28.06.2010

„Wichtig für den Boss“

Wie das Team von US-General McChrystal Öffentlichkeitsarbeit betrieb
Das Gute an meinem Job ist, dass eigentlich immer ein Spion vorbeikommt, der mir einen Drink ausgibt", sagt Duncan Boothby und nimmt einen Schluck Bier. Es ist ein Mittwochabend im April. Boothby, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, sitzt in einem schweren Ledersessel der Hotelbar des Ritz-Carlton in Berlin. Er hat eine lange Reise hinter sich. Über Europa hängt in diesen Tagen eine Aschewolke. Obwohl sein Chef ein Vier-Sterne-General der US-Armee ist, haben sie keine Flugerlaubnis erhalten. Also sind sie 13 Stunden mit dem Bus von Paris nach Berlin getourt. Boothby wollte es so. Deutschland sei "wichtig für den Boss", sagt er.
"Der Boss" ist Stanley McChrystal, der Kommandeur der US- und Isaf-Truppen in Afghanistan. Boothby ist einer seiner engsten Mitarbeiter, zuständig für Kommunikation. "Duncan Boothby" steht auf seiner Visitenkarte. Sonst nichts.
"Team America" nennt sich die Gruppe, die McChrystal um sich geschart hat. Boothby ist der Intellektuelle unter ihnen, er redet gern über den Krieg. An diesem Nachmittag tut er das mit zwei deutschen Journalisten.
Journalisten sind seine wichtigsten Helfer im Kampf um die Deutungshoheit in diesem Krieg, und in Deutschland wächst die Kritik am Einsatz in Afghanistan. Eine Maschine mit vier gefallenen Bundeswehrsoldaten ist am Morgen in Köln gelandet. Boothby fragt, was das für das deutsche Engagement am Hindukusch bedeute.
Der Ton gegenüber den Verbündeten ist ruppig im "Team America". "Ich höre regelmäßig und zunehmend Klagen oder alternativ Späße" über deutsche Soldaten, berichtet ein BND-Mann bereits 2009 in einer "meldedienstlichen Verschlusssache" aus Afghanistan. "Nicht zu unterschätzen sind die zunehmenden Berichte" der US-Soldaten "über das Verhalten der Deutschen in und außer Dienst". Dies werde "COMISAF zugetragen und zeichnet sehr wahrscheinlich dessen Bild von Professionalität". COMISAF, das ist McChrystal, der Boss.
Auch von den deutschen Politikern ist dessen Pressemann enttäuscht. McChrystal selbst hat am Vormittag mit den Verteidigungsexperten aller Fraktionen des Bundestags gesprochen. "Die meisten waren völlig unvorbereitet, kaum einer hatte McChrystals Grundsatzpapier gelesen", sagt Boothby. Das Grundsatzpapier ist seine Bibel. Es besagt, dass der Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung Priorität haben müsse.
Boothby glaubt an die Strategie. "Das, was wir in Afghanistan ausprobieren, wird uns helfen, auch die künftigen Konflikte zu lösen." Zwei Bier trinkt er und plaudert. Dann führt er die Journalisten zum Boss.
"Gibt es was Neues aus Kandahar?", fragt Stanley McChrystal und blickt in die Runde. Das Team hat die Suite im neunten Stock des Ritz-Carlton in Berlin in eine provisorische Operationszentrale verwandelt. Auf den Tischen stehen Laptops, verbunden mit blauen Kabeln, die quer durch das Zimmer führen. Von hier aus wird seit zwei Tagen der Krieg in Afghanistan geführt. Etwa zehn Menschen haben sich irgendwo zwischen Computern und Kabeln einen Platz gesucht. Auf dem Sofa erholt sich ein schwitzender Soldat der Navy Seals, in kurzen Hosen und Basketball-Shirt, von seinem Lauf durch den Tiergarten. McChrystal selbst steht in der Mitte. Ohne Uniform, im grauen Anzug. Es wirkt ein bisschen so, als habe man ihn seiner Identität beraubt. Seine Frau Annie erscheint, in schwarzem Cocktailkleid und Pumps, es ist Zeit für den Boss zu gehen. Das Paar ist beim US-Botschafter zum Dinner geladen.
Das Abendessen für seine Untergebenen findet im "dos palillos" statt. Für die achtköpfige Runde wirkt das menschenleere Restaurant wie eine Theaterkulisse. Boothby hat neben den zwei deutschen auch noch einen amerikanischen Journalisten vom "Rolling Stone" angeschleppt, angekündigt als "ein unrasierter Typ mit Jeans und Jackett". Der rotblonde, etwas untersetzte Mann stellt sich als Michael Hastings vor. Boothby ist stolz auf diesen Kontakt, er hat ihn aufgetan. Hastings begleite sie schon seit ein paar Tagen, sagt er. "Der ,Rolling Stone' wird von vielen Gegnern des Krieges gelesen. Das sind die Leute, die wir erreichen wollen." Hastings nickt stumm. Er hört lieber zu.
Das war vor zwei Monaten. Am vergangenen Dienstag erscheint im "Rolling Stone", was der schweigsame Hastings gehört hat. Seine Geschichte kostet Boothby noch am selben Tag den Job. Einen Tag später geht auch der Boss. Gefeuert, nicht, weil er einen Krieg verloren hat. Gefeuert, weil im "Rolling Stone" jeder lesen konnte, was sein Team von Präsident Obama hält, seinen Beratern, seinen Botschaftern und seinen Verbündeten.
Von Ulrike Demmer und John Goetz

DER SPIEGEL 26/2010
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