28.06.2010

DEBATTEMission impossible

Vor zwei Jahren war ich in Tartu, wo die estnische Regierung eine Konferenz über Afghanistan organisierte. Deutsche Generäle waren da, italienische Diplomaten und Mitglieder europäischer Think-Tanks. Die drei Afghanen waren fast die einzigen Teilnehmer mit englischer Muttersprache, da sie in Kalifornien und Virginia aufgewachsen waren.
Uns wurde ins Gedächtnis gerufen, dass es keine "militärische Lösung" geben könne, uns wurde die Notwendigkeit eines "umfassenden Konzepts" nahegebracht, das die wirtschaftliche Entwicklung und gediegenes Regieren einschließt, und uns wurden die Feinheiten der paschtunischen Stammesordnung erläutert. Ich sagte in meinem Beitrag, dass wir weder mehr Truppen schicken noch alle Truppen abziehen sollten, und plädierte dafür, dass wir uns langfristig, aber auf eher niedrigem Niveau engagieren sollten.
Aber aus welchem Grund führten wir eigentlich diese Debatte? Die Esten erachteten, wie es schien, Afghanistan nicht für ungeheuer wichtig für ihre Zukunft. Ihnen ging es primär darum, ihr Verhältnis zur Nato und vor allem zu den USA zu vertiefen. Warum also ergingen sich die Esten oder die Repräsentanten der Verbündeten, auch solche mit etlichen Soldaten im Land wie Deutschland, Frankreich oder Italien, in Power-Point-Darstellungen über den Regierungsaufbau in der Provinz Helmand, warum stellten sie Papiere über den Aufbau der afghanischen Polizei vor und unterbreiteten Konzepte zum Problem Pakistan? Falls wir andere Schlussfolgerungen als die USA ziehen sollten, würden wir sie dann wirklich auch vertreten oder gar durchsetzen?
Die europäische Afghanistan-Debatte schien ein zeremonieller Akt zu sein, um die Öffentlichkeit abzulenken und angereiste Würdenträger, vor allem aus den USA, zufriedenzustellen.
Als ich nach Amerika zog, ging ich davon aus, dass die Debatte dort weitaus lebhafter geführt würde, weil dieses Land erheblich mehr Verantwortung trägt und auch einen Großteil der Kosten an der Unternehmung übernimmt. Die Debatte wurde jedenfalls mit mehr Freimut geführt. Herausgehobene Repräsentanten der Regierung ermunterten mich, gegen die Aufstockung der Truppen aufzutreten. Selbst die von ihrer Mission ungemein überzeugten Soldaten gestanden ein, dass dieses Projekt nicht gelingen kann, wenn nicht eine schlagkräftige, populäre afghanische Regierung entsteht, eine Alternative zu den Taliban, und darin liegt, um es höflich auszudrücken, eine echte Herausforderung.
Richard Holbrooke, der US-Sonderbeauftragte in der Region, weiß noch aus Vietnam, dass Generäle nie zugeben, dass sie ihre Mission nicht erfüllen können, und dass sie gewohnheitsmäßig argumentieren, sie brauchten mehr Soldaten, eine neue Strategie und mehr Zeit. Präsident Obama dürfte die Parallele zwischen seiner Lage in Afghanistan und Bushs im Irak sehr wohl aufgefallen sein. Aber glaubte irgendeiner von diesen Entscheidungsträgern, dass er überhaupt eine eigene Entscheidung treffen könne, dass er eine andere Wahl habe?
Ich vermute, dass Präsident Obama in eine Falle geraten war, für die er selber, seine Generäle und die abstrakten Theorien der gegenwärtigen Außenpolitik verantwortlich sind. Er wollte nicht in den Verdacht geraten, er sei "schwach in Fragen nationaler Sicherheit". Er war auf die Gesundheitsreform fixiert und wollte sich nicht davon ablenken lassen. Und er hatte den Rückzug aus dem Irak lange genug mit dem Argument verteidigt, dass Afghanistan der "gute Krieg" sei, wichtig für die nationale Sicherheit der USA, der schon entschieden wäre, wenn nicht die Ressourcen in den Irak umgeleitet worden wären.
Stanley McChrystal, der gerade abgesetzte kommandierende General in Afghanistan, hatte im Herbst 2009 öffentlich erklärt, im Einvernehmen mit General David Petraeus, er benötige zusätzlich 40 000 Soldaten. Verständlicherweise wollte Obama diesem General, der jahrzehntelang Spezialkräfte befehligt hatte und dessen Brust mit Orden bestückt ist, damals nicht sagen: "Ich kenne Afghanistan nicht und habe auch nicht in der Armee gedient, aber ich sage Ihnen, dass Sie im Unrecht sind: Sie werden die Taliban nicht besiegen; Truppenaufstockung ist Zeitverschwendung, und Ihre Anti-Guerilla-Strategie verwerfe ich auch. Stattdessen werden wir unsere Truppenstärke reduzieren. Und da sich die Lage im südlichen Afghanistan und Pakistan verschlechtert und da die Taliban ihren Einflussbereich ausdehnen und die Republikaner mich wegen meiner Schwäche ohnehin anprangern, werde ich die volle Schuld dafür auf mich nehmen, dass ich mich über den Rat meiner Generäle hinweggesetzt habe. (Und ich werde auch die Verantwortung für den nächsten Angriff der Terroristen auf Amerika auf mich nehmen.)"
Der Präsident war ein Gefangener der herrschenden politischen Auffassungen der letzten beiden Jahrzehnte. So wie der Mahayana-Buddhismus immer neue Welten entdeckte, die er mit seinen Dämonen und mit seinen Erleuchtungswesen bevölkerte, die ihre esoterischen Lehren verfeinerten, und so wie er jedem von ihnen eine symbolische Zahl zuordnete, so haben unsere Think-Tanks und Regierungen für uns eine metaphysische Struktur entwickelt und nennen sie "kaputte Staaten" ("failed states") oder " Strategie gegen Aufständische" ("Counter-Insurgency").
Über diese Theorien kann man sich leicht lustig machen, und es kann gut sein, dass sich spätere Generationen wundern werden - wie wir uns über den buddhistischen Mystizismus wundern -, weshalb so viele mächtige und intelligente Menschen so viel Glaubensstärke an solche exzentrischen Theorien verschwendet haben. Aber in der Binnenbetrachtung unserer historischen Gegenwart haben diese Theorien emotionale Anziehungskraft, sie schüchtern intellektuell ein, und es ist fast unmöglich, sie zu entkräften.
Zum Beispiel das Konzept für Obamas Truppenaufstockung, das besagt, es ist notwendig, weitflächige Counter-Insurgency-Operationen zu starten, damit Afghanistan nicht wieder zu einer terroristischen Bedrohung wird. Natürlich ist es leicht möglich, die seltsamen Prämissen, Analogien und Schlussfolgerungen zu entlarven, die so tun, als trage unser Vorgehen im Jahr 2010 dazu bei, neuerliche terroristische Akte zu verhindern. Und in 20 Jahren werden wir es schwer haben zu erklären, weshalb wir einst geglaubt haben, wir müssten 100 000 Soldaten schicken oder 100 Milliarden Dollar jährlich in Afghanistan investieren - viel mehr Ressourcen und Aufmerksamkeit, als wir den mächtigeren Nachbarn Iran oder Pakistan zukommen ließen.
Aber die Counter-Insurgency-Theorie hält uns gefühlsmäßig gefangen. Anstatt nur Terroristen zu töten, richtet sie ihr Augenmerk auf andere Projekte, die dem Herzen eines Menschenrechtlers oder Journalisten näher sind: Vorgehen gegen Menschenrechtsverstöße, gegen Korruption; Eintreten für die Ausbildung der Afghanen, für die Herrschaft des Gesetzes, für Schulen und Kliniken und schlussendlich für die Schaffung eines rechtmäßigen, stabilen Staates, in Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn. Wer wollte schon gegen all das sein.
Ebenso wenig fällt es leicht, gegen die einschüchternde, ausgefeilte und detailfreudige Theorie anzuargumentieren, die in den Handbüchern der US-Streitkräfte niedergelegt ist, begründet mit der Analyse früherer Aufstände und bekräftigt durch Erfahrung und Charisma siegreicher Generäle. Selbst die grundlegende Prämisse, "im Irak hat es mit der Truppenaufstockung geklappt, und genauso wird es in Afghanistan sein", ließe sich nur durch eine Rekonstruktion der Gewalt in Bagdad 2008 und einen tiefenscharfen Vergleich mit den sozialen und politischen Trends im südlichen Afghanistan widerlegen - eine historische Analyse, für die nur die wenigsten das Rüstzeug haben.
Indessen ist die neue Strategie überaus profitabel nicht nur für Berater (2008 wurden 1,3 der 4 Milliarden Dollar an internationaler Hilfe für ausländische Berater ausgegeben), sondern auch für Nichtregierungsorganisationen, die von der US-Regierung Geld für das Reparieren von Schulen oder den Aufbau einer Klinik bekommen, weil ja die Entwicklung des Landes ein wichtiger Bestandteil der Counter-Insurgency ist. Es liegt nicht im Interesse Afghanistans oder der internationalen Helfer, an der Theorie herumzukritteln, dass ihre Projekte die Welt sicherer vor Terroristen machen. Und eine stabile, effektive und legitime Regierung aufzubauen passt gut zu unserer anderen globalen Theorie, wonach kaputte Staaten repariert werden müssen.
Die einzige Chance, über all die Theorien zur Rechtfertigung dieses Krieges hinauszugelangen, besteht darin, die grundlegenden Prämissen und Ziele zu verwerfen. Anstatt eine alternative Theorie zu entwickeln, wie sich die Taliban besiegen lassen, wie ein afghanischer Staat gebildet werden kann, wie Pakistan stabiler wird und wie al-Qaida an einem neuen Angriff auf Amerika gehindert werden kann, müssen wir einsehen, dass wir nicht all das tun können, was uns als wünschenswert erscheint, weil wir Fremde sind, Ausländer.
Wir können anderes für Afghanistan tun, aber die Armeen des Westens, seine Entwicklungsorganisationen und Diplomaten sind weder so machtvoll noch so kenntnisreich oder so populär, wie wir unterstellen. Unsere Repräsentanten sind überfordert, wenn sie die Gefolgschaftstreue und Loyalitäten afghanischer Stämme einschätzen sollen, geschweige denn, dass sie sich beherrschen ließen. Um unsere Grenzen anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, müssen wir uns nicht eine Theorie für Afghanistan ausdenken, sondern für uns selbst.
Der Ausweg aus unseren Schwierigkeiten kann nicht sein, dass wir die gegenwärtige Strategie mehr und mehr ausfeilen. Um eine Lösung zu finden, sollten wir uns daran erinnern, dass Politik nicht auf eine allgemeingültige wissenschaftliche Theorie reduziert werden kann. Wir sollten den Wunsch anderer Völker anerkennen und unsere eigenen Grenzen akzeptieren. Und vor allem müssen wir unsere Führer darauf aufmerksam machen, dass sie immer eine Wahl haben.
Europa glaubt sich gefesselt aufgrund seines Verhältnisses zur Nato und den USA; Holbrooke und Obama sitzen in der Falle, die ihnen die amerikanischen Generäle stellen. Und alle zusammen sind sie - Politiker, General, Diplomat oder Journalist - gefangen in einer großen Theorie und fühlen sich schuldig, weil schon mehr als 1800 Nato-Soldaten ihr Leben ließen, weil Hunderte Milliarden Dollar ausgegeben wurden und weil den Afghanen ungezählte Male Hoffnungen gemacht wurden, die der Westen kaum einlösen kann.
Diese kulturellen Annahmen, diese historischen und ökonomischen Triebfedern und psychologischen Tendenzen sind ungemein wirkungsmächtig. Selbst wenn jeder unserer Führer privat zur Schlussfolgerung gelangen sollte, dass die Operation Afghanistan kaum gewonnen werden kann, ist es nahezu unvorstellbar, dass die USA oder ihre Verbündeten nicht auf Jahre hinaus mit der Counter-Insurgency weitermachen werden.
Kaiser Barbarossa mag beim Dritten Kreuzzug in ähnlicher Lage gewesen sein. Lyndon Johnson war sicher wegen Vietnam in so einer Lage. Europa ist dort in Afghanistan, weil die USA dort sind. Amerika ist dort, weil Amerika dort ist. Und unsere Debatten sind nichts als scholastische Glasperlenspiele, um diese seltsame, kaum verständliche Tatsache zu rechtfertigen.
Der Brite Rory Stewart, 37, machte im Winter 2001/2002 eine berühmt gewordene Tour zu Fuß durch Afghanistan und schrieb darüber das Buch "So weit die Knie tragen". Danach arbeitete er für eine britische Stiftung im Land. Zuvor war er im besetzten südlichen Irak stellvertretender Gouverneur einer Provinz gewesen. Heute sitzt Stewart für die konservative Partei im britischen Parlament.
Von Rory Stewart

DER SPIEGEL 26/2010
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