28.06.2010

Wir sind Afrika

Ortstermin: 200 000 Schüler erarbeiten an einem Tag 1,2 Millionen Euro für ihre schwarzen Brüder und Schwestern.
Susanne Henschels Tag für Afrika beginnt mittags um zwölf, sie setzt sich unter einem Baum auf eine Bank und schaut auf drei kleine Geräte, die vor ihr auf dem Boden liegen. Ein iPod, ein Nintendo DS, eine Playstation Portable. Ein Player und zwei Konsolen, Susanne soll auf jedem Gerät zehn Minuten spielen und danach sagen, mit welchem es am meisten Spaß gemacht hat.
Susanne ist 14, eine Schülerin aus Potsdam, die Bank steht vor dem Haus, aus dem "Fritz" sendet, das Jugendradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), bei dem Susanne heute vier Stunden verbringen wird. Spielkonsolen testen, bei einem Radiobeitrag über Spielkonsolen mitmachen, mal sehen, was dann noch zu tun ist. In jedem Fall wird Susanne damit Geld verdienen, acht Euro pro Stunde, und das Geld ist für Afrika.
Geld für Afrika sammeln, das ist eine Sache, die schon lange zu einer Kindheit in Deutschland gehört. Zu Weihnachten in der Kirche, beim Schulfest am Stand mit den von den Müttern gebackenen Kuchen, mit einer Sammelbüchse, so haben das frühere Schülergenerationen gemacht. Afrika ist ein Kontinent, auf dem es Löwen und Elefanten gibt. Vor allem aber gibt es dort arme Menschen, das ist es, was deutsche Kinder von Afrika wissen. Im Moment wird in Südafrika Fußball gespielt, die Weltmeisterschaft, nach den Spielen werden im Fernsehen manchmal Reportagen gezeigt, die dem Zuschauer das Land näherbringen sollen, in den Filmen kommen wilde Tiere vor, tanzende Frauen, Wellblechhütten.
Geld für Afrika wird immer gebraucht, dass wissen deutsche Kinder, so wie sie wissen, dass am Nordpol das Eis schmilzt und man sich beim Geschlechtsverkehr Aids einfangen kann. Afrika braucht immer Geld, daran hat sich nichts geändert, aber das Sammeln hat sich verändert, es gibt jetzt Aktionen, die mehr Spaß machen als ein Kuchenbasar. 200 000 Schüler jobben an diesem Tag in Deutschland für Afrika.
Susanne ist eine von ihnen, eine Spendensammlerin, die nicht mehr wie eine Spendensammlerin aussieht, sie verteilt nicht mal Flugblätter für die Hilfsorganisation, für die sie hier ist, das ist alles nicht mehr nötig. Sie jobbt einen halben Tag, der Sender überweist 32 Euro an die "Aktion Tagwerk".
Beim RBB sind 22 Schüler, die Afrika unterstützen wollen, einer hilft in Berlin den Männern vom Fahrdienst dabei, die Firmenwagen zu waschen, einer löscht die Kassetten der Fernsehreporter. Alle bekommen acht Euro Stundenlohn, der Sender hätte gern noch mehr Schüler an diesem Tag beschäftigt.
Susanne testet die Spielkonsolen, ein Reporter befragt sie und andere Tester darüber, welches Display auch in der Sonne etwas taugt, denn bald beginnen die Sommerferien. "Die Geräte kosten ja alle so um die 170 Euro, wofür würdet ihr euch, wenn ihr das Geld hättet, jetzt sofort entscheiden?", ist die letzte Frage des Reporters.
Susanne spricht in kurzen, klaren Sätzen ins Mikrofon, wie man einen Beitrag schneidet, weiß sie längst. Mit acht hat sie zum ersten Mal bei einem Kinderradio moderiert, sie macht in ihrer Schule seit zwei Jahren beim Pausenradio mit. Sie ist ein zierliches Mädchen in einer weißen Bluse, ihr Gesicht wirkt noch kindlich, aber sie hat schon ein klares Karriereziel: beim Radio was werden. Und heute will sie Afrika retten.
In ihrer Schule gab es eine Ausstellung über Afrika, im Unterricht schauten sie ein Video über die "Tagwerk"-Aktion, Susanne schrieb eine Mail an den Sender und fragte nach einem Job.
Wer bei uns mitmachen will, muss sich selbst eine Stelle organisieren und auch seinen Lohn selbst aushandeln, sagt die Pressesprecherin von "Aktion Tagwerk", sie ist 24, alle bei der Organisation sind jünger als 30.
Die Idee für die Aktion ist aus Dänemark zuerst nach Rheinland-Pfalz gekommen, das seit 28 Jahren Partnerland von Ruanda ist. Für Ruanda sind dort Schüler erst wandern gegangen und haben sich jeden gelaufenen Kilometer von Firmen sponsern lassen. Aber die älteren Schüler hatten auf das Wandern oft keine Lust, deswegen dürfen sie jetzt jobben.
Sie üben, wie man sich eine Stelle sucht, bekommen ein wenig Berufserfahrung, zeigen soziales Engagement. Geld für Afrika sammeln, das hilft zunächst einmal deutschen Kindern. Sie schauen in die Welt, für einen Moment, nicht überall ist es so schön wie hier, es ist immer noch gut, das zu wissen. Solidarität als Erziehungsziel, das ist der eigentliche Sinn des Tages für Afrika, das macht Lehrer froh und Eltern. Und Afrikaner?
In fünf Ländern werden die Spenden vom "Tag für Afrika" verwendet, in Angola, Burundi, Ruanda, dem Sudan, Südafrika. 1,2 Millionen Euro werden es wohl in diesem Jahr, im vorigen Jahr waren es 1,3 Millionen, das Geld geht an Ausbildungszentren und Schulen. Mädchen und Jungen können in Angola dann besser Bienenzüchter oder Elektriker werden, in Burundi pharmazeutisch-technischer Assistent, im Südsudan etwa Maurer oder Schreiner.
"Das Geld ist für schulische Sachen oder so", sagt Susanne in Potsdam und lächelt verlegen. Warum hat sie bei der Aktion mitgemacht? Weil sie so viel wie möglich beim Radio sein wolle. Solidarität mit sich selbst. "Aber auch, weil es für die Kinder in Afrika ist." Sie hört auf zu lächeln, wenn sie "Afrika" sagt.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 26/2010
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