28.06.2010

In der Zeitmaschine

Luc Jochimsen wurde aufgestellt, weil Joachim Gauck für viele in der Linken unwählbar ist. Sie trat mit der Absicht an, Ost und West zu versöhnen. Nun spaltet sie sogar das eigene Lager.
Diesmal dauert es fast 20 Minuten, bis jemand nach der DDR fragt. Lukrezia Jochimsen sitzt vor einem Mikrofon im Landtagsgebäude von Potsdam, zwei Dutzend Abgeordnete der Brandenburger Linken hören zu, wie sie von ihrer Kindheit im Krieg erzählt, von Gandhi und ihrer Haltung zu Afghanistan, bis ein Abgeordneter aus der Tiefe des Raums die Frage nach vorn wirft, wie sie das meinte, als sie sagte, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen.
Jochimsen holt Luft. Wolfgang Thierse, der Vizepräsident des Bundestages, nannte ihre Äußerungen schäbig und beschämend, der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte, sie verhöhne die Opfer des DDR-Regimes. Jochimsens Partei, die Linke, will weg vom Ost- und Stasi-Image, aber ihr ist die Frage gar nicht unangenehm. Ihre Kandidatur hat jetzt ein Leitmotiv. Die DDR. Wenigstens das. Die Kameras sind jetzt wieder da, wie früher. Ab und zu müssen ihr die Kameraleute nur sagen, sie solle nicht in das Objektiv schauen, sondern seitlich zu dem Mann mit dem Mikro in der Hand.
Lukrezia Jochimsen ist 74 Jahre alt, geboren in Nürnberg, aufgewachsen in Düsseldorf und Frankfurt, mit der DDR hatte sie zuweilen beruflich zu tun. Sie war Redakteurin des Fernsehmagazins "Panorama", ARD-Korrespondentin in London und Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks, die Zuschauer kannten sie als Luc Jochimsen. 2001 ging sie in den Ruhestand. Sie sagt, sie sei schon immer links gewesen. Seit 2005 sitzt sie für die Linkspartei im Bundestag, als kulturpolitische Sprecherin auf einem der hinteren Plätze.
Vor drei Wochen klopfte Gesine Lötzsch, eine der beiden Parteivorsitzenden, an ihre Bürotür und fragte, ob sie nicht für die Wahl zum Bundespräsidenten kandidieren wolle. Jochimsen sagte spontan ja. Gregor Gysi warb für sie anschließend mit dem Satz: "Sie musste versuchen, Sendungen für sämtliche Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer zu machen, das heißt, sie ist geeignet, an alle Bürger zu denken."
Jochimsen reist seitdem in Begleitung von Hanno Harnisch, dem stellvertretenden Pressesprecher der Linken-Bundestagsfraktion, von Zeitungs- zu Radiointerviews und stellt sich Genossen vor, die sie Lüc nennen. Harnisch trägt knittrige Anzüge wie Inspektor "Columbo", als IM "Egon" lieferte er der Stasi Informationen über Kollegen, Bekannte und das Umfeld von Wolf Biermann. Er arbeitete beim DDR-Jugendradio DT 64, war nach der Wende Pressesprecher der PDS und bis vor kurzem Feuilletonchef der parteinahen Zeitung "Neues Deutschland".
Harnisch hilft der Kandidatin, den Weg über dunkle Flure zu finden, er drückt Aufzugknöpfe, trägt Papiermappen und passt auf, dass nichts außer Kontrolle gerät. Er ist freundlich, aber auf der Hut bei Journalisten. Harnisch sagt, es sei einfach, einen von der Kandidatin dahingesagten Halbsatz aus dem Zusammenhang zu reißen und zu verdrehen.
Wohin Jochimsen und Harnisch in den vergangenen Tagen auch reisten, das Gespräch landete meistens bei der DDR. Sie reisen in der Zeitmaschine. Back to the future. Den Abgeordneten in Potsdam ruft Luc Jochimsen durch das Mikrofon entgegen: "Die DDR hat unverzeihliches Unrecht begangen, aber sie war kein Unrechtsstaat, juristisch gesehen. Warum darf ich nicht meine eigenen Worte benutzen?" Sie hatte angekündigt, mit ihrer Kandidatur wolle sie Brücken schlagen zwischen Ost und West, jetzt steht sie im Dauergegenwind. Auch ihre Haare sehen aus, als käme sie immer von irgendwo angerannt.
Sie weiß selbst, dass sie nur eine Nebenrolle besetzt bei der Präsidentenwahl. Die Partei hat sie nominiert, weil Gysi und viele andere linke Abgeordnete Joachim Gauck, den ehemaligen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, nur über ihre Leiche wählen würden; außerdem waren sie wütend, dass die Grünen und die SPD vorher nicht gefragt hatten. Jochimsen kämpft deshalb auch gegen den Eindruck, sie sei die Kandidatin der Eingeschnappten. An ihr klebte die Hoffnung, dass sie für ihre Partei zumindest ein bisschen weniger peinlich sein würde als Peter Sodann, der frühere Tatort-Kommissar, dessen Präsidentenkandidatur für die Linke vor einem Jahr auf den Satz zusammenschrumpfte, er löse jeden Morgen ein Kreuzworträtsel auf dem Klo mit der Auflösung auf der Rückseite, weil er dann zwei Erfolgserlebnisse gleichzeitig habe.
Jochimsen redet lieber von früher. Sie sitzt auf der Rückbank der Fraktionslimousine, Harnisch schaut aus dem Beifahrerfenster und hört aufmerksam zu. Sie sagt, als sie bei "Panorama" war, galt ihre Redaktion als Nestbeschmutzer in der Bundesrepublik, sie habe sich damals als Outcast gefühlt, als Paria, als Außenseiter. Es ist kein schlechtes Gefühl. Eine gegen die Mehrheit, gegen alle, gegen den Konsens, gegen das Böse.
1981 wollte sie einen Dokumentarfilm über die weibliche Arbeitswelt in der DDR drehen, ein Stück gegen die vielen Klischees und die DDR-Feindlichkeit im Westen. Sie meldete sich beim Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin und sagte, sie würde gern DDR-typische Frauen porträtieren. Die Wahl fiel auf Erfurt, worauf die Erfurter Bezirksverwaltung zusammen mit der SED und dem Ministerium für Staatssicherheit erkunden ließ, wer vertrauenswürdig genug erschien, mit einer Westreporterin zu sprechen. Die Stasi stimmte schließlich einer Auswahl von sechs Damen mit dem deutlichsten Klassenstandpunkt zu, die vor den Dreharbeiten zum Strategiegespräch mit dem örtlichen Stasi-Offizier antraten, Deckname "Wolfgang". Für das Team gestalteten sich die Recherchen erfreulich überraschungsarm. Bevor sie abreiste, bedankte sich Jochimsen bei dem Stasi-Mann noch für die "Unterstützung durch die verantwortlichen staatlichen Stellen".
Es sei ihr natürlich klar gewesen, dass sie die ganze Zeit beschattet wurden, sagt Jochimsen heute. Die Stasi durfte mit dem Ergebnis zufrieden sein. Der 44 Minuten lange Dokumentarfilm wurde am 10. April 1981 in der ARD ausgestrahlt, er zeigt zu Beginn einen lächelnden Erich Honecker im Gespräch mit lächelnden Frauen und beschreibt ein auch sonst einschränkungslos glückliches Leben im anderen Deutschland. An Jochimsens milder Sicht auf die DDR hat sich wenig geändert. Ihr Sender, erzählt sie, habe 25 000 Mark für die Betreuung während der Dreharbeiten gezahlt, also auch dafür, dass die Stasi freundlicherweise die Gesprächspartner organisiert hat.
Die Umstände, unter denen der Film zustande kam, wurden vor zwei Jahren von Historikern in einem Kapitel des Buches "Operation Fernsehen - Die Stasi und die Medien in Ost und West" rekonstruiert. Jochimsen taucht darin unter der Überschrift "Irreführung einer Betörten" auf. Sie hat sich darüber so geärgert, dass sie die Frauen von 1981 zusammenrief, um sich bestätigen zu lassen, dass sie im Film die Realität beschrieben habe.
Nach der Wende beobachtete sie interessiert, wie sich die PDS entwickelte, sie sah, wie deren Politiker von anderen beschimpft wurden. Jochimsen kannte das Gefühl, sie hatte Sympathien. Die PDS war der Outcast im Bundestag. Sie hatte immer etwas übrig für die Ausgestoßenen, sie mussten gar nicht unbedingt links sein. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2003, wo sie und ihr Mann auf einer Hotelterrasse in Venedig sitzen und Michel Friedman trösten, der vor seinem Kokain- und Prostitutionsskandal geflohen war.
Als nach ihrer Pensionierung Dietmar Bartsch von der PDS in ihrem italienischen Landhaus anrief und fragte, ob sie für ein Bundestagsmandat seiner Partei kandidieren wolle, musste sie nicht allzu lange überlegen. Jochimsen bezog das Abgeordnetenbüro Nummer E 070, im Erdgeschoss gelegen, gegenüber einem Palettenlager der Poststelle.
Sie steigt aus dem Wagen und betritt das Abgeordnetenhaus von Berlin. Drinnen warten die Mitglieder der Berliner Linksfraktion sowie Kameraleute und Journalisten mit ihren Fragen zur DDR. Es geht längst nicht mehr um die Frage, wie sich Ost und West vereinen lassen, aber womöglich war die Unrechtsstaat-Debatte auch nicht die richtige Strategie. Sie ist jetzt Politikerin, nicht mehr Journalistin, sie muss auf ihre Worte achten. Nach der Diskussion mit den Abgeordneten steht sie auf dem Treppenabsatz vor den Kameras und gibt Interviews. Eine Abgeordnete der Linksfraktion schaut von der Seite zu und sagt, sie wünsche sich von Luc manchmal ein Aber zur DDR, ein differenzierteres Bild, nicht nur Begeisterung.
Manche Parteifreunde zweifeln an ihr, und die Linken-Politiker André Brie, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch plädieren mehr oder weniger direkt dafür, in der Bundesversammlung doch Gauck zu wählen, wenn es zu einem dritten Wahlgang kommt. Lukrezia Jochimsen, die immer zu den Außenseitern wollte und zu deren Präsidentschaftskandidatin aufstieg, muss jetzt um Stimmen fürchten.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 26/2010
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