28.06.2010

Der Therapeut

Joachim Gauck wurde von einer Welle der Euphorie begleitet, weil sich mit ihm die Sehnsucht nach einer anderen Politik verbindet. Als Präsident würde er sein Land gern einer Therapie unterziehen. Von Markus Feldenkirchen
Der Kandidat möchte an diesem Morgen von Leipzig nach Düsseldorf fliegen, sein Bodyguard klettert die Stufen zur Lufthansa-Maschine hinauf, um ihn anzukündigen.
"Da kommt gleich der Herr Gauck", ruft er der Stewardess zu, die oben an der Flugzeugtür wartet.
"Wer ist denn das?"
"Unser künftiger Bundespräsident", sagt der Bodyguard.
"Aha. Und? Kann der was?"
Der Bodyguard nickt.
"Sind doch alle gleich." Die Stewardess winkt mit der Hand ab. "Glauben Sie etwa, der ist anders als die anderen?"
Auf seiner langen Reise durch ein Land, das einer Gauck-Hysterie zu erliegen scheint, ist die Stewardess die erste Person, die nicht gleich an die heilenden Kräfte des Kandidaten glaubt.
"Warten Sie's ab", sagt der Bodyguard.
Kurz darauf steht Gauck in der Flugzeugtür, er lächelt, sagt mit sanfter, dunkler Stimme "Ich bin Joachim Gauck", umfasst ihre Hände mit den seinen wie ein Therapeut, sagt, dass er sich freue, heute an Bord zu sein, und plötzlich wirkt auch die Stewardess beseelt.
Viele, die Joachim Gauck während seiner Kandidatur für das Schloss Bellevue begegnen, geraten rasch in diesen Zustand, von Oskar Lafontaine und früheren Stasi-Generälen einmal abgesehen. Es wirkt, als wandle Gauck wie ein Messias durch das Land. Es würde nicht verwundern, wenn er der Stewardess gleich noch von der erlösenden Kraft der Freiheit berichten würde, "über den Wolken" und so, aber dazu fehlt jetzt die Zeit. Boarding completed. Gauck versinkt in Sitz 1A und stößt einen wohligen Seufzer aus. "Ich weiß gar nicht, wo ich diese Kräfte hernehme." Seine Hände umspielen ein Erfrischungstuch.
Dann weiß er doch noch, wo die Kräfte herkommen. "Unsere Psychen belohnen uns, wenn wir unseren Potenzen nachgehen", sagt er. "Vielleicht bin ich in der Vergangenheit meinen Potenzen nicht genügend nachgekommen. Jetzt aber komme ich ihnen voll und ganz nach." Es klingt, als liege er auf der Couch.
Die Stewardess serviert ein Frühstück und schaut ihn noch liebevoller an, als Stewardessen das vertragsgemäß tun. Es gebe nur ein Wort für diese wunderbare Situation, sagt er: "Glückhaft."
Gauck hat inzwischen rund 40 000 Freunde bei Facebook, in den Umfragen bekundet eine Mehrheit der Deutschen, dass sie ihn als Präsidenten haben wollen. An den Laternenpfählen der Republik, dort, wo sonst die Zettel für die vermissten Katzen kleben, hängt nun Gaucks Gesicht, mal als Andy-Warhol-Starschnitt, mal unter dem Slogan "Go for Gauck".
Bisweilen wirkt der Trubel wie die krampfhafte Suche nach einem Heiligen in einer Welt der Fehlbaren. Und es drängt sich jene Frage auf, die die Stewardess stellte, ehe sie ihn kennenlernte: Ist der wirklich anders als die anderen?
Joachim Gauck wirkte schon bei seiner Vorstellung als Kandidat wie ein Außerirdischer in einem Milieu, dessen prägendstes Merkmal die Abgeklärtheit ist. Wo die Vokabeln sonst dutzendfach abgeschmeckt werden, bevor sie den Mund verlassen, sprach Gauck von seinen Gefühlen und gewährte Einblicke in seine Seele. Ins Reich der Strategen war plötzlich ein Mensch eingedrungen.
Wenn man Gauck richtig versteht, dann würde er Deutschland gern einer Therapie unterziehen. Er kennt sich aus mit solchen Prozessen, er hatte selbst mit Sinnkrisen zu kämpfen, hat sich selbst therapieren lassen, hat tief in sich hineingehorcht. Nun möchte er, dass auch sein Land an sich arbeitet.
Im Bonner Wasserwerk werden die Hörgeräte angeschaltet. Hier, wo in der Bonner Republik mal das Parlament tagte, sitzen nun viele Dauerwellen und Sakkos mit goldenen Knöpfen. In dieser Ballung sieht man das nur noch selten.
"Denk ich an Deutschland ..." heißt die Veranstaltung, eingeladen haben die Konrad-Adenauer-Stiftung und der "Rheinische Merkur", zwei Stützpfeiler der Bonner Republik, die inzwischen ein wenig verwittert wirken.
"Das ist generös, dass es diese Veranstaltung gibt", sagt Gauck zur Begrüßung. "Das wärmt mein Herz."
Die Euphorie um ihn hat viel mit seiner Sprache zu tun. Niemand in einem politischen Amt würde sich trauen, so emotional und feinfühlig zu reden, es würde ihm gleich als Schwäche ausgelegt. Gauck aber traut sich, als Mensch zu reden, seine Sätze werden genährt von einer reichen Biografie, lebenslangem Lesen und einer intensiven Beschäftigung mit sich selbst. Für das Amt des Bundespräsidenten, dessen einzige Macht das Wort ist, sind das keine schlechten Voraussetzungen.
Am Nachmittag hatte Gauck für die Dauer von 90 Minuten mal anders geklungen. Da hatte er in einem kleinen Raum im Düsseldorfer Landtag gesessen und Fußball geschaut, Deutschland-Serbien, neben ihm Hannelore Kraft, deren Handy auf dem Tisch wie ein Vibrator rumpelte.
"Ist Özil gar nicht dabei?", fragte Gauck. "Doch", sagte Kraft. "Und warum sieht man in Gottes Namen nichts von ihm?" Er schüttelte den Kopf, rief "Och nä, so ein Gefummel" oder "Schick mal einer den Badstuber vom Platz". Als Lukas Podolski den Elfmeter verschossen hatte, brüllte Gauck den Plasmabildschirm an. "Wie kann man den, bitte, schießen lassen? Ich fass es nicht!" Aber das war eher ungauckisch.
"Wir treffen uns hier in einer vom heutigen Fußballereignis etwas eingedunkelten Landschaft", sagt er jetzt im Wasserwerk. Dann beginnt die große Erzählung, mit der er durch das Land zieht, sie handelt von der Schönheit der Freiheit. Er berichtet von dem Gefühl der Ohnmacht, die er als Unfreier in der DDR empfunden habe, vom "Knien im Gehen, im Stehen, im Sitzen". Seine Worte fließen dahin wie der Rhein hinter den Fenstern.
Dann wendet er sich dem deutschen Grundgesetz zu, das hier in Bonn vor gut 60 Jahren verabschiedet wurde. Er gerät ins Schwärmen, er preist den "phänomenalen Grundrechtekatalog" und diesen "unglaublichen Artikel eins". Die Träger der goldenen Knöpfe sind nach vorn auf ihren Sitzen gerückt und lauschen gebannt. Sie glaubten, das alte Grundgesetz zu kennen, aber in Gaucks Worten klingt es nach etwas Frischem, Faszinierendem.
60 Jahre hat die bundesdeutsche Demokratie recht ordentlich funktioniert, die Menschen gingen brav zur Wahl, sie engagierten sich in Parteien oder diskutierten wenigstens mit. Mit den Jahrzehnten aber sind die Deutschen lustlos geworden. Sie haben sich abgewandt vom politischen Diskurs, und sie stellen häufiger die Sinnfrage. Es fehlt ihnen der demokratische Antrieb. Die deutsche Demokratie befindet sich in einer Midlife-Crisis.
Am Ende seines Vortrags liest Gauck eine Passage aus seiner Autobiografie vor. Sie gibt ein Gespräch mit einem Professor aus dem Westen wieder, in dessen Verlauf Gauck wieder mal vom großen Schatz der Demokratie und der westlichen Freiheit schwärmt. Es endet mit der Erkenntnis: "So wie zu DDR-Zeiten die Inselbewohner von Rügen sich erst von Besuchern aus Leipzig, Borna und Bitterfeld vor Augen führen lassen mussten, welch außergewöhnliche Luft sie atmeten, so war ihm erst in meiner Spiegelung das, was ihm seit Kindesbeinen vertraut war, anders, tief und hoch emotional erneut begegnet. Er lächelte. Nun konnte er glauben, was er wusste."
Nach dem Vortrag steht eine Frau mit Seidentuch im Foyer des Wasserwerks und fuchtelt erregt mit den Armen. "Ich brauch so ein Buch, ich brauch so ein Buch." Sie zupft an einem Sakko mit goldenen Knöpfen, ihrem Begleiter. "Der ist so toll der Mann, der ist so toll der Mann."
Der Therapeut Gauck möchte den Westdeutschen ihre Verzagtheit und Lethargie nehmen, sie wieder für das begeistern, was sie schon lange besitzen. Es ist der Versuch, angelaufene Messingleuchter wieder auf Hochglanz zu polieren. Gaucks Leuchter heißen Demokratie, Grundgesetz, Rechtsstaat oder Wahlrecht.
Den Ostdeutschen möchte er ihre verklärende Sicht auf die Vergangenheit nehmen. Nichts ist Gauck unangenehmer als Nostalgie, vor allem in ihrer ostdeutschen Variante, der Ostalgie.
Im Saal der SPD-Fraktion im Brandenburger Landtag versucht der Kandidat, den Wahlleuten Stolz einzuimpfen. Die Ossis sollten glücklich sein über ihre eigene Revolution. "Wir 89er werden die Letzten sein, die die Fahne streichen. Wenn die anderen umfallen in Ohnmacht, dann werden wir noch stehen. Ich glaube persönlich, dass ich länger an Freiheit und die Überlebensfähigkeit der Demokratie glauben werde als jeder andere in Deutschland." Bei jedem anderen in Deutschland würde ein solch pathetischer Satz peinlich wirken. Bei Gauck wirkt er glaubwürdig.
An einem Juniabend des Jahres 1951 standen zwei fremde Männer vor den Gaucks, sie nahmen seinen Vater mit, stiegen mit ihm in einen blauen Opel und fuhren davon. Joachim Gauck war damals elf Jahre alt. Als er ihn wiedersah, war er 15 und der Vater ein ausgehungerter Mann.
Verurteilt zu zweimal 25 Jahren, hatte sein Vater im sibirischen Gulag Bäume fällen müssen. Die Familie erfuhr nicht, wo er sich befand, nicht mal, ob er noch lebte. Wer am eigenen Vater sehen konnte, was Diktaturen anrichten, der kann wohl nicht anders, als die Freiheit zu vergöttern.
In einem Nebenraum des Landtags hat der Reporter der "Super Illu", dem Fachmagazin für ostdeutsche Befindlichkeit, sein Aufnahmegerät eingeschaltet. Gauck beugt sich über einen Teller mit Putenschnittchen und harrt der Fragen. Bald kommt die "Super Illu" auf die Stasi-Akten zu sprechen, deren Aufarbeitung Gauck nach der Wende so lange lenkte, bis die zuständige Behörde mit seinem Namen verschmolz.
Wenn ein Mensch ein Orientierungsproblem habe oder ein Leistungsproblem, dann gebe es zwei Möglichkeiten, sagt Gauck. Man könne seinen Kumpel fragen, der klopfe einem auf die Schulter und sage: Junge, das wird schon wieder! "Oder aber Sie wollen es wirklich wissen, dann machen Sie eine Therapie und dann finden Sie sich schnell in der Rolle des geprügelten kleinen Jungen wieder, der Angst hat, nicht geliebt zu werden."
Der Mann von der "Super Illu" guckt etwas verdattert, so genau wollte er es gar nicht wissen. "Man muss zurückschauen dürfen", fährt Gauck fort, "man muss traurig sein dürfen, das ist wichtig - für jeden Einzelnen, aber auch für eine Gesellschaft. Erst die Rückschau lässt uns wirklich abschließen, sie lässt uns handlungsfähig sein." In Gaucks Wortschatz wimmelt es von Begriffen aus dem Reich der Psychologie.
Er, der das Land aus seiner mentalen Krise führen möchte, kennt sich aus mit Therapien, er redet inzwischen offen darüber. Seine erste begann Gauck Ende der Achtziger, kurz vor dem 50. Lebensjahr. Der Beruf als Pfarrer füllte ihn nicht mehr aus, die Ehe war zerrüttet. Im Westen nannte man so was Midlife-Crisis. Gauck schloss sich einer Therapiegruppe seiner Kirche an, er widmete sich seinem Innern, bis sich auf einmal die Welt bewegte. Er löste sich aus seiner Ehe und fand eine neue Rolle, als Freiheitskämpfer, als Revolutionär. Erst die Therapie habe ihn zu dieser Aufgabe befähigt. "Als ich damals, im Herbst '89, in meinen Predigten die Angst der Menschen vor dem Regime thematisierte, hatte ich ein tieferes Wissen über die Kraft von Ängsten."
Der Kandidat federt in das Restaurant des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Berlin-Mitte. Gerade hat er erfahren, dass die "Netzmenschen", wie er seine Fans aus dem Internet nennt, jetzt auch auf der Straße für ihn demonstrieren. "Ich wusste bisher gar nicht, was dieses Facebook ist", sagt Gauck. "Wie komm ich denn dahin, in dieses Facebook?" Als das geklärt ist, fragt er, ob er später noch einen Termin habe. Sein Sprecher nickt. "Dann nehm ich 'nen Rotwein. Aber nicht so kräftig."
Warum hat er diese Kandidatur angenommen, obwohl er jetzt 70 ist und öffentlichen Ämtern schon abgeschworen hatte? Gauck überlegt, dann sagt er: "Es ist oft so, dass ich spüre, was in den Menschen vorgeht, noch bevor sie es selbst bemerken. Und dann sind meine Worte da für diese Gefühle. Ich bin wie ein Medium für die Leute. Es war oft so in meinem Leben, jetzt ist es wieder so." Manchmal klingt er etwas befremdlich.
Was er meint, ist die Gabe, Menschen zu ermuntern, sie in dem zu bestärken, was ihr Bedürfnis ist, allen Ängsten zum Trotz. Wie damals im Herbst '89.
"Und dann", sagt Gauck, "hat sich vieles in mir verändert. Vor zwei Jahren hätte hier ein ganz anderer Mann gesessen."
Gauck hat ein zweites Mal Rückschau gehalten. Er hat sein Leben niedergeschrieben, sehr persönlich, sehr intim, das Buch erschien im vergangenen Herbst.
Bis zuletzt habe er sich als starken, entschiedenen Mann erlebt, als trotzigen Liebhaber der Freiheit. Dann habe er dagesessen und geschrieben, auch über die traurigen Momente des Lebens, jenen etwa, als seine Kinder das Elternhaus verließen und in den Westen gingen und Gauck seiner Frau unterkühlt erklärte, dass dies ein ganz normaler Prozess sei, und seine Frau fragte: "Andere Menschen haben hier ein Herz. Was hast du?"
"Und ich schreibe diese Sachen auf, und das ganze Wasser läuft aus meinen Augen raus, es überschwemmt mich." Er sei bis zu diesem Zeitpunkt immer dem alten Konzept von Männlichkeit gefolgt, habe gedacht, wer zu viel weine, zu traurig sei, der könne nicht stark sein. Davon sei er nun geheilt.
Es ist wohl diese Nachdenklichkeit und Leidenschaft, die Gauck für viele zum Objekt ihrer politischen Sehnsucht werden ließ. Im Kontrast zur nüchternen, stets kontrollierten Welt der Politik wirkt er unfassbar ehrlich und offen. Therapierte Menschen sind meist authentischer als nichttherapierte Menschen, sie trauen sich mehr, sie selbst zu sein, obwohl sie damit auch nerven können.
"Wie es manchmal so ist in therapeutischen Prozessen", sagt Gauck zum Ende des Gesprächs und nimmt einen Schluck vom nicht so kräftigen Rotwein. "Wenn es gutgeht, kommt man am Ende stärker heraus." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 26/2010
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