28.06.2010

„Petraeus ist ein Sieger“

Bruce Riedel, 57, Ex-Berater von Barack Obama für Afghanistan, über das Kriegsdilemma des Präsidenten
SPIEGEL: Was haben Sie gedacht, als Sie den "Rolling Stone"-Artikel über Stanley McChrystal lasen, in dem der General und seine Leute führende Mitglieder der US-Regierung beleidigen?
Riedel: Ich war völlig überrascht. Alle sagen nun, McChrystal habe mangelnde Urteilskraft bewiesen. Müsste man nicht eher von völliger Dummheit reden? Ich finde es schockierend, dass ein Militärkommandeur so eine Sprache verwendet - oder seine Mitarbeiter so reden lässt.
SPIEGEL: Sah McChrystal wegen der schwierigen Lage in Afghanistan etwa keinen Sinn mehr in seiner Mission - und suchte nach einem raschen Abgang?
Riedel: Das könnte man doch geschickter anstellen. Er hat sich zum Trottel gemacht. Es ist eigentlich ziemlich tragisch.
SPIEGEL: Präsident Obama machte sich offenbar auch Sorgen über die Reaktionen der Verbündeten - etwa der Franzosen, über die McChrystal lästerte.
Riedel: General David Petraeus ist auch deshalb zu McChrystals Nachfolger ernannt worden, weil er so gut mit US-Verbündeten umgehen kann. Dass er das Kommando in Afghanistan übernimmt, beruhigt unsere Nato-Partner, es beruhigt Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai, und es beruhigt die Führung in Pakistan. Alle wissen jetzt, dass es in Kabul einen Personalwechsel gegeben hat - aber keinen Strategiewechsel.
SPIEGEL: Obama hat sich weiteren Streit in seinem außenpolitischen Team verbeten. Wie schlimm ist das Chaos wirklich?
Riedel: Es gab eine Reihe von peinlichen Indiskretionen und öffentlichen Grabenkämpfen. Denken Sie nur an McChrystals geheimes Memo über die geplante Truppenaufstockung in Afghanistan, das in der "Washington Post" landete. Der Präsident hat das toleriert, solange er den Kriegseinsatz in Afghanistan dadurch nicht gefährdet sah.
SPIEGEL: Hat er es nicht zu lange toleriert?
Riedel: Vielleicht hat die McChrystal-Affäre ja auch etwas Gutes: dass die US-Regierung wieder an einem Strang zieht. Wenn man Aufständische bekämpft, kann man viele Dinge nicht kontrollieren. Aber dass die eigene Mannschaft gut zusammenarbeitet, das kann man steuern. Obama will dafür sorgen - und mit Petraeus hat er die richtige Person ausgesucht.
SPIEGEL: Aber der wichtigste Konflikt zwischen US-Politik und den Militärs ist nicht gelöst. Obama will im Juli 2011 mit dem Abzug aus Afghanistan beginnen. Seine Generäle halten davon nichts.
Riedel: Ich glaube, dieses Thema ist durch. Es wird keinen größeren Truppenabzug im Juli 2011 geben. Petraeus hat im Prinzip bekommen, was er wollte.
SPIEGEL: Obamas Abzugsplan hat sich also erledigt?
Riedel: Petraeus hätte den Job nicht angenommen, wenn er sich nicht sicher wäre, dass diese Vorgabe eher symbolischer Natur ist - dass also nächsten Sommer nicht wirklich ein Abzug der US-Truppen beginnt.
SPIEGEL: Hat Petraeus das zur Bedingung gemacht?
Riedel: Ich kenne David Petraeus ziemlich gut. Er würde so eine Forderung nicht offen stellen. Aber der Präsident kannte ja seine Einstellung, als er ihm den Job anbot.
SPIEGEL: Also findet sich Obama damit ab, dass US-Truppen noch viele Jahre in Afghanistan bleiben werden.
Riedel: Es ist schon bemerkenswert: Zwei US-Präsidenten nacheinander vertrauen General Petraeus, um eine verfahrene Kriegssituation zu retten. George W. Bush im Irak, nun Obama in Afghanistan. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Bush konnte nicht wiedergewählt werden, bei ihm ging es um sein Vermächtnis. Obama will sich eine zweite Amtszeit sichern - und dafür muss er in Afghanistan Fortschritte machen.
SPIEGEL: Es gibt noch eine andere Theorie: Danach hat Obama Petraeus ernannt, weil der angesehene General den Amerikanern am ehesten beibringen könnte, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen ist.
Riedel: Petraeus hat diesen neuen Job nicht angenommen, um zu scheitern. Er ist ein Sieger. Und er wird Wege finden, auch in Afghanistan zu gewinnen.
SPIEGEL: Warum nimmt Petraeus mit 57 Jahren dieses Risiko auf sich?
Riedel: Weil er ein echter Patriot ist. Petraeus glaubt, dass der Krieg am Hindukusch für Amerikas nationale Sicherheit entscheidend ist - im Kampf gegen al-Qaida und ihre Verbündeten. Außerdem hat Petraeus die Afghanistan-Strategie mitgestaltet. Ihm ging es von Anfang an um einen neuen Ansatz, mit den Aufständischen umzugehen. Obama hat sich jetzt dieser Strategie verschrieben, zumindest für seine erste Amtszeit.
SPIEGEL: Dieser neue Ansatz - weniger Bomben und weniger zivile Tote, mehr Dialog mit der Bevölkerung, bessere Einbeziehung der afghanischen Sicherheitskräfte -, funktioniert er überhaupt? Der Juni war der blutigste Monat aller Zeiten für die Nato-Truppen in Afghanistan.
Riedel: Es ist zu früh, das zu beurteilen. Bis jetzt sind ja nicht einmal alle 30 000 Soldaten der neuen Truppen angekommen, die Obama im Dezember geschickt hat. In Afghanistan läuft es nicht wie bei der Invasion in der Normandie - wo man am Ende des Tages sagen kann, ob etwas geklappt hat oder nicht. Wahrscheinlich können wir nicht vor dem kommenden Frühjahr oder Sommer sicher beurteilen, ob sich die neue Strategie bewährt.
SPIEGEL: Aber es gärt auch im US-Militär. Soldaten sagen: Die neue Strategie behindert uns, wir können nicht mehr so viele Bomben abwerfen, wir können seltener Luftunterstützung anfordern. Deshalb sterben mehr von unseren Kameraden.
Riedel: Das stimmt, für unsere Truppen ist das Risiko gestiegen. Aber ich halte es nach wie vor für richtig, tödliche Luftangriffe - die oft afghanische Zivilisten treffen - möglichst zu vermeiden. Ich glaube, dass Petraeus diesen Ansatz fortführen wird.
SPIEGEL: Obama hat jetzt zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres den Oberkommandierenden in Afghanistan gefeuert. Kann er das noch ein drittes Mal tun?
Riedel: Der letzte vergleichbare Fall liegt lange zurück. 1863 entließ ein US-Präsident zwei Kommandeure in einem Jahr - das war Abraham Lincoln, die Vereinigten Staaten befanden sich im Bürgerkrieg. Der Zeitraum zeigt, wie ungewöhnlich so ein Schritt ist. Obama ist nun an Petraeus gekettet. Einen dritten Kommandeur in Afghanistan kann er sich während seiner Präsidentschaft nicht leisten.
Von Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 26/2010
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