21.06.2010

BANKIERSBlindes Vertrauen

Ein Geheimbericht zeigt, wie leichtfertig die Privatbank Sal. Oppenheim dem Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff Kredite über 107 Millionen Euro gewährte.
Damals, vor 13 Monaten: als Sal. Oppenheim noch die größte deutsche Privatbank war, 220 Jahre alt. Als man noch nicht unter das Dach der Deutschen Bank geflüchtet war, vor dem Zusammenbruch. Als der persönlich haftende Gesellschafter Friedrich Carl Janssen mit Gästen im Großen Esszimmer des Kölner Bankhauses zu dinieren pflegte, die Speisen gereicht von einem Diener, das Porzellan verziert mit dem Familienwappen. Damals vermittelte Janssen neben der Aura auch noch die Autorität des alten Geldes.
"Ich werde noch viel Freude an diesem Investment haben", sagte er im Mai 2009 über den Einstieg der Bank beim Karstadt-Mutterkonzern Arcandor. Schließlich werde einer helfen, der Arcandor jahrelang geführt hatte und nun mit all seiner Erfahrung zur Seite stehen sollte: Thomas Middelhoff. Wie sehr sich Janssen und die anderen Oppenheim-Banker aber von den mehr rhetorischen als realen Fähigkeiten Middelhoffs beeindrucken ließen, das erhellen nun neue Details aus einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte aus dem Juni 2009.
Die im Auftrag der Bankenaufsicht BaFin erstellte Expertise zeigt nicht nur, wie sehr die Oppenheimer an die Strategie von Arcandor-Chef Middelhoff geglaubt hatten, die schließlich in der Insolvenz mündete. Heraus kommt nun auch, mit welch blindem Vertrauen die Bankiers dem Privatmann Middelhoff Kredite in Höhe von rund 107 Millionen Euro gewährten. Geld, von dem das wankende Bankhaus in der Zwischenzeit 37 Millionen Euro in seiner Bilanz abschreiben musste.
Rund 75 dieser 107 Millionen hatten Middelhoff und seine Frau Cornelie in sechs Immobilienfonds des Troisdorfer Projektentwicklers Josef Esch gesteckt, darunter in vier Fonds, deren Gebäude an Karstadt vermietet sind. Die Karstadt-Insolvenz sorgt nun dafür, dass der Druck auch auf das Ehepaar Middelhoff stark zugenommen hat: Was an Mieteinnahmen nötig ist, um die Zinsen für die geliehenen Millionen zu decken, lässt sich aus den Kaufhausimmobilien wohl kaum noch herausholen.
Dabei hätte die Bank die Kredite an das Ehepaar Middelhoff so gar nicht vergeben dürfen, urteilen die Deloitte-Prüfer in dem Gutachten, das auch der Staatsanwaltschaft Köln vorliegt - sie ermittelt gegen frühere Bankpartner und Middelhoff. Laut Expertise hatte sich die Bank die Finanzverhältnisse des Paares nämlich nicht so aufdecken lassen, wie es das Kreditwesengesetz verlangt. Zwar hatte die Oppenheim-Kreditabteilung nach Middelhoffs allenfalls dürftigen Auskünften den Kredit verweigert - weil seine wirtschaftliche Lage negativ zu bewerten war. Doch die Bankpartner setzten sich lässig über den Sachverstand ihrer Experten hinweg. Ihre Begründung: Sie hätten eigene Einblicke in Middelhoffs Vermögenslage und deshalb volles Vertrauen in seine Kreditwürdigkeit.
Entsprechend sorglos ging die Bankspitze mit den verliehenen Millionen um. Laut Deloitte gab es keine hinreichende Tilgungsvereinbarung zwischen der Bank und den Middelhoffs, und offenbar ist es zumindest so, dass es bis heute keine übliche gibt, mit monatlicher Tilgung. Auch seinen Eigenkapitalanteil für die Immobilienfonds hatte sich das Ehepaar noch teils von der Bank leihen dürfen.
Im März 2009 verlängerte Oppenheim die Darlehen - obwohl in den Kreditunterlagen der Bank steht, bei Middelhoffs Einkünften handele es sich nur um "Erfahrungswerte, die für uns nicht vollständig nachvollziehbar sind". Doch erneut folgte der Hinweis, die Partner wüssten mehr. Nur dass sich in der Kreditdokumentation nirgendwo wiederfindet, was die Partner um Janssen und Matthias Graf von Krockow Beruhigendes wussten. Um so etwas künftig zu vermeiden, gibt es heute einen Risikomanager im Vorstand der Bank.
Tatsächlich hätten die Leutseligen von Köln sich bereits Ende 2008 Sorgen machen müssen. Spätestens damals hätten die Partner nämlich die dramatische Entwicklung bei Arcandor erkennen müssen - und was es für Middelhoffs Bonität bedeuten könnte, wenn die Karstadt-Mieten für die Immobilienfonds niedriger oder ganz ausfallen würden. Trotzdem habe Oppenheim die Middelhoffs erst am 16. Juni 2009 in die Intensivbetreuung genommen; aus Sicht von Deloitte zu spät und unter Missachtung der Kreditrichtlinien des Instituts.
Eine verlässliche Einnahmequelle für Middelhoff war immerhin jener Beratervertrag, den die Oppenheimer ihm im Frühjahr 2009 gönnten. Der sollte ihm bis 2012 vier Millionen Euro im Jahr für die Beratung des damaligen Arcandor-Aufsichtsratschef Janssen einbringen. Nach der Insolvenz ließ sich Middelhoff den Vertrag mit mehreren Millionen Euro abfinden. Erst im Laufe des Jahres 2009 zogen die Banker die Konsequenz und schrieben einen großen Teil der Middelhoff-Kredite in ihren Büchern ab. Die Deloitte-Experten hatten in ihrem Gutachten den Wertberichtigungsbedarf mit 53 Millionen Euro beziffert.
In diesem Zusammenhang wurde auch die Bonität des Ehepaars bewertet. Das Ergebnis laut Deloitte: ein "D". In Banker-Kreisen wird "D" mit "nicht kreditwürdig" übersetzt.
Zwar hatte Middelhoff daraufhin zusätzliche Sicherheiten nachgewiesen; er selbst ließ dazu in einem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" die Zahl 57 Millionen nennen. Den Kreditbetrag von 107 Millionen deckte das aber nicht ab. Lediglich die Abschreibung, die das Bankhaus dann tatsächlich vornahm, reduzierte sich von 53 auf 37 Millionen Euro.
Fragen nach seiner Bonität lässt Middelhoff heute mit dem Hinweis beantworten, seine "finanzielle Basis" sei "außerordentlich solide". Er habe seine "Zahlungsverpflichtungen, einschließlich aller Zins- und Tilgungsraten", stets voll erfüllt. Den Hinweis, dass es Gespräche mit dem Bankhaus Oppenheim über die Frage gab, wie er die Kredite noch zurückzahlen könne, ließ Middelhoff als falsch zurückweisen. Die Bank will zu den Millionenkrediten keine Stellung nehmen.
Auch ein in Kölner Finanzkreisen kursierendes Gerücht weist Middelhoff mit Nachdruck zurück: dass er bei seinem privaten Vermögensverwalter Josef Esch aufgelaufene Kosten nicht bezahlt haben soll. Von einer Stundungsvereinbarung ist hier die Rede. Middelhoff dementiert auch dies. Ob er seit Monaten säumig ist, dazu wollte man sich bei Esch nicht äußern.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 25/2010
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