28.06.2010

KIRCHEHochwürdige Seilschaft

Das Gezerre um Rücktritt und Nachfolge des Augsburger Bischofs Walter Mixa entlarvt große Teile des Klerus als zerstritten und machtgierig. Jetzt blieb nur die Flucht in die Versöhnung.
Es soll wahrhaftig ein Konzil der Versöhnung gewesen sein, voll Frieden, Liebe und Harmonie. Im Schatten des Augsburger Doms zu "Unserer Lieben Frau" saßen am vergangenen Dienstagabend sieben Herren in den Räumen des Ordinariats, baten wechselseitig um Verzeihung, zeigten Reue und Demut.
Um den zurückgetretenen Augsburger Bischof Walter Mixa, 69, scharten sich sein Anwalt, ein juristischer Beistand des Bistums, der Diözesanadministrator und sein Vertreter, ein Dompropst und ein Domdekan. Die Männerrunde begrub jeden Streit und gelobte, einander die Hand zu reichen. So jedenfalls wurde es in die Öffentlichkeit lanciert.
Die Inszenierung sollte das Finale eines Selbstreinigungsprozesses markieren. In Bezug auf Unehrlichkeit und Taktiererei hielt das Schauspiel locker mit den Aufführungen der vergangenen Wochen mit. Fein dosiert hatte da die hochwürdige Augsburger Truppe mit Schmutz geworfen, unter den Augen des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch. Mal aus der sicheren Deckung heraus, gern aber auch im Blitzlicht der Medien.
Doch warum gegen Mixa, diesen wortgewaltigen Prediger, der sich als Wahrer einer fundamentalen Frömmigkeit stets die Sympathien der Rechtskonservativen sicherte? Und dessen einflussreiche Anhänger seinen Aufstieg vom Schrobenhauser Stadtpfarrer zum Bischof von Eichstätt, zum Militärbischof und schließlich zum Bischof von Augsburg gefördert hatten?
Dass Mixa gern Hochprozentigem zusprach und auch sonst das asketische Leben eines höheren Geistlichen geringschätzte, müsste bereits zu Beginn seiner Bischofskarriere aufgefallen sein. Gestört hat es offenbar wenige, die Entscheidungsträger im Vatikan schon gar nicht. Das Netzwerk aus Brüdern im Geiste, zu denen auch der frühere Vorsitzende der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger zählte, hielt verlässlich.
Wer gefährlich werden konnte, den schickte Mixa entweder in die Diaspora oder belohnte ihn mit Posten. In Augsburg etwa lag ihm die Laufbahn von Weihbischof Anton Losinger und Prälat Karlheinz Knebel am Herzen. Das war die Art des Netzwerkers Mixa, sich und seinen lasterhaften Lebenswandel vor Nachstellungen zu schützen.
So konnte er sich jahrelang sicher fühlen - bis die deutsche katholische Kirche im Frühjahr durch das Bekanntwerden von vielfachem Missbrauch in ihren Pfarrhäusern und Heimen in die größte Krise seit Jahrzehnten stürzte.
Im Klerus war sehr schnell klar: Wer jetzt mauert, wird von den Zeitläuften mitgerissen. Wer sich als Aufklärer bewährt, wird aus der Krise Gewinn ziehen. Als Ende März erste Prügel-Vorwürfe gegen Mixa von früheren Heimkindern des Schrobenhauser Waisenhauses bekannt wurden, setzten sich Losinger und Knebel an die Spitze der Problemlöser.
Und weil Mixa im Umgang nie zimperlich war, hielten sich auch viele andere Geistliche mit Aufklärungsbemühungen nicht lange zurück. Während die Waisenhausstiftung eine Untersuchung anordnete, legten die Plauderer schon mal los. Kaum eine Zeitungsredaktion in Bayern, die nicht von anonymen oder zumindest vertraulichen Anrufern darin bestärkt wurde, die Untaten des Bischofs zu verbreiten. Von Alkoholfahrten Mixas in Eichstätt, die von der Polizei vertuscht worden sein sollen, wussten die Informanten zu berichten. Von angeblichen Saunabesuchen mit jungen Männern, wilden Faschingsfesten mit Seminaristen und Urlauben mit Studenten. Von literweise Grappa und Châteauneuf du Pape, die in Schrobenhausen geflossen sein sollen. Von Saufgelagen mit dem dortigen Waisenhausverwalter, nach denen der Stadtpfarrer keine hundert Meter mehr zu seiner Haustüre gehen konnte. Statt Belegen lieferten die geistlichen Herren stets den Satz: "Lassen Sie meinen Namen aus dem Spiel."
Als Ende April ein einschlägiger Hinweis aus Eichstätt bei einer Opfer-Hotline in Augsburg einging, beeilte sich das dortige Krisenteam, den Bischof bei der Staatsanwaltschaft in München wegen Missbrauchs eines jungen Mannes anzuzeigen - ohne Mixa dazu zu hören. Das angebliche Opfer dementierte, die Ermittlungen wurden eingestellt. Andere Zeugenaussagen über sexuelle Annäherungen wurden offenbar ungeprüft in ein "Geheimdossier" gepackt und dem Apostolischen Nuntius nach Berlin geschickt. Eine ganze Kirchen-Armada, so scheint es, hat an dem Projekt "Nieder mit Mixa" gestrickt, darunter auch Leute, die lang geschwiegen haben.
Und wohl auch solche in höchsten Positionen. Denn auch Marx und Zollitsch agierten gleich zu Beginn der Affäre Mixa überaus eifrig. Der Münchner Erzbischof forderte Mixa im Laufe des Monats April bei persönlichen Treffen und am Telefon etliche Male auf, er solle eine Auszeit nehmen. Mixa behauptete später sogar, man habe ihm ein fertiges Rücktrittsschreiben vorgelegt. Die Besuche der beiden hochrangigen Bischöfe habe er als furchtbaren seelischen Druck empfunden.
Sich als Aufklärer zu betätigen könnte für Marx wie für Zollitsch schon bald Rendite abwerfen. Immerhin wird in Rom bald wieder die Kardinalswürde verliehen. Da ist es ziemlich unpassend, wenn das eigene Revier nicht geordnet ist: So kämpft Marx mit schlimmsten Missbrauchsvorwürfen gegen einige Pater im oberbayerischen Kloster Ettal und mit der Tatsache, dass mit Pfarrer Peter H. bis vor kurzem ein verurteilter Pädophiler in seiner Erzdiözese Dienst tat. Auch Zollitsch wurde von der Kirchenkrise erfasst: Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Konstanz wegen Beihilfe zum Missbrauch, weil er 1987 als Personalreferent angeblich die erneute Anstellung eines Kinderschänders veranlasst haben soll. Zollitsch ließ die Vorwürfe als substanzlos zurückweisen, da er nicht zuständig gewesen sei.
Auf ihrem Säuberungstrip reisten Marx und Zollitsch am 29. April nach Rom, um über Mixas Demission zu verhandeln - bis der Augsburger Bischof öffentlich zurückschlug und die katholische Kirche in einer Schlammschlacht um Sex, Suff, Lügen und Verrat zu versinken drohte. "Die Atmosphäre unter den Gläubigen und Priestern ist total vergiftet", klagte ein Augsburger Pfarrer, in den Pfarreien eskalierten die Diskussionen um Mixa, bis hin zu Handgreiflichkeiten.
Vorigen Dienstag wählten die Bistumsgranden deshalb die Flucht in die Versöhnung. Die Fünf-Punkte-Erklärung, auf die sich Mixa mit der Augsburger Kirchenleitung geeinigt hat, las sich zunächst wie ein Sieg der Saubermänner. Mixa, der konkret beschuldigt wird, Kinder misshandelt und Geld der Waisenhausstiftung veruntreut zu haben, will seinen Rücktritt vollziehen. Das Papier nennt ihn "emeritiert" und bestätigt, Mixa werde aus dem Bischofshaus ausziehen. Stunden später jedoch ließ der geschasste Oberhirte seine Schäfchen wissen, der Heilige Vater habe ihm in einem "sehr liebevollen Brief" geschrieben, "dass ich nach meinem Rücktritt von meinem Bischofsamt in Augsburg immer Bischof bleibe". Er solle Eucharistie feiern, Sakramente und Firmung spenden.
Das bedeutet, Papst Benedikt XVI., Mixas langjähriger Duzfreund, hat den gefallenen Bruder mit salbungsvollen Worten getröstet: Mixa erhält angemessenen Ersatzwohnsitz und Ruhestandsbezüge, behält die Weihegewalt und Insignien der Macht. Ein König ohne Land, aber ausgestattet mit "Ehre und Würde" des Bischofs.
Der plötzliche Friede scheint wacklig. Mixa beherrscht natürlich noch immer alle Spielregeln der Macht in der Kirche, weiß Seilschaften zu knüpfen und kennt die Schwächen der Mitbrüder.
Dass das Bistum Augsburg in Kürze zur Ruhe kommt, ist aber auch aus einem anderen Grund unwahrscheinlich. Kaum war Mixa angezählt, wurden potentielle Nachfolger in Stellung gebracht, die zu neuen Debatten Anlass geben: etwa Monsignore Wilhelm Imkamp, der sich der Fürsprache der Regensburger Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sicher sein kann. Die fromme Adelige, die als Vertraute von Papst-Sekretär Georg Gänswein und deshalb als extrem einflussreich gilt, nennt Imkamp einen "feschen Mann" und schätzt ihn als eines der charismatischsten Mitglieder des Klerus.
Der Monsignore, Mitglied des konservativen "Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem", stiftet aber vielmehr Verwirrung. Etwa in der "Katholischen Sonntagszeitung" in einem Text über die Lieder von Zarah Leander. Darin bemüht sich der Prälat, den Zeilen "Nur nicht aus Liebe weinen" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn" größere theologische Bedeutung beizumessen. "Mit diesem Text", heißt es spöttisch in Augsburg, "ist er aus dem Rennen."
Imkamps Gegner kommen nicht nur aus Kollegenkreisen, sondern auch aus der CSU. Er sei ein Dandy, heißt es da, und "noch schlimmer als Mixa". Als Favorit der Staatsregierung gilt der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke in Augsburg. Auch der Freistaat darf mitentscheiden - schließlich bezahlt er die Bischöfe.
(*1) Links: Reinhard Marx, Robert Zollitsch und Anton Losinger am 29. April in Rom; oben: mit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Georg Gänswein.
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 26/2010
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