28.06.2010

FILMDas Beste beider Welten

Shirin Neshat kam als 17-Jährige aus Iran in die USA, dort wurde sie zu einem Star der Kunstwelt. Nun, mit 53, präsentiert sie ihren ersten Kinofilm: „Women without Men“ erzählt von politischem Aufruhr und vom Stolz muslimischer Frauen.
Sie liebt klare Gegensätze, sagt Shirin Neshat. Die großen silbernen Ohrringe zappeln an ihrem zarten Hals, ihre Augen sind von riesigen Kajalstrichen umrahmt, und sie spielt vor einer Handvoll Menschen am Tisch eines Amsterdamer Restaurants noch mal nach, was sie an diesem Morgen Filmstudenten bei einer kleinen Gastvorlesung erzählt hat.
Ihre Kunst sei eine Sache der Polaritäten, sagt sie und fuchtelt mit ihrer Gabel durch die Luft. Schwarz und Weiß zum Beispiel, Gut und Böse. Draußen, drinnen. Kälte, Hitze. Schönheit, Gewalt. Nur müsse man begreifen, dass das eine nicht ohne das andere existieren könne. Zumindest in ihrem Bewusstsein gehörten die widersprüchlichsten Dinge untrennbar zusammen. "Ich denke dualistisch und spüre stets beide Pole in mir, das ist manchmal paradox."
Neshat ist anlässlich der Eröffnung eines kleinen Filmfestivals in Amsterdam zu Besuch und hat in einer Hotellobby bis drei Uhr morgens gefeiert und iranische Lieder gesungen, weil sie zufällig ein paar Bekannte getroffen hat. Trotzdem ist sie morgens um sieben durch den Vondel-Park gejoggt, pünktlich zu den Studenten gerast und sprüht nun vor Energie - und Widersprüchen.
Sie versteht sich als eine Freiheitskämpferin, die mit den Waffen der Kunst gegen die Unterdrückung islamischer Frauen rebelliert. Und doch gebe es, findet sie, nicht allein religiöse Gründe, die für Schleier, Tschador oder Burka sprechen. "Die Verhüllung des Körpers ist ein zentrales Motiv unserer Kultur", sagt sie.
Jetzt hat Shirin Neshat, die in Iran aufgewachsen ist und seit drei Jahrzehnten in New York lebt, ihren ersten Kinofilm gedreht. "Es gibt nur zwei Arten, wie die Menschen auf diesen Film reagieren", behauptet sie, "entweder sie hassen ihn, oder sie lieben ihn." Sie zeigt ein Lächeln, ihre Augen glitzern streitlustig.
Der Film heißt "Women without Men" und läuft nun in den deutschen Kinos an. Als Neshat ihn im vergangenen September bei den Festspielen in Venedig präsentierte, trug sie ein grünes Kleid zur Premiere, um ihre Solidarität zu zeigen mit den Protestierenden der grünen Rebellion, jenen Zigtausenden, die vergangenes Jahr in Iran gegen die Herrschaft der Mullahs aufbegehrten. Als sich die Regisseurin schließlich für den Silbernen Löwen bedankte, bat sie Allah darum, den Menschen in Iran Freiheit und Demokratie zu bescheren.
"Mein Lebensgefühl heißt: Ich gehöre nicht dazu", sagt Neshat. "Ich bin weder in der Religion zu Hause noch unter denen, die sie ablehnen, weder im Osten noch im Westen, sondern im Dazwischen. Meine Heimat sind die Gegensätze." Das ist Shirin Neshats größtes Kapital.
"Women without Men" ist ein Wunderwerk der Kontraste und der Ambivalenz. Der Film ist einerseits ein politisches Lehrstück und andererseits ein herzzerreißendes Melodram. Ein Gruselmärchen, in dem sich Männer plötzlich in zombiehafte Mumien ohne Lippen und Augen verwandeln, und ein Bilderreigen glamourös fotografierter Menschen.
Die Handlung spielt im Jahr 1953. Während Polizisten und Soldaten protestierende Menschen durch die Straßen von Teheran hetzen, versuchen vier Frauen, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Sie fliehen in einen großen, üppig sprießenden Garten vor den Toren der Stadt, in dem die reichste von ihnen, eine sich vor ihrem Gatten ekelnde Dame der Machtelite, eine Art Asyl eingerichtet hat. Auf Dauer aber bleiben die Protagonistinnen auch an diesem Rückzugsort, der zugleich ein idyllisches Gefängnis ist, nicht verschont von den Zumutungen der Außenwelt, von Fanatismus, Hass und Machtgier.
Die Welt der Männer ist gekennzeichnet von den abweisenden Mauern der Häuser und dem Staub der Straßen, den Frauen gehört eine mystische Zauberwelt. Die Stadt ist in flirrendes Sonnenlicht getaucht, im Garten schweben Nebelschwaden über Teiche und Bachläufe und Gebüsch: Die Lebenden quälen sich mit Ängsten, die die jäh wiederauferstehenden Toten längst überwunden haben. Und dennoch erzählt "Women without Men" eine geradlinige, packende Geschichte.
Der Putsch von 1953, in der Realität wie im Film ferngesteuert von den USA und Großbritannien, bringt Mohammed Mossadegh zu Fall, den 1951 vom Parlament gewählten Premierminister. Neshat lässt eine ihrer Heldinnen im studentischen Widerstand gegen die Errichtung eines neuen, korrupten Gewaltregimes durch Schah Mohammed Resa mitmischen; die junge Frau druckt mit ihren Kommilitonen in Kellern Flugblätter und verteilt sie heimlich. "Ohne diesen Putsch gegen Mossadegh wären die Mullahs in Iran nie an die Macht gelangt", sagt die Regisseurin.
In der verblüffendsten Szene des Films liegt die von der Schauspielerin Shabnam Tolouei gespielte Studentin auf einem Platz mitten in Teheran in ihrem Blut. Gerade noch waren die Sprechchöre von Protestierenden zu hören, nun sieht man das Gesicht einer Toten, ihre seltsam verdrehten Gliedmaßen, dazu einige Menschen, die auf sie blicken: starr vor Wut, Entsetzen und Angst. Die Szene, wie der ganze Film im Jahr 2007 in Marokko gedreht, lange vor der iranischen grünen Rebellion, erinnert fatal an die Fotos des im Juni 2009 in Teheran getöteten Mädchens Neda.
"Tatsächlich sieht Neda, die Ikone der iranischen Protestbewegung, meiner Heldin in dieser Szene sehr ähnlich", sagt die Regisseurin Neshat. "Beide Frauen zeichnen sich für mich durch Unschuld und Reinheit aus, und beide bezahlen ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Tod."
Das klingt so, als trügen Neshats Heldinnen einen heroischen Glorienschein mit sich herum, tatsächlich hat "Women without Men" mit weiblichem Edelmut gar nichts im Sinn. Die Hauptdarstellerinnen sind gewöhnliche, keineswegs besonders mutige Frauen. "Wage es, das Haus zu verlassen, dann breche ich dir beide Beine", muss sich eine von ihnen anhören. Eine andere wird von einem Burschen verfolgt, der von seinem Tisch in der Teestube aufspringt, als er sie auf der Straße gehen sieht, dann vergewaltigt der Kerl sie in einem Hauseingang.
"Women without Men" beruht auf dem gleichnamigen, leicht surrealen Roman der Autorin Schahrnusch Parsipur, die in Iran im Gefängnis saß. Das Buch ist 1989 erschienen und heute in Iran weit verbreitet, obwohl es verboten ist. "In jeder Familie, in der gelesen wird, gibt es eine Ausgabe", sagt die Regisseurin.
Es gibt zwei Sorten von Feminismus für Shirin Neshat. Die westliche Idee von Feminismus basiere auf dem Gedanken, dass sich Frauen und Männer in einem Wettbewerb befänden, in dem es gelte, für Chancengleichheit zu sorgen. Für Neshat und ihre aufgeklärten muslimischen Mitstreiterinnen bedeutet Feminismus, dafür zu kämpfen, ohne Einmischung der Männer bestimmen zu können, wie man das eigene Leben führen will.
Neshat selbst wurde als 17-Jährige von ihrem Vater aus Iran in die USA geschickt, damit sie dort studiert. Sie ist eine zierliche Frau, die fast immer schlichte schwarze Kleider und großen silbernen Schmuck trägt. Sie ist permanent in Bewegung, ihre Hände, ihre Augen, die ständig hin und her flitzen, um nichts zu verpassen, was um sie herum vorgeht. Oft löst sich ihre Nervosität in einem Kichern.
Als unglückliche, magersüchtige Tochter einer wohlhabenden, in der Nähe von Teheran lebenden Familie kam sie Mitte der Siebziger im kalifornischen Berkeley an. Sie erlebte dort "die schrecklichste Zeit meines Lebens". Sie studierte Kunst und wollte unbedingt Malerin werden, "nur leider hatte ich keine Ahnung, was ich erzählen wollte". Nach dem Studium zog sie nach New York, heiratete einen aus Korea stammenden Künstler und Galeristen. Erst 1990, als 33-Jährige, reiste sie erstmals seit ihrer Ankunft in Berkeley wieder nach Iran.
Als sie ein paar Wochen später nach New York zurückkam, fing sie, wie sie es ausdrückt, "auf der Stelle ein neues Leben an". Sie ließ sich scheiden und verbrachte ihre Tage und Nächte fast nur noch mit Menschen, die wie sie aus Iran kamen. Sie hatte ihr Thema gefunden. "Ich spürte einen Verlust, mit dem ich mich auseinandersetzen musste", sagt Neshat.
Sie sei schockiert, aber auch ungläubig hingerissen gewesen vom radikal veränderten Leben in ihrem Land. Sie staunte über ihre religiös gewordene Mutter, über die Frauen im Tschador oder mit Kopftuch, über die Einmischung des Regimes in fast alle Fragen des täglichen Lebens. Am stärksten beeindruckt aber war Neshat davon, "dass es in Iran Frauen gab, die für ihren Glauben sterben wollten".
Neshat begann großformatige Fotos zu veröffentlichen, auf denen Frauen, oft sie selbst, im Tschador und mit Schusswaffen zu sehen waren; "Women of Allah" nannte sie die Serie. Es sind strenge Schwarzweißbilder, auf denen das Gesicht, die Hände oder die nackten Füße der Abgebildeten mit Schrift bedeckt sind, mit zeitgenössischer Lyrik in Farsi. Die Fotos wurden als Sensation gefeiert, wegen ihrer erotischen Sogkraft und wegen ihrer Rätselhaftigkeit, und es änderte nichts, dass manche Kritiker sie Kitsch nannten oder einen politischen Standpunkt vermissten.
In der Kultur, aus der sie stamme, sagt Neshat, entwickle das Widerspiel von Bedrohung und Unterwerfung, Scham und Begierde eine ungleich stärkere Verführungsmacht als in einer Welt, in der Nacktheit allgegenwärtig sei. Wo es unschicklich sei, dass Männer den Frauen in die Augen blickten, "ist es, wenn es dann doch passiert, als ob etwas in einem explodiert, ein Moment der Magie".
Ende der Neunziger fing Neshat damit an, Videos nach ihren Ideen drehen zu lassen. Eines ihrer berühmtesten, "Turbulent", zeigt auf zwei nebeneinanderlaufenden Bildspuren eine Sängerin, die vor leeren Rängen singt, weil öffentlicher Gesang Frauen in Iran verboten ist, und einen Sänger, der vor Publikum sein Äußerstes gibt: eine sehr komische, aber auch umwerfend schöne Parallelmontage.
"Es geht immer um Schmerz und Poesie und Traurigkeit in meiner Arbeit", sagt Shirin Neshat, "um Metaphern und Allegorien weiblicher Sehnsucht."
Alle Frauen in ihren Fotografien und Videos seien Außenseiterinnen, zur Rebellion entschlossen. "Sie rennen weg oder entziehen sich. Sie sind wie ich. Sie fürchten nichts mehr als die Stagnation."
Sie könne sich nicht vorstellen, je wieder in Iran zu leben, sagt Neshat. "Ich sitze zwischen den Stühlen." Sie ist stolz auf ihr Talent, Menschen für sich einzuspannen und für ihre Arbeit zu begeistern, aber in den fast sechs Jahren, die für die Arbeit an ihrem Film draufgingen, sei sie ein paarmal verzweifelt. "Es gab Momente, in denen ich so erschöpft war, dass ich mich umbringen wollte", sagt sie.
Das Geld für den Film, der rund fünf Millionen Euro gekostet hat, "nur", wie sie zu Recht sagt, kommt mehrheitlich aus deutschen Fördertöpfen. Den österreichischen Kameramann Martin Gschlacht ("Lourdes") haben ihr ihre Produzenten vermittelt, nachdem der ursprünglich verpflichtete Kameramann in Iran an der Ausreise gehindert wurde. Die Filmmusik steuerte der japanische Großmeister Riyuchi Sakamoto bei.
"Ich will weiter Filme machen, aber im Hauptberuf bleibe ich Künstlerin", sagt Neshat. Als Nächstes wird sie mitschreiben und mitwirken an einem Film, bei dem ihr Lebensgefährte Shoja Azari, der gleichfalls ein ziemlich erfolgreicher Künstler ist, Regie führen wird. Der Film soll "Paradise" heißen und im kommenden Winter gedreht werden. Er wird von einer amerikanischen Journalistin handeln, die in einem Land des Nahen Ostens als Geisel genommen wird. Der ganze Film werde in einem engen Raum spielen, in dem der Entführer und die Entführte zusammengesperrt seien, sagt Neshat, und dass in der Geschichte einen Moment lang eine Liebesaffäre zwischen den beiden Eingesperrten vorstellbar sei. Es wird nichts draus. Was ist schon das Stockholm-Syndrom gegen den Freiheitswillen einer Frau?
(*1) "Speechless", 1996.
Von Wolfgang Höbel

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