28.06.2010

Mutter Kirche

Global Village: Warum Katholikinnen aus drei Kontinenten vor dem Vatikan demonstrieren
Es ist der Moment, an dem sie alles wieder vor Augen hat, den Kampf um ihre Kirche, die vielen Rückschläge. Angelika Fromm sitzt im Schatten einer Säule auf dem Petersplatz. Ein Sicherheitsbeamter des Vatikans, schwarzer Anzug, Sender im Ohr, kontrolliert ihren Pass, durchsucht die Tasche, zeigt auf die Digitalkamera.
Er will, dass sie das Foto löscht, das sie eben geschossen hat: Es zeigt protestierende Frauen am Petersdom, das darf nicht sein, er droht mit zwei Tagen Haft.
Fromm bleibt ruhig. Sie blättert durch 400 Fotos im Speicher ihrer Kamera, zeigt Schnappschüsse ihrer Enkel, ihr Haus im Schnee, lächelt. Der Beamte ist genervt.
Endlich, nach 20 Minuten, löscht sie das Foto und fragt: "Wissen Sie, woran mich das hier erinnert? An die DDR!" Dort sei sie aufgewachsen, dann geflohen. Wenn sie ihre Familie besuchen wollte, beschlagnahmten Grenzsoldaten Geschenke und Fotos, behaupteten, es sei Propagandamaterial. "Ich war nicht erwünscht, ich durfte nicht rein", sagt Fromm. "Damals, weil ich katholisch war. Hier, weil ich eine katholische Frau bin." Der Beamte führt sie ab.
Angelika Fromm, gebürtige Zwickauerin, blond, 59 Jahre alt, ist zum Abschluss des von Benedikt XVI. ausgerufenen "Jahr des Priesters" nach Rom gekommen. Fünf Tage feierten 15 000 Geistliche aus 90 Nationen, der Papst fuhr im Papamobil über den Platz, sie jubelten ihm zu wie Cheerleader. "Mater Ecclesia" steht an einer Fassade, Mutter Kirche. Kein Ort für Frauen.
Fromm ist nicht zum Feiern zumute. Sie sagt, es sei ein katastrophales Jahr für die katholische Kirche gewesen, die Missbrauchsskandale hätten zur schlimms-ten Krise seit der Reformation geführt. Schuld daran seien auch der Zölibat, der Club der alten Männer und das strikte Verbot von Frauen in kirchlichen Führungspositionen. Fromm ist nicht allein, mit ihr sind Katholikinnen aus den USA, Australien, Österreich und England nach Rom gereist, sie sind organisiert in einem weltweiten Netzwerk, sie haben eine Mission. Vor dem Papst, die Messe war noch nicht zu Ende, entrollten sie ihr Plakat: "Weiht Frauen zu Priesterinnen".
Die Katholikinnen sehen die Krise als Chance, sie fordern Macht und Ämter. Sie sagen, Priesterinnen oder Bischöfinnen, wenn es sie gäbe, hätten den Missbrauch nicht jahrelang vertuscht. Frauen seien die Opfer wichtiger als das Ansehen der Kirche, sie könnten besser kommunizieren, die elitären Männerzirkel und die Hierarchien aufbrechen.
Ihr Kampf um Macht innerhalb ihrer Kirche währt seit über 40 Jahren. In manchen Ländern wird der Zölibat diskutiert, in anderen auch die Frauenfrage, nichts davon aber im Vatikan.
Sie verteilen jetzt Flyer mit ihren Forderungen, Kardinal Kasper eilt vorbei, Erzbischof Marx. Priesteranwärter bleiben stehen. Es ist immer dasselbe, die Herren lächeln milde und schütteln den Kopf.
Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein, vor allem seit Papst Johannes Paul II. die Debatte für beendet erklärte. Sein Schreiben "Ordinatio Sacerdotalis" von 1996 untersagt den Katholikinnen endgültig die Priesterweihe. Irgendwann einmal, davon gehen die Frauen aus, wird der Zwangszölibat fallen, dass sie die Weihe noch erleben werden, glauben sie nicht.
Nach dem Verweis vom Petersplatz irren sie durch die sommerheiße Stadt, sie kommen aus drei Kontinenten, drei Generationen, die Jüngste ist 30 Jahre alt, ihre Geschichten ähneln sich. Als Mädchen schon fühlten sie sich zum Priesteramt berufen und verstanden nicht, warum sie nicht einmal Messdienerinnen werden durften. Sie studierten Theologie, hofften auf die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Viele sind verheiratet, haben Kinder, einige von Priestern, so viel zur Doppelmoral der Kirche. Die Kirche misst mit zweierlei Maß, sagen sie. Männer sind sakrosankt, wir sind unsichtbar. Was hätte Jungfrau Maria dazu gesagt, was Maria Magdalena? Welches Geschlecht hat Gott?
Der Preis, den diese Frauen zahlen, um ihrer Kirche zu dienen, ist hoch. Die Amerikanerin trägt den Priesterkragen unter der bunten Bluse, sie wurde heimlich geweiht und fand eine Gemeinde, die sie finanziert. Bei ihrer Seelsorge aber muss sie sich verstecken. Die Österreicherin ließ sich im Juni 2002 auf einem Donaudampfer weihen. Wenige Wochen später wurde sie von Kardinal Ratzinger exkommuniziert.
Angelika Fromm ist Diakonin, nicht geweiht, sie darf ihr Amt nicht ausüben. Heute ist selbst die Ausbildung verboten. Fromm ist ihr Mädchenname, "fromm wie tapfer, nicht wie devot". Sie war Religionslehrerin, inzwischen arbeitet sie für "Wir sind Kirche" und unterrichtet Muslime. Sie sagt: "Über die Rolle der Frau im Islam regen wir uns auf. In unserer eigenen Kirche wird darüber geschwiegen."
Warum tritt sie nicht aus oder wird Protestantin? "Mir ist nicht egal, was mit meiner Kirche passiert, ich will sie verändern." Auftritt statt Austritt, das sei ihr Credo, deshalb sei sie in Rom, zum dritten Mal. Doch die Einzigen, zu denen sie spricht, sind Polizisten und Journalisten, so ist es immer.
Am Abend nach dem Rauswurf feiern die Frauen ihre eigene Messe. In einer Kirche am Bahnhof teilen sie Brot und Wein und lesen aus dem Römerbrief, die Stelle über Priesterinnen in der Urkirche.
Zelebriert wird die Messe von Maria Longhitano, 35. Seit einem Monat ist sie Italiens erste Priesterin, geweiht vor den Toren des Vatikans, eine Sensation. Sie trat über zur Altkatholischen Kirche, dort ist der Pflichtzölibat abgeschafft. Sie stammt aus Sizilien, und sie sagt, der Vatikan sei wie die Mafia: Der Pate schützt seine Männer, die Schmutzwäsche wäscht man zu Hause. Der Rest sei Schweigen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 26/2010
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