28.06.2010

AFRIKA„Leiden und durchhalten“

Ruandas Staatschef Paul Kagame, 52, über das Versagen der afrikanischen Eliten, die Entwicklungshilfe des Westens und die Folgen des Völkermords
SPIEGEL: Herr Präsident, in diesen Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft schaut die Welt so intensiv nach Afrika wie selten zuvor. Warum hinkt der Kontinent 50 Jahre nach der Unabhängigkeit vieler Länder immer noch so hinterher?
Kagame: Es stimmt, wir hinken hinterher. Leider. Es gibt eine Menge Gründe dafür, historische, kulturelle, und nicht zuletzt Gründe, die wir selbst verursacht haben. Wir schöpfen unsere Potentiale und Ressourcen bei weitem nicht aus.
SPIEGEL: Warum sind Staatsmänner, die sich nicht die eigenen Taschen füllen, in Afrika immer noch die Ausnahme?
Kagame: Ich gebe zu, das ist ein Problem. Aber ich kann auch den Westen von Schuld nicht ganz freisprechen. Es gab korrupte Führer, und der Westen hat nicht nur an ihnen festgehalten, sondern sie bisweilen sogar zu noch mehr Korruption ermuntert.
SPIEGEL: In die Rolle, die früher der Westen spielte, scheint jetzt die Industriemacht China hineinzuwachsen. Haben die Chinesen etwa ein ehrlicheres Interesse an Afrika?
Kagame: Mir geht es nicht darum, ob es China oder der Westen ehrlicher mit uns meint. Es geht um etwas anderes: Warum reden wir nicht darüber, wie wir selbst auf die Beine kommen können? Wir wollen nicht immer Opfer sein und als Kampfplatz für fremde Interessen herhalten.
SPIEGEL: Ihr Kontinent hat sich doch in der Rolle des Abhängigen lange Zeit ganz wohl gefühlt.
Kagame: Das stimmt, wir beklagen uns über die Chinesen, die uns die Rohstoffe wegnehmen, die Umwelt verschmutzen und nichts hinterlassen. Oder über den Westen, der zwar nicht die Umwelt verschmutzt, aber ebenfalls nichts hinterlässt. Wir müssen eine Bestandsaufnahme unserer Potentiale und Ressourcen vornehmen und überlegen, wie wir sie selbst nutzen wollen. Und wie wir Geschäfte mit den Chinesen oder dem Westen machen können, ohne dabei ausgebeutet zu werden.
SPIEGEL: Die meisten Ihrer Präsidenten-kollegen in Afrika erfreuen sich der westlichen Milliarden, die auf den Kontinent fließen. Sie hingegen unterwerfen Gebernationen in Ruanda engen Restriktionen. Was haben Sie gegen Hilfe von außen?
Kagame: Wenn wir Hilfe kritisiert haben, dann immer solche, die Abhängigkeiten schafft. Wenn Hilfe gut funktioniert, macht sie sich selbst überflüssig. Gute Hilfe sorgt für funktionierende Strukturen und einen guten Ausbildungsstand und ertüchtigt die Nehmerländer, auch ohne fremde Hilfe auszukommen. Andernfalls ist es schlechte Hilfe …
SPIEGEL: … was aber in der afrikanischen Realität die Regel ist.
Kagame: Ja, weil auch der Westen alles andere als altruistisch ist. Ich frage mich oft, warum der Westen viel mehr an Hilfslieferungen interessiert ist als etwa an fairen Handelsbedingungen. Mit einem gerechten Warenaustausch würde er den betroffenen Menschen viel mehr Geld an die Hand geben als mit Hilfsoperationen. Ich will nicht zynisch werden, aber wenn die Entwicklungsländer immer in Rückständigkeit gehalten werden, wenn ihnen immer wieder gesagt wird, du gehörst zu den Armen, und du bist da, wo du eigentlich auch hingehörst, dann wird sich nichts ändern.
SPIEGEL: Haben Sie denn Vorbilder für den Weg hin zu einem modernen Staat?
Kagame: Es gibt Dinge, die ich etwa an Südkorea oder Singapur bewundere. Ich bewundere ihre Geschichte, ihre Entwicklung und wie intensiv sie in ihre Menschen und in Technologie investiert haben. Es ist nicht lange her, da waren sie etwa auf dem Entwicklungsstand von uns. Heute sind sie uns weit voraus.
SPIEGEL: In Südkorea gibt es faire Wahlen. Bei Ihnen aber steht die Oppositionsführerin Victoire Ingabire unter Hausarrest, Zeitungen werden verboten, und Parteien erhalten keine Zulassung - Demokratie sieht anders aus.
Kagame: Für das Verbot der zwei Zeitungen ist Ruandas Medienrat zuständig. Und der ist unabhängig. Eine der Zei-tungen hat mich mit Adolf Hitler verglichen, andere verbreiten falsche Klatsch-geschichten. Ehrlich gesagt, ich hätte die Blätter schon lange verboten. Im Übri-gen werden in Europa ebenfalls Redakteure entlassen, wenn sie Unsinn schreiben.
SPIEGEL: Aber keine missliebigen Zeitungen verboten. In Ruanda aber sitzen führende Oppositionspolitiker in Haft.
Kagame: Der Stellvertreter von Victoire Ingabire, der im Januar mit ihr aus dem Exil nach Ruanda zurückgekommen ist, war aktiv am Völkermord an den Tutsi beteiligt …
SPIEGEL: … bei dem 1994 mindestens 800 000 Tutsi durch Angehörige der Hutu-Mehrheit umgebracht wurden.
Kagame: Er reiste unter falschem Namen ein, hat seine Beteiligung am Genozid inzwischen zugegeben, ein Gericht hat ihn verurteilt. Die Medien der Welt schreiben trotzdem nach wie vor, in Ruanda würden Oppositionsführer verhaftet.
SPIEGEL: Ihre gefährlichste Herausforderin, Victoire Ingabire, haben Sie unter Hausarrest gestellt.
Kagame: Von ihr wissen wir inzwischen, dass sie die ruandischen Hutu-Milizen, die jetzt im Ostkongo kämpfen und von der Uno als Terroristen bezeichnet werden, unterstützt hat. Wir haben Beweise, dass sie dort war und Geld überwiesen hat.
SPIEGEL: Ihnen ist die Wiederwahl Anfang August sicher. Sie haben keinen ernsthaften Gegenkandidaten mehr.
Kagame: Ich bin nicht für eine starke Opposition verantwortlich. Wir haben nun mal eine besondere Vergangenheit: fast eine Million Opfer in hundert Tagen des Genozids. Wir wollen das Land wieder auf die Füße stellen. Und das geht bei uns nun mal anders als anderswo.
SPIEGEL: Wie weit sind Sie mit dem Wiederaufbau gekommen?
Kagame: Ruanda ist heute ein anderes Land als vor 16 Jahren, in nahezu jeder Hinsicht. Die Leute haben zu essen, es gibt eine Krankenversicherung, Schulen. Früher hatten wir 800 000 Schüler, heute lernen allein 2,3 Millionen Kinder in den Primarschulen, gebührenfrei. Der Privatsektor wächst. Es ist eine Menge passiert. Wir geben den Menschen Jobs und zu essen, das verleiht ihnen auch Würde. Wenn sie nichts zu essen haben, braucht man ihnen auch nicht mit Demokratie zu kommen. Demokratie verfängt nicht bei Menschen, die mit existentiellen Problemen kämpfen.
SPIEGEL: Mit diesen Argumenten öffnet man Machtmissbrauch Tür und Tor. Viele Potentaten Afrikas haben so ihre Diktaturen gerechtfertigt.
Kagame: Warum muss die westliche Vorstellung von Demokratie auch für uns die richtige sein? Der Unterschied besteht darin, dass der Westen Institutionen besitzt, die das Fehlverhalten Einzelner ahnden können. Was Ruanda und Afrika in den Niedergang getrieben hat, war doch, dass bestimmte Leute nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Wenn wir korrupte Bürgermeister oder Offiziere vor Gericht stellen, heißt es sofort, wir seien repressiv. Sollen wir diesen Leuten erlauben, weiterhin ihr Spiel zu treiben?
SPIEGEL: Ausgesöhnt scheint Ihr Land nach der Tragödie von 1994 bis heute nicht.
Kagame: Versöhnung braucht Zeit. Manchmal viele Jahrzehnte, wie das Beispiel Europa zeigt. Das ist harte Arbeit. Wie geht man zum Beispiel mit Leuten um, die noch immer frei herumlaufen, obwohl sie eigentlich bestraft werden müssten? Von den vier Täterkategorien, die wir 1994 eingeführt haben, von den Mitläufern bis zu den Hintermännern und Organisatoren des Genozids, haben wir die beiden harmlosesten Kategorien fallengelassen - diese Menschen wollen wir nicht weiter verfolgen. Den Angehörigen der Opfer des Völkermords fällt es natürlich schwer, das zu akzeptieren.
SPIEGEL: Arbeiten Sie mit Ihrer Politik auch Ihre persönliche Geschichte auf?
Kagame: Meine Geschichte ist eine des Leidens und Durchhaltens. Ich war dreieinhalb, als wir wegen Pogromen gegen die Tutsi aus Ruanda fliehen mussten. Ich wuchs in einem Flüchtlingslager in Uganda auf, 30 Jahre lebte ich dort. Das formt den Charakter. Ich habe mich ständig gefragt: Warum widerfährt uns dieses Elend und dieser Hunger im Lager? Und warum schweigt der Rest der Welt? Alles musste ich mir hart erkämpfen. Da wollte ich raus. Ich wollte mein Schicksal in meine eigenen Hände nehmen. Und dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entfliehen. Dieser Kampf prägt mich bis heute.
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 26/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFRIKA:
„Leiden und durchhalten“

  • Sizilien: Großbrand zerstört Dutzende Autos am Strandparkplatz
  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Hitze in Deutschland: Hier kommt die virtuelle Abkühlung
  • Super-Sandburg in Thailand: Gib mir die Hand, ich bau dir...