28.06.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEFeuer frei

Wie ein britischer Hindu um sein Seelenheil streitet
Davender Kumar Ghai, 71 Jahre alt, leidend an Asthma, Anämie, Bluthochdruck, Diabetes und den Folgen zweier Schlaganfälle, verlässt den Royal Court of Justice in London mit einem zufriedenen Lächeln. Er tritt vor die Fotografen und vor seine Freunde und sagt: "Nun kann ich in Frieden sterben."
Davender Kumar Ghai ist britischer Staatsbürger und gläubiger Hindu. Er lebt in Newcastle, im Nordosten Englands, und er ist davon überzeugt, dass seine Seele nur dann den Körper verlässt, wenn nach seinem Tod seine Überreste unter freiem Himmel verbrannt werden. Sein Sohn soll den Holzstoß entzünden, auf den er von denen, die ihn lieben, gebettet wurde. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, hat Ghai, so glaubt er, die Chance auf den Übergang seiner Seele in einen anderen Körper.
Doch ist diese Art der Bestattung in Großbritannien verboten. Das Gesetz zur Einäscherung regelt das seit über hundert Jahren, und seit zehn Jahren wird es auch von Verordnungen zur Luftverschmutzung untersagt.
Davender Kumar Ghai mochte sich nicht damit abfinden, dass Verordnungen zur Luftverschmutzung die Religionsfreiheit einschränken. Er sah nicht ein, warum Juden und Muslime in Großbritannien ihre eigenen Friedhöfe haben können, Hindus aber gezwungen werden, ihre Körper entgegen ihrem Glauben in Öfen einäschern zu lassen, in denen sich ihre Asche mit den zuvor Entsorgten mischt. Entgehen können dem nur die Familien, die es sich leisten können, ihre Toten ausfliegen zu lassen, nach Indien beispielsweise.
Neben diesen grundsätzlichen Gedanken gab es einen weiteren, sehr persönlichen Grund für Ghais Kampf. Auch sein Vater war in Großbritannien gestorben, und wie es das britische Gesetz verlangte, hatte Ghai ihn in einem Krematorium verbrennen lassen. Er hatte selbst den Knopf gedrückt, um das Feuer zu entfachen. Und noch immer quält ihn der Gedanke, dass er seinem Vater einen guten Tod verwehrt hat.
Aus diesen Gründen begann Ghai vor vier Jahren seinen Feldzug gegen die britische Bürokratie und den britischen Staat. Ghai ist Präsident der Anglo-Asian Friendship Society, einer Wohltätigkeitsorganisation, die er selbst gegründet hat und die sich, wie er sagt, für die Verständigung aller Glaubensrichtungen einsetzt. Ghais Gesellschaft wurde für ihre Arbeit ausgezeichnet von der Unesco, von Amnesty International, von der Internationalen Kommission für Menschenrechte.
Als Erstes schrieb er einen Brief an den Rat seiner Heimatstadt. Der Appell beeindruckte die Stadtverwalter nicht. Sie ließen Ghai wissen, das Verbrennen menschlicher Körper sei in diesem Land nur in Krematorien statthaft. Das wusste er bereits.
Ghai zog vor Gericht. Das Gesetz, so die Anwälte, regle nur Bestattungen innerhalb eines Krematoriums, nicht solche unter freiem Himmel. Außerdem habe es in Großbritannien schon offene Feuerbestattungen gegeben: für mehr als 50 Hindu- und Sikh-Soldaten im Ersten Weltkrieg beispielsweise, für ein Mitglied der königlichen Familie von Nepal.
Der Richter blieb, wie die Mitglieder des Stadtrats, unbeeindruckt.
Ghai zog vor das oberste zivile Berufungsgericht, vor den Londoner Court of Appeal. Dort saßen er und seine Anwälte vor Lord Neuberger, dem Vorsitzenden, mit dem Titel Master of the Rolls. Sie legten ihm Fotos vor, die Stätten für offene Feuerbestattungen in Indien zeigten. Es sind Säulen, die ein Dach tragen.
Lord Neuberger sprach sein Urteil, man kann es salomonisch nennen: Davender Kumar Ghais Wunsch, sich auf einem offenen Feuer verbrennen zu lassen, sei mit dem geltenden Gesetz durchaus vereinbar. Solange das offene Feuer von etwas umgeben sei, das als Gebäude bezeichnet werden kann: vier Pfeiler, die ein Dach tragen, oder auch vier Wände ohne Dach.
Ghai meint, das ist machbar. Solange die Sonne auf sein Gesicht scheinen könne, während er verbrennt, ist er zufrieden.
Doch die Stadtverwaltung spielt auf Zeit. Sie erwarte weitere Bestimmungen der Regierung, wie ein solches Gebäude für Feuerbestattungen betrieben werden könne, schrieb die Verwaltung an Ghai. Und die Regierung erklärt, dass sie noch nicht sagen könne, wann diese Bestimmungen ausgearbeitet seien. "Ich fürchte, sie wollen es herauszögern, bis ich sterbe. Sie hoffen, dass sich dann alles von selbst erledigt", sagt Ghai.
In den vergangenen Wochen reiste er nach Indien, traf hochrangige Politiker, nahm ihnen das Versprechen ab, dass sie Druck auf die Regierung in London ausüben, das Urteil zu respektieren. "Wenn nötig", sagt Ghai, "ziehe ich wieder vor Gericht."
Von Felix Rettberg

DER SPIEGEL 26/2010
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