28.06.2010

Der Systemmensch

Niemand verkörpert die Licht- und Schattenseiten der Parteiendemokratie so wie Christian Wulff. Bei seinem Kampf ums Schloss Bellevue machen ihn ausgerechnet jene Eigenschaften verdächtig, die ihm über Jahre das Überleben in der Politik sicherten. Von René Pfister
Es wird jetzt ganz schlimm. Dunkle Wolken ziehen über die Altstadt von Celle, und die Bühne des Privatsenders Radio 21 betritt die Schlagersängerin Kristina Bach, eine Frau mit roten Lippen und blonden Haaren, die vor 20 Jahren einen Hit mit dem Titel "Erst ein Cappuccino" hatte.
Unten in den Gassen der Altstadt drängen sich Menschen in Allwetterjacken, doch Kristina Bach trägt Gala-Robe, ein weißes Paillettenkleid und hohe Schuhe, sie sagt, für diesen besonderen Tag habe sie ein besonderes Lied vorbereitet. Sie bittet das Publikum, sich zu erheben.
Die Sängerin beginnt ein Geburtstagsständchen. Mit tiefer und verruchter Stimme singt sie "Happy Birthday, Mr. President", im Hintergrund summen Backgroundsänger im Smoking. Nichts an der Aufführung stimmt. Kristina Bach aus Mettmann ist nicht Marilyn Monroe, und in der ersten Reihe sitzt nicht John F. Kennedy, sondern Christian Wulff, der den 30. Tag der Niedersachsen eröffnen soll.
Über Wulffs Gesicht huscht ein ironisches Lächeln, dann reißt er sich zusammen. Er erhebt sich, obwohl er das Geburtstagskind ist, weil ihm sitzen bleiben als mangelnde Bescheidenheit ausgelegt werden könnte. Wulff steht und lächelt, sein Gesicht signalisiert Wohlwollen, und nur an der Starre der Mimik lässt sich erahnen, dass selbst Wulff jetzt Mühe hat, die Zumutungen eines Lebens als Berufspolitiker zu ertragen.
Nach Lage der Dinge wird Wulff am Mittwoch zum nächsten Bundespräsidenten gewählt, Angela Merkel hat ihn zum Kandidaten der Koalition ausgerufen, weil er ihr innerparteilich nützt und die spezifische Leidensfähigkeit des Politprofis mitbringt. Horst Köhler hat sein Amt weggeworfen, er war den Härten des öffentlichen Lebens nicht gewachsen, wie sich zeigte. Bei Wulff muss die Kanzlerin das nicht befürchten.
Er ist ein Mann des Systems. Kaum jemand ist so verwachsen mit der Parteiendemokratie der Bundesrepublik wie Wulff, er ist jetzt 51 und seit über 30 Jahren in der Politik. Schon mit 19 wurde er Chef der Schülerunion, kaum hatte er die Universität verlassen, stieg er zum Spitzenkandidaten der niedersächsischen CDU auf. Seit sieben Jahren ist er Ministerpräsident.
Wulffs Erfolg beruht darauf, dass er sich besonders gut auf die Lebensbedingungen unter der politischen Glasglocke eingestellt hat, er besitzt eine eiserne Härte im innerparteilichen Revierkampf, aus seinem Mund kommen nur sorgsam abgezirkelte Sätze. Aber nun machen ihn gerade jene Fähigkeiten verdächtig, die ihm über Jahrzehnte das Überleben sicherten.
Denn Wulffs Gegner ist die Antithese zum Systemmenschen, Joachim Gauck war mal Pfarrer in der DDR, dann half er mit, das Regime der SED zu stürzen. Kaum ein Kommentator hat in den vergangenen Wochen das Wort für Wulff ergriffen. Die Mehrheit in der Bundesversammlung mag bei Wulff sein, doch Gauck wirkt wie der Kandidat der Herzen.
In dem Aufstand gegen Wulff steckt ein Aufstand gegen die deutsche Parteiendemokratie. Das ist verständlich, weil die schwarz-gelbe Koalition sich zuletzt als unfähig erwiesen hat, das Land ordentlich zu regieren. Andererseits ist Deutschland in den vergangenen 60 Jahren nicht schlecht gefahren mit wohltemperierten Politikern wie Wulff. Als Zögling des Parteienstaats offenbart Wulff dessen Vorzüge und Defizite, daran wird sich nichts ändern, wenn er ins Schloss Bellevue einzieht.
Beim Tag der Niedersachsen in Celle ist mittags eine Viertelstunde für Interviews eingeplant, das ZDF ist da und eine Reporterin von RTL, es werden harmlose Fragen gestellt, was er sich zum Geburtstag gewünscht habe ("Gesundheit") und wie er seine Chancen in der Bundesversammlung einschätze.
Am Ende tritt ein Redakteur der Deutschen Welle aus dem Kamerawald und sagt: "Herr Wulff, wie wollen Sie als Bundespräsident Deutschland nach außen vertreten?"
Wulffs Körper strafft sich. Außenpolitik ist heikel, man kann sich schnell verplappern. Um Zeit zu gewinnen, lobt er erst einmal die Verdienste der Deutschen Welle. Dann kündigt er an, die transatlantischen Beziehungen zu vertiefen, wichtig seien ihm aber auch Wachstumsländer wie Brasilien. Kurze Pause. Ach ja, sagt Wulff. Er werde natürlich auch das Afrika-Engagement Horst Köhlers fortsetzen. Sieht man von den Beziehungen zum Südpol ab, hat Wulff nichts Wesentliches vergessen. Er lacht zufrieden und schreitet rasch aus.
Wulff ist auch deshalb so weit gekommen, weil er seine Worte gewogen hat, ein unbedachter Satz kann schnell einen Skandal auslösen, Horst Köhler hat das gemerkt, als er in einem Moment der Unachtsamkeit sagte, die Bundeswehr sei auch dazu da, Handelswege zu schützen. Es dauerte nicht lange, bis die Berliner Hysterisierungsmaschine daraus machte, Köhler wolle Wirtschaftskriege führen.
Wulff wird so etwas nicht passieren, seine Sprache ist flach wie die norddeutsche Tiefebene. Er sagt: "Wir müssen den demografischen Wandel gestalten." Er sagt: "Wir brauchen eine große Debatte über Werte." Er sagt: "Die zentrale Aufgabe wird sein, Mut zu machen." Wulff will nicht überzeugen, es reicht ihm, wenn er keinen Widerstand erregt.
Mutig ist er nur, wenn es ihm nützt. In den neunziger Jahren hat er sich was getraut, da war er CDU-Fraktionschef in Niedersachsen, während Gerhard Schröder in der Staatskanzlei Wurzeln schlug. Wulff saß zusammen mit seinen Leuten und überlegte sich, wie er der Namenlosigkeit der Opposition entfliehen könnte, also forderte er den Rücktritt von Finanzminister Theo Waigel. Er beklagte, in Bonn säßen zu viele "Jasager". So erwarb er sich den Ruf eines "Jungen Wilden" in der CDU.
Angekommen an der Macht, war es mit der Aufmüpfigkeit vorbei. Wulff führte seine Regierung nicht schlecht, er stutzte die Verwaltung und holte fähige Leute in sein Kabinett, aber je länger er in der Staatskanzlei saß, umso präsidialer wirkte er. Wulff wollte nicht mehr entscheiden, seine Politik war vor allem darauf bedacht, sein Image als Sonnenkind der deutschen Politik nicht zu verdunkeln.
So gesehen wäre Wulffs Einzug ins Schloss Bellevue konsequent. Nur: Wofür braucht es einen Bundespräsidenten, der so abgeschmirgelt redet, dass seine Sätze ohne Echo bleiben? Das Staatsoberhaupt hat keine echte Macht. Wenn seine Worte keine Wirkung entfalten, ist er nur ein Ziermöbel der Politik.
Wulff sagt, dass er als Bundespräsident Verständnis wecken wolle für die komplizierten Entscheidungsabläufe der Politik. "Man kann besser für die Parteien werben, wenn man aus einer Partei kommt." Grundsätzlich ist das richtig. Horst Köhlers Amtsjahre litten auch darunter, dass er sich mit dem Volk gegen die Berliner Politiker verbündete, er machte sich beliebt auf Kosten der Parteien.
Im Moment gibt es aber das Problem, dass sich die Parteien so sehr in Grabenkämpfe verstrickt haben, dass kaum noch vernünftige Politik möglich ist. Kann ein Bundespräsident da gegensteuern? Er dürfte sich nicht über die Politik erheben, er müsste sich unabhängig von ihr machen. Wulff ist ein Routinier des politischen Betriebs, aber von einem Bundespräsidenten kann man erwarten, dass er sich außerhalb der politischen Logik und ihrer Zwänge stellt.
Das ist nicht Wulffs Stärke. Sein Erfolg beruht gerade darauf, dass er die Regeln des Systems verinnerlicht hat. Wulff umweht nicht die intellektuelle Kühle eines Richard von Weizsäcker, er wirkt schon jetzt wie Karl Carstens, der auf einer ewigen Wanderschaft um die Gunst der Bürger warb.
Beim Tag der Niedersachsen ist er jetzt am Stand der russlanddeutschen Landsmannschaft angelangt, eine Frau mit üppigem Dekolleté nötigt ihn, ein Stück selbstgebackenes Brot zu kosten. "Schmeckt sehr gut", lobt er. Dann schnürt ein Mann heran, er singt russische Volksweisen und trägt ein Tablett mit schlierigen Gläser voll Wodka. Wulff hasst Schnaps, aber zu seinem Unglück hat sich Dirk-Ulrich Mende, der Oberbürgermeister von Celle, schon ein Glas geschnappt.
Was sich nun entspinnt, ist ein Wettstreit der Volkstümlichkeit. Mende nimmt einen kräftigen Schluck, Wulff schaut ungläubig und sagt: "Sie sind ja kampferprobt." Dann nippt er selbst, er will nicht als Weichei dastehen. Jetzt führt Mende wieder den Wodka an die Lippen, Wulff zieht widerwillig nach. Am Ende sind beide Gläser leer. Wulff holt tief Luft, das Volk applaudiert.
Er wird gemocht für die Fähigkeit, sich den Wünschen seiner Umgebung anzupassen. In einigen repräsentativen Umfragen liegt Wulff nur knapp hinter Gauck, und auf seinen Fahrten durch Niedersachsen schlägt ihm eine Sympathie entgegen, die selten geworden ist für einen Spitzenmann der Politik.
In den Medien dagegen wird Wulff in diesen Tagen gern verspottet als der Repräsentant eines biederen und provinziellen Deutschland. Die "Zeit" widmete ihm eine Stilkritik, in der der Kandidat, "brutalstmöglich oberflächlich" betrachtet wurde. Es ging nicht gut für ihn aus. Das Interessanteste an Wulff scheine, dass er sich mit zwei F schreibe, "und das ist nicht interessant". Es war die brutalstmögliche Häme.
Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel haut in diese Kerbe, wenn er sagt, Gauck habe ein Leben und Wulff nur eine politische Laufbahn. In solchen Sätzen steckt auch der Selbsthass des Parteimenschen Gabriel. Es stellt sich die Frage, welcher Spross der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft überhaupt noch das Recht hat, für das Amt des Staatsoberhaupts zu kandidieren. Es ist schwer, in der Bundesrepublik zum Helden zu werden.
Wulff wurde auch deshalb ein Kind des deutschen Parteienstaats, weil ihm eine echte Familie fehlte. Als er 15 war, erkrankte seine Mutter an Multipler Sklerose. Der Stiefvater machte sich aus dem Staub, und so musste sich Wulff nicht nur um die Mutter kümmern, sondern auch um seine kleine Schwester.
Mathias Middelberg kann sich noch gut erinnern, wie er an Heiligabenden zu Wulff nach Hause kam und half, die an den Rollstuhl gefesselte Mutter durch das Treppenhaus zu tragen. "Es war unglaublich, mit welcher Disziplin der Christian das alles durchzog: Schülersprecher, die Arbeit in der Schülerunion, und dann auch noch die Pflege der Mutter", sagt Middelberg.
Er kramt in seinem Aktenschrank und zieht einen Ordner heraus, in denen alte Unterlagen der Jungen Union Osnabrück abgeheftet sind: handgeschriebene Briefe, in denen Wulff seine Freunde zu Vorstandssitzungen einlädt, und ein Heft mit dem Titel "Wir in Osnabrück", mit dem Wulff im Jahr 1986 für seine erste Kandidatur für den örtlichen Stadtrat warb. Die Reportagen darin schrieb Beate Baumann, die heute das Büro von Angela Merkel leitet.
Middelberg sitzt für die CDU im Bundestag, aber er brachte im Gegensatz zu Wulff nie die Bereitschaft auf, sein Leben fast ausschließlich auf die Politik zu konzentrieren. Wulff habe sich gewappnet gegen alle Widrigkeiten, sagt Middelberg, nur so habe er all die Niederlagen in seiner Zeit als Oppositionsführer in Niedersachsen ausgehalten. Erst 2003, im dritten Anlauf und nach neun Jahren, schaffte Wulff den Sprung in die Staatskanzlei. "Für Christian ist die CDU mehr als Arbeit", sagt Middelberg. "Sie ist für ihn auch Heimat."
Das macht es für Wulff jetzt so schwer. Er besitzt nicht die Lässigkeit Gaucks, der nach einer Niederlage wieder in sein Leben als Pensionär zurückkehren kann. Für Wulff geht es um alles. Er ist entschlossen, zur Not auch drei Wahlgänge in der Bundesversammlung über sich ergehen zu lassen. Denn gewinnt Gauck, dann ist nicht nur seine politische Karriere vorbei, dann ist er das Gespött des Landes.
Wulff versucht, die Fassade einer lächelnden Unbekümmertheit zu halten. "Die Zukunft gehört den Sanftmütigen und Friedfertigen", sagt er, wenn er auf seine Kandidatur angesprochen wird. Doch immer wieder verrutscht die Maske, bricht eine unterdrückte Wut aus ihm heraus. In Celle schnaubt er, Gauck sei doch mit seinen 70 Jahren viel zu alt für den Einzug ins Schloss Bellevue. Bei einer Podiumsdiskussion in Hannover sagt er: "Es kann doch nicht sein, dass einem die Biografie abgesprochen wird, nur weil man sich politisch engagiert."
Er muss sich jetzt noch einmal konzentrieren. Beim Tag der Niedersachsen steht Wulff vor der Torwand der Jugendfeuerwehr, er schießt, der Ball geht daneben. Er versucht es noch mal. Wieder vorbei. Aus seinem Gesicht weicht alles Spielerische, er nimmt einen langen Anlauf. Der Ball fliegt auf die untere linke Ecke zu, er hakt kurz am Holz, dann springt er durchs Loch. Applaus.
"Es ist wie immer bei mir", sagt Wulff erleichtert, "im dritten Versuch klappt's dann doch."
(*1) Im Februar 1994 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Niedersachsen.
Von René Pfister

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