockholm. Bären- und Elchland. Vergangenes Jahr stromerten ausgehungerte Wölfe dort durch entlegene Farmen und griffen sich Streicheltiere.
Die Mutter des Bräutigams arbeitete bei der Post, der Vater in der Sozialbehörde. Die Prominenz besteht aus der ehemaligen Gewichtheber-Weltmeisterin Susanne Formgren, die die lokale Muckibude leitet. Das war die Welt des Daniel Westling. Und das war die Herausforderung für jenes Spezialistenteam aus Lehrern und Etiketteberatern, die aus dem Herzensjuwel der Prinzessin einen gala-adäquaten Brillanten zu schleifen hatten.
Sie brachten dem Bürger Westling bei, auf Englisch und Deutsch und Französisch übers Wetter zu konversieren und beim Bankett nicht auf den Tisch zu klopfen und "Mohlzeit" zu rufen.
An der Geschichte der schwedischen Könige soll er besonderes Interesse gezeigt haben. Macht ihn das verdächtig? Nun, König wird er selbst nie werden, das hat ihm Victoria - zu seinem Verdruss, wie behauptet wird - bereits klargemacht. Er wird Prinz Daniel, Herzog von Västergötland sein. Und bleiben. Auch nicht schlecht für einen Fitnesslehrer.
Ein Leben lang wird er einen Schritt hinter der künftigen Königin bleiben und sich womöglich ärgern wie Dänemarks Henrik, der sich über das von Königin Margrethe zugeteilte "Zigarettengeld" beschwert, oder depressiv werden wie der traurige Claus hinter Hollands Beatrix. Oder schrulligen Witz entwickeln wie Elizabeths Philip von Großbritannien, der nach Staatsbesuchen schon mal Sachen sagte wie: "Wenn es vier Beine hat und kein Stuhl ist, kochen es die Kantonesen."
Aber womöglich ist die zweite Geige genau das Instrument, das Daniel liegt. Sorgen bereitet Adelskenner Schönburg viel eher der familiäre Anhang: "Ein Untertan, der geheiratet wird, bringt die ganze Schwiegerfamilie mit, und das könnte für Peinlichkeiten sorgen", seufzte er in einer ZDF-Sendung. "Es hat sich immer als ratsam erwiesen, nicht Untertanen zu heiraten, sondern Leute aus Ländern, die möglichst weit weg sind."
Im Falle der schwedischen Kronprinzessin wäre also eine Beziehung ins chinesische Hochland weit angebrachter gewesen als die Liebe zu einem Jungen aus Ockelbo, das nur ein paar Hundeschlittenstunden nördlich von Stockholm liegt. Doch wo die Liebe hinfällt!
Unsere sympathisch-sture Victoria schlägt nicht nur Schönburgs Warnung aus, sondern will auch das Zeremoniell aushebeln. Bisher war es Tradition, dass Braut und Bräutigam gemeinsam vor den Altar schreiten. Victoria aber möchte an der Seite des Vaters gehen, um dann von ihm an Daniel übergeben zu werden. Sie macht es konservativer!
Mittlerweile haben neun Pastoren die Thronfolgerin aufgefordert, genau das um des lieben Himmels willen nicht zu tun. Erstens wegen der Tradition: Seit Jahrhunderten schreiten in den protestantischen Kirchen Schwedens Braut und Bräutigam nebeneinander. Zweitens wegen der Emanzipation: "Die Kronprinzessin kann auf eigenen Beinen gehen", sagt Pastorin Maria Isberg. Der Vater soll in der Bank bleiben. "Das wäre ein gutes Signal für die Gleichberechtigung."
Tatsächlich aber denkt die Braut da weitaus politischer, als es die Geschlechterkampf-Pastorin zu erkennen vermag. Zunächst einmal will sie wohl aller Welt vorführen, dass Papa einverstanden ist. Darüber hinaus sei es, so die Sprecherin des Königshauses, ein symbolischer Akt erster Güte, "wenn der Staatschef seine Tochter, die Schwedens Thronfolgerin ist, zum Altar führt".
Mittlerweile hat sich Schweden darauf verständigt, glücklich zu sein und den Summer of Love für eröffnet zu erklären. Der Flughafen in Stockholm ist "Official Love Airport 2010", und die Schweden sind so entschlossen, das Geschäft anzukurbeln, als wäre die Hochzeit ein nationales Konjunkturprogramm.
Die Botschaft: Alle ackern mit. Die Internetseite www.lovestockholm2010.se bringt außer den Hinweisen auf die Royals auch noch Bannerwerbung für Ericsson, Volvo und Ikea. Abba-Legende Benny Andersson hat ein eigenes Lied komponiert, was geradezu einlädt zu Wortspielereien wie: "Mamma mia" ist das schön, wenn sie dann in der Kirche "I do I do I do" sagen, lass uns nur hoffen, dass sie nicht irgendwann ihr "Waterloo" erleben. Fürs Tragische ist in der schwedischen Seifenoper aber bisher eher Victorias jüngere Schwester Madeleine zuständig, die sich jüngst entlobt hat.
Abba übrigens hatte schon am Vorabend jener Traumhochzeit vor 36 Jahren aufgespielt, "Dancing Queen" in höfischer Tracht, für Carl Gustav und seine deutsche Olympia-Hostess Silvia. Paul Sahner von der "Bunten" erinnert sich stolz: "Deutschland war wieder wer - die schönste Königin der Welt ist eine Deutsche."
Tatsächlich hatte Silvia schon einige Jahre vor Lady Di und dem Spektakel der Windsors die Weltmedien bezaubert und das einst mächtige schwedische Herrscherhaus aus einer gefährlichen Legitimationskrise befreit - ihr flogen die Herzen derart zu, dass auch die Sozis nichts mehr von ihren finsteren Plänen wissen wollten, die Monarchie abzuschaffen.
Nun gibt es erneut Diskussionen über die Notwendigkeit einer blaublütigen Vorzeigefamilie. Mit der Einheirat eines "Dorfsportlers" ("Aftonbladet") werde diese ohnehin immer gewöhnlicher, sagen Kritiker, man müsse sich überlegen, ob sich der Aufwand überhaupt noch lohne. Jedes weitere Kind vergrößere die Kosten und mache "Haushaltseinsparungen" ganz buchstäblich zum Thema.
Doch Victoria weiß, dass die Monarchie eine "positive, zusammenhaltende Kraft in der Gesellschaft sein kann" und dass sie helfen wird, "Gegensätze zu überwinden", was nahelegt, dass sie zumindest ihren Redenschreiber bereits mit Christian Wulff teilt, der als deutsche Spielart des überschäumenden skandinavischen Temperaments gelten darf.
Aussöhnung über Klassengrenzen hinweg, das ist die Losung, wenn Schweden kopfsteht für drei Tage am kommenden Wochenende, wenn Leinwände an jeder zweiten Straßenecke das Glück der Königskinder feiern und in Ockelbo zur Feier des Tages ein Bär gegrillt wird.
Wir allerdings müssen uns wieder auf die Pein ratlos quasselnder Kommentatoren gefasst machen, die mit uns gemeinsam dieser Farbe beim Trocknen zuschauen und uns sagen: Guck mal, wie das trocknet. Und dieser Minimalismus wäre noch ein Segen.
Adelsexperten sind ja nicht zu bremsen. Royals-Beobachter Schönburg will nun von früher geäußerten ständischen Bedenken (heirate nicht nach unten) plötzlich nichts mehr wissen. Er macht solche geradezu als kleinbürgerliches Vorurteil aus: "Das Volk ist ja der eigentliche Snob."
Womit einmal mehr klargestellt ist, dass man es als Volk dem Adel irgendwie nie recht machen kann und dass jeder Halstuchträger losquatschen darf, wenn eine Kutsche in Sicht ist.
Und es wird gequatscht, besonders wenn Frauen wohl zu Recht glauben, unter sich zu sein. Als RTL über die Hochzeit Felipes von Spanien berichtete, gab es Sprüche wie "Der macht ja auch Sport wie blöd" oder "Beim Hut kann man nie zu viel haben" oder, in der Kirche: "Das ist übrigens das Agnus Dei, das wir gerade hören." Kurz darauf wurde "der wichtigste Teil der Messe, die sogenannte Wandlung", anmoderiert.
Als in Madrid dann das Hohelied der Liebe aus Paulus' Brief an die Korinther vorgelesen wurde, gab es für die RTL-Zuschauer einen Spot über Fußpilzmittel. Dann aber wieder Seufzen und Rührung und Sachkundiges über den Couturier der Robe.
1200 Gäste aus Hochadel und Politik, aus Wirtschaft und Showgewerbe sind geladen zum schwedischen Staatsakt, der mit veranschlagten zwei Millionen Euro vergleichsweise billig ist, wenn man sich die Kostenexplosion gerade bei Prinzen-hochzeiten vor Augen führt - der Kronprinz von Brunei soll vor nicht allzu langer Zeit 40 Millionen hingelegt haben.
Wenn dann auf den Glockenschlag um Mitternacht unser Ritter aus Ockelbo seine Prinzessin zum Walzer aufs Parkett führt, wenn also die Märchenstunde beginnt, dann dürfen wir die Fernbedienung gern wieder an unsere Frauen weiterreichen. Denn dann haben wir die Dänen und die Kameruner, die Australier und die Ghanaer in ihren WM-Spielen schon erlebt, und wir gehen mit Freunden zur Auswertung über und zu den Analysen für die kommenden Turniertage.
Von Matthias Matussek

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