28.06.2010

NAHOST„Riech den Jasmin“

Unter internationalem Druck lockert Israel die Blockade des Gaza-Streifens. Den dort lebenden Palästinensern hilft das bisher nur wenig.
Die Mittagssonne brennt, von keiner Wolke gemildert, auf den Grenzübergang Kerem Schalom zwischen Israel und dem Gaza-Streifen herunter. Es muss jetzt schnell gehen. Die letzten Lastwagen, die in den von acht Meter hohen Betonmauern umgebenen Sicherheitsbereich vorgefahren sind, haben Paletten mit Milch und Fleisch geladen. Aber bevor die palästinensischen Laster von der anderen Seite die Ware übernehmen dürfen, müssen sich die Tore auf der israelischen Seite schließen.
"Weingarten des Friedens" heißt der Grenzübergang nach dem Kibbuz, der gleich nebenan liegt. Kontakt zwischen den Israelis und Palästinensern, um von Frieden gar nicht erst zu reden, gibt es hier nicht. 2008 hatten Terroristen den Übergang unter Granatfeuer genommen. "Wir arbeiten unter ständiger Bedrohung", sagt Ami Schaked, der israelische Manager der Grenzstation.
Der 50-Jährige trägt einen graumelierten Pferdeschwanz und eine blaue Schirm-mütze. Kerem Schalom wird nicht von der israelischen Armee betrieben, sondern von Zivilisten der Israel Airports Authority. Schon wieder knackt das Funkgerät, das über Schakeds Schulter hängt. "Noch ein Lastwagen", meldet eine Mitarbeiterin. "Was hat er geladen?", fragt Schaked. "Schokolade", sagt die Frauenstimme. "Eigentlich ist es zu spät", antwortet Schaked, "ich habe heute schon so viele Ausnahmen gemacht."
150 Lastwagen haben seine Leute allein an diesem Tag abgefertigt, das ist gut die Hälfte mehr als in den Wochen zuvor. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft hat die israelische Regierung vor einer Woche die Handelsblockade gelockert, die sie vor genau vier Jahren über den Gaza-Streifen verhängte. Bewaffnete hatten damals im Auftrag der Hamas einen Militärposten neben dem Grenzübergang überfallen und den Soldaten Gilad Schalit in den Gaza-Streifen verschleppt.
Von seinem klimatisierten Büro aus kann Manager Schaked jeden Winkel des Geländes einsehen. Per Joystick steuert er die Überwachungskameras. Jede Palette wird kontrolliert, mit Spürhunden, Scannern, wenn nötig auch von Hand. Schaked wirft einen letzten Blick auf den Bildschirm, alle Israelis haben den Sicherheitsbereich jetzt verlassen. "Sagt den Palästinensern, sie können sich in Bewegung setzen", weist er über Funk an.
Auf der anderen Seite der Grenze schwitzt der Araber Subhi al-Chur, 47, im Führerhaus seines Volvo-Lkw. Seit fünf Stunden harrt er bereits in der Schlange aus. "Das ist meine erste Fuhre nach vier Jahren Arbeitslosigkeit", sagt er. Am Morgen hat er einen Anruf von einem Kaufmann aus Gaza-Stadt erhalten. Chur soll eine Ladung Schulranzen abholen. Der Kaufmann hat sie 2007 in China bestellt, seitdem hingen sie wegen der Blockade im israelischen Hafen Aschdod fest. Schulranzen. 2400 Stück.
Weil verderbliche Ware Vorrang hat, muss Lastwagenfahrer Chur noch bis zum Abend ausharren. Das lange Warten ist ihm egal, Hauptsache Arbeit. 400 Schekel, umgerechnet rund 85 Euro, bekommt er für die Tour. "Die Lage verbessert sich", sagt der Vater von zehn Kindern. Für den nächsten Tag hat ihn bereits ein anderer Händler gebucht, dann soll er eine Ladung Haushaltsgeräte transportieren.
Es bewegt sich etwas im Gaza-Streifen. Die Regale der Supermärkte sind gefüllt, an jeder Ecke bieten Händler ihre Waren an: Ventilatoren, Gaskocher, Berge von Obst und Gemüse. "Willkommen in Palästina", wirbt Jawwal, der palästinensische Mobilfunkanbieter per SMS: "Schmeck die Oliven, riech den Jasmin." Es ist zum ersten Mal seit Jahren, dass der Spruch nicht wie blanker Hohn wirkt.
Doch die flotte Botschaft ist trotzdem reichlich optimistisch. Seit Wochen pflastert Jawwal die Straßen in Gaza-Stadt mit riesigen Werbeplakaten zu. Zur Registrierung ihres zweimillionsten Kunden soll es eine große Verlosung geben: Zehn nagelneue BMW 320i sind zu gewinnen. Doch wer immer von den Bewohnern des Gaza-Streifens einen solchen Hauptgewinn zieht, er wird ihn wohl nie erhalten.
Denn das, was das israelische Kabinett am vorvergangenen Sonntag beschloss, ist beileibe kein Mauerfall im Nahen Osten. Nur die Regeln für die Einfuhr von Konsumgütern wie Elektrogeräten, Spielzeug oder Lebensmittel sind gelockert worden. Autos? Schon Ersatzteile werden in Gaza Mangelware bleiben.
Der Mann unter der schwarzen Zeltplane stellt sich als Abu Faisal vor. Er steht, etwa zwei Kilometer westlich von Kerem Schalom, an der Grenze zu Ägypten und blickt auf ein großes Loch im Sandboden. Eine Seilwinde fördert die Heckklappe eines VW-Passat zu Tage, es folgen Stoßstangen und etwa ein Dutzend Automotoren. Abu Faisal schaut auf die Bestellliste und nickt zufrieden.
Was die Israelis nicht in den Gaza-Streifen hineinlassen, besorgen die Schmuggler auch weiterhin durch ihre Tunnel aus Ägypten. Doch entweder ist die Qualität der Schmuggelware schlecht, oder die Preise sind so hoch, dass sich nur ganz wenige die begehrten Güter leisten können. Früher arbeiteten Zehntausende Bewohner von Gaza in Israel, als Köche oder Bauarbeiter, jetzt dürfen nicht einmal mehr Studenten aus dem Küstenstreifen heraus, um an einer der Universitäten des Westjordanlands zu studieren. Fast jeder zweite Einwohner von Gaza ist arbeitslos, rund 70 Prozent haben nicht einmal einen US-Dollar pro Tag zum Leben.
Vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in Gaza-Stadt stehen die Menschen Schlange. An den Schaltern mit den hellblauen Gitterstäben geben sie ihre Bewerbungen ab. Das 1949 für die palästinensischen Flüchtlinge gegründete Uno-Hilfswerk ist der größte Arbeitgeber im Gaza-Streifen. Sein Chef, John Ging, 45, ein resoluter ehemaliger irischer Offizier, hat keine Zeit für Floskeln. Was die Menschen hier brauchen, sagt er, "ist das vollständige Ende der Blockade".
Israel, behauptet Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, führe Krieg gegen die Hamas und nicht gegen die Bewohner von Gaza. Die Blockade aber, sagt John Ging, stärke nur die Extremisten und treffe die Unschuldigen: die Erdbeerbauern und Tulpenzüchter, die Näher, die Schneider - und die Kinder. 7000 Schüler im Gaza-Streifen haben keine Klassenzimmer. Ihre Eltern drängen John Ging, neue Schulen mit Zement aus den Tunneln zu bauen. Aber darauf lässt er sich nicht ein.
Viereinhalb Milliarden US-Dollar hat die internationale Gemeinschaft nach dem Gaza-Krieg vor eineinhalb Jahren für den Wiederaufbau bereitgestellt, doch noch immer leben die meisten Familien, deren Häuser von der israelischen Armee zerstört wurden, in Baracken oder Containern. Mohammed Chadr, 47, hat ein dreistöckiges Haus im Osten von Gaza-Stadt besessen, jetzt wohnt er mit seiner Frau und sieben Töchtern in zwei Zimmern, die sie aus dem Schutt des alten Hauses errichtet haben. Der Zement aus den Tunneln habe dreimal so viel gekostet wie vor der Blockade, sagt Chadr.
Um die Schuttberge, die der Krieg hinterlassen hat, ist ein ganz neuer Wirtschaftszweig entstanden. Ziegelmacher mahlen den alten Beton mit Hilfe von Stahlmühlen in kleine Körner, mischen ihn mit etwas Zement und formen neue Backsteine. Einen US-Dollar kostet das Stück, früher zahlte man die Hälfte und bekam bessere Qualität. "Das Geschäft lohnt sich", sagt Abu Mohammed, 37. Etwa tausend Steine schafft er pro Arbeitstag - wenn es Strom gibt. Vorigen Freitag stand das einzige Kraftwerk des Gaza-Streifens wieder einmal vor der Notabschaltung, weil der aus Israel kommende Dieselvorrat zur Neige ging. Die übliche Schikane.
Für ein paar Hilfsprojekte genehmigte Israel jetzt die Einfuhr des nötigen Baumaterials. So konnte die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau vergangene Woche endlich den Bauvertrag für die Erweiterung des Klärwerks unterzeichnen. Immer wieder hatten die Israelis das Projekt verzögert; Zement und Stahl könnten für den Bau von Bunkern und Bomben missbraucht werden. Dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel verweigerte das israelische Außenministerium sogar den Besuch im Gaza-Streifen, weil das angeblich die Hamas stärken würde.
Fünf Tage später überlegte es sich Außenminister Avigdor Lieberman dann doch anders. In einem Gespräch mit seinem italienischen Amtskollegen Franco Frattini lud er ihn und andere Außenminister der Europäischen Union zu einer Tour durch Gaza ein.
Selbst die Hardliner in Jerusalem scheinen zu erkennen, dass die Hamas von Israels Gaza-Politik eher profitiert. Die Erstürmung der internationalen Gaza-Flotte im Mai, bei der neun Aktivisten ums Leben kamen, habe eine "sehr große Wirkung" gehabt, freut sich Hamas-Führer Mahmud al-Sahar, 65: "Israel ist der große Verlierer."
Doch die Hamas ist zynisch wie eh und je im Umgang mit ihrer eigenen Bevölkerung. Sie hat es abgelehnt, die Materiallieferung der Gaza-Hilfsflotte auf dem Landweg zu empfangen. Stolz behauptet der Hamas-Führer: "Wir brauchen keine Mayonnaise und keinen Ketchup."
Vom Hauptziel der Blockade, nämlich die Freilassung des entführten Gilad Schalit zu erwirken, ist Israel heute weit entfernt. Das ahnen auch Schalits Eltern, die von dieser Woche an vor der Residenz von Premier Netanjahu Quartier beziehen wollen, bis ihr Sohn zurückkommt.
Hamas-Führer Sahar rechnet nicht damit, dass Netanjahu sein Angebot für einen Gefangenenaustausch nachbessert. Und auch die Hamas werde kein neues Angebot vorlegen. Israels Armee, glaubt Sahar, plane ohnehin eine gewaltsame Befreiung des Gefangenen. Er sagt: "Wir sind auf alles vorbereitet."
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 26/2010
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